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Freitag, 7. Februar 2014

Wehret den Anklängen: Sprachhygiene auf türkeistämmig

Auf einmal waren sie da, aus heiterem Himmel, unerwartet und unangemeldet. Rund um den Erdogan-Besuch besprach der Cicero die Probleme der "Türkeistämmigen" in Deutschland, derwesten.de stellte fest, dass "viele Türkeistämmige diesen Auftritt mit Interesse verfolgen", die "Welt" zählte "etwa drei Millionen Türkeistämmige in Deutschland" und der Hessische Rundfunk analysierte messerscharf, dass "der türkische Ministerpräsident offensichtlich auf die in Hessen lebende türkei-stämmige Bevölkerung Einfluss nehmen" wolle.

"Türkeistämmig"?, fragten sich nun viele private Migrations- und Sprachforscher. Türkeistämmig? Weder der Duden noch der Wortschatz Deutsch der Uni Leipzig kennen das Wort. Google Trends meldet "zu wenig Daten", das weiter zurückreichende Ngram-Viewer versichert, der Begriff habe zwischen 1800 und 2008 keine Verwendung in deutschsprachigen Büchern gefunden.

Nun aber legt er einen Kickstart hin. Seit Aydan Özoðuz am 17. Januar in einem Beitrag von "Glaube Aktuell als "türkeistämmige" neue Bundesbeauftragte für Migration vorgestellt wurde, hat das Wort, das es nicht gibt, seinen Vorgänger  "türkischstämmig" so gründlich abgelöst wie "türkischstämmig"zuvor das über Jahrhunderte gebräuchliche "türkisch" und davor der Muslim den Moslem. Was es besagt, was es beudeten soll, wo der Unterschied von einem zum anderen liegt, bleibt unklar, denn Einführung ist ein "Flüsterlaunch", der nicht kommentiert wird.

Klar ist, dass es sich um eine neue Windung beim Versuchhandelt, Denken durch Sprache zu bezwingen und  reinigen, um zu einer einheitlich ausgerichteten Gesellschaft zu gelangen. Das Unglück dabei: Wie der "Neger" durch den "Schwarzer" ersetzt wurde, um später als "Farbiger" bezeichnet zu werden, ehe er sich als "People of Colour" anschickte, Sprachgeschichte zu schreiben, nehmen auch bei den jeweils wechselnden korrekten Bezeichnungen für andere fragwürdige Vokabeln stets auch die jeweils frischen, glänzend neuen und von allen bösen Konnotationen freien Begriffe den Geruch des Wortes an, das sie gerade noch mit Charme und Eleganz abgelöst hatten. War der "Türke" noch einfach ein Türke, führte schon die Erfindung des "türkischstämmigen" Mitbürgers dazu, dass  "Türke" in den Ohren hellwacher und sensibler Leitmedienschaffender wie ein Schimpfwort klang. Das neue "türkeistämmig" wird dem derzeit noch erlaubten "türkischstämmig" denselben Tort antun.

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Übrigens:
Dann müsste doch diese karpfenmaulige, abschäumige, gehässige WiderlingIn (die da kürzlich wegen Steuerhinterziehung aufflog) eigentlich nach neuster Lesart "Alice People of Colour" genannt werden.

ppq. so hat gesagt…

naja, sie ist deutschlandstämmig, hat sozusagen deutschländische wurzeln, da gilt das nicht

Anonym hat gesagt…

Es nimmt einen fast Wunder, dass der Begriff „Türkei“ noch nicht in den Fokus gutmenschlicher Kritik geraten ist. Denn die Endung „ei“ suggeriert doch oft suspekte bis verwerfliche, oder übertriebene Machenschaften oder Umtriebe (Schweinerei, Mauschelei, Zauberei, Mogelei, Quälerei, Schwindelei, etc.)
Da könnte einem doch die pööse Konnotation einer „Türkei“ = In grossem Umfang betriebenem „Getürke“ (= Fake, Schwindel)) kommen.

Orwell hat gesagt…

Ja, Anonym, das stimmt. Mit der Tschechei hat man das schon hinbekommen, die heißt jetzt "Tschechien".

Aber von Slowakien hat noch keiner gehört, - die Sowakei darf weiter so heißen, obwohl der olle Alfons Hüttler ja die ganze CSR geschützt hat.

Anonym hat gesagt…

@Orwell

Die arme Mongolei wäre noch so ein Kandidat. - Aber die scheint doch zu weit weg zu sein, um zum Fall für die Sprachentdiskriminierer zu wrden.

derherold hat gesagt…

"Wie der "Neger" durch den "Schwarzer" ersetzt wurde, um später als "Farbiger" bezeichnet zu werden..."

Da muß man genau hinschauen. Der schottische Sportkommentator, Alan Hansen, hat genau nach dieser Richtlinie Fußballer zweimal als "Farbige" bezeichnet.

Damit hat er dann eine wikipedia-bekannte "Kontroverse" ausgelöst, für die er sich zu entschuldigen hatte, da mittlerweile der Code in England wieder auf "black" zurückgesprungen war.

Pech gehabt.

Anonym hat gesagt…

Stimmt. Ich stelle fest, dass bei Fußballberichten im Fernsehen oder Print zwar ungeniert von Franck Ribery als Franzosen oder Guardiola als Spanier die Rede ist. Dass man sich aber inzwischen abgewöhnt hat, den Spieler Altintop (FC Augsburg) als Türken zu bezeichnen. Wobei man den unglaublich feinfühlenden sprachlichen vorauseilenden Gehorsam der ansonsten komplett idiotischen Desinformationskader von der Presse nur bewundern kann. Übrigens kann man auch auf Parties in Schwabing oder Eidelstedt beobachten, dass das Wort „Türke" krampfhaft umschrieben wird. (siebenmal: „Die Eltern von der Aische kommen aus der Türkei“, statt einmal: „das sind Türken“) Steht wohl schon auf dem Index.
Und vielen Dank PPQ für den Satz: „Klar ist, dass es sich um eine neue Windung beim Versuch handelt, Denken durch Sprache zu bezwingen und reinigen, um zu einer einheitlich ausgerichteten Gesellschaft zu gelangen.“

Corax hat gesagt…

Die Diskriminierung einer Gruppe dadurch abzuschaffen, dass man das Wort, womit man sie bezeichnet zum Pfuiwort erklärt und durch ein neues Wort ersetzt, ist genau so genial, wie wenn man eine Krankheit (zum Beispiel Krebs) dadurch "besiegt", indem man sie nicht mehr "Krebs", sondern irgendwie anders (z.B. "Marienkäfer") nennt.

Gernot hat gesagt…

Durch die Sprachregelung wird der bisherige Begriff belastet.
Wurde "Türke" und "türkisch" bei uns jahrhundertelang mit Achtung und Respekt ausgesprochen, ist es heute, wie erwähnt, schimpfwortähnlich.

Gleiches gilt für den in Deutschland stets beliebt gewesenen Neger (Zugabfertiger, Kammermohr, Askari, Schutztruppenangehöriger, Trommler beim Alten Fritz usw.)

Wer weiß also, ob die für Sprachregelung zuständige Innere Partei nicht doch insgeheim rassistisch und ausländerfeindlich ist?