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Montag, 17. Dezember 2012

Der vergessene Amokläufer

Mit einer autistisch geführten Diskussion zum Verbot von Schnellfeuerwaffen in Übersee, der Schuld der US-Provinz, der Verantwortung von George W. Bush und emotional gefärbten Texten über das Leiden der Angehörigen arbeitet sich Mediendeutschland am vorweihnachtlichen Grauen des Attentats im amerikanischen Newton ab. Kinder ermordet. Trauerfeiern. Bewegende Worte der Hinterbliebenen, nichts ist mehr, wie es vorher war Ja, zweifellos, das Jahr ist ist rum, denn am 13. Dezember 2011 hörte sich die Diskussion in deutschen Medien noch so an: Wie kann er nur, woher komm die Wut, was sind das nur ür Menschen.

Nun, Nordine Amrani, der damals in Lüttich zur Waffe gegriffen und sechs Menschen getötet sowie 125 verletzt hatte, war eine "impulsive, zurückgezogen lebende Person, die keine Angst vor nichts und niemandem" hatte, wie sich Alain Labye, Besitzer einer Baufirma, bei der Amrani gearbeitet hatte, später erinnerte. Das war schon, als deutsche Zeitungen, Fernsehsender und Agenturen die Berichterstattung über die unfassbare Bluttat rigoros eingestellt hatten: Amrani war Nordafriker, beinahe die schlechteste Voraussetzung, die einer mitbringen kann, um in Deutschland als Amokläufer ernsthafte Meriten zu sammeln.

Damals geht alles ganz schnell. Bereits sieben Tage nach der Tat erfolgt der Abgesang. Ein Text noch über die Gedenkfeier in Lüttich mit Angehörigen der Toten und Vertretern der Regierung und des Königshauses. Dann folgt ohrenbetäubend die Stille nach dem Schuss, die nichts mehr wissen will über wieso, weshalb, wer und warum.

Anders Breivik, das war noch was anderes! „World of Warcraft“, rechte Verschwörungsforen und Online-Kontaktbörsen für Koranhasser, Sarrazin und Broder konnten als Inspiratoren für dessen Morde herangezogen und die Wahnsinnstat so als logische Fortsetzung islamkritischer Kommentare angeprangert werden. Wer den "Islam" verantwortlich machte für Intolerant, Frauenhass, Gewalt, verletzte Menschenrechte und Terror, statt sensibel den "Islamismus" der Steinzeitlichkeit zu zeihen, machte sich mitschuldig.

Es blieb folglich den belgischen Zeitungen allein überlassen, nach den Gründen der Tat des Nordine Amrani zu fragen. Der war eigentlich gut integriert, sprach Französisch ohne Akzent, hatte eine Frau, die ihn liebte, er selbst ging einem Job auf dem Bau nach. Bis zu den Tag, an dem der Sohn marokkanischer Einwanderer begann, Werkzeuge seines Arbeitgebers in sein Auto zu laden. Als die Polizei kam, begründete er das damit, ausgebeutet worden zu sein. Er nehme nur mit, was ihm zustehe, sagte er. "Das war die letzte Arbeit von Nordine Amrani, danach war er bis zum Ende arbeitslos", schreibt 7sur7.

Immer wieder sei Amrani so verhaltensauffällig geworden, schreibt der Standaard: Schikanen gegen Frauen, Ausraster, dann wieder freundliche Phasen. Amrani hatte eine weiche Seite: "Er war ein sehr netter Mann", erinnert sich eine Kollegin aus der Zeit, als Amrani Fitnessgeräte vertreibt.

Im Dezember 2003 wird Amrani wegen Vergewaltigung zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt, er muss aber nicht ins Gefängnis, sondern erhält anderthalb Jahre Bewährung. Er arbeitet schwarz für ein nobles italienisches Restaurant in Lüttich und investiert nebenbei über 225.000 Euro in Generatoren, Natrium-Lampen, Luftbefeuchter und Lüfter. Nordine Amrani kauft einen alten Hangar und richtet eine große Cannabis-Farm ein.

