Google+ PPQ: Entschuldigung auf Schenkelhaut

Freitag, 30. April 2010

Entschuldigung auf Schenkelhaut

Ein Land voller Mimosen, empfindlich wie die Schenkelhaut frischerblühter 18-Jähriger, so sieht es aus, das Deutschland des Jahres 2010. Worte können hier so verletzend sein, dass großgewachsene Männer beinahe weinen müssen. Alles lechzt beständig nach Entschuldigungen, ein Sorry ist das mindeste, um durch Worte gerissene Wunden zu pflastern und Beleidigungen zu tilgen. Der Papst etwa, eben noch samt aller anderen Deutschen Oberhaupt der katholischen Kirche, hatte während seiner Amtszeit Besseres zu tun als offensive Öffentlichkeitsarbeit für die zahllosen Leichen zu machen, die von katholischen Amtsträgern ermordet in den Kellern der Mutterkirche liegen. Da muss er sich aber, so blökt eine allzeit mobiler Meinungsmob, erstmal entschuldigen! Auch die erste migrantische Ministerin ist dran, seit sie darüber nachsann, ob das Christenkreuz in Schulen denn wirklich sein müsse. Sie kam zum Schluß, dass es nicht muss - und war entschuldigungsreif. Und nun auch noch Marco Tullner von der Ost-CDU. Der habe den künftigen linken Ministerpräsidenten Wulf Gallert "beleidigt" und "ihn in die Nähe von Gewalttaten gerückt". Glaubt man denn das? "Unsäglich! Entschuldigung unabdingbar!", twittert der linke sachsen-anhaltinische Parteichef Matthias Höhn mit vor Empörung zitternden Fingern noch aus dem Landtagssitzungssaal.

Ein Land voller Mimosen, empfindlich wie die Schenkelhaut frischerblühter 18-Jähriger. Treten wollen sie alle, getreten werden will niemand. Ist jemand anderer Meinung, wirkt der Spielplatzrefelx aus Kindertagen: Bocken und pathetisches Beleidigtsein, bis der Täter seine Worte zurücknimmt. Ein Spiel für Erwachsene, die dem Publikum wie sich selbst vorgaukeln, dass wahre Meinungsfreiheit darin bestehe, dass das , was man denke, besser unausgesprochen bleibt, wenn man annimmt, dass jemand anderer es zum Anlass nehmen könne, beleidigt zu tun. Gedacht werden darf im Moment noch weiter, denn die Gedanken sind frei. Zu sagen, was man denkt aber führt unweigerlich zu Bußforderungen, die mit zunehmender Lächerlichkeit nur immer noch berechtigter werden.

Ein Land voller Mimosen, empfindlich wie die Schenkelhaut frischerblühter 18-Jähriger. Amnesty International verlangt von einem Unternehmen eine "Entschuldigung für das menschenrechtswidrige Verhalten", Bundespräsident Horst Köhler eine Entschuldigung für begangene Morde von einem ehemaligen Terroristen, ein Ministerpräsident entschuldigt sich, weil er das Wort "Pogromstimmung" in den Mund genommen hat, ein Bankchef soll sich für den Erfolg seines Hauses entschuldigen. Dazu wird Schmerz simuliert, wo Weghören Opfer vermeiden könnte, die vorgetäuschte Verletzung aber dient dem selbsternannten Betroffenen als Druckmittel zur Durchsetzung seiner Ansichten.

Scham als Waffe in der Medienschlacht um den Meinungsmainstream hat Konjunktur, wie die Google-Timeline (oben) eindrucksvoll zeigt. Alles, was übersteht, muss sich entschuldigen, muss zerknirscht sein, muss öffentlich Abbitte leisten für das, was es denkt, und fürderhin still schweigen. Alles schreit nach Entschuldigungen, alles erweckt den Eindruck, als eine andere Ansicht schon allein deshalb eine schwere Beleidigung, weil sie nicht mit der eigenen übereinstimmt. Überall verletzte religiöse, politische und geschlechtliche Gefühle, überall feinfühlige Abendland-Talibane, die Radiowellen, nackte Haut und abweichende Sexualpraktiken riechen und sofort Entschädigungsbedarf zu reklamieren verstehen. Aufs Stichwort sinken sie hin wie vom Gegenspieler gefällt Weltklassefußballer, brutal gestoppt durch ein Wort, einen Satz, eine Geste, ein Bild, eine Filmszene, ein Lied. Sie haben Alpträume, wenn sie jemand verlogen nennt. Sie bekommen Angst, wenn ihre Nasen jemanden an Hitler erinnern. Sie verbieten es sich, öffentlich mit ihren Meinungen von gestern oder vorgestern konfrontiert zu werden.

Sie sind empfindlich wie die Schenkelhaut frischerblühter 18-Jähriger, Bewohner eines Landes voller Mimosen, die gern die DDR zurückhätten oder die Sowjetunion Stalins: Alle schweigen in stillem Selbstgespräch, keiner weiß, was der andere denkt, niemand ist beleidigt, weil die Meinungsfreiheit eben endlich nur Meinen meint und nicht immerzu rausplatzen damit. Das Paradies von Matthias Höhn, der Opfer von Kundus, Renate Künast, Wolfgang Thierse und Karl-Heinz Rummenigge. Bodo Ramelow berichtet Unglaubliches aus dem Haushaltsausschuß des Thüringer Landtages: Einer habe da dem anderen den Vogel gezeigt. "Pöbeler!", empört sich Ramelow spontan. Da wird sich wohl jemand in Bälde schwer entschuldigen müssen.

1 Kommentar:

VolkerStramm hat gesagt…

Zettel findet immer gute Sachen, so auch die schönste/dämlichste Entschuldigung

http://zettelsraum.blogspot.com/2010/04/kurioses-kurz-kommentiert-ein-judenwitz.html