Google+ PPQ: April 2011

Samstag, 30. April 2011

Die Drei von der Terrorzelle

Es gibt nur wenige wie ihn, die immer auf Ballhöhe sind, egal, ob bei Pferdepolo oder Golf. Hans Leyendecker, im deutschen Journalismus eine geradezu mythische Figur, seit ihm vor Jahrzehnten die eigenhändige Erfindung eines vom eigenen Gewissen geplagten hohen BKA-Beamten gelang, war pünktlich zur Stelle, als eine Pressemitteilung des BKA die von Guttenberg, Fukushima und königlicher Hochzeit längst verdränge Blutbad-Gefahr zurück in die Schlagzeilen zu holen versprach. Ein "Mobiles Einsatzkommando des BKA", analysierte der Edelfederinhaber, habe "in Düsseldorf und Bochum drei junge Männer festgenommen, die angeblich einen Terroranschlag mit selbstgebastelten Bomben planten". Der Anschlag habe "nicht unmittelbar gedroht", ließ sich Leyendecker "aus Ermittlerkreisen" mit exakt denselben Worten bestätigen, die auch der "Stern", die "Wiener Zeitung" und die Rheinische Post zu hören bekamen. Doch sechs Monate nach Ausrufung des inneren Notstandes durch seinen Amtvorgänger Thomas de Maiziere habe sich sich der neue Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich zufrieden damit gezeigt, dem Volk nun doch noch eine "konkrete und bevorstehende Gefahr" als abgewehrt melden zu können.

Die Täter, die über einen "längeren Zeitraum von Spezialisten des BKA überwacht und abgehört worden" seien, würden der Terrororganisation al-Qaida zugerechnet, fand Leyendecker weiter heraus. Einer der Anführer des dreiköpfigen Kommandos, das sich in einem seit Jahren von den Behörden überwachten Sprengmeister-Forum mit Bombenbauanleitungen versorgt hatte, sei "in einem Terrorcamp im Ausland ausgebildet worden sein", enthüllt der "Focus" die unterdessen offenbar an deutschen Behörden, Bundeswehreinheiten und Stadtwerke-Bautrupps orientierte Struktur des Terrornetzwerkes. Die Drei von der Terrorzelle hatten mindestens zwei Chefs, aber höchstens einen Soldaten. Experten sehen darin ein akutes Problem von über längere Zeit gewachsenen Organisationen: Die Verwaltung nimmt überhand, die Zahl der Befehlsgeber steigt, die Zahl der Befehlsemfänger sinkt.

Die "konkreten Anschlagsvorbereitungen" (dpa) der Verdächtigen tragen denn auch die typische Handschrift von Al Kaida. Während eine mit süffisantem Augenzwinkern in Richtung deutscher Geschichte "Aufbauorganisation" mit dem hübschen Namen "Komet" genannte Sondereinheit die Verdächtigen seit sieben Monaten rund um die Uhr observierte, kauften "die Männer in größeren Mengen Chemikalien", was aber nicht gelungen sei. Wie im Sprengmeister-Board empfohlen, sei versucht worden, "Wasserstoffperoxid und Zitronensäure mit aus Grillanzündern gewonnenem Hexamin" zusammenzurühren, enthüllt AFP. Die Verdächtigen hätten überdies schon vereinbart gehabt, mit dem Sprengstoff, den sie eines Tages hofften hergestellt zu haben, "zunächst einen Probelauf zu versuchen" (Leyendecker).

Da derzeit keine Weihnachtsmärkte als Ziele zur Verfügung standen, hat sich die Qualitätspresse in einer Art Dissonanz-Variante des üblichen Rudelchores darauf geeinigt, dass der 29-jährige Marokkaner Abdeladim El-K., der 31-jährige Marokkaner Jamil S. und der 19-jährige Iraner Amid entweder einen belebten Platz, das Finale des European Song-Contests, Nahverkehrszüge oder Stuttgart im Visier gehabt hätten. Es könne allerdings auch sein, dass "noch kein Terrorziel ausgewählt worden sei". Geplant sei aber gewesen, den nicht vorhandenen Sprengstoff zum Bau von Splitterbomben zu verwenden. Deshalb sei gegen einen der Anführer auch sofort ein Haftbefehl erlassen worden.

Die beiden anderen sollen zur weiteren Erhöhung der Sicherheit bis zum Abschluss der Ermittlungen auf freien Fuß gesetzt werden. Es gehe darum klarzumachen, dass "wir unsere bisherigen Antiterrorgesetze nicht nur beibehalten, sondern wo erforderlich auch ergänzen" müssten, wie der innenpolitische Sprecher der CDU/CSU-Fraktion im Deutschen Bundestag, Hans-Peter Uhl, klarstellte. Deshalb, fordert Unionsfraktionsvize Günter Krings, dürfe sich die FDP nicht länger gegen eine dringend gebotene Neuauflage der Vorratsspeicherung von Telefon- und Internetdaten sträuben.

Gau in Großbritannien

"Es kommt der Tag, an dem die Leute morgens aufstehen und nicht als erstes an diese Katastrophe denken werden", heißt es in John Birminghams wirklich schwer beklemmender Weltuntergangsmär "Whitout Warning". Hurra, der Tag ist da! Gestern wars, als die Liveticker, gerade abgekühlt vom Fukushima-Drama, wieder heißliefen: Zwei halbjunge Menschen feierten Hochzeit, ARD und ZDF übertrugen simultan, Kleider wurden besprochen wie neue Stones-Platten, Küsse gestoppt und deutsche Wetterberichte legten ihren Schwerpunkt endlich wieder auf die Auslandsaussichten. Weht die atomare Wolke bis Hohenwulsch? Oder stoppt sie vor Hohenmölsen? Scheint die Sonne über London? Oder fällt doch radioaktiver Regen vor der Kathedrale?

Wir wissen es nicht, wir werden es nie erfahren, denn für die Berichterstattung von der "Menschheitskatastrophe" (Badische Zeitung) in Japan ist nach fünf Wochen keine Kraft mehr da. Sind die "Fukushima 50" (Der Spiegel) nun eigentlich shcon tot? Was ist aus den "Obdachlosen, Gastarbeitern, Arbeitslosen und Minderjährigen" geworden, die ARD-Mann Robert Hetkämper, Erfinder der "bereits laufenden Kernschmelze" 24 Stunden nach dem Tsunami, im innersten Todeskreis entdeckt hatte? Wie steht es um den Wind, dreht er nach Tokio? Hat man in kanadischen Lachsen nun schon mal wieder "unzulässig erhöhte Strahlung" (Greenpeace) entdeckt? Und wieso hört man seit Tagen nichts mehr aus Tschernobyl?

Natürlich, die Welt ist nicht mehr, wie sie war. Die Baumarktkette Obi hat ihre Plakatkampgane zum Frühjahsbeginn um das Motiv "Strahlen strahlen" bereinigt. Im Fernsehen diskutiert eine Ethikkommission. In Stuttgart regiert Grün-Rot. Die EU hat die Transferunion durch die Hintertür eingeführt. In London wird geheiratet.

Der Liveticker sprudelt wie in besten Weltuntergangstagen. Miss Mittelstand im Märchenland hat mit dem herz das Hirn besiegt, ihre "sexy Schwester Pippa" aber mit einem Bekenntnis zum Busenblick allen die Show gestohlen, bis es zum Kuss kam, der 0,4 Sekunden lang war, was anderswo als kurz bezeichnet werden würde, hier aber Ausdruck des Umstandes ist, dass sich eine Nation über sich selbst vergewissert. Es ist ein Moment der Magie, in dem wenigstens mahnende Worte finden: "Das Brautpaar strahlt" warnt die Webseite des Hitler-Senders vor Spätfolgen, über die sich die meisten Deutschen heute noch gar nicht klar sind.

Doch nur drei Emp? Fukushima im Rückspiegel

Freitag, 29. April 2011

Gaukler einigen sich auf "Gaukler"

Da singt er wieder, der große Chor der Einheitsinformationen. Müssen nicht stimmen, wenn sie nur mit dem übereinstimmen, was alle anderen so erzählen. Nachdem der "Spiegel" im ersten Zugriff aus dem "Platz der Gehenkten" den viel idyllischer klingenden "Platz der Gaukler" gemacht hatte, schließen sich das Rudel der übrigen Rechercheure in einer Aufwallung des bekannten Kollektivgefühls aus DDR-Zeiten inzwischen geschlossen entschlossen, den falschen Namen zu übernehmen. Gehenkt wird deshalb keiner der Nachrichtengaukler, eher wird der Platz tatsächlich umbenannt.

Flucht im Zahnarztflieger

Um das 250-fache, orgelt gerade eine vielstimmige deutsche Medienmaschine im Chor, sei die Strahlung rings um das havarierte Kernkraftwerk Fukushima im letzten Monat gestiegen. Keine Angaben in Zahlen, keine Werte, keine konkreten Orte, keine Vergleichsmöglichkeiten. Das US-Magazin Livescience reicht nach: Wer Tokio aus Angst vor Strahlung mit dem Flugzeug verlassen hat, nahm in der Maschine eine Dosis von etwa 0,10 Millisievert radioaktiver Strahlung auf, die aus dem Kosmus bin in die unteren Luftschichten dringt. Das ist etwa soviel wie bei zwei zahnärztlichen Röntgenaufnahmen. Und es bedeutet, dass Menschen, die Tokio wegen der Bedrohung aus Fukushima im Flugzeug verlassen haben, auf ihrer Flugreise mehr Strahlung abbekommen haben als sie aufgenommen hätten, wenn sie zu Hause geblieben wären.

Weiter klärt das Magazin hier darüber auf, wieviel Radioaktivität rings um Kohlemeiler gemessen wird. Wie bei PPQ schon vor Wochen berichtet, fällt Kohle als Ersatz für abgeschaltete Kernkraftwerke damit nun endgültig aus. Es bleiben noch vorerst Gas, Wind, Sonne und der feste Glaube, dass das als Brückentechnologie reicht, bis Energiesparen direkt zur Energieerzeugung verwendet werden kann.

Internetzensur: Deutschland ist Weltmeister

In China ist die Zensur des Internets allgegenwärtig, hat das Handelsblatt kürzlich herausgefunden. Ob es daran liegt, dass die Bilanz der deutschen Internetzensur bislang noch keine Zeile Platz im Qualitätsmagazin des Gabor Steingart gefunden hat, ist unklar.

