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Sonntag, 13. Januar 2008

Manne, der Plattenboss von Marzahn

Manne ist Plattenboss. Herr über 321 Wohnungen. In Berlin Marzahn. Ein Elfgeschosser, zehn Hauseingänge. Hier ist Manne zuhause. Hier sind (fast) alle anderen 320 Mieter ausgezogen. Weil die Platte abgerissen wird. Mannes Platte. Doch solange der 59-Jährige hier wohnt, wird hier nichts abgerissen.
Manne war mal Feinmechaniker. Und Berufskraftfahrer, nach der Wende. “Ick hab für Film und Fernsehn jearbeitet. Ick kenn mich aus”, sagt Manne. Unter seinem wehenden Mantel trägt Manne eine Anglerweste. “Hab immer alles dabei. Digitalkamera, zwei Handys, Taschenlampe, Papiere, Schlüssel.” Die Handys waren so günstig, bei Tchibo. Und die hatten alle Guthaben. “Da ha ick gleich mehrere gekooft.”
Das war nach dem Tod der Mutter. Letztes Jahr im Juli. Seitdem wohnt Manne allein. Auf 104 Quadratmetern Platte. 560 Euro für vier Zimmer, Küche, Bad und Flur. Inmitten der 250.000-Einwohner-Plattensiedlung im Osten Berlins. Einstmals Neubau-Vorzeige-Kiez. Jetzt Abriss-Viertel.
Damals zog Manne zurück zur Mutter. Von Moabit nach Marzahn. Nach ihren Tod kündigte er das Konto der Mutter. “Deshalb konnten die keene Miete mehr abbuchen. Wollten mich deshalb rausschmeißen. Fristlos kündigen. Aba nich mit mir.”
Denn mit Manne ist nicht zu spaßen. Wenn Manne bei Gericht auftaucht, kommt er nie allein. Zwei Verbündete hat er immer dabei. In Form von zwei dicken, kiloschweren Wälzern. Das Bürgerliche Gesetzbuch und die Zivilprozess-Ordnung. “Da hat schon so mancher Anwalt jezuckt.” So hat Manne seinen Gegnern vor Gericht schon so manchen Formfehler nachgewiesen. Und die fristlose Kündigung ist auch vom Tisch. “Ick hab allet bezahlt. Jetzt müssen se mir formal kündigen. Und denn ha ick noch mal neun Monate Frist.”
Zeit genug für Manne. Denn Zeit braucht er. Er hat noch viel vor. Termine beim Sozialamt, Wohnungsamt, Jobagentur. “Die arbeiten alle zusammen. Alte SED-Seilschaften”, sagt Manne. Weil sich das Amt weigerte, Miete für eine Wohnung in einer Abriss-Platte zu zahlen. Alles Seilschaften. Das vermutet auch sein letzter Nachbar.
Der wohnt drei Hauseingänge weiter. Will auch nicht raus. Hat aber jetzt die offizielle Kündigung bekommen. Für Ende Februar. “Dann muss er wohl raus.” Manne will auch dann noch bleiben. Hier, wo die Wohnungsbaugesellschaft 30.000 Euro jährliche Betriebskosten hat. Für Lift, Heizung, Elektrik und Versicherung. “Auch wenn da nur noch ein Mieter wohnt”, sagt eine Sprecherin des Unternehmens.
Manne ist das egal. Manne will nur sein Recht. “Ein ordentliches Angebot. Ne Abfindung vielleicht.” Aber rechtlich einwandfrei muss alles sein. Sonst holt Manne sein BGB und die ZPO raus. “Und dann gehts denen wieder an den Kragen.”
Foto: SEK

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