Google+ PPQ: Finsternis in Frankfurt

Mittwoch, 2. Juli 2008

Finsternis in Frankfurt

Große Empörung bei der "Frankfurter Rundschau", die sich nach einem Blick Richtung Italien an "Methoden" aus "finsteren Zeiten erinnert" fühlt: Denn im Reich Berlusconi werden seit dem 30. Mai flächendeckend allen Sinti und Roma, auch den Kindern, die Fingerabdrücke abgenommen - insgesamt sollen rund 130.000 Personen erkennungsdienstlich registriert werden. Es braucht keine Vorstrafe, um ins Register des Innenministeriums zu kommen, schilt die "FR", die Maßnahme sei "Teil der Bemühungen der Berlusconi-Regierung, in Italien insbesondere den illegalen Aufenthalt und die stark steigende Kleinkriminalität wieder in den Griff zu bekommen". Auch das für seine einfallsreiche Art, Spendengelder zu verwalten, bekannt gewordene Uno-Kinderhilfswerk Unicef und die "große katholische Zeitschrift Famiglia Cristiana" hätten "heftig reagiert": Es handle sich um eine "besorgniserregende Verletzung der Menschenwürde", habe es dort geheißen.

In Deutschland wären dergleichen Vorgänge völlig undenkbar. Hier müssen ohne Ansehen der Person, der Ethnie, der Rasse oder Religion einfach alle Menschen ihre Fingerabdrücke abgeben, ehe sie das Recht zugesprochen bekommen, einen Pass ausgestellt zu erhalten. Die elektronisch gespeicherten Kopien von jeweils beiden Zeigefingern werden in einer zentralen Datei dazu benutzt, Terror-Sympathisanten in der Bevölkerung auszumachen und Terroranschläge vorbeugend zu verhindern. Nach Ansicht von Unicef, der großen katholischen Zeitschrift Famiglia Cristiana und der Frankfurter Rundschau handelt es sich dabei nicht um eine "besorgniserregende Verletzung der Menschenwürde".

Die Unterschiede sind ja auch augenfällig: In Italien ist die erkennungsdienstliche Behandlung für Sinti und Roma kostenlos, in Deutschland zahlen Teilnehmer am Stasi 2.0-Programm der Bundesregierung derzeit 59 Euro Selbstbeteiligung.

Kommentare:

BetonBeton hat gesagt…

Ihr habt recht und auch nicht. Denn natürlich ist es ein Unterschied, ob alle zum Scannen müssen oder nur ein (rassisch definierter) Teil der Bevölkerung: Das eine ist ein entfesselter Überwachungsstaat und das andere Rassismus pur. Abzulehnen ist beides. Meine aber in der FR auch durchaus Schäuble-Kritisches gelesen zu haben... von daher ist eure Empörung über die Empörung ein bissl konstruiert.

panzerbummi hat gesagt…

erste frage: es ist also besser, pauschal alle menschen erkennungsdienstlich zu behandeln? zweite frage: wenn der italienische minister, desen namen mir entfallen ist, sagt, es ginge "nur" um kriminalität und nicht um rassismus: lügt er?

davon unbenommen: eine diskussion über die lebensumstände von sinti und roma, ihre marginalisierung und stigmatisierung, ist lange überfällig. auch, wenn sich viele eventuell angebotener hilfe immer wieder verweigern.

binladenhüter hat gesagt…

das urteil, es handele sich beim fingerabdrucknehmen für pässe um einen rückfall in finsterste zeiten möchte die fr dann aber noch nachschieben..

was sinti und roma betrifft, empfehle ich eine fahrt in die slowakei oder nach ungarn. dort lassen sich die lebensumstände der verfolgten super studieren. rassisten würden jetzt raten, die brieftasche dabei gut festzuhalten. ich tue das natürlich nicht, gibt ja keinen grund dafür

noch mehr Beton hat gesagt…

@panzerbummi: zu deiner ersten frage: Wie ich schon sagte, abzulehnen ist beides, eine Wertung was besser oder schlechter ist, mag ich nicht abgeben. Am liebsten wäre mir einfach weniger Überwachung. Zur zweiten Frage: Was soll er sonst sagen, klar lügt er.

panzerbummi hat gesagt…

wenn jemand einen italienischen (!) politiker (!) per se für einen lügner hält ... oder anders herum: könnte es sein, das kriminalität und sinti bzw. roma soweit korrelieren, dass ersteres mit letzteren zumindest zum teil erklärt werden kann?