Sicher ist nur: Auch nach einer Woche hat aus dem Bericht der US-Organisation Freedomhouse zum Stand der Internet-Freiheit in 37 Ländern noch keine deutsche Zeitung, kein Magazin oder Fernsehsender die kritischen Passagen zitiert. Stattdessen belässt es die seit jeher staatsgläubige Frankfurter Rundschau bei einer fröhlichen Kartengrafik mit dem aufmunternden Gesamturteil "Free" für Deutschland (oben). Die Taz prangert routiniert an, in "China liest der Blockwart mit" und die regierungsamtliche Nachrichtenagentur dpa fand heraus, dass "undemokratische Regime mehr Aufmerksamkeit und Ressourcen in Zensur und andere Kontrollen investierten".

Kein Wort über Deutschland, obwohl das Land, sonst nicht eben die Heimat von Internet-Innovationen, diesmal ganz vorn dabei ist. Im weltweiten Ranking der Länder, die Ergebnisse der Suchmaschine Google am häufigsten sperren und blocken ließen, liegt Deutschland hinter Brasilien, das mehr als zweimal so viel Einwohner hat, auf einem herausragenden zweiten Platz.

Imponierende 188 mal forderten Behörden der Bundesrepublik im Erhebungszeitraum zwischen Juli und Dezember 2009 die nachträgliche Zensur von Suchergebnissen. Pro Kopf der Bevölkerung gerechnet liegt Deutschland laut Freedom House damit sogar weltweit auf dem Spitzenplatz - nirgendwo werden Google-Suchergebnis mehr gelöscht, gesperrt, bereinigt und gefiltert als hierzulande. Deutschland ist damit Chilling-Effects-Weltmeister.
Und das ganz ohne offizielle Websperren für Kinderpornografie und noch vor dem Verbot aller Glücksspielseiten.

Diese Zahlen, von Google selbst veröffentlicht, zeigten, dass deutsche Behörden die Möglichkeit extensiv nutzten, heißt es im Internet-Freiheitsbericht. Das nächste europäische Land in der Liste, Großbritannien, forderte nur 59 Zensureingriffe an, nicht einmal ein Drittel so viele wie Deutschland.

In 12 der 37 untersuchten Länder seien die Video-Plattform YouTube, das Online-Netzwerk Facebook und der Kurznachrichtendienst Twitter oder ähnliche Angebote zeitweise oder dauerhaft gesperrt worden, berichtet die Frankfurter Rundschau. Länder wie Brasilien, Indien, Indonesien, Südkorea oder der Türkei untergrüben die Internet-Freiheit, schreibt der Südkurier. Und "Rußland wird zum Netz-Sorgenkind", analysiert der "Spiegel" wortgleich mit dpa.

In Deutschland dagegen wird das Netz nicht zensiert. Oder jedenfalls wird doch nicht darüber berichtet. Nirgendwo. Und dazu brauchte es nicht einmal einen Zensor!

Donnerstag, 28. April 2011

Gaukler und Gehenkte

So seltsam ist das. Jahrhundertelang hieß der zentrale Platz von Marrakesch "Jemaa el Fna", zu deutsch "Platz der Gehenkten" (Panoramafoto oben, anklicken zur besseren Darstellung). Dann ein Terroranschlag, ein Blutbad, ein Dutzend Tote. Und aus dem "Platz der Gehenkten" wird im Leitmedium "Spiegel" der "Platz der Gaukler". Falsch, aber friedvoll. Und ab morgen auf allen Kanälen, denn wenn es einer sagt, sagen es alle. Und nachschlagen ist ja verboten.

Abrechnung am Tag danach: 335 deutsche Zeitungen haben den "Platz der Gaukler" vom "Spiegel" übernommnen. Ein Blatt hat den "Platz der Gehängten" ganz für sich allein erfunden. Und immerhin eine benutzt den korrekten Namen.

Wie lange dauerte der 1. Weltkrieg?

“Mein Vater war 92″, sagt der Sohn eines der Opfer. “Er hat den Kampf gegen die Italiener überlebt sowie den Ersten und den Zweiten Weltkrieg. Und er hat sich gewünscht, auch noch das Ende Gaddafis zu sehen", zietiert Julius Hensel die ARD-Korrespondentin Linda Staude, die in Kairo weilt, um der Revolution zu helfen. Nicht schnell und nicht entschlossen genug für den Mann, der Opfer eines menschenverachtenden Regimes wurde, das ihm offenbar stets verschwiegen hat, dass der 1. Weltkrieg bereits ein Jahr vor seiner Geburt beendet worden war.

Gnade für gute Genossen

Nach ihm wurden die als Hartz-Konzept bekannten Arbeitsmarkt-Reformen benannt, er war es auch, der die Puffreisen seines SPD-Genossen und VW-Betriebsratsvorsitzenden Klaus Volkert mit Firmengeldern sponsorte. Natürlich, Peter Hartz ist Mitglied der SPD, er war es auch noch, als er 2007 wegen Untreue verurteilt wurde. Und er ist es bis heute. Keine "Parteigliederung" (Andrea Nahles) wollte ihn wegen parteischädigenden Verhaltens ausschließen, ebensowenig, wie jemand versuchte, den Berliner SPD-Mann Ralf Hillenberg loszuwerden, nachdem dessen Firmen von der landeseigenen Wohnungsbaugesellschaft Aufträge in Millionenhöhe ohne Ausschreibung erhalten hatten und dabei aufgeflogen waren.

Es ist ein illustrer Kreis, den der "Stern" da in einer peinlichen Situation beschreibt, in der gute Genossen sagen müssen, "ja, der ist auch einer von uns". Ist ja auch schrecklich, was sich so in der deutschen Sozialdemokratie sammelt: Hans-Harald Ehlert etwa fuhr im Maserati auf Kosten der von ihm selbst erfundenen Treberhilfe durch Berlin, ein Arbeiterführer auf dem Egotrip ins abseits. Dann kamen Staatsanwaltschaft und Steuerfahndung und die Treberhilfe wurde aus den Dachverbänden Paritätischer Wohlfahrtsverband und Diakonisches Werk ausgeschlossen. Doch Ehlert nicht aus seiner Partei, der SPD, in der auch Vural Öger bleiben durfte, nachdem er in einem Interview gesagt hatte: „Die Türken erobern Deutschland genauso, wie die Kosovaren das Kosovo erobert haben: durch eine höhere Geburtenrate".

Falsch, Fehler, halt, das war natürlich ein Zitat von Thilo Sarrazin, der wegen solcher Sprüche selbstverständlich aus der Partei von Bebel und Brandt ausgeschlossen werden sollen musste. Der sozialdemokratische Reiseunternehmer Öger dagegen hatte nur gesagt: "Im Jahr 2100 wird es in Deutschland 35 Millionen Türken geben. Die Einwohnerzahl der Deutschen wird dann bei ungefähr 20 Millionen liegen. Das, was Kamuni Sultan Süleyman 1529 mit der Belagerung Wiens begonnen hat, werden wir über die Einwohner, mit unseren kräftigen Männern und gesunden Frauen verwirklichen." Das ist selbstverständlich etwas völlig anderes als Sarrazins schrecklicher Satz, der allen Grundwerten der Sozialdemokratie Hohn spricht. Weshalb Öger auch nie fürchten musste, aus der SPD ausgeschlossen zu werden.

Im Normalfall, wenn jemand keine 1,5 Millionen Bücher verkauft und sich im Fernsehen weigert, zuzugeben, dass er manche Dinge, die er gar nicht gesagt hat, auch nicht so meinte, wie sie verstanden worden sind, kennt die älteste deutsche Partei eigentlich gar keine Ausschlussgründe. Gute Genossen dürfen huren, hinterziehen, Steuergelder verschwenden, lügen, bestechen und bestochen werden. Das Parteibuch nimmt ihnen niemand weg.

So scheiterte Ingolf Deubel etwa beim Umbau des Nürburgring zu einem Freizeit- und Businesszentrum. Die Allgemeinheit kostete das Millionen, die Partei nur ein Lächeln. Freilich, die Staatsanwaltschaft ermittelt. Aber die Partei schweigt. Aus solchen Gestalten baut sie sich doch ihre Helden: Unter den Augen des damaligen Finanzministers Peer Steinbrück, der gleichzeitig oberster Aufseher der deutschen Staatsbanken war, saugten sich West LB, Bayern LB und KfW mit amerikanischen Schrottkrediten voll.

Steinbrück gilt deshalb in seiner Partei als möglicher nächster Kanzlerkandidat. Frank Steinmeier dagegen attestierte dem später als "Diktator" enttarnten libyschen Machthaber Gaddafi noch 2006, "dass sich in Libyen viel verändert habe". Fünf Jahre danach spricht er selbstbewusst "von der dritten Kehrtwende der deutschen Außenpolitik in drei Wochen" und meint nicht seine eigene, sondern die der Regierung. Parteichef, Pop-Beauftrage und McDonalds-Vegetarier Sigmar Gabriel schließlich prangert das zögerliche Eintreten der EU für Demokratiebewegung in Nordafrika an, die das Joch der Tyrannen gerade erst abgeschüttelt hat - sicher auch mit Hilfe des SPD-eigenen SPD-Reiseservice, der, so lange Mubarak, Ben Ali und Co herrschten, netten "Urlaub mit viel Spaß, guter Laune und ein bisschen Erholung vom Alltag" (SPD) in den grausamen Diktaturen anbot.

Jetzt, wo die Lage unsicher geworden ist, reisen Sozialdemokraten mit dem Parteireisebüro nur noch in lupenreine Demokratien. Gute Kuba-Reisen haben sie da.

Wann wir streiten Seit an Seit
Arbeitsgemeinschaft Rassisten in der SPD

Reborn in the World

Nur knapp zweieinhalb Jahre hat es gedauert, bis US-Präsident Barack Obama den nie verstummenden Gerüchten um seinen Geburtsort entschieden entgegengetreten ist. Lange hatte der in der Kriegsführung weltweit führende Friedensnobelpreisträger, der nicht US-Präsident sein dürfte, wäre er - wie seine Großmutter behauptet - in Kenia geboren, nur Kopien von Ersatz-Dokumenten (Certification) vorgelegt, die auf Hawaii anstelle von Geburtsurkunden nachträglich ausgestellt werden.

Jetzt aber konterte Obama Vorwürfe des Immobilienmilliardärs und selbsternannten republikanischen Präsidentschaftsanwärters Donald Trump mit der Vorlage einer funkelnagelneuen echten Geburtsurkunde( Certificate). Der große Spaß dabei: Lustige deutsche Leitmedien wie die "Welt" verkünden nun, Obama habe seine "Geburtsurkunde veröffentlicht". Was daran neu sein soll, erfährt der Leser nicht, denn schließlich hatte dieselbe Zeitung schon im Dezember 2010 verkündet, Obama habe seine Geburtsurkunde veröffentlicht. Damals war es die Certification und es gab den Titel: "Obama und die dümmste US-Verschwörungstheorie". Heute ist es das Certificate und die Überschrift lautet "Born in die USA". Wohl eine Art Wiedergeburt.

