Google+ PPQ: Wie Staaten nicht pleite gehen können

Mittwoch, 14. Januar 2009

Wie Staaten nicht pleite gehen können

War sie nun pleite, die DDR, oder war sie nicht? Und wenn, dann mehr als die Bundesrepublik heute, oder doch weniger? Am 31. Oktober 1989 legten Gerhard Schürer, Planungschef der wackligen Arbeiterrepublik, und Alexander Schalck-Golodkowski, der später als "Devisenbeschaffer" zu einigen Ruhm gekommene Im- und Export-Spezialist, dem Politbüro der SED ein sogenanntes "Arbeitspapier" vor, das eine vernichtende Bilanz unter 40 Jahre Sozialismus zog.

Das Wirtschaftswachstum sank, die Landwirtschaft kränkelte, die Milliarden, mit denen die Partei die Mikroelektronik zum Hoffnungsträger hatte ausbauen wollen, waren für die Entwicklung von Chips draufgegangen, die es in Japan und den USA schon längst besser gab. Zudem war die Infraktruktur von Straßen über Fabriken bis zu Telefonleitungen verbaucht und verschlissen, die Bevölkerung verdinete zuviel und konnte zuwenig dafür kaufen, die Preise, angeblich staatlich verordnet, stiegen beständig, Altbauten verfielen und die Neubauten reichten nicht aus, allen Menschen eine Wohnung zu geben.

Schürer und Schalck machten wenig Hoffnung. Die Arbeitsproduktivität in den volkseigenen Betrieben liege 40 Prozent unter der in Westdeutschland. Die Verschuldung der DDR im Westen betrug 49 Milliarden D-Mark, die innere Verschuldung sogar 123 Milliarden DDR-Mark. Dennoch waren die Exporte, von denen das Land hätte leben müssen, rückläufig - Schürer und Schalck machten dem neuen SED-Chef Egon Krenz klar, dass die DDR unmittelbar vor der Zahlungsunfähigkeit stand.

Doch sie zeigten auch zwei Auswege auf: Einmal könnte die Konsumtion der DDR-Bevölkerung auf 25 bis 30 Prozent gesenkt werden, um mehr Mittel für Investitionen freizuschaufeln. Das hätte einer Senkung des Lebensstandards um etwa 70 Prozent entsprochen. Eine andere Möglichkeit sei das Verpfänden der der DDR vertraglich für die Zukunft zustehenden Einnahmen aus der Transitpauschale an die Bundesrepublik - also quasi ein Optionsgeschäft: Die DDR hätte sich künftige Einnahmen als Kredite vorab auszahlen lassen. Gelockt werden sollte die Bundesregierung nach dem Plan der beiden Wirtschaftsexperten mit dem Versprechen, dass "durch diese Maßnahmen noch in diesem Jahrhundert die heute existierende Form der Grenze überflüssig gemacht" werden könne.

Egon Krenz ließ die entsprechenden Passagen aus derm Papier entfernen, ehe es dem Zentralkomitee der SED vorgestellt wurde. Ein Federstrich wendete so die Staatspleite ab: Die DDR war bankrott, sie durfte es aber nicht sein.

1 Kommentar:

Anonym hat gesagt…

Moechte hierzu kleinen Vorschlag
machen:
Guenther Schmoelders: Geldpolitik,
Tuebingen, C.B. Mohr, 1968 (mehrere
Auflagen, vergriffen)
Kapitel: Kriegsinflationen und
Staatsinflationen
- ein wirklich empfehlenswertes
Kapitel, von dem ausfuehrlichere
Rezensionen / Ausbeutungen zu
empfehlen waeren, weil allerhand
immer wieder hoch kommt.
Vor allem auch Waehrungsausfaelle,
die gab es immer wieder. Ein Begriff, der sich eigentlich leicht erklaeren liesse (oft
vorgekommen historisch) aber
vielen erst mal nichts sagt

Ebenso: Adam A. Tooze: Oekonomie
der Zerstoerung (2007 oder so)
(pardon, Platz ist knapp)