BetonBeton hat gesagt…

@Panzerbummi:
Glatt ist das PPQ-Parkett: Also zuerst das Selbstverständliche: Ob es nun der ital., span., deutsche oder russische Außenminister ist, wer das hier Diskutierte einführt respk. einführen will, und dann die ebenfalls hier aufgeführte Aussage dazu trifft, der lügt, völlig unabhängig von seiner Herkunft. Aber netter Versuch...
Zur zweiten Frage: Der letzte mir bekannte "Forscher", der solche Zusammenhänge zwischen Herkunft und Kriminalität herstellen wollte, war ein gewisser Dr. Robert Ritter, der seine "erbbiologischen" Untersuchungen an Kindern und Jugendlichen in KZs vorzunehmen pflegte.

panzerbummi hat gesagt…

ah, ich liebe es :-)
ich sprach von korrelation, nicht von kausalität. dass sinti und roma nicht qua geburt verbrecher sind, ist mir schon klar. dennoch dürften (selbst gewählte und aufgezwungene) soziale umstände, verhaltensweisen etc. dazu führen, sinti und roma prozentual in der bspw. tschechischen oder ungarischen verbrechensstatistik weiter oben anzusiedeln als vietnamesen. oder?

politplatschquatsch hat gesagt…

wettet doch, ich bin beim panzer

ich glaube, das missverständnis im verständnis rührt hier aus der einfachen verwechslung von symptom und diagnose.

dr. ritter, der hier eingeführt wurde, schloss von der zugehörigkeit zu einer menschengruppe auf deren eigenschaften.

hier st es doch aber gerade andersherum: man hat in talien seit dem fall des eisernen vorhangs beobachten müssen, dass eine bestimmte art von kriminalität die spezialität einer bestimmten menschengruppe ist.

woher das kommt, weshalb das so ist, da können wir hier lange grübeln. fakt ist, dass nun mit einem - sicherlich untauglichen mittel - versucht wird, etwas dagegen zu tun. das aber richtet sich dann automatisch gegen die menschengruppe, nicht nur gegen die ihrer angehörigen, gegen die es sich richten müsste.

scheint ein trend zu sein: frankreich will jetzt alle jugendlichen erfassen, bei denen der verdacht besteht, dass sie auffällig und gewälttätig werden KÖNNTEN. "potentielle störer" werden in einer datenbank erfasst, zur abwechslung mal nicht nach rassischen oder religiösen regeln, sondern nach dem alter: ab 13 darf man dabei sein.

Betonbeton hat gesagt…

Lieber PB,

der Unterschied zwischen Korrelation und Kausalität ist mir schon klar. Danke aber noch einmal für die Erklärung, schön dass Du eine Uni schon einmal von innen gesehen hast.
Packe die Keule aber trotzdem noch einmal aus, weil ich die Befürchtung habe, dass der Fingerprint für eine von Außen definierte "Volks"gruppe schnell zu (quasi staatl. legitimierter) Gewalt gegen diese und in letzter Konsequenz in Lagerhaft und Vernichtung führen kann. Es fängt doch schon bei der Definition an (und deshalb kann ich euerem Argument der Kriminalitätsstatistiken nicht folgen): Wer bestimmt denn nach welchen Kriterien, wer S & R ist? By the way: an einem Link zu den erwähnten Kriminalitätsstatistiken wäre ich doch mal sehr interessiert.

panzerbummi hat gesagt…

den unterschied zwischen k und k habe ich doch gar nicht erklärt, nur darauf hingewiesen, dass es einen gibt :-)
wie auch immer:
1.) fingerprint = lagerhaft halte ich dann doch (bei aller liebe) für an den haaren herbeigezogen. wie schon gesagt: auch wir halten das mittel für absolut untauglich, die intention aber nicht ganz von der hand zu weisen.
2.) s & r bestimmen selbst, was s & r sind (es gibt gerade bei ihnen stark exkludierende tendenzen, die von außen betrachtet natürlich inkludierend wirken). damit sind s & r nicht nur von außen, sondern mindestens ebenso stark von innen definiert.
3.) die unterstellung, wir wären für ungehinderte datensammlungen, weisen wir mit dings, eh, empörung zurück. schau dir unsere meinungen zu den diversen deutschen chips an ...