Auszug aus dem Weißen Haus

Weniger saufen mehr

Trotz Alcopopsverbot, Japan-Gau, Sony-Hack und Sarrazin-Affäre trinken die Deutschen immer weniger Alkohol, warnt die Deutsche Hauptstelle für Suchtgefahren in einer neuen Studie. Im Jahr 2009 habe ein Minus von zwei Prozent verzeichnet werden müssen. Das sei zu wenig, um vermeidbare Gesundheitsschäden zu verhindern, und gleichzeitig zu viel, um ausreichend viele Menschen ausreichend komatös zu halten, beklagen die Suchtforscher.

Der Geschäftsführer der DHS, Raphael Gaßmann, bezeichnete den Rückgang des Alkoholkonsums als den «berühmten Tropfen auf den heißen Stein». Die derzeit noch pro Kopf konsumierte Menge von durchschnittlich 9,7 Litern reinem Alkohol pro Jahr reiche "hinten und vorn nicht". 9,7 Liter reiner Alkohol entsprechen laut Gaßmann etwa 40 Flaschen Wodka oder Whiskey pro Kopf - vom Säugling bis zum Rentner. Das sei nicht einmal eine Flasche pro Person und Woche. Betrachte man nur diejenigen, die tatsächlich Alkohol trinken, also etwa 13- bis 80-Jährige, liege der Verbrauch etwa doppelt so hoch.

Und die Tendenz ist eindeutig. Anfang der 80er Jahre konsumierte jeder Deutsche noch zuverlässig rund 12 Liter reinen Alkohol im Jahr, auch 1995 schaffte er noch 11,1 Liter. Seitdem aber knickte die Nachfrage scharf ein, der Konsum ging um mehr als 20 Prozent zurück, allein zwischen 1995 und 2008 sank der Bierverbrauch von 135 auf nur noch 111 Liter pro Kopf und Jahr und der Schnapskonsum ging von 5,9 Liter auf 5,6 Liter zurück. Schon 2008 schaffte jeder Bundesbürger nur noch 9,9 Liter reinen Alkohol, nun scheint der Verbrauch dauerhaft unter die "psychologisch wichtige Schwelle" (dpa) von zehn Litern gefallen zu sein.

Experten sehen hier nicht nur Unlust am Suff, falsche Weichenstellungen durch die Politik und das Ergebnis steigender Preise, sondern auch Auswüchse der zunehmenden Einwanderung muslimischer Mitbürger, die sich dem alten Volksbrauch des Zuschüttens aus religiösen Gründen verweigern. Zwar gingen Würdenträger der Kirchen ebenso wie die Spitze des Terrornetzwerkes Al Kaida immer wieder mit gutem Beispiel voran. Zuletzt erst hatte Scheich Mohammed Binalshibh den "Spiegel" verkünden lassen, dass er sich nach dem Anschlag vom 9.11. mit Glaubensgenossen "zugeprostet" habe.

Doch Verlass ist hierzulande letztlich nur auf eine Million Alkoholsüchtige und eine weitere Million, die "sehr bedenklich" trinke, also jeden Tag mehr als ein, zwei Gläser Bier zu sich nehme, sagte Gaßmann. Laut DHS sterben deshalb jährlich auch nur rund 73.000 Menschen an alkoholbedingten Krankheiten. Alle übrigen 777.000 Toten, die laut Statistik jedes Jahr zu beklagen seien, kämen nüchtern zu Tode.

Mediale Modedroge

Mittwoch, 27. April 2011

Sehnsucht nach stalinscher Reinheit

Es ist ein ganz eigenartiges Demokratieverständnis, das in diesen Tagen als "Empörung in der SPD" die Furore macht. Da hat eine Partei versucht, einen Mann aus ihren Reihen auszuschließen, weil nicht alle oder vielleicht nicht einmal die Mehrheit der anderen Parteimitglieder seiner Meinung zustimmen würde. Auf der Zielgeraden vor dem Rauswurf allerdings schwante den Parteioberen, dass dieser Krieg gegen die Meinungsfreiheit vermutlich nicht zu gewinnen sein wird: Keine Partei kann ihren Mitgliedern mehr abverlangen, als sich kollektiv schwammig geahnten gemeinsamen Grundwerten verpflichtet zu fühlen. Wie ein jeder diese versteht, ist dann seine Sache, so wenigstens interpretiert der geübte Demokrat Willy Brandts Forderung, "mehr Demokratie zu wagen".


Ausgerechnet in der SPD aber stößt dieses mühselige gemeinsame Leben im Widerspruch jedoch auf Vorbehalte. In der ganzen SPD? Nein, Pressestimmen zufolge sind es ausgerechnet die Genossen, die ihr Schaffen und Tun aus der eigenen Migrationsgeschichte heraus ganz der Herbeiführung toleranter Verhältnisse gewidmet haben, die bei der ersten Gelegenheit, bei der sie selbst Toleranz zeigen müssen, aus der Haut fahren. Und ihre Partei verlassen.

Etwa der Präsident der Bundesarbeitsgemeinschaft der Immigrantenverbände, die es nach Archiveinträgen seit sieben Jahren gibt, die aber derzeit zum ersten Mal öffentlich richtig auffällt. Weil ihr Vorsitzender Mehmet Tanridverdi wegen des Verbleibs von Thilo Sarrazin in der Partei seinen Austritt aus der SPD androht. Der Mann ist "zutiefst enttäuscht“, wie er der Berliner Zeitung verriet, deshalb sei "die SPD nicht länger meine politische Heimat.“ Ähnlich hält es der geschäftsführende Bundesvorstand der Türkischen Gemeinde in Deutschland, Kenan Kolat. Weil er die Einstellung des Verfahrens „nicht nachvollziehen“ könne, glaube er, dass "viele Wähler nichtdeutscher Herkunft der SPD den Rücken kehren“ werden. "Ganz nebenbei provoziert man sehenden Auges den Austritt vieler überzeugter Sozialdemokraten ", warnen die Jusos in Dresden, für die ein "überzeugter Sozialdemokrat" offenbar jemand ist, der je nach Tagesform und Schlagzeilenlage ein- oder austritt.

Ja, aber muss denn eine Partei mit ehernen Grundüberzeugungen nicht alle ihre Entscheidungen so treffen, dass Wähler und Mitglieder sie dafür mögen? Und muss man nicht verstehen, dass Leiter von Arbeitskreisen, die sich "Integration und Migration der SPD" nennen, nach Ausschluss und Ausgrenzung rufen, sobald ihnen klar wird, dass neben ihnen Genossen marschieren, die gar nicht ganz genau dieselben Ansichten haben wie sie?

Es ist das kulturell etwas hochwertigere mitteleuropäische Äquivalent zum Fahnenverbrennen und Schuhe werfen, das vordemokratische Gestalten wie Seregey Lagodinsky, Gründer eines „Arbeitskreises jüdischer Sozialdemokraten”, mit dem Selbstbewusstsein von Weltenheilern vorleben. Wer nicht denkt wie ich, hat in meiner Partei nichts verloren. Wer Ansichten pflegt, die nicht die meinen sind, hat den Raum zu verlassen. Wer widerspricht, verwirkt sein Recht, zu reden. Geht es nicht nach ihrer Nase, möchten diese Spezialdemokraten nicht diskutieren, sondern anderswo weiterbestimmen. In der Hoffnung, dort sagen zu können, wo es langgeht. Ein Hauch von Sehnsucht nach Stalins kompromisslosem Kampf um Reinheit und Einheit der Partei weht durchs Land.

Krude Thesen als Grundwert

Ein Mediengott mit Galgenhumor

Es war zweifellos das Comeback des Jahres, überraschender als die Rückkehr von Jens Lehmann ins Fußballtor und ergreifender als das neue, alte Album von Duran Duran. Immerhin - es war ein Comeback aus einer ganz anderen Zeit, ein Name, der herüberwehte aus den Tagen des kalten Krieges, ein Name wie Donnerhall, den erst der Mauerfall unter sich begraben konnte.

"Tschernobyl", vor einem Vierteljahrhundert eine unsicht-, aber unübersehbare Katastrophe, die vom späteren Friedensnobelpreisträger Gorbatschow verwaltet und geheimgehalten wurde, aber dennoch ein Erregungspotential von bis zu sechs Emp erreichte, ist wieder da. Zurückgekehrt von den Medienleichen, auferstanden von den toten Themen, eine blaue Balkenexplosion in der unbestechlichen Google-Timeline, die in den zurückliegenden zwei Jahrzehnten gerade zwei magere Anstiege der Erwähnung des mit soviel Leid und Angst konotierten Wortes verzeichnet und damit eine klassiche Untertassen-Formation bildet.

Der Mediengott hat Galgenhumor: Zum fünften Jahrestag noch überschattete der Zusammenbruch des Weltsozialismus das stille Gedenken. Zum 10. Jahrestag schlug die Erinnerung Purzelbaum, zum 20. Jubiläum dann gruselte es kollektiv, doch die Katastrophe verblasste.

Insgesamt war der Name im Verschwinden, die Erinnerungen verwischten, das Menetekel hatte ausgemahnt. Selbst die Nachricht, dass inzwischen Urlaubsausflüge in das verstrahlte Gebiet möglich sind, vermochte es nicht, grafische Spuren zu hinterlassen. Mehrere Jahre unterwegs war "Tschernobyl" sogar ein Nicht-Thema: Kam nicht vor, kam nicht wieder, es blieb vergessen.

Nun aber der Triumph, die Rückkehr der Jedi-Ritter als mit Strahlen strafender Gott. Kaum war die Kernschmelze in Fukushima abgesagt und kein Platz mehr für Liveticker vom Untergang, Strahlendaten im Wetterbericht und Enthüllungsberichte von Sklavenarbeitern an Atomstaubsaugern, feierte die Altkatastrophe vor der Haustür fröhliche Wiederkehr. "Tschernobyl", für alle unter 25 eine Chiffre ohne Übersetzungsmöglichkeit in die eigene Sprache, hat mit einem Mal einen "maroden Sarkophag", Reporter berichten erstmals seit Jahren vom Riesenrad, das nie in Betrieb ging, von tickenden Geigerzählern und seltsamen Gesellen, die seit Jahrzehnten mitten in der Sperrzone arbeiten.
Die Ostermarschierer sind wieder unterwegs, obwohl nach 25 Jahren nichts mehr gegen die seinerzeit vielkritisierte Behauptung des Leiter des DDR-Amtes für Atomsicherheit und Strahlenschutz Georg Sitzlack spricht, dass "die zulässigen Grenzwerte in keinem Fall erreicht" wurden und "keinerlei Gefährdung für die Gesundheit der Bürger unseres Staates und der Natur" bestanden habe.


