Google+ PPQ: Halle mit dem Blick des Pathologen

Montag, 16. März 2009

Halle mit dem Blick des Pathologen


Eine Stadt wie Fluch, bewohnt von Menschen, die es hassen hierher geworfen zu sein, die aber auch den Gedanken verabscheuen, einfach fortzugehen. Schicksal Halle, Stigma Halle: Die "Diva in grau", die von sich selbst behauptet "grün" und sowohl Kultur- als auch Sportstadt zu sein, besichtigt der Österreicher Felix Knoke seit kurzem von innen, allerdings mit dem sezierenden Blick eines Pathologen. Alles tot hier nach der Wende, bemerkt der Verfasser des Provinzfrust-Tagebuches "Ab nach Halle". Er drückt es nur etwas verbindlicher aus. Ein Österreicher eben.

Es erschien als gute Idee von Hamburg in die ostdeutsche Kleinstadt Halle (Saale) zu ziehen. Ein Vierteljahr später regnet es noch immer; ein Frusttagebuch aus der ostdeutschen Provinz.

Letztes Jahr im November zog ich zusammen mit meiner Freundin Johanna von Hamburg nach Halle an der Saale. Mithilfe eines Webstory-Tagebuches will ich meine Erfahrungen mit der ostdeutschen Provinz verarbeiten. Für mich als in einer propperen südwestdeutschen Urlaubsgegend aufgewachsenen ist der karge Dunkelosten (Dunkeldeutschland, Unwort des Jahres 1994) ein gehöriger Schock. Halle an der Saale, das ist nicht das bunte Leipzig oder das rege Dresden. Halle ist ein Beispiel, wie es schief laufen kann im Osten.

Halle liegt im Schatten Leipzigs, nur 150 Kilometer von Berlin, 200 km von der tschechischen Grenze, vier Zugstunden von Hamburg, München, Frankfurt entfernt. Halle ist per ICE, S-Bahn, Flughafen und nahe gelegenen Autobahnen verkehrstechnisch gut angeschlossen.

Die vielen Verbindungsmöglichkeiten nutzten in den Jahren nach der Wende viele Menschen, um der Stadt, ihren gigantischen Leuna-Chemieanlagen den Rücken zu kehren. Halle verlor fast ein Drittel der einst 317.000 Einwohner (Stand: 1990). Heute leben nur noch 234.000 Menschen hier, traditionell aufgeteilt in gebürtige Hallenser, alteingesessene Halloren und hinzugezogene Hallunken... Der ganze restliche Jammer aus dem Blickwinkel eines Mannes, den es auf einen anderen Planeten verschlagen hat, auf dem nicht Sauerstoff, sondern CO2 geatmet wird hier.

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Da ich auch verdreckter Ermittler in Sachen Stadt- und Landschaftserkundigungen bin, auch in trostlosen Ecken, muß ich leider konstatieren, daß mir so etwas Ödes wie Halle auch noch nie untergekommen ist. Und damit meine ich nicht nur die Platte in Neustadt. Nunja, Ödheit kann auch Charme besitzen, und der Beduine liebt seine Wüste.

binladenhüter hat gesagt…

du warst noch nicht in gröbzig, glauzig und köthen. musst du mal hinfahrn, am besten am wochenende. dagegen ist des beduinen wüste ein ort brodelnder geschäftigkeit

berlinpankowblogger hat gesagt…

Anonym und der Herr Autor des Ödland-Artikels über Halle haben (mindestens) eins gemeinsam: Sie denken, ihr Halbwissen würde ausreichen, um eine Stadt, ein Lebensgefühl zu beschreiben. Das ist eben nicht so. Eine Stadt wie Halle muss man eben entdecken. Waren die Herren schon einmal im Frühling im Paulusviertel? Im Sommer auf der Peißnitz? Unten, an der Saale, oder oben auf der Giebichenstein? Im Objekt 5? Damals im Sargdeckel? An einem lauen Sommerabend in der Kleinen Ulrichtstraße? Oben, in Trothas Gärten? Sicher nicht. Aber das ist vielleicht auch besser so. Um so schneller sind sie wieder drüben.

Anonym hat gesagt…

@berlinpankowblogger
"Sie denken, ihr Halbwissen würde ausreichen, um eine Stadt, ein Lebensgefühl zu beschreiben."

Das Lebensgefühl der Wüste kann nur der Beduine in blumigen Worten beschreiben. Es spricht sicherlich von erquicklichen Oasen, doch nehme ich lieber das Füllhorn. Kultur sieht anders aus als Halle.

panzerbummi hat gesagt…

kultur sieht anders aus? die größte theaterdichte nach berlin, hamburg, münchen, franckesche stiftungen, händel, die älteste schokofabrik deutschlands, reichardts garten, eine quirlige szene bildender künstler, das lustigste stadtparlament der welt, kneipen ohne ende, mit dem paulusviertel eines der größen erhaltenen gründerzeitlichen stadtviertel, der stadtgottesacker (der einzige campo santo nördlich der alpen neben buttstädt) etc. etc. - das können nicht einmal genscher und sodann runterziehen. und als banause verliert man n natürlich den überblick. nur das marketing dürfte verbesserungsbedürftig sein.

berlinpankowblogger hat gesagt…

Danke panzerbummi, endlich jemand mit Wissen. Aber nochmal zu Anonym: Nur weil Ihr die Wüste nicht kennt, findet Ihr sie nicht schön. Und nur weil Ihr nicht fähig seid, dort zu überleben, sagt Ihr, sie sei öde. Und ich bin übrigens in diesem Fall nicht der Beduine, lebe ich doch in Berlin.
Aber mal ganz davon abgesehen, mit Kultur-Wüste hat Halle (Saale) nun überhaupt nichts zu tun. Sicher gibt es ein paar öde Ecken. Aber die hat Berlin auch. Und Hamburg. Und Gastrop-Rauxel sowieso.

Anonym hat gesagt…

Bonjour tristesse!

Kultur ist nicht nur das, was von oben finanziert wird oder was als kaputte Szene in globaler Beliebigkeit herumflittert, sondern die Einstellung, das Wollen der Menschen, sich und ihrem Umfeld ein Gesicht zu geben, auszustrahlen. Und binladenhüter hat natürlich Recht, Halle als kulturellen Kraftpunkt der noch viel schlimmeren Umgebung einzuschätzen. Aber als Großstadt ist es mit das Schlimmste, was ich in der BRD bei Durchfahrten je gesehen, und das Ödeste, was ich einige Tage durchlebt habe mitten im einfachen Volke, und ich bin schon eine Menge herumgekommen im Osten und Westen und Süden und Norden und im Ausland, und schaue auch mit offenen Augen.

Im Übrigen komme ich selbst aus einer öden Ecke, bin aber dennoch fähig zur "Heimatkritik".

"Wolfen, Bitterfeld und Halle -
kennste eene, kennste alle!"

berlinpankowblogger hat gesagt…

Heimatkritik, jeder Zeit. Aber ein Österreicher aus Hamburg oder ein Hamburger aus Wien kann nun mal in Halle keine Heimatkritik üben. Und Anonym, Du kennst Halle auch nicht wirklich: Bei "Durchfahrten" gesehen und "einige Tag durchlebt."
Ich bin auch mal durch Köln Zollstock gefahren und hab dort einige Tage "durchlebt". Schlimm war das, ganz schlimm.

Anonym hat gesagt…

@berlinpankowblogger
So wie ich andere Städte "durchlebt" habe, undzwar von meiner Seite nach gleichem Muster. Von daher erlaube ich mir den Vergleich.