Montag, 26. Januar 2026

Winter ohne Versorgungssorgen: Volles Vertrauen in leere Speicher

Die Versorgungssicherheit in einem Bild: Die Erdgasspeicher sind wieder so leer wie 2022. Am leersten ist der Speicher in Rehden, den die Bundesnetzagentur über die SEFE Storage GmbH selbst betreibt.

Was soll schon passieren. Immer noch ist genug Erdgas in den Speichern und die Gasversorgung trotz niedrigerer Speicherstände gesichert. Auch die Bundesnetzagentur sieht zwar "geringere Vorräte" als in früheren Jahren. 

Doch es gebe keinen Grund zu Beunruhigung. Das hat Behördenchef Klaus Müller schon mehrfach wissen lassen. Aufgrund der vom Klimawandel verursachten kälteren Witterung schwinden Deutschlands Gasvorräte schneller als gedacht.  Na und? 

Mittlerweile sind die Gasspeicher sogar so leer wie seit dem Beginn des russischen Angriffskrieges auf die Ukraine nicht. Doch was seinerzeit als hinterlistiges russisches Manöver galt, um Deutschland über seine  prekäre Energieversorgung zur Akzeptanz des russischen Einmarsches in die Ukraine zu zwingen, ist heute kein Grund zur Sorge.

Dieser Winter macht keine Sorgen

Das Versprechen der CDU steht: Wir geben Gas.

"Die winterlichen Witterungsverhältnisse bereiten uns bei der Gasversorgung keine Sorgen“, sagt Klaus Müller, als Präsident der Bundesnetzagentur nicht nur für die Zulassungsverfahren für die neuen Trusted Flagger, die Überwachung des Zugangs zur Eisenbahninfrastruktur, die wettbewerbliche Aufsicht über die Deutsche Telekom und die technische Regulierung in der Telekommunikation zuständig. Sondern auch für die Überwachung der vorgeschriebenen Füllstände bei den Erdgasspeichern. 

Für die hatte die EU-Kommission nach den schmerzhaften und teuren Erfahrungen des Jahres 2022  ein Füllziel von 90 Prozent zum 1. November vorgeschrieben. Der Deutsche Bundestag hatte die Vorgabe mit § 1 Gasspeicherfüllstandsverordnung i.V.m. § 35a ff. EnWG in nationales Recht umgesetzt.  

Danach galten zum 1. November 80 Prozent Füllstand für alle Speicheranlagen mit der Ausnahme von Anlagen in Bad Lauchstädt, Frankenthal, Hähnlein, Rehden, Stockstadt und Uelsen, die nur zu 45 Prozent gefüllt sein mussten.

Nachdem gemeine Händler das genutzt hatten, um die staatlichen Einkäufer um horrende Summen zu erleichtern, weil sie wussten, dass die gesetzlich zum Kauf gezwungen waren, änderte die EU ihre Gasspeicherverordnung, so dass das Ziel nur noch "irgendwann zwischen dem 1. Oktober und 1. Dezember" erreicht werden muss.

Damit wollten die EU-Behörden Flexibilität gewinnen, um Gas nicht mehr im Sommer teurer kaufen zu müssen als im Winter, wie es sich mit dem strengen staatlichen Bewirtschaftungssystems eingebürgert hatte.

Klares Signal an die Märkte 

Um den Märkten zu signalisieren, dass es dazu nicht noch einmal kommen werde, hatte die neue Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche schon im Sommer vergangenen Jahres gehandelt. Die Christdemokratin, als frühere Managerin in der Energiebranche mit allen Tricks vertraut, hob die sogenannte "Alarmstufe" des "Notfallplans Gas" demonstrativ auf. 

Reiche wollte mit der Herabstufung auf die sogenannte Frühwarnstufe signalisieren, dass auf absehbare Zeit nicht mit einer Verschlechterung der Gasversorgungslage und einer Bereitschaft zur Zahlung höherer Preise zu rechnen sei.

Ausschlaggebend für diesen Schritt waren laut Reiche die Stabilisierung der Gaspreise, der Ausbau der Flüssiggasinfrastruktur sowie die Diversifizierung der Gasversorgung.

Eine rundum entspannte Lage

Die Lage war so entspannt, dass es bis Jahresende nicht gelang, die EU-Vorgaben zu erreichen, obwohl die neuen Vorschriften sogar vom EU-Parlament formell angenommen worden waren. Der höchste Füllstand vor Beginn der kalten Jahreszeit lag bei 75 Prozent. 

Mehr wurde es auch später nicht. Dafür aber rasch weniger. Schon am 1. Advent, als die Füllstände ihren Höhepunkt von 90 Prozent hatten erreichen sollen, meldete die Bundesnetzagentur nur noch 67 Prozent. 

Verursacht durch den überraschend kalten Winter rutschten die Speicherstände schon zu Silvester auf nur noch 57 Prozent ab. Am 21. Januar, dem letzten Tag, an dem die Bundesnetzagentur noch aktuelle Werte veröffentlichte, waren noch magere 37 Prozent verfügbar.