Die in Fukushima freigesetzte Strahlung entsprach etwa einem Zehntel der in Tschernobyl ausgetretenen. In Tschernobyl wiederum wurde 400 mal mehr Strahlung frei als durch den Abwurf der Bombe auf Hiroshima. Doch verglichen mit den radioaktiven Emissionen der rund rund 420 oberirdischen Kernwaffentests während der 50er und 60er Jahre emittierte auch Tschernobyl nur ein knappes Hundertstel der Strahlungmenge, Fukushima sogar nur ein Tausendstel. Wenn Fukushima Milch und Wasser in Frankreich verstrahlt und Tschernobyl Millionen Strahlenopfer gefordert hat - wo sind dann eigentlich die Toten der Kernwaffentests?

Speisefisch im Fichtennadelbad
Gau im Garten
Strahlenbelastung durch Kernwaffentests in Europa

Dienstag, 26. April 2011

Geliebte Osterrituale an der Tankstelle

Jedes Jahr nach Ostern ist es dasselbe Spiel: Die Benzinpreise fallen, die Autofahrer staunen, die Medien zetern und kein Politiker fordert Konsequenzen, die denn auch immer wieder ausbleiben. Ostern ist auch eine Zeit der Rituale. Jedes Jahr freuen sich Autofahrer über sinkende Preise an der Zapfsäule, kaum das das Fest und die Reisezeit vorüber sind. Und jedes Jahr leistet ihnen Wirtschaftsminister Rainer Brüderle (FDP) moralischen Beistand, indem er fordert, "dass den Konzernen da noch genauer auf die Finger geguckt wird". Angesichts drastisch sinkender Benzinpreise trotz Ärger über den Tankstellen-Schlamassel beim neuen Biosprit E10 ist die Freude in diesem Jahr noch größer als sonst. Bleibt die Frage: Gibt es auch mal Konsequenzen? Nachdem Autofahrer in der vergangenen Woche an der Tankstelle tiefer in die Tasche greifen mussten, wie der Automobilclub ADAC feststellte, kostete ein Liter Super vom Biosprit E10 im bundesweiten Schnitt trotz wieder gestiegenen Ölpreises nach Ostern plötzlich wieder viel weniger. Rätselhaft!

Wie der "Stern" herausgefunden hat, richtet sich der Benzinpreis "grundsätzlich nach der Entwicklung beim Rohstoff Öl, aber auch Angebot und Nachfrage spielen eine Rolle". Sinkende Preise nach Hauptreisezeiten wie Ostern oder den Sommerferien sind daher eigentlich keine Überraschung. Allerdings: Ein echter Markt mit jeder Menge Wettbewerb ist die Mineralölbranche nicht. Wenige Konzerne geben den Ton an, Experten sprechen von einem "Oligopol". Hinzu kommt, dass die Unternehmen häufig die gesamte Lieferkette von der Ölquelle über die Raffinerie bis zur Tankstelle kontrollieren - ihnen also niemand so einfach dazwischenfunken kann.

Das Bundeskartellamt untersucht daher seit Jahren, ob die Benzin-Multis die Preisentwicklung untereinander absprechen, damit alle davon profitieren - zum Schaden der Autofahrer. Auch der ehemalige Bundespräsident Horst Köhler hatte seinerzeit stark steigende Benzinpreise gefordert. Der Preis müsse tendenziell eher "höher als tendenziell niedriger sein" als derzeit, mahnte der Politiker im März 2010 bei einem Preis von 1,44 pro Liter.

Um das durchzusetzen, untersucht die Bundeskartellbehörde seit Jahren die vielen Mini-Preisbewegungen an Hunderten Zapfsäulen. Ergebnisse werden im Mai vorliegen. Zuvor schon aber macht Wirtschaftsminister Brüderle Nägel mit Köpfen. Er verwies direkt nach Ostern wieder auf die laufende Prüfung der Bonner Behörde, die die Rätsel der Preisbildung klären müsse. So habe der Benzinpreis vor einem Jahr bei einem Ölpreis, der rund 30 Dollar unter dem derzeitigen lag, und einem Euro, der mit 1,37 viel niedriger stand, 1,44 Euro pro Liter Super gekostet. Eine einfache Verhältnisgleichung aus Benzinpreis, Eurokurs und Ölpreis ergebe ein Jahr später, dass Benzin mindestens 25 Prozent zu günstig sei. Der Rohölpreis sei um 30 Prozent gestiegen, der Benzinpreis hingegen nur um neun Prozent. Auch der Anstieg des Euro um sechs Prozent erkläre die Diskrepanz nicht (Grafik oben).

Der FDP-Minister solle das Wettbewerbsrecht ausschöpfen und notfalls sogar das deutsche Geschäft der Mineralölkonzerne zerschlagen, fordert Rainer Hillgärtner vom Auto Club Europa (ACE). Die Empörung der Politiker findet er "heuchlerisch", wenn dann gar nichts gegen offenbar künstlich niedrig gehaltene Benzinpreise unternommen werde. Tatsächlich ist der Nachweis von konkreten Preisabsprachen an den Tankstellen extrem schwierig, und nach Informationen der "Welt am Sonntag" hat das Kartellamt bei seiner Untersuchung auch keine Hinweise darauf erhalten. Ein Ergebnis sei aber, dass die Benzinpeise nicht immer der Entwicklung auf dem Ölmarkt folgen - so müsste Super im Augenblick eigentlich etwa 1,85 kosten - nach einer Studie des ADAC ist Tanken allerdings gerade sonntags noch einmal im Schnitt um 3,4 Cent billiger als am Freitag. ADAC-Experte Klaus Reindl rät sogar dazu, die Tageszeit zu beachten. Denn: Mittags und nachts, wenn kaum jemand tanke, sei Benzin wegen vermuteter geheimer Absprachen der großen Ölmultis preiswerter als im Berufsverkehr, wenn Autofahrer Schlange ständen.

Empörung nun auch bei n-tv: Benzinpreise stark gefallen!

Wikileaks: Ist der Papst katholisch?

Es ist wohl alles noch viel schlimmer mit Al Kaida, Bin Laden und Al Sawahiri; mit Guantanamo, der CIA und dem "Krieg gegen den Terror". Neue, atemberaubende Enthüllungen der Internetplattform Wikileaks lassen "Spiegel", "Zeit", "SZ" und sämtliche übrigen deutschen Leitmedien inzwischen vermuten, dass es sich bei den Urhebern des Attentats vom 11. September 2001, die auch hinter zahlreichen anderen Anschlägen weltweit stecken sollen, um eine Art "Terrornetzwerk" handeln könnte. Mitverantwortliche der "Attacke auf Amerika" (CNN) hätten, so der "Spiegel", nach dem Einschlag der Flugzeuge Fernsehen geschaut.

Khalid Scheich Mohammed, von dem Insider bisher immer geglaubt hatten, er sei wegen der vielen Toten in tiefer Trauer gewesen, habe einem Vertrauten sogar gestanden, dass die Flugzeugattacken ein Traum von ihm gewesen seien, quasi sein Lebenswerk. Er plane eine Fortsetzung, etwa mit einem Flugzeug, dass auf den Londoner Flughafen Heathrow gelenkt werden solle, sagte der Scheich, der wegen jahrelanger Folterungen zu einem Symbol für die Verletzung der Menschenrechte durch US-amerikanische Terrorbekämpfer geworden war. Auch sollte eine Sprengung des "höchsten Gebäudes Kaliforniens" vorbereitet werden. Ein Plan, der platzte, weil die Attentäter aufgrund unklarer Vorgaben an der Klärung der Frage scheiterten, ob der Scheich den U.S. Bank Tower in Los Angeles oder die Transamerica Pyramid in San Francisco meinte.

Khalid Mohammed selbst saß zu dieser Zeit schon in Haft. Er ist bis heute einer von ganz wenigen Terroristen, die sich zu ihren Träumen von Blutbädern und Vernichtungsanschlägen bekennen. Die meisten anderen Insassen der Geheimgefängnisse von US-Präsident Georg W. Bush, enthüllt die "Süddeutsche Zeitung", seien ohne Grund und ohne Rechtsgrundlage eingesperrt worden. Obwohl sie gar nichts wussten, nichts sagen wollten, psychische Probleme hatten oder gar nur "Fußsoldaten niedrigeren Ranges" (SZ) waren, habe man sie festgehalten.

Im US-Militärgefängnis Guantanamo, bisher weltweit ein Symbol für das friedliche Zusammenleben von Menschen unterschiedlichen Glaubens, unterschiedlicher Weltanschauungen und unterschiedlicher Herkunft, habe ein "Willkürsystem" geherrscht, ordnet auch die Nachrichtenagentur dpa das Lager im Chor mit dem Rest der Berichterstatter ganz neu ein. "Unschuldige wurden eingesperrt, Misshandlungen und psychische Probleme in Kauf genommen", beschreibt die "SZ" das System Guantanamo. Viele Häftlinge seien nur festgehalten worden, weil man sie für jemanden anderes hielt oder weil sie "schlicht zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen seien" (SZ). Eine Situation, wie sie viele deutsche Leser aus den Erzählungen von Opa kennen.

Auch Hungerstreiks, Selbstmordversuche und Drohungen einiger Inhaftierter, nach ihrer Freilassung US-Soldaten umzubringen oder Selbstmordanschläge verüben zu wollen, hätten die Lagerleitung nicht veranlasst, Gefangene freizulassen. Stattdessen seien "offensichtlich Unschuldige" ähnlich wie Zeugen immer wieder vernommen worden. Angeblich, "um an mögliche Informationen zu gelangen", wie sie der "Spiegel" und alle anderen jetzt öffentlich machen: Al Kaida habe "möglichst viele Ungläubige töten" wollen, Sprengstoff habe man unter Fischen verstecken wollen, im Falle der Festnahme von Bin Laden werde eine Atombombe gezündet.

Das erschreckt viele unvorbereitete Beobachter, das entsetzt und verunsichert vor allem die Menschen, die bisher gedacht hatten, Kuba sei eine Insel, auf der Knechtschaft und Gewalt abgeschafft seien. Die geheimen Gitmo-Akten aus Guantanamo belehren alle eines Schlechteren - und das wird nicht die letzte Enthüllung sein, die von Wikileaks kommt. Als nächstes werde man mit Geheimakten belegen, dass der Papst katholisch ist.

