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Mittwoch, 26. Oktober 2016

Reichsbürger fürchten Pauschalurteile

Das ist kaum bekannt: Auch er war Reichsbürger - Ernst Thälmann, Sohn seiner Klasse.
Viele Reichsbürger haben sich vor der Mehrheitsgesellschaft ins kleine, private Nischen oder die virtuellen Weiten des Internets zurückgezogen. Meist friedlich verweigern sie hier Zahlung von GEZ-Gebühren, sie wählen meist AfD, hetzen untereinander gegen Flüchtlinge und fordern, Merkel müsse weg. So könnte es ewig weitergehen - doch nun sehen sich Zehntausende durch eine Gewalttat eines Gesinnungsgenossen unter Generalverdacht.

Wie gehen Reichsbürger aus Ostdeutschland mit den tödlichen Schüssen eines westdeutschen Kameraden auf einen Polizisten um? PPQ hat sich unter mehreren Selbstverwaltern, kommissarischen Reichsregierungskanzlern und aus der Bundesrepublik ausgetretenen Ex-Sachsen umgehört.

An Vorwürfe von Medien haben sich Horst W., Jan A. und Peter Z. schon lange gewöhnt, gewöhnen müssen. In Deutschland gehört es seit Jahren zum guten Ton, Menschen, die an abweichende Staatstheorien glauben, als Feinde unserer Ordnung darzustellen, sagen sie. Deshalb sind die drei Männer in halbprivate Kreise Gleichgesinnter geflohen, haben das sinnlose Herumdiskutieren in der Öffentlichkeit hinter sich gelassen – und begnügen sich damit, Kommentarspalten von großen und kleinen Medienhäusern mit ihren kritischen Anmerkungen zu fluten.

Dass nun aber auch in Bückeburg, mitten in Westdeutschland, ein Reichsbürger einen Polizisten erschießt und mehrere verletzen könnte, hielten die drei Reichsangehörigen nicht für möglich. „Das ist sehr schmerzhaft“, sagt Horst W., der Kanzler einer kommisarischen Reichsregierung ist, die durch das Königreich Preußen, dem Peter Z. als Ministerpräsident vorsteht, bereits anerkannt wurde. Jan A., der als "Selbstverwalter" direktes Uno-Mitglied ist, ergänzt: „Es ist unvorstellbar für mich und alle anderen Menschen - im Reich und dem Rest der Welt.“

Seine Gefühle und Gedanken formuliert der junge Mann in perfektem Deutsch. Und das, obwohl er erst seit Oktober 1990 in Deutschland lebt. Zuvor hatte er acht Jahre in der DDR verbringen müssen.

Der Demokratie-Unterricht, der ihm später bis in die Oberstufe zuteil wurde, verfing zwar nicht, ermöglicht ihm jedoch heute, auch über komplizierte Themen zu reden und seine eigenen Schlüsse aus der weltpolitischen Lage zu ziehen. Als Angela Merkel die deutschen Grenzen öffnete, ist A. aus der Bundesrepublik ausgetreten, weil die damit zu einem "failed state" geworden sei. A. gründete eine staaliche Selbstverwaltung nach Paragraph 66 der Haager Landkriegsordnung und kündigte den Dauerauftrag für den Einzug der sogenannten Demokratieabgabe.

A. ist sein eigenes Land

Seitdem lebt er unbeschwert als eigenes Land, er hat sich in sein neues Zuhause gut eingelebt, kann sich auch über seine eigenen Grenzen hinaus gut verständigen und geht zum Beten "hinüber in die BRD", wie er sagt.

Das Königreich Preußen lehnt A. ab, das Königreich wiederum lehnt ihn ab. Hingegen hat es die Reichregierung von Horst W. anerkannt. Eine freudige Nachricht, die durch die Schüsse eines weder zum Königreich noch zum Staat von W. gehörenen Reichsbürger etwas getrübt wird. Denn die Reichsangehörigen befürchten, dass sich die in den letzten Monaten überwiegend positive Stimmung für die originelle Idee, dass das Deutsche Reich noch existiere und jedermann behaupten könne, sein Chef zu sein, ändern könnte.