Aus Rücksicht auf ihre vielen, vielen anderen Baustellen hat die EU-Kommission die eiskalte Missachtung ihrer Durchführungsverordnung (EU) 2024/2995 stillschweigend hingenommen.

Der zuständige Kommissar Dan Jørgensen, verantwortlich für Energie und Wohnungswesen, arbeitet eng mit den Kommissariaten für Klimaschutz und Netto-Null-Emissionen zusammen. Seit der Lockerung der Vorgaben aber hat der Däne sich zu Fragen der Erdgasbevorratung nicht mehr geäußert. 

Demonstrative Missachtung der EU-Vorgaben

Es droht der nächste Verstoß gegen EU-Vorschriften. Die bestimmen, dass zum 1. Februar noch 30 Prozent Kapazität in allen Speicheranlagen gefüllt sein müssen, 40 Prozent sind für die vier bayerischen Speicheranlagen Bierwang, Breitbrunn, Inzenham-West und Wolfersberg vorgeschrieben. Mit einem Abgang von 0,8 bis 0,9 Prozent pro Tag wie in den letzten Wochen wäre der Wert mit Glück noch geradeso erreichbar. Klappt es nicht, passiert allerdings auch nichts. 

Die Bundesnetzagentur hat keine Sanktionsmöglichkeiten, um Händler und Versorger zu zwingen, die Speicher entsprechend aufzufüllen. Zudem gehört ausgerechnet der größte deutsche Speicher im niedersächsischen Rehden ihr selbst: Weil Wladimir Putin den Speicher vor seinem Angriff auf die Ukraine absichtlich nicht gefüllt hatte, um Deutschland durch eine gezielte Bedrohung der Versorgungssicherheit zu erpressen, hatte der damalige Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck die Betreiberfirma Gazprom Germania seinerzeit kurzerhand enteignet. 

Faktisch ist die Bundesnetzagentur seitdem nicht nur Aufsichtsbehörde, sondern auch Eigentümer der Anlage mit einer Speicherkapazität von rund vier Milliarden Kubikmetern. 

Eine tolle Doppelrolle

Sie hat in dieser Doppelrolle das beinahe Unmögliche geschafft: Der Füllstand des größten Porenspeichers Deutschlands, zugleich einer der größten in Westeuropa, liegt schon im Januar niedriger als vor vier Jahren zum Zeitpunkt des russischen Angriffs im Februar. Die Anlage, die etwa ein Fünftel der gesamten deutschen Speicherkapazität vorhält, ist mit elf Prozent Füllstand so leer wie zuletzt im Frühjahr 2022. 

Grund zur Sorge oder gar Panik gebe es aktuell aber nicht, betont Klaus Müller, der Chef der Bundesnetzagentur. Anders als vor dem Einmarsch Russlands in die Ukraine sei man längst nicht mehr nur von dem Gas abhängig, das in den Speichern lagert. 

Deutschland hat ein Wunder vollbracht, das Europas größten Gasverbraucher unabhängig macht von EU-Vorschriften: An Nord- und Ostsee würden die vier LNG-Terminals regelmäßig und stabil beliefert, sagt Klaus Müller. Neben dem Flüssigerdgas aus diesen Terminals komme zuverlässig auch Gas aus Leitungen nach Norwegen, den Niederlanden oder Belgien im Land an.

Europa und das Russengas

Die beiden großen Hafenstaaten an der Nordsee gelten als beispielhaft für die neue Energieversorgungsära: Belgien etwa fördert selbst kein Gas, bezieht aber immer noch große Mengen Flüssiggas aus Russland.  Vor allem aus dem arktischen Yamal-Projekt des russischen Novatek-Konzerns des alten Putin-Freundes Gennadi Timtschenko strömt die Freiheitsenergie. 

Europa war auch 2025 der mit Abstand wichtigste Absatzmarkt für das verflüssigte Russengas: Neben Belgien fungiert  Frankreich als zentrale Importdrehscheibe.Über die Terminals Dunkerque, Montoir-de-Bretagne und Zeebruggen gelangt nach wie vor mehr Yamal-LNG in die EU als nach China. Die EU-Kommission duldet das bisher stillschweigend. Sie hat Moskau zwar mit den härtesten Sanktionen aller Zeiten belegt. Importe von Flüssigerdgas aber sind bisher gezielt von Einfuhrbeschränkungen ausgenommen. Erst ab 2027 soll das "Gaswashing" des "blutgetränkten Russen-Gases" (Luisa Neubauer) beendet werden. Wenn auch nicht sofort.

Leere Speicher, hohe Kosten

Trotzdem sind die Großspeicher leer. Die Gasverträge, die Robert Habeck bei seinem legendären Canossa-Gang nach Katar mit den dortigen Blutscheichs unterschrieben hatte, sichern Lieferungen aus dem Nahen Osten erst ab 2026 zu. Bis mindestens 2040 soll Katar dann jährlich bis zu zwei Millionen Tonnen Flüssigerdgas nach Deutschland liefern. 