Wie der "Spiegel" ein Wikileaks-Video selbst anfertigte und der Presserat in tiefes Schweigen fiel

Montag, 25. April 2011

Gitmo-Akten: Aus alt mach neu

Experten bezeichnen es als zweites Grundgesetz der Mediendynamik, Medienschaffende bei Qualitätsorganen wie "Spiegel" und "Süddeutsche Zeitung" nutzen es mit der hölzernen Grandezza sowjetischer Eiskunstlaufsternchen. Jede Nachricht, die älter als sechs Wochen ist, besagt jene zweite eiserne Grundregel der Propagandaarbeit, kann nach Belieben als neu und brandheiß verbreitet werden, weil sich nach exakt diesem magischen Zeitraum ohnehin niemand mehr daran erinnert, die Neuigkeit bereits einmal gekannt zu haben.

Jedes Jahr überraschen ausgesucht gut gemachte Reportagen ihr Publikum so wieder mit der Mitteilung, dass es zwar
Uran im deutschen Trinkwasser gebe, aber keine Grenzwerte dafür. Dass der ADAC einen Brückentest, einen Raststättentest und einen Fährentest gemacht und Mängel dabei gefunden habe. Und natürlich, dass die USA in ihrem grauenhaften Gefangenenlager Guantanamo unschuldige Häftlinge eingesperrt habe. Sogar, und das vermerkt die Süddeutsche ein bisschen pikiert, "viel länger, als angesichts der Vorwürfe gegen sie angemessen war".

Der "Spiegel" geht routiniert einen Schritt weiter. Völlig ohne Grund habe die Lagerleitung arme Araber eingekerkert, die eine Casio-Uhr der Bauart F-91W besessen hätten. "Jetzt veröffentlichte und dem Spiegel vorliegende Geheimdokumente zeigen, dass der Besitz einer Casio-Digitaluhr als Zeichen für einen Qaida-nahen Sprengstoffexperten galt", enthüllt das ehemalige Nachrichtenmagazin, was bisher erst seit fünf Jahren auf der geheimen Leakseite Wikipedia nachzulesen war. Der "Spiegel" aber hatte Nachschlagen hier nie nötig, denn die Hamburger Edel-Rechercheure trinken aus ganz anderen Quellen. Ein "Erkennungszeichen für Terroristen" solle die Digitaluhr der Marke Casio, genaugenommen das schwarze Modell F-91W oder die silberfarbene Variante A-159W sein, entnahmen sie den total geheimen Wikileaks-Dokumenten. Nicht den inzwischen leicht angegrauten Veröffentlichungen des US-Verteidigungsministeriums. Deshalb habe der Besitz einer dieser Uhren US-Militärs als "Anzeichen für ein Qaida-Training mit unkonventionellen Spreng- und Brandvorrichtungen" gegolten.

Man hört das Gelächter der Edelfedern. Was für ein Unsinn, soll der Leser da natürlich denken. Wie naiv sind denn diese Amerikaner? Glauben, dass eine Uhr sie erkennen lässt, wer Terrorist sein könnte! Dass 52 von nicht mal 800 Guantanamo-Insassen eine Uhr vom selben Modell besaß - obwohl es weltweit wahrscheinlich mindestens 20.000 vergleichbar billige und funktionale Modelle gibt - ist allerhöchstens Anlass, über die Ermittlungsmethoden zu spötteln, nicht aber, Wahrscheinlichkeitsberechnungen anzustellen. Diese sieben Prozent aller unschuldig eingesperrten Guantanamo-Opfer haben sich beim Kauf natürlich rein zufällig für eine Casio F-91W oder A-159W entschieden.


Blutbad im Spiegel-Hochhaus
Irland wackelt, Al Kaida warnt

Am Badestrand der Vierbrüster

Drei, vier oder fünf Brüste in einem Porno, in dem Paris Hilton, ihre Schwester Nicky und die nackte Heidi Klum nicht mitspielen, ein Bordsteinkick direkt vor der Tür des örtlichen Polizeireviers, in dem gerade mehrere stark blutende Opfer der Schweinegrippe mit brennendem Luminol behandelt werden, während eine Blondine aus Kairo ihre Schlangentattoos aufreizend bedeckt hält wie Bettina Wulff, deren Hautmalereien eine unklare Herkunft nachgesagt wurde. Doch echte Erotik, behauptet ein Internetnutzer, der in einem geschlossenen Forum jahrelang als "Junker Jörg" in Erscheinung trat, "hat nichts mit Kinderfickern zu tun."

Aber da sind Aliens auf der Autobahn, ruft Gerhard Schröder, der vielleicht illegale Parteispenden angenommen hat, dazu aber nicht Stellung nehmen wird. Der Doktortitel ist echt! Die als "FDGO" sprichwörtliche freiheitlich-demokratische Grundordnung ist kein Badestrand für emeritierte Nazis, und erst der Umbau der äußeren Geschlechtsorgane machte aus dem früher stark behaarten Skinhead Mike die attraktive Linken-Kandidatin Monika Strub. Heidi Klum ist sie nicht, nackt aber fast so interessant wie die splitternackte Pippa Middleton, finden die Besucher zahlreicher Internetseiten, die mit erotischen Fotos des Opfers der modernen OP-Industrie werben.

Ein kleiner Schnitt für die Menschheit, ein großer Erfolg für die wehrhafte Demokratie, die sich das Treiben von wildgewordenen Landadligen wie "Junker Jörg" nicht mehr lange bieten lassen wird. Wegen einer vor fünf Jahren ohne Genehmigung der Behörden in einem geschlossenen Forum verbreiteten Bombenbastelanleitung, deren Funktionsfähigkeit fraglich ist, ermittelt mittlerweile die Generalstaatsanwaltschaft in Naumburg gegen führende Kreise der "braunen Brut" (Angela Merkel). Ein Fall, von dem nie mehr jemand irgendetwas hören wird.

Ersten Umfragen nach der Abwahl der NPD als Schreckgespenst aller Demokraten zufolge sind auch viele Wähler und auch einige wenige Wählerinnen enttäuscht vom saft- und kraftlosen Auftreten der Neonazis. "Das ist nicht mehr meine NPD", sagte ein Mann, der unerkannt bleiben wollte, am Rande einer virtuellen Wahlveranstaltung der Rechtspartei im amerikanischen Videoportal Youtube.

Statt Andersdenkende zusammenzuschlagen und den altbewährten Bordsteinkick anzuwenden, spiele sich der Wahlkampf häufig an Laternen und im Internet ab. Ziellose Gewalt gegen Menschen, die anders denken, anders aussehen und anders sprechen werde unverständlicherweise zugereisten jungen Männern überlassen. Es sei kein Zug mehr in der Truppe, was aber kaum verwundere. "Denn wo sich der Chef mit dem verarmten Landadel identifiziert, gehen die Fußsoldaten von der Fahne."

Das fatale Ergebnis könne auch in Mitteldeutschland eine Welle an neuen Missbrauchsfällen pünktlich zum 25. Jubiläum der Bombardierung der Residenz des libyschen Machthabers Muammar Gaddafi durch US-Bomber im April 1986 sein. Entschlossen, den Festtag würdig zu begehen, hatten Nato-Bomber den eben erst wiederaufgebauten Palast des Bösen als Beitrag zum diesjährigen Osterfrieden erneut bombardiert, um die von der Uno verhängte Flugverbotszone auch im Inneren des Gebäudes durchzusetzen.

Der Hang zum Wahnsinn stecke im Menschen drin, sagte der Kriminalpsychologe Pfeifffffer, der in der Wiedereinführung der Kollektivaufzucht an sogenannten "Kitas" und "Ganztagsschulen" ein Muster erkennt, das ihm von seinen Untersuchungen des Gruppentopfens in der DDR bekannt vorkommt. "Bei den Kitas handelt es sich ganz offensichtlich um Kindergärten", sagt Pfeifffer, "Ganztagsschulen hießen früher Grundschule mit Hort." Offenbar seien hier nur die Namen geändert worden. Unter anderem nenne sich Paris Hilton jetzt "Lindsey Lohan", der Papst gebe sich als "Benedikt" aus, Guttenberg heiße nun de Maiziere, der Innenminister hingegen offenbar "Friedrich".

"Sehr schön, in der Tat werde ich wahrscheinlich die Software herunterzuladen", schreibt ein verwirrter Kommentäter zur frühen PPQ-Notiz "Wow, die Drogen wirken". Das tun sie offenbar wirklich.

Sonntag, 24. April 2011

Vatikanstadt öffnet sich für Flüchtlinge

Papst Benedikt XVI. hat am Sonntag vom Balkon des Petersdoms den traditionellen Ostersegen «Urbi et Orbi» («Der Stadt und dem Erdkreis») erteilt. Zehntausende Gläubige verfolgten die Zeremonie auf dem Petersplatz in Rom. Dabei rief das Oberhaupt der katholischen Kirche zu einer friedlichen Lösung des Konflikts in Libyen auf und forderte Solidarität mit den allen Flüchtlingen aus Afrika.

Angesichts der hohen Zahlen von Flüchtlingen aus Nordafrika rief der Papst alle Länder dazu auf, sich mit den Flüchtlingen solidarisch zu zeigen und «ihr Herz für die Aufnahme» der Menschen zu öffnen. Organisationen und Einzelpersonen, die den Flüchtlingen helfen würden, gebühre sein Respekt, sagte der Papst, der ankündigte, sein eigenes Land, die Vatikanstadt, für alle Flüchtlinge aus Nordafrika öffnen zu wollen.

Vatikanstadt sei zwar nur knapp einen halben Quadratkilometer groß, sagte der Heilige Vater, habe aber derzeit auch nur 884 Einwohner. Verglichen mit dem ähnlich kleinen Monaco, das 32.000 Menschen beheimate und mit einer Bevölerungsdichte von rund 16.000 Menschen pro Quadratkilometer außerordentlich prosperiere, könne Vatikanstadt mindestens 7000 Flüchtlinge aufnehmen. Das werde man von nächstem Dienstag an tun, um der Welt ein Beispiel zu geben.

Der Himmel über Halle XXXVI

Da mag der typische Hallenser über den dauernden Zwist im Rathaus schimpfen, da mögen Ostermarschierer im halben Dutzend die österlich leergefegten Straßen blockieren und die Straßenbahnen fünfmal im Jahr ihre Fahrpläne ändern - zuverlässig bleibt es dabei, dass Halle seinem Ruf als deutsche Himmelshauptstadt gerecht wird. Seit Jahren schon lässt die von Himmelsfreunden weltweit kultisch verehrte Stadtverwaltung keine Gelegenheit aus, Ortsansässigen und Zugereisten zu zeigen, wie ein ordentliches Skyspektakel auszusehen hat.

