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Montag, 25. April 2011

Gitmo-Akten: Aus alt mach neu

Experten bezeichnen es als zweites Grundgesetz der Mediendynamik, Medienschaffende bei Qualitätsorganen wie "Spiegel" und "Süddeutsche Zeitung" nutzen es mit der hölzernen Grandezza sowjetischer Eiskunstlaufsternchen. Jede Nachricht, die älter als sechs Wochen ist, besagt jene zweite eiserne Grundregel der Propagandaarbeit, kann nach Belieben als neu und brandheiß verbreitet werden, weil sich nach exakt diesem magischen Zeitraum ohnehin niemand mehr daran erinnert, die Neuigkeit bereits einmal gekannt zu haben.

Jedes Jahr überraschen ausgesucht gut gemachte Reportagen ihr Publikum so wieder mit der Mitteilung, dass es zwar
Uran im deutschen Trinkwasser gebe, aber keine Grenzwerte dafür. Dass der ADAC einen Brückentest, einen Raststättentest und einen Fährentest gemacht und Mängel dabei gefunden habe. Und natürlich, dass die USA in ihrem grauenhaften Gefangenenlager Guantanamo unschuldige Häftlinge eingesperrt habe. Sogar, und das vermerkt die Süddeutsche ein bisschen pikiert, "viel länger, als angesichts der Vorwürfe gegen sie angemessen war".

Der "Spiegel" geht routiniert einen Schritt weiter. Völlig ohne Grund habe die Lagerleitung arme Araber eingekerkert, die eine Casio-Uhr der Bauart F-91W besessen hätten. "Jetzt veröffentlichte und dem Spiegel vorliegende Geheimdokumente zeigen, dass der Besitz einer Casio-Digitaluhr als Zeichen für einen Qaida-nahen Sprengstoffexperten galt", enthüllt das ehemalige Nachrichtenmagazin, was bisher erst seit fünf Jahren auf der geheimen Leakseite Wikipedia nachzulesen war. Der "Spiegel" aber hatte Nachschlagen hier nie nötig, denn die Hamburger Edel-Rechercheure trinken aus ganz anderen Quellen. Ein "Erkennungszeichen für Terroristen" solle die Digitaluhr der Marke Casio, genaugenommen das schwarze Modell F-91W oder die silberfarbene Variante A-159W sein, entnahmen sie den total geheimen Wikileaks-Dokumenten. Nicht den inzwischen leicht angegrauten Veröffentlichungen des US-Verteidigungsministeriums. Deshalb habe der Besitz einer dieser Uhren US-Militärs als "Anzeichen für ein Qaida-Training mit unkonventionellen Spreng- und Brandvorrichtungen" gegolten.

Man hört das Gelächter der Edelfedern. Was für ein Unsinn, soll der Leser da natürlich denken. Wie naiv sind denn diese Amerikaner? Glauben, dass eine Uhr sie erkennen lässt, wer Terrorist sein könnte! Dass 52 von nicht mal 800 Guantanamo-Insassen eine Uhr vom selben Modell besaß - obwohl es weltweit wahrscheinlich mindestens 20.000 vergleichbar billige und funktionale Modelle gibt - ist allerhöchstens Anlass, über die Ermittlungsmethoden zu spötteln, nicht aber, Wahrscheinlichkeitsberechnungen anzustellen. Diese sieben Prozent aller unschuldig eingesperrten Guantanamo-Opfer haben sich beim Kauf natürlich rein zufällig für eine Casio F-91W oder A-159W entschieden.


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Kommentare:

Volker hat gesagt…

Hm.
Mein größtes Kind besitzt so eine Uhr. Und sein Papi auch.
Wir behaupten zwar, dass wir die uns zugelegt haben einfach weil es (zumindest ein paar Jahre lang) die billigte Digitaluhr war.
Aber das kann auch eine Ausrede sein.

Teja hat gesagt…

Ich trag diese Uhren seit 20 Jahren, schon die 3. Generation. Preiswert und die Infos auf das Wesentliche reduziert. Casio A164W

Oels hat gesagt…

So groß ist die Auswahl bei dieser Art Uhren garnicht. Ich hatte, mit Unterbrechungen, dreißig Jahre Digitaluhren am Handgelenk und kenne den Markt. Auch ich war jahrelang stolzer Besitzer einer F-91W. Die Vorteile liegen auf der Hand: puristisches Design, Beleuchtung, Weckfunktion, "warmes" Plastikarmband, geringes Gewicht, robust ! Die Batterie hält ewig. Das ideale Produkt für Entwicklungländer also, und in Asien seinerzeit an jeder Ecke für 20 US$ zu haben.
Der Proll kauft sich eine Rolex, der Kenner eine F-91W !

ppq hat gesagt…

ich hatte mal eine LW-S200H-1AEF. aber täusch dich nicht, von wegen "so groß ist die auswahl nicht". allein casio stellt(e) in den vergangenen 20 jahren sicherlich 500 verschiedene modelle dieser preisklasse her (amazon listet aktuell 505 casio-digitaluhren), timex noch mal soviele, longboard etc und wenigstens 50 indische und chinesische buden, deren namen kein schwein weiß.

dass 6 % der guantanamogefangenen ein bestimmtes casio-modell tragen ist so wahrscheinlich wie einmal im jahr taubenscheiße auf den kof zu bekommen, obwohl man im büro arbeitet. übern daumen gepeilt

Oels hat gesagt…

Ja, aber nur sehr, sehr wenige haben ein so flaches Gehäuse wie die F-91W. Das wichtigste Kaufkriterium für mich. Die LW-S200H-1AEF wäre mir viel zu klobig. Genauso wie alles was Timex im Angebot hat.

Immerhin besitzen mind. 20 Prozent der regelmäßigen PPQ-Kommentatoren das Al-Kaida-Modell. Das mag auch Zufall sein, würde mir als Blogbetreiber aber trotzdem zu denken geben. Irgendwie.

ppq hat gesagt…

in der tat hatten wir deshalb schon anrufe von cia und bka, die die seriennummern eurer uhren haben wollten. wir haben natürlich dichtgehalten und darauf verwiesen, dass sie ja bei bedarf eure kreditkartendaten klauen können.

persönliche anmerkung von mir: die 20 prozent sind gar nicht überraschend, weil guter geschmack, der sich im konsum von klassikern am ehesten zeigt, eben nicht beschränkt ist auf die nutzung qualitativ recht eigentümlicher boards wie ppq, sondern auch auf die wahl persönlicher ausrüstungsassesoires durchschlägt.

die gimf hat hier monatelang mitgelesen, und soweit ich weiß, trugen die alle casios.

wir wollen jetzt eine studie machen, um herauszufinden, ob ppq-leser eher casionutzer sind oder casionutzer eher ppq-leser. google findet es wichtig, sowas zu wissen, wegen der werbebanner, weisste?