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Montag, 18. August 2014

The Gaslight Anthem: Neustart ohne Fliegenbrille


Es gibt diese Menschen, deren Leben aus rätselhaften Entscheidungen besteht. "Habe zwei Lieder gehört und meine Vorbestellung bei Amazon danach storniert", schreibt einer stolz bei intro.de. Ein kurzentschlossener Abschied, und nicht der einzige derzeit, den eine Sorte Musikhörer von einer Band nimmt, die sich entschlossen hat, im sechsten Jahr ihrer Karriere nun mal alles "ganz anders als alles, was wir jemals zuvor getan hatten" zu machen, wie Gaslight-Anthem-Sänger Brian Fallon vor dem fünften Album der Band aus New Jersey angekündigt hatte.

Was zuerst zu hören war, klang dann nicht so viel anders, reichte aber den mit Webradio und iTunes sozialisierten Hörern der Generation Ungeduld ebenso wie verbeamteten Fans einer deutschen Formation namens "Beatsteaks", den Stab zu brechen: Was soll man auch mit neuen Songs, wenn sie nicht wie die alten sind?

Dabei sind sie das ja doch, wie eine etwas ausführlichere Beschäftigung mit dem epischen Material von "Get Hurt" zeigt. Ein Album, das seine Stärken nicht ausstellt, sondern erarbeitet werden will: Einmal Hören - wundern. Fünfmal hören - zweifeln. Zehnmal hören - staunen. Einen "Grower" nennen sie es in den Fanboards inzwischen. Und so falsch ist das nicht.

Denn die Beschreibung, die Brian Fallon vorab geliefert hat, ist richtig und falsch zugleich. Diese Platte ist nicht "The 59 Sound" Nummer zwei. Aber sie ist auch nicht das, was "Achtung Baby" einst für U2 war. The Gaslight Anthem, hier bei PPQ seit Jahr und Tag mit hündischer Treue verfolgt, ändern ihre Themen, ändern Songaufbau und Klangstrukturen, bleiben aber im Kern beim punkinfizierten Powerrock auf Basis der Akkordfolge A-Moll, G-Dur, C-Dur und F-Dur, wie ihn New-Jersey-Nachbarn wie Bruce Springsteen, die Bouncing Souls, Saves the Day oder My Chemical Romance spielen.

Neu sind die Gitarrenwände, der weibliche Backroundgesang und der Umstand, dass Produzent Mike Crossey (Arctic Monkeys, Jake Bugg) die Songs nicht in ein Raster presst. "Stay Vicious" und "Rollin' and Tumblin" klingen scharfkantig, "1000 Years" und "Red Violins" nach pompöser Stadionhymne, "Break your heart" und "Sweet Morphine" dagegen wie Stücke von Fallons aktuellem Nebenprojekt Molly and the Zombies.

Verglichen mit "Sink or swim", dem Debütalbum der Band, ist das überproduziert. Allerdings war auch "Sink or swim" schon überproduziert - verglichen mit Amping Chopper, einer Vorläuferband von TGA. Dem strahlenden Klang steht hier die inhaltliche Düsternis entgegen. Wo die ersten Platten dominiert wurden von Boy-Girl-Geschichten aus der amerikanischen Provinz, von Kleinstadttragödien im James-Dean-Stil und einem steten Grundbrummen auf der Frequenz von Stephen Kings großen Amerika-Büchern, setzt "Get Hurt" den Weg von der Imagination zur Realität fort. Auf dem Vorgänger hatte Brian Fallon erstmals über sich selbst gesungen. "Keepsake" arbeitet, kaum verschlüsselt, die Beziehung des "Mittelklasse-Helden" (Washington Post) zum lebenslang abwesenden Vater auf.

Hier nun geht es richtig ans Eingemachte: "Get Hurt" ist Fallons Scheidungsalbum, eine Aufarbeitung der Trennung von Hollie Fallon, mit der der 34-Jährige zehn Jahre verheiratet war. Wie Säure ätzt "Stay vicous", ehe Fallon sich selbst versichert "I still love rock n roll / and I still call somebody baby". Keinen Zweifel aber lässt er daran, wie das geht: "I have bills for this / Tabs for that / Something that used to resemble a soul".

Richtig geraten, die offizielle Kritik hasst es. All die Mädchen namens Maria sind fort, all die Radios, die aus Autos dröhnen, all die Jungs, die sich für Elvis halten, und die Städte, die immer gleich aussehen. Das hier ist nicht Brian Fallon & The B-Street-Band, das ist ein eigenständiger Künstler, der aus seinen eigenen Gründen und auf seine eigene Art Songs schreibt.

Umso erstaunlicher, dass die Kritik darauf mit demselben Beißreflex reagiert, mit dem sie zuvor das vermeintliche Springsteen-Epigonentum gebrandmarkt hat: Get Hurt scheitere "nicht nur an seinen Vorbildern, seine Urheber missverstehen diese obendrein auch komplett", urteilt Torsten Groß in der Pop-Postille "-Spex" - der Mann hielt die Alben von DJ Koze und Haftbefehl für zwei der Großwerke des vergangenen Jahres.

Zu weit weg von früher oder nicht weit genug, das ist die Frage, über die sich die TGA-Army dieser Tage den Kopf zerbricht. Der Titelsong ist melancholischer Rock mit einem dramatischen Finale, "Underneath The Ground" dagegen eine Ballade im Tom-Waits-Stil, das auch zu den Horrible Crowes gepasst hätte. "Red Violins" bedient dann eher die Hymnenschiene, "Selected Poems" das Grüblerische und der Schlusspunkt "Dark Places" grüßt dann doch noch einmal Richtung Springsteen wie das herzzerreißende "Break your heart" mit der skelettierten Melodie von " Won't Back Down" Richtung Tom Petty winkt.

Hier hinten, kurz vor dem Ausgang, der mit drei hervorragenden akustischen Bonus-Tracks tapeziert ist, stimmt alles, hier hat "Get Hurt" seine Temperatur gefunden, seinen Ton und das Gleichgewicht zwischen Zorn und Verbitterung, Dunkelheit und Licht. “Now your pretty horses run wild and free/ You can go and find a lover, baby, better than me/ I’m talking snow for days with your friends in LA/ Have mercy”, singt Fallon der Verflossenen in "Have Mercy" nach, einem Bonussong, der auch auf der Luxusausgabe der CD fehlt. Es ist das letzte Baby bis zur Tour im Herbst.

Komplettes Album zum anhören hier.

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