Zu Ostern musste es natürlich ein Ei sein, das die mit der Ausgestaltung beauftragte Firma aus Nempitz ans Firmament zauberte. Rosig glühend straft das für alle Einwohner und ihre Gäste kostenlos zu bestaunende Bild alle Dioxin-Vorwürfe an die deutsche Eierindustrie Lügen: Weder Chemtrails noch Radioaktivität ist da zu sehen. Nur ein halb weiß, halb unschuldig pinkfarbenes Ei. Und purer, purpurner Himmel.

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Samstag, 23. April 2011

Wer billig kauft, kauft billig

Kaum waren die "kruden Thesen" (dpa und alle anderen) des manchesterkapitalistischen Nochmal-Nazis Thilo Sarrazin unter lautem Protest aller "fortschrittlichen Kräfte" (Egon Krenz) von der SPD inkorporiert, schon erhebt die asozialdarwinistische Schlange schon wieder ihr gräuliches Haupt. Hatte der eher gut besoldete als gut beleumundete Sarrazin noch vor einiger Zeit getönt "Man kann sich auch von einem Transfereinkommen ausgewogen und gesund ernähren", so sprang ihm jetzt die Supermarktkette Netto ("Mehr Netto vom Netto") überraschend zur Seite. Für seine Äußerungen war Sarrazin damals von der Linken-Politikerin Heidi Knake-Werner noch mit dem genialischen Gedanken, Armut bedeute mehr, als nicht genügend Geld zu haben, gemaßregelt worden. Solche rhetorischen Glanzstücke sind mit Erscheinen des neuen Netto-Werbeprospekts leider nicht zu erwarten. Dass die menschenverachtende Doktrin des "Wer billig kauft, kauft billig" jeztzt auch im deutschen Einzelhandel Einzug gehalten hat, scheint niemanden zu stören. O tempora, o mores.

Wofür wir gern werben: Blaulichtsport

Knackige Damen
für kleines Geld, obszöne Versuchungen ohne Luft , echte Ostalgie und die über alles
geliebte Bundesregierung - immer wieder haben wir bei PPQ das Vergnügen, von unserem großen Partner Google, mit wir auch das weltweit einmalige Kachelverzeichnis betreiben, sinnliche und im ersten Moment sinnlos erscheinende Werbebanner eingeblendet zu bekommen. Immer wieder aber fragen uns Leser, Leserinnen und LeserInnen, wie es wohl kommt, dass sie eine reizvoll gestaltete Anzeige für frivole Online-Spiele zu sehen bekommen, ihre Partnerin aber Herrenunterhosenreklame oder geschickt gemachte Propaganda für iPhones, iPad und eine auf Online-Scheidungen spezialisierte Anwaltshotline.

Die Antwort ist einfach: Nicht nur Apple verfolgt seine Kunden auf Schritt und Tritt, auch Google tut das. Wer immer auf seinem Rechner das Häkchen für "Cookies setzen" angeklickt hat, gestattet nicht nur Webseiten, die er besucht hat, sich zu merken, wer er war. Sondern er erlaubt auch den Seiten, die er nachfolgend aufsucht, sich anzuschauen, aus welcher mutmaßlichen Interessenlage heraus er unterwegs ist. So sehen Tierfreunde bei uns häufig Tierfutterwerbung, die wir selbst als erklärte Freunde gebratener Zuchttauben und Papageien im Federmantel noch nie gesehen haben.

DDR-Nostalgiker können sich mit einem Klick auf das "Ostalgie-Shop"-Banner mit zünftigen Arbeiter- und Bauernmode versorgen, Spekulanten finden Zugang zu Börsenbriefen, die ihnen die ganze Welt des Betruges öffnet, und SPD-Anhänger können dem früheren Bankenaufseher Peer Steinbrück durch den Kauf seines Buches "Unterm Strich" helfen, sich vom derzeitigen Amazon-Verkaufsrang 5548 etwas näher an das Sarrazin-Machwerk "Deutschland schafft sich ab" (Amazon-Platz 8) heranzurobben.

Hooligans hingegen, die sich auf der Suche nach der dritten Halbzeit in unser gewaltfreies Eckchen verirrt haben, sehen derzeit häufig Werbung für "Blaulichtsport.de", ein Portal, das "Sportnahrung für Ausdauer, Kraft u. Muskelaufbau" ausschließlich "für Angehörige v. Polizei, Feuerwehr, Rettungsdienste, Justiz, Zoll" anbietet. Ein Schritt nach vorn auch für uns, die wir früher von Google häufig Reklame für MfS Stasi Porn übergeholfen bekamen, wie sich Nutzer, Nutzerinnen und NutzerInnen seinerzeit gehäuft beschwerten. Damals konnten wir nur antworten, es liegt an Euch, nicht an uns. Heute sagen wir stolz: Das haben wir zusammen erreicht!

Mehr intime Datenspuren, mehr
ortsgebundene Bannerwerbung

Krude Thesen werden Grundwert

Der Kampf war ein ungeheurer, nun aber ist die Einheit der Partei der Arbeiterklasse wiederhergestellt. Hatte Sigmar Gabriel, der immer noch amtierende Pop-Beauftragte der deutschen Sozialdemokratie, den sozialdarwinistischen Fast-Faschisten Thilo Sarrazin auf dem Höhepunkt der besinnungslos um den deutschen Medienglobus fauchenden Abschaffungsdebatte noch gebeten, sich selbst als SPD-Mitglied abzuschaffen, hat das reisende SPD-Standgericht unter Führung der Menschenrechtsmusketierin Andrea Nahles jetzt beschlossen, dass die von Sarrazin auf die Bestsellerlisten gehobenen Sozialfaschismus-Theorien künftig sozialdemokratische Grundwerte sein sollen. Ein Parteiausschuss des umstrittenen ehemaligen Finanzsenators sei damit überflüssig geworden, alle Anträge auf die Durchführung eines entsprechenden Feme-Verfahrens wurden am Gründonnerstag zurückgezogen.

Die SPD-Spitze um Gabriel, der die deutsche Sozialdemokratie aus einen Umfrageloch von 23 Prozent wieder auf Wahlergebnisse von 24 Prozent gehievt hat, macht damit einen überzeugenden Rückzieher. nachdem man sich beim Vorgehen gegen Sarrazin bislang am Vorgehen der DDR-Führung gegen den Liedermacher Wolf Biermann orientierte, weil der sich ebenso wie Sarrazin "außerhalb unserer Gesellschaft" gestellt hatte,gemeindet die SPD den "bösartigen Wahrheitsverdreher" (Thomas Lehr) jetzt friedlich ein. Kein Thema sollen mehr Vorwürfe sein, Sarrazin spreche schlecht Englisch, er sei kein Molekularbiologe und, das hatte die Wissenschaftlerin Naika Foroutan von der Berliner Humbold-Uni öffentlich gemacht, er erwähne in seinem Buch nirgendwo die Erfindung von Facebook.

Frank Steinmeier, ein ehemaliger Kanzlerkandidat, ist froh über den Ausgang des Verfahrens. Eine Partei habe Grundsätze und Werte. "Wenn die SPD nicht reagiert hätte, hätte mich das tief beunruhigt", sagte der frühere Spitzenpolitiker bei den Dreharbeiten zum Sequel seines erfolgreichen ersten Kinofilms "Up" ("Oben"), in dem er wieder den zeichentrickanimierten ehemaligen Luftballonverkäufer Carl Fredricksen spielen wird.

Auch der Wahl-Magdeburger Sigmar Gabriel ist am Ziel seiner Wünsche. "Wer uns empfiehlt, diese Botschaft in unseren Reihen zu dulden, der fordert uns zur Aufgabe all dessen auf, was Sozialdemokratie ausmacht: unser Bild vom freien und zur Emanzipation fähigen Menschen", hatte er zu Beginn des Standgerichtsverfahrens angekündigt. Sarrazin behaupte dreist, Menschen seien intellektuell mehr oder weniger begabt und teilweise fauler, teilweise aber auch fleißiger.

Das könne ein Sozialdemokrat so wenig hinnehmen wie die krude These, Menschen seien manchmal größer, manchmal kleiner, einige hätten dicke Bäuche und andere könnten schneller laufen. Mit seinen Äußerungen habe Sarrazin die "Sozialdemokratische Partei- und Wertegemeinschaft verlassen", nun aber habe die SPD ihre Werte mit Blick auf die anstehenden Wahlen in Berlin derart angepasst, dass der ehemalige Finanzsenator sich wieder zu Hause fühlen könne im Kreise seiner Genossen. Endlich akzeptiere "die Partei ausdrücklich Rechtspopulismus in ihren eigenen Reihen", lobt Heise.de.

Austritt: Müntefering will nicht mehr integrieren

Freitag, 22. April 2011

Wer hat es gesagt?

Die gegenwärtige Gesellschaft, also das Sosein und das Heutesein, das regelt die Marktwirtschaft und ein Set von Gesetzen und funktionierenden Gerichten und eine ordentliche Polizei. Dafür braucht man die Politik eigentlich nicht, außer um vielleicht ab und zu mal ein Band durchzuschneiden.

Offenbarungseid zum Osterfest

Es fängt mies an, und wird dann immer schlimmer. Es sind die entscheidenden Spiele, die der Hallesche FC in diesen letzten Tagen der Regionalliga-Meisterschaft 2010/2011 zu bestehen hat, es geht um alles, denn es geht um die Plätze für das kommende Jahr. Und wie es aussieht, hat nicht nur das Publikum keine Lust mehr auf Fußball, sondern auch die Mannschaft von Trainer Sven Köhler. Gerade eintausend sind noch gekommen zum unwichtigen Spiel gegen den Hamburger SV, dem eine Vorgängermannschaft des HFC 60 Jahre früher noch ein sagenumwobenes 2:2 abgerungen hatte.

Hier nun läuft es anders, von der ersten Minute an. Köhler, gleichbleibend beim ständigen Wechsel seiner Startformation, hat diesmal den ehemaligen Fußballgott Thomas Neubert wieder ins Sturmzentrum gestellt. Lindenhahn und Aydemir bleiben draußen, dafür besetzen die Stürmer Dennis Mast und Angelo Hauk die Außenpositionen und in der Mitte spielt Phillip Schubert für Boltze den zweiten defensiven Mittelfeldmann hinter Pavel David, den Matchwinner des Derbys in Magdeburg.

Theoretisch sind so vier Stürmer auf dem Platz, praktisch stürmt Hamburg. Die Hallenser hingegen wirken vom Anpfiff weg motiviert wie eine Gruppe deutscher Pilzsucher in Weißrussland: Wer weiß, ob man das essen kann? wer weiß, was es bringt, hier zu gewinnen? Wie beim letzten Heimspiel gegen Kiel deutet sich die Heimpleite schon nach wenigen Minuten an. Telmo Texeira, einer der fast schon rausrotierten Kandidaten für kommende Saison, steht auf der rechten Abwehrseite neben den Schuhen. Christoph Klippel, Kandidat Nummer 2, deutet in der Innenverteidigung hauptsächlich mit dem Mund an, dass er einer der berühmten "Leader" ist, von denen Fußballreporter im Fernsehen so viel reden.

