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Montag, 23. Oktober 2017

Katalonien: Der Showdown wird vertagt

Ein Poem der katalanischen Dichterin Palmira Jaquetti an einem Berg in Katalonien.

Gerade erst hat Frankreich den zuletzt nur noch illegal, weil ohne Genehmigung der EU verlängerten Ausnahmezustand durch eine Gesetzesänderung zur Dauereinrichtung gemacht. Und nun suspendiert die spanische Zentralregierung die verfassungsmäßigen Autonomierechte der Katalanen. Und regiert den abspaltungswilligen Landesteil unter Berfufung auf die Verfassung nun von Madrid aus.

Die EU schweigt dazu, als läge Spanien in Südamerika oder Asien. Alle Hoffnungen in Brüssel und Berlin richten sich auf Neuwahlen, deren Abhaltung Madrid für das kommende Jahr angekündigt hat. Nach Artikel 155 der spanischen Verfassung verfügte Regierungschef Rajoy, "die notwendigen Mittel zu ergreifen, um eine autonome Region zur Erfüllung ihrer Pflichten im Sinne des Allgemeinwohls zu zwingen". Welche Pflichten das sind, steht da nicht. Welche Mittel angemessen wären, wird nicht erwähnt. Der katalonische Regierungschef Carles Puigdemont nennt es Putsch. Angela Merkel sichert den Putschisten ihre unverbrüchliche Solidarität zu.

 "Spanien gewinnt den Machtkampf", frohlockt die Süddeutsche Zeitung, die in der Entmachtung der katalanischen Regierung einen Schritt zurück zu einem Zustand sieht, in dem alles so läuft, wie es immer gelaufen ist. Europa kann nur Europa bleiben, wenn jähe Wendungen ausgeschlossen sind.

Wenn sich das Blatt da mal nicht ebenso irrt wie Frankfurter Rundschau, die in Neuwahlen einen Weg sieht, den "Konflikt um eine Unabhängigkeit der autonomen Region zu befrieden". Denn was könnte passieren, abseits der in Deutschland flächendeckend gepflegten Erwartung, das, was hierzulande als "Vernunft" gesehen wird, müsse sich zwangsläufig durchsetzen, gelinge es eben nur jetzt, die Brandfackelträger des Separatismus zu entmachten, wegzufangen und zur Not auch wegzusperren?

Es könnte das Gegenteil geschehen. So wie in Großbritannien das Gegenteil passiert ist und auch in den USA. Gibt es derzeit vielleicht noch keine numerische Mehrheit für eine Loslösung Kataloniens vom Rest Spaniens, so könnte ausgerechnet das, was in Deutschlands Leitmedien halb ehrfürchtig, halb begeistert als "nukleare Option" gelobt wird, dazu führen, dass sich diese Mehrheit bis zum Wahltag findet.

Spielt die Macht ihre Macht aus, das lehrt die Geschichte von den Anfängen des Christentums bis zum Fall der Mauer in Berlin, wird aus einem Gefühl der Ohnmacht eine Sehnsucht nach Veränderung, die nicht mehr fragt, was auf dem Spiel steht, was es kosten wird und wie viele Opfer erforderlich sind, sie zu stillen. Was der hellsichtige Schriftsteller Michel Houellebecq über Religionen glaubt, gilt für jede Art von Glauben: Druck und Gegenwehr, Verbote, Verhaftungen und Verfolgung verlieren auf Dauer jeden Krieg, weil jeder ihrer Siege ihrer letztgültigen Niederlage den Weg bereitet.

Wenn Katalonien in "spätestens sechs Monaten" (Rajoy) wählt, ein besetzter Landstrich, in dem selbst Verfechter der Einheit sich fremdbestimmt fühlen, dann besteht keine geringe Wahrscheinlichkeit, dass das Abstimmungsergebnis Spaniens Probleme nicht löst. Sondern ganz im Gegenteil: Das Wahlergebnis könnte Spanien letztes gemeinsames Problem sein.

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Das Europa der Vaterländer hat man dummerweise den Rechten überlassen.
Richtigerweise bekommen wir nun das Europa der Regionen.
am.

Anonym hat gesagt…

Schmarren, mit Verlaub. Die Begriffe Lechts und Rinks werden heutzutage um 180° verdreht gebraucht, und dann auch noch in der Bedeutung von Gut und Böse auf Kasperltheaterniveau.
Ich bin jedenfalls weder Himmelskomiker, noch Degenerat von und zu Rotz an der Backe. Die saßen rechts vom König in der Quasselbude...

teu hat gesagt…

Für den Au-Tor, welcher ein Poem mit sechs Zeilen ausmachte:

https://de.wikipedia.org/wiki/Poem

Gernot hat gesagt…

Und die "Rechte" schweigt hilflos in Treue zum "Nationalstaat" (was ist das?) Spanien, der eben kein Volksstaat ist, sondern ein Imperium über drei Völker, die durch den dümmlichen Zentralismus und Miniatur-Imperialismus den Einweltapologeten, die sich für links halten, in die Arme getrieben werden und schon jetzt nach mehr Zuwanderung für Katalonien schreien wie die Schottischen "Nationalisten" für Schottland.