Nebenbei übt er Schießen und widmet sich der Jagd. Aber noch wichtiger ist, schreibt der Standaard: "Er kauft Waffen. Viele Waffen."

2007 fliegt die Cannabis-Farm nach einem anonymen Hinweis auf. Es gibt eine Razzia, bei der 2.800 Cannabis-Pflanzen gefunden werden. Amrani droht nun erneut eine Anklage - unter anderem, weil die Polizei 9.500 Waffen und Waffenteile gefunden hat, darunter eine MP 40-Maschinenpistole, eine P22, ein K31 Sniper-Waffe, eine FN FAL Sturmgewehr mit Zielfernrohr. Einige davon wurden legal gekauft, die anderen, darunter einige ohne Seriennummer, offenbar illegal erworben.

Die Strafe lautet diesmal auf 42 Monaten Gefängnis plus Vorstrafe. Amrani muss insgesamt 66 Monate im Gefängnis verbüßen, abzüglich der acht bereits in Untersuchungshaft verbrachten.

Seinem Anwalt schwante Böses. "Er wollte seine Waffen holen, er war wütend", sagt Herr Franchimont. Im Oktober 2010, nachdem er ein Drittel seiner Strafe verbüßt hat, ist Nordine Amrani wieder auf freiem Fuß. Er ist wütend. Er kauft sich neue Waffen. Ein Jahr lang bereitet er sich vor. Dann erschießt er drei Kinder und sechs Erwachsene. Amrani war weder Araber noch Moslem. Aber medial gesehen hätte er beides sein können. Deshalb ist der Fortgang seiner Geschichte bis heute zwar Zeitungen in Luxemburg eine Berichterstattung wert. In deutschen Blättern aber gab es seit Dezember 2011 keine Zeile mehr über den Fall.

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Es liegen den Redaktionen wahrscheinlich wenig historische Berichte über Belgien vor, aus denen man "schießwütig" oder "Cowboy" ableiten könnte.

derherold hat gesagt…

Na ja, daß unsere zivilgesellschaftliche Presse das größte Massaker in Belgien vertuscht hat, würde ich nicht unbedingt auf mangelnde Cowboy-Fähigkeit zurückführen.

Auch in England wurde die Berichterstattung eingestellt. Da aber der konervative *telegraph* nicht so recht wußte, ob man vielleicht doch müsse, hat er lieber schnell ein paar charakterisierende Zeilen über den Vergewaltiger und Mörder eines 18 Monate alten Kindes, von Jugendlichen und Frauen geschrieben:

"I would add he was a very smart boy, gifted. Nordine often spoke of his desire to start a family. ... a tormented soul: estranged from justice, and against society."

Anonym hat gesagt…

In der Tat, wer für Vergewaltigung 18 Monate Bewährung bekommt, ist ein echtes Opfer einer ungerechten Gesellschaft. 18 Jahre Kerker und alles wäre im Lot.

Volker hat gesagt…

"Es liegen den Redaktionen wahrscheinlich wenig historische Berichte über Belgien vor, aus denen man "schießwütig" oder "Cowboy" ableiten könnte."

Alles eine Frage der Perspektive. Auf belgischem Territorium gab es schon diese und jene Auseinandersetzung, bei der auch Schusswaffen eine Rolle gespielt haben.
Waterloo fällt mir ein. Oder die Ardennen.
Aber Cowboys gab es da nicht. Das stimmt schon.

ppq hat gesagt…

ardennen? da waren aber cowboys dabei

Zorgnax hat gesagt…

Nicht zu vergessen jener Cowboy, der schneller schießt als sein Schatten.

Anonym hat gesagt…

Bitte, wenn es jetzt historisch wird, es gab ja auch Berichte über die belgischen Franktireurs, die im Ersten WK entgegen aller Konventionen den Deutschen in den Rücken schossen oder den Verwundeten die Kehlen durchschnitten. Ein bischen Barbarei liegt denen wohl im Blut.

derherold hat gesagt…

Vor allem hätte man nach dem Massaker laaang und ausführlich über die laxen Waffengesetze Belgien diskutieren können.

Hätte.