Auf dem Platz ist einmal mehr Marco Hartmann der Chef, aber er ist heute sehr allein. Angelo Hauk hat seine kurze Karriere als treffsicherer Stoßstürmer schon wieder beendet, er wedelt wieder viel mit den Armen und behauptet keinen Ball. Dass lässt sich vom vielverspotteten Thomas Neubert nicht sagen: Er hat in der ersten Hälfte zwar zwei Dutzend Male Probleme, einen Ball anzunehmen. Einmal aber gelingt es.

Was die vom Saisonverlauf früh ernüchterten Fans auf den Behelfstribünen des Neustädter Alptraumstadions sehen, ist ein Offenbarungseid zum Osterfest. Wie in den bösen alten Tagen, da noch jede kurze Siegesserie mit gnadenloser Unbedingtheit aus eigener Kraft beendet wurde, läuft es hier nach Plan. Hamburg kommt, Halle steht. Nach 35 Minuten spricht die Eckenbilanz Bände: Hamburg fünf, Halle null. Sven Köhler, der seine besten Leute wohl mit Blick auf das Pokalhalbfinale beim unterklassigen SV Landsberg in vier Tagen schont, ist einmal mehr um die Erkenntnis reicher, dass es bei der zweiten Reihe nicht reicht.

Nach 37. Minuten können das auch die sehen, denen es bisher nicht aufgefallen ist: Über Nico Kanitz´ linke Seite trabt Ofuso locker bis in Höhe Elfmeterraum, er zieht zwei, drei Schritte nach innen und schießt in Robben-Manier ins Tor.

Im Grunde könnte jetzt abgepfiffen werden. Die Körpersprache der Hallenser sagt alles über den weiteren Spielverlauf. Da ist nichts, und da kommt nichts. An Thomas Neubert läuft das Spiel ebenso vorbei wie an Angelo Hauk und Phillip Schubert. Telmo Texeira ist ein ständiger Unruheherd in der eigenen Abwehr. Einzig Dennis Mast gelingen ab und an mal Flankenläufe. Seine Flanken aber erreichen entweder niemanden. Oder es ist gar nicht erst jemand mitgelaufen.


Gegen Kiel hatte es bis zur 61. Minute gedauert, bis alles entschieden war. Heute müssen die Fans sieben Minuten länger warten. Dann holt der bis dahin zuverlässige Mouaya einen Hamburger von den Beinen, den Strafstoß verwandelt Kazior sicher. Im Gegenzug keimt noch einmal Hoffnung, als Mast drei, vier Hamburger ausdribbelt und dann ebenfalls im Strafraum gelegt wird. Doch Pavel David schießt den folgenden Elfmeter mit der Wucht eines F-Jugendkickers und der Genauigkeit eines englischen Nationalspielers in die Arme von HSV-Torwart Mickel.

Jetzt wird es leidenschaftlich, jetzt wird es boshaft und gemein. Auf dem Platz spielen die Rotweißen ihrem Anhang Einsatz vor, indem sie Rangeleien mit Hamburgern suchen, bei denen die aus Gründen der Zeitersparnis natürlich gern mitmachen. Auf den Rängen reißt derweil der dünne Firnis der Fußball-Zivilisation. Ältere Männer in Socken, Sandalen und knielangen Hosen schreien "Aua, aua" und die früher üblichen Sätze mit Busch und Dschungel, während grellblondierte Mädchen neben ihnen, die wie gemacht scheinen für einen Karriere bei "Frauentausch", gellend fordern, der Schiedsrichter solle den gerade gefoulten Hamburger doch bitte schön gleich noch ficken.

Dabei gibt es keinerlei Grund für Aufregung, wie Trainer Köhler auf der anderen Seite des Platzes beispielhaft vorlebt. Stoisch steht der Mann in Schwarz da, das Kinn schwer in die Hand gestützt, eventuell ratlos, eventuell aber auch nur am Ende seines Lateins. In den großen Begegnungen mit namhaften Gegnern gelingt es ihm prima, seine Leute zu motivieren. Doch geht es um nichts, geht gar nichts. Es ist - bei zwei noch ausstehenden Begegnungen - so bereits das vierte verlorene Heimspiel in dieser Saison. Im vergangenen Jahr waren insgesamt nur drei verloren worden, im davor sogar nur zwei. Eine Tendenz. Und keine gute.

Donnerstag, 21. April 2011

Legespiele mit Russisch Brot


Sozialministerin Ursula von der Leyen hätte es besser wissen müssen. Ihr grandios gescheitertes Bildungspaket ist nämlich in der lokalen Mini-Version schon einmal vor den lokalen Mini-Baum gefahren worden. Rund 3 500 hallesche Kinder und Jugendliche im Alter von neun bis 15 Jahren hatten im Herbst 2010 von der Kulturhauptstadt Sachsen-Anhalts so genannte "Kulturgutscheine" zur Verfügung gestellt bekommen. Damit hätten sie eine von insgesamt 14 Einrichtungen kostenlos besuchen und sogar eine Begleitperson wie Oma oder Mutti mitbringen können. Doch gerade einmal jeder neunte Gutschein wurde genutzt. Das sollte sich im November ändern. 3 174 Dritt- bis Neuntklässler erhielten Post von Oberbürgermeisterin Dagmar Szabados. Darin erinnerte die rührige OB daran, dass zur Verfügung gestellte Geld nicht nur für putzige Legespiele mit Russisch Brot zu verwenden, sondern gefälligst die Stradivari in die Hand zu nehmen und endlich diesen Händel nachzuspielen. Auf die Frage "Welchen Händel?" hat Szabados leider bis heute keine Antwort gefunden.

Nimm ein Ei mehr

Wenn das kein hoffnungsfrohes Zeichen für den Atomausstieg ist! Fünf Jahre nach dem Beschluss des Bundestages zum deutschen Ausstieg aus der Legehennenhaltung ist der von Kritikern und Lobbyisten der Hennenhaltungsindustrie zuvor heraufbeschworene Eiermangel ausgeblieben. Die Versorgung mit Eiern, teilte das Statistische Bundesamt passend zum Osterfest mit, sei trotz des Ausstiegsbeschlusses aus dem Jahr 2006 gesichert. Im letzten Jahr hätten die Deutschen so rund 17,5 Milliarden Eier verzehren können, etwa 214 pro Kopf oder rund 1,5 Prozent mehr als im Jahr zuvor, und das trotz der von vielen Verbrauchern inzwischen vergessenen sogenannten Dioxinkrise.

Nahezu jedes zweite Ei wurde dazu eigens aus dem Ausland herbeigeschafft. Insgesamt 8,1 Milliarden Eier importierten deutsche Unternehmen im Jahr 2010, dafür wurden an Legebatteriebetreiber in Polen, Tschechien, Frankreich und Dänemark knapp 600 Millionen Euro gezahlt. Gegenüber 2009 stieg die Zahl der in Deutschland verzehrten Eier aus dem Ausland um 600 Millionen Stück oder knapp acht Prozent. Im Vergleich zum Jahr 2000 wurden sogar fast 86 Prozent mehr Eier importiert.

Spielkonsolen im Bildungspaket

Die Armen wollen das Geld nicht haben, das der Staat ihnen gern geben würde. Vielleicht, man weiß es nicht, sind sie zu arm, einen Antrag stellen, zu ausgegrenzt, um überhaupt von der Antragsmöglichkeit gehört zu haben. Oder schlicht, wie frühere FDP-Chefs vielleicht gesagt hätten, zu faul und tranig, Wohlstand anzunehmen, wenn er nicht gänzlich anstrengungslos vorbeigebracht wird.

Ursula von der Leyen, die Erfinderin des Bildungspaketes, das am Desinteresse der zu Bildenen zu scheitern droht, verbessern, mag ähnlich Befürchtungen haben. In einem Land, dessen Wesen daraus besteht, dass jeder zumindest verbal unter Verweis auf sein eigenes Gerechtigkeitsempfinden Ansprüche auf alles anmelden kann, aber nicht muss, möchte die frühere Familienministerin, die nunmehr als Sozialministerin dient, ehe sie bald Kanzlerin zu werden hofft, "betroffene Hartz-IV-Familien mit einem Brief" über ihr Recht auf die Förderung von Reitunterricht, Klavierlehrer, warmes Mittagessen und neue Schulranzen informieren.

"Bildung der Kinder ist der Weg aus Hartz IV", verriet die als "Zensursula" bekanntgewordene CDU-Politikerin in der Passauer Neuen Presse. Deshalb müsse man einfach jede Hartz-IV-Familie einzeln anschreiben. Schließlich sei der fürsorgliche Staat als Instrument geschaffen worden, möglichst alle Menschen bei jeder Gelegenheit an der Hand zu nehmen und ihnen ein schönes Morgen zu zeigen. Zwar könne man “das Bildungspaket mit einem einseitigen “Ankreuzer” beantragen, "einfacher geht es wirklich nicht”, verweist von der Leyen stolz auf Erfolge einer weitsichtigen Politik, die den Menschen dort abholt, wo er ist.

Doch “nicht alle sind darin geübt, die richtigen Angebote zu finden”, weiß sie, weshalb Hilfe dringend nottue. Die bisherige Bilanz des Bildungspaketes sei nur so zu erklären. Nachdem 2,6 Millionen Euro für Plakate, Werbeflächen und kleine, pfiffige Promo-Filmchen ausgegeben worden waren, hatte sich rund ein Prozent der Fördermittelberechtigten bereit erklärt, die Zuweisung von Geld zu beantragen.

Andere meinte jedoch, ihre Kinder wollten weder Fußball spielen noch zur Ballettschule gehen, auch nicht gegen Bezahlung. Die Wünsche gingen mehr in Richtung Nintendo Wii plus das große Sportspielepaket. Auch machten einige ihre Zustimmung zur Annahme zusätzlicher staatlicher Mittel davon abhängig, dass von der Leyen sie persönlich bitte, ihre Kinder zur Teilhabe einzuladen. Die Ministerin überlegt wohl noch: Eine erste Meldung, nach der sie bereit sei, jeden einzelnen Hartz4-Empfänger persönlich anzuschreiben, ließ sie ihre Sprecherin inzwischen dementieren. Vorerst gebe es eine Fristverlängerung für die die Anträge bis zum Sommer,hieß es. Wer danach keine Fördermittel beantragt habe, bekomme die Leistungen aus dem Bildungspaket automatisch zugewiesen. Dabei werde das Sozialministerium mit dem japanischen Hightech-Konzern Nintendo kooperieren. Somit könne jedem Bedürftigen ab Juni die von vielen Betroffenen geforderte Wii-Konsole mit einer Grundausstattung an sportlichen ("Nintendo Family Ski")und bildenen Spielen ("Prof. Kawashimas Gehirnjogging", "Little Amadeus") zur Verfügung gestellt werden.