Dabei hätten die meisten Bürger der rund 157 Deutschen Reiche, die das Reichszentralregister derzeit zählt, selbst nie in Kontakt mit dem gewalttätigen Mann aus Bückeburg gehabt. "Viele von uns sind friedlich", beteuert auch Z. Man dürfe nie vergessen, dass zahlreiche große und gute Deutsche selbst Reichsbürger gewesen seien: "Thälmann, Willy Brandt, Albert Einstein und sogar die Ur-Großeltern von Carolin Emcke", zählt er auf.

Reiche in Sorge

Es herrscht Verzweiflung im Reich. Er habe doch die Bundesrepublik verlassen, um einen Ort in der Welt zu finden, in dem er in Frieden leben könne, erzählt Peter Z. „Und jetzt holt uns genau diese Brutalität ein“. Sein größter Wunsch in dieser schwierigen Zeit: „Ich hoffe, dass die Menschen uns Reichsbürger und Selbstverwalter nicht alle wegen der Tat einiger weniger verurteilen.“ Schon jetzt gebe es in der Politik zahlreiche Hetz-Attacken gegen den Reichsbürgerglauben und seine Mitglieder“, beobachtet Jan A. mit Sorge.

Horst W., der vor der Gründung seiner Reichsregierung wie Jan A. als Selbstverwalter lebte, weist auf die Friedfertigkeit der Reichsbürger hin, die sich klar beweisen ließe: „Es gibt mehr als 150 Deutsche Reiche“, fragt er rhetorisch, „und kein einziges liegt mit einem anderen im Kriegszustand.“ Das sehe in der Welt draußen ganz anders aus.

Und noch etwas liegt ihm am Herzen: Die Anschuldigung, mit der Zunahme der Zahl der Reichsbürger nähme die Gewalt im Land zu, ist für ihn ungerecht und ungerechtfertigt. „Da es bekannt ist, dass Reichsbürger auch nach einem Austritt aus der BRD in Deutschland bleiben dürfen, gibt es eine große Nachfrage nach entsprechenden Ausweisen“, erzählt er. Man könne noch gar nicht genau sagen, wie der Täter von Bückeburg zu seinem Reichsbürgerpass gekommen sei und ob er überhaupt einen besessen habe. "Von uns ist er jedenfalls nicht", beteuert W.

Kommentare:

eulenfurz hat gesagt…

Das mit dem Krieg ist so eine Sache, gut, es gab von dem Reichsbürger, dessen Funktion in einem der 157 Reiche unbekannt ist, keine direkte Kriegserklärung. Er eröffnete aber das Feuer auf die BRD-Truppen, es gab einen Toten, drei Verletzte und einen Kriegsgefangenen. Die Kriegsschuld müßte jetzt geklärt werden, vor allem, ob es an der Grenze seines Reiches, welche von den regulären BRD-Einheiten überschritten wurde, einen Schießbefehl gab. Aber dann sollte er im Zweifelsfall vor das zuständige Reichsgericht, müßte quasi ausgeliefert werden.

Mein Gott, ist das kompliziert ... der Fall gehört nach Den Haag, sollen die das klären!

ppq hat gesagt…

völkerrechtlich ist zweifelhaft, ob er ein "reich" hatte. bevor er es ausrief, war da ja schon ein anderes. zudem mangelt es ihm am staatsvolk, soweit ich sehe

den haag damit zu befassen, hätte nur sinn als symbol dafür, dass dort doch nicht nur schwarzafrikaner angeklagt werden. der eindruck soll ja in afrika inzwischen weit verbreitet sein

Volker hat gesagt…

"zudem mangelt es ihm am staatsvolk"

Seh´ ich da einen Rückfall in völkischen Nationalismus?

ppq hat gesagt…

rechtslastige und verurteilenswerte staatsrechtstheorien heben wirklich darauf ab.

http://www.juraforum.de/lexikon/staat

Anonym hat gesagt…

PPQ ist mit Abstand die beste Zeitung im Internetz .

der Sepp , Wortschöpfungswart

Achtung : taz und zeit schreiben hier ab , echt jetzt