Das katarische Gas aus diesem Vertrag, der über das US-Unternehmen ConocoPhillips und das LNG-Terminal in Brunsbüttel abgewickelt werden wird, reicht umgerechnet auf den jährlichen Gasverbrauch von zuletzt 844 TWh etwa einen Monat. Es ließe sich mit der Liefermenge ziemlich genau zehn Prozent der deutschen Speicher füllen.

Die Hilfe der Scheichs kommt später

Das wird eines Tages ein bisschen helfen, Deutschland in Betrieb zu halten, aber nicht entscheidend. Erdgas ist hierzulande der wichtigste Energieträger noch vor Elektroenergie. Ohne Öl ist Deutschland nicht existenzfähig, ohne Strom kann es nicht überleben. Doch ohne Gas stirbt es den Sekundentod: Die Industrie muss herunterfahren. Millionen Haushalte werden nicht mehr geheizt. Selbst die meisten Verwaltungen blieben kalt und nach geltender Arbeitsschutzverordnung müsste sogar die Bundeswehr ihre Soldaten und Offiziere nach Hause schicken.

Was Katars Scheich Mohammed bin Hamad bin Kasim al-Abdullah Al Thani bisher liefert, kommt nicht vom Golf, denn das North Field im South-Pars-Gasfeld im Persischen Golf, aus dem Deutschland Gas seit 1. Januar eigentlich geliefert bekommen sollte, ist noch nicht so weit. Immer noch lebt die "Energiepartnerschaft" (DPA) zwischen der absoluten islamischen Monarchie mit dem unstillbaren Hunger auf Menschenfleisch und der jungen deutschen Doppelstandarddemokratie von Lieferungen, die aus der US-Flüssiggasanlage Golden Pass in Texas kommen.  

Fracking-Gas als Freiheitsenergie 

Die gehört glücklicherweise auch Katars Emiren. In der verwandelt sich amerikanisches Gas aus Fracking-Löchern in katarische CO2-Sparenergie aus konventioneller Förderung. Inbegriffen im Partnerschaftspaket waren mehrere Workshops, darunter Arbeitsgruppentreffen und "Webinars" zum Thema "Carbon Border Adjustment Mechanism" und ein virtueller Workshop zu "Sustainable Aviation Fuels".  

Dabei handelt es sich um das Gegenstück zu grünen Stahl in der Luftfahrtindustrie. Die Nachfrage nach den klimagerecht angefertigten Flugzeugtreibstoffen soll bis 2030 planmäßig auf 49 Millionen Tonnen steigen. Gelingt es, genügend Fördermittel für den Aufbau einer Produktion aufzutreiben, könnte 2050 bereits ein Neuntel des Gesamtbedarfes ökologisch gerecht gedeckt werden.

Obwohl der Klimajanuar 2026 kühler ist als zu erwarten war, besteht keine Gefahr. Würden sich die Gasspeicher weiter so leeren wie in den letzten sechs Wochen, wären sie Ende März leer. Stefan Dohlerleer, Vorstandschef des Oldenburger Energieversorgers EWE, hat diesen Restvorrat als "ziemlich wenig" beschrieben. Im Augenblick werden täglich 4.000 Gigawattstunden Gas verbraucht und nur  2.000 Gigawattstunden importiert. Der Rest wird aus den Speichern entnommen. So lange da noch ein Rest ist.

Es wird knapp 

Es wird knapp, aber es wird reichen. Klaus Müller von der Bundesnetzagentur sieht die Sache gelassen. Deutschland habe "seine Hausaufgaben gemacht", sagt er. "Darum ist die Versorgungssicherheit aktuell gewährleistet." Die Betonung liegt auf aktuell. Weitere Erläuterungen könnten Teile der Bevölkerung beunruhigen.

Keine Sorgen

Die winterlichen Witterungsverhältnisse bereiten "uns bei der Gasversorgung keine Sorgen", sagt Klaus Müller allen, die es schreiben wollen. Der Füllstand bewege sich aus Sicht der Behörde "in einem angemessenen Rahmen". Die vier LNG-Terminals würden "regelmäßig und stabil beliefert". 

Zudem kann beim unerwarteten Auftauchen einer akuten Situation die 2024 aufgehobene Verordnung über Anlagen zum Umgang mit wassergefährdenden Stoffen anlässlich eines Brennstoffwechsels wegen einer ernsten oder erheblichen Gasmangellage (Brennstoffwechsel-Gasmangellage-Verordnung BG-V) reaktiviert werden, um die Erdgasnutzung in der Industrie einzuschränken. 

Billiger wird es bald sein. Seit Anfang Dezember ist der Erdgaspreis von 28 Euro pro MWh auf 44 Euro pro MWh gestiegen.  


1 Kommentar:

Gerry hat gesagt…

Woher weiß ppq das alles, soviele Zahlen und Fakten und Zusammenhänge und Gesetze, Respekt! Mich beunruhigt der latente Unterton, die Verantwortlichen führten das ahnungslose Volk hinter die Fichte.