Peter & Nadine beantragen Bildungspaket: Ein deutscher Liebesfilm
Arm trotz Flaschenpfand

Mittwoch, 20. April 2011

Polizeiruf 110: Krimi im Koma

Seht ihr, Verbrecher, so wird das gemacht. Wenn Kriminalhauptkommissar Herbert Schmücke und sein Kollege Herbert Schneider gemeinsam mit Kriminaloberkommissarin Nora Lindner auf Gangsterjagd gehen, dann wird Halle an der Saale, die ehemalige Kultur- und Sportstadt, zum Schauplatz betulicher Ermittlungsarbeit.

Es gilt stets, leicht trottelige Schufte zu fangen, dabei aber weniger Sozialarbeit zu leisten als die gesellschaftspolitisch viel engagierteren Kommissarsdarsteller vom "Tatort" jede Woche nebenbei erledigen müssen. Jaecki Schwarz und Wolfgang Winkler könnten, wäre die Mauer nie gefallen, in denselben Anzügen mit denselben Mienen dieselben Schufte verfolgen, ihre ironiefreien Dialoge dürften so gesagt werden und das Halle, das im Hintergrund als Schauplatz vorbeigefahren wird, sähe von Profis beleuchtet nicht anders aus.

Denn wo die US-Konkurrenz von CIS und CSI sich auf absurde Fälle, grausame Details und überraschende Wendungen konzentriert und skandinavische Ermittler spannende Fersehunterhaltung zu liefern bemüht sind, präsentieren die mitteldeutschen Chefermittler seit 15 unendlich scheinenden Jahren das Graubrot der zum Gähnen langweiligen Kleinbürgerkriminalität. Das zieht sich, das streckt sich, dazwischen erhebt Schwarz als Schmücke, der aber auch Winkler als Schneider spielen könnte, als Reinkarnation des an seiner Erdenschwere leidenden Gerichtsmediziners Quincy das Haupt, ehe Winkler als Schneider, der keine Probleme hätte, Schwarzens Schmücke zu geben, ein paar Widerworte vom Stapel lässt.

Schon in der Herstellung sind diese Filme so schusselig wie das Ermittlerduo altes Ehepaar. Pistolen werden hier vor jedem Einsatz ratschend durchgeladen, nie aber entsichert. Rufen sich die Kollegen gegenseitig an, und das tun sie pro Film wenigstens ein Dutzend Mal, dann immer durch Eingabe der kompletten Nummer per Fingertipp - Kurzwahltasten haben Polizeihandys in Mitteldeutschland bis heute nicht.

Die Erben Peter Borgelts, dessen Oberleutnant Fuchs es auf sagenhafte 84 rasante Einsätze im schnittigen Ermittler-Wartburg brachte, müssen sich laut Drehbuch weder Logik noch um Realitätsnähe scheren. Führen sie eine Vernehmung, dann heißt die "Verhör", doch sie führen kein Protokoll. Und führen sie dann doch mal eins, wie in der letzten Folge "Ein todsicherer Plan", dann elektrisch. Die Regie blendet, sichtlich stolz über den Einfall, das Diktiergerät ein, das zeigen soll, wie jedes verräterische Wort des Zeugen hochmodern mitgeschnitten wird. Eine Lampe blinkt rot und wichtig. Es ist die, die Aufnahmebreitschaft anzeigt. Noch einmal drücken, dann würde das Gerät wirklich aufzeichnen.

So arbeitet es wie die ganze Mannschaft am Set: Hinter der Kamera tun sie so, als ob sie einen Krimi drehen. Vor der Kamera tun sie so, als ob sie schauspielern. Der Zuschauer tut so, als ob er zuschaut.

So nah am Leben, so nah am Wahnsinn. Schmücke wurde in der Folge übrigens angeschossen. Komatös im Krankenbett liegend, löst er den Fall. Also alles wie immer.


Ende einer klebrigen Kampagne

Am schlimmsten war das Warten. Der 20. April des vergangenen Jahres hatte wie schon einmal ein 20. April gedroht, den Untergang der Menschheit einzuläuten. Ein Ölplattform war mitten im Golf von Mexiko explodiert, elf Menschen starben, Öl trat aus, Greenpeace-Experten und deutsche Journalisten versammelten sich am Ufer, um das Eintreffen der braunen Brühe in die Heimat zu übertragen. denn hier, das war nicht nur der "Frankfurter Rundschau" klar, hatte man es mit dem "Tschernobyl der Ölindustrie" zu tun, einer "Menschheitskatastrophe" (dpa), wie sie "noch nie" (dpa) oder doch ziemlich lange nicht dagewesen war.

Es war das Wochenende nach der Aschemonster-Katastrophe, als der innereuropäische Zivil-Flugverkehr, die Älteren erinnern sich, erstmals seit 1944 wieder komplett eingestellt wurde. Das Volk wollte es hart, es wollte büßen müssen, seine Lebensweise bereuen wollen. Aber das Öl, das doch auslief und auslief und auslief, es kam einfach nicht an am Ufer, wo die Kameras standen. Vier Tage hielten sich die Berichterstatter mit trickreichen Vergleichen über Wasser. Fast 10.000 Quadratkilometer messe der Ölteppich vor der Südküste der USA inzwischen, "das ist nahezu die Hälfte der Fläche Hessens" meldete die "Tagesschau" bildhaft wie die "Sendung mit der Maus". Die Maus hätte anschließend eine Karte von Hessen in eine Karte des Golfs von Mexiko projiziert. Denn der ist nur 75 mal größer als das kleine deutsche Bundesland, damit also nur 150 Mal größer als der Ölteppich - dieser bedeckte also eigentlich doch nur 0,66 Prozent der Gesamtfläche des Gewässers.

Die "Tagesschau" aber ist nicht dazu da, darüber zu informieren, was ist. Hier wird erzogen. Und so ging die "Aktuelle Kamera" schließlich entschlossen ins Risiko: Vier Tage hatte sich am Strand kein bisschen Öl gezeigt, das Publikum wurde ungeduldig, Bilder mussten her. Als zeigte das Erste als erster Sender einen ölverschmierten Vogel, über den ein engagiert schauendes Umweltschutzmädchen sagte, man werde ihn "mit klarem Wasser abwaschen", um das Öl zu beseitigen. Wie der Vogel sich hatte ölig machen können und wie er dann völlig zugeklebt ans Ufer geflogen war, blieb bis heute ungeklärt.

Und es wird auch keine Antwort mehr geben. Zwölf Monate haben gereicht, den "Öl-Gau" (dpa) aus Gedächtnis von Opfern und Geopferten zu löschen, obgleich wahre Öko-Poeten ihre Tinte für die gute Sache gaben. "Unter dem Golf von Mexiko spuckt das defekte Steigrohr der versunkenen Bohrinsel "Deepwater Horizon" weiter schmieriges Rohöl ins Meer", schwelgte die "Frankfurter Rundschau" seinerzeit in einem wahren Füller-Ejakulat: Wissenschaftler entdeckten, hieß es, "immer neue gewaltige Schwaden, die wie U-Boote unter der Oberfläche treiben. Noch sind sie unsichtbar, doch Teile wurden von der Golfströmung erfasst: Gut 700 Kilometer entfernt könnten sie bald an der Südspitze Floridas auftauchen und Korallenriffe verkleben."

Das passierte dann aber nicht. Ein bisschen Rumoren noch im politischen Raum, ein Moratorium für flache Tiefseebohrungen in der Nordsee zur Gewissenberuhigung und eine Gesamtabrechnung über "78 Millionen Liter Öl, die insgesamt ausliefen". Natürlich Liter, nicht Tonnen, denn wie immer soll die Kraft der großen Zahl wirken dürfen. Die seriöse "Sendung mit der Maus" hätte ihren Zuschauern verraten, dass 78000 Tonnen etwa der Menge Öl entsprechen, die Deutschland in drei Tagen verbraucht. Die "Tagesschau" tut das nicht.

Denn dann würde jedem einleuchten, dass die Menge nicht ausreicht, um den Golf von Mexiko, der viermal größer ist als Deutschland und zudem bis zu 4000 Meter tief, zu "verseuchen" (Frankfurter Rundschau). Den Rest erledigten Chemie und Bakterien, wie die "Zeit" in ihrem Geburtstagsartikel mit dem Titel "Wo ist das Gift geblieben" enttäuscht konstatiert. "Vierzehn Monate nach dem Gau", weiß das Blatt in seiner aktuellen Ausgabe aus dem kommenden Juni zu berichten, scheine "das Öl fast wie vom Meer verschluckt". Natürlich finde man hier und da noch kleinere Öllachen. "Doch überall in der Marsch sprießen wieder junge, grüne Halme. Auch an Orten, wo vor Jahresfrist noch alles schwarz war und man fürchtete, das Öl hätte gewaltige Todeszonen geschaffen."

Man ist immer gut. Man ist man nie selbst. Man sind Leute, die damals in der "Zeit" schrieben, die "BP-Katastrophe Deepwater Horizon wird nicht folgenlos bleiben". Es werde eine Energiereform geben, denn diese sei eine ganz andere Art von Ölkatastrophe. "Ihre Folgen seien nicht so rasch sichtbar wie nach dem Unfall des Tankers Exxon Valdez vor Alaska. Aber ihr Ausmaß ist auf die Dauer viel schlimmer. Nicht nur Monate, sondern Jahre werden Mensch und Natur die Auswirkungen spüren."

Viel schlimmer. Auf die Dauer. Und wie: "Rund 2.000 Kilo Krabben hat Fischer George Barisich innerhalb von nur zwei Tagen gefangen, so viel wie selten", schreibt die "Zeit" heute. "Zu viele Leute, die zu wenig von Ölunfällen verstehen, haben im vergangenen Sommer zu viel Unsinn verbreitet", lässt das Abendblatt einen emeritierter Professor für Umweltstudien an der staatlichen Louisiana University in Baton Rouge sagen. Wenigstens redet jetzt niemand mehr darüber. So dass der "Focus" ("Ausgetretenes Öl erstickt Ökosystem im Golf von Mexiko") die immer gern genommene Überschrift "Die vergessene Katastrophe" noch mal verwenden kann.

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