Google+ PPQ: Müde Monarchen

Mittwoch, 6. Mai 2009

Müde Monarchen

Der Sozialismus ist untergegangen, der Kapitalismus hat versagt, die Europawahl nun wird beweisen, dass einer Demokratie die Bindungskräfte ausgehen, wenn sie sich im leeren Ritual von Formeln wie "Wir in Europa" und "Stark vor Ort" erschöpft. Eine Spruchbannergesellschaft zerfällt in zwei Teile wie seinerzeit die selige DDR, die an Langeweile verstarb. Hier ist das Sprechen, wie es wirklich ist, dort das offiziöse Funktionsträger-Blabla. Erst nach dem fünften Bier fallen wenigstens die halbprofessionellen Politikerdarsteller aus der Rolle. Dann zerkaut der Stadtfunktionär der revolutionären Partei Die Linke keineswegs unwillig Begriffe wie "Überfremdung" und "Hartz-4-Pack". Gar nicht zu reden von den Volksparteien, deren Personal sich in seinen gelallten Reden nicht mehr sehr unterscheidet vom Geröchel, das in der Halbzeitpause durch jede Fußballfankurve kriecht.

Doch wohin? Womit? Und wozu? Weder Merkel noch Steinmeier werden das Viagra sein, um die müde deutsche Demokratie aus dem Koma zu wecken, weder Profalla noch Heil haben die Fähigkeit, die Satten und die Hungrigen gleichermaßen in Marsch zu setzen für eine Erneuerung des Landes von unten, eine Graswurzelrevolution wie im Herbst 89.

Das Problem der politischen Parteien ist, dass sie seit dem Ausbruch der großen Krise im vergangenen Jahr wissen, dass sie machen können, was sie wollen, ohne irgendwen oder irgendwas fürchten zu müssen. Not kennt kein Gebot, diese Krise keine Alternative. Das vermeintliche Jahrtausendereignis, das letztlich nichts anderes ist als eine ganz normale zyklische Überproduktionskrise des Kapitalismus, wie sie noch vor 30 Jahren jeder Staatsbürgerkundelehrer zwischen halb acht und Frühstückspause treffsicher diagnostiziert hätte, hat den Regierenden das letzte bisschen Scham vor allzu offensichtlichen Lügen ausgetrieben. Und dem Volk die Lust darauf, eine Lüge Lüge zu nennen.

Die einen schwindeln nicht gern, nein, das nicht. Aber die anderen werden gern belogen. Die Rente ist sicher, die Rettung nah, alle Schulden sind abbaubar und die Manager allein am ganzen Schlamassel schuld. Das klingt doch nicht schlecht. Natürlich leidet, wenn das alle Akteure aller politischen Parteien im Chor sprechen, die Unterscheidbarkeit der Angebote. Die Hingucker in der Auslage von CDUCSUSPDGRÜNEFDP sind deshalb unsinnig unbedeutent, aber besonders schrill aufgeschminkt: "Reichensteuer" und Suppenküche, warmes Essen für Kinder und Barrikaden für die Größeren. Dazu ein Bildungsprogramm, das sich gewaschen hat, aber niemand dabei naßgemacht.

Kein Ruck muss mehr durch dieses Land gehen, denn das Land selbst ist der Ruck. Verbessert werden muss zweifellos die Durchregierbarkeit, aber daran wird gearbeitet. Über diese in wohliger Agonie schwebende Demokratie noch ein wenig Internetzensur gebröselt, ein wenig Polizei-Trojaner, ein bisschen RFID-Chip und Meldepflicht, Glücksspielverbot, Alkoholverkaufssperre und Umkehrung der Unschuldsvermutung an allen ungeraden Tagen. Ruft der nächste CDU-Parteitag Angela Merkel dann als Angela I. zur Königin von Deutschland aus, wird kaum noch jemand aufschauen. Die fortgeschrittene Auszehrung der inländischen Demokratie und die Weigerung des Volkes, teilzuhaben an der fortgesetzten automatischen Ermächtigung der Regierenden, weiterzuregieren, so wird es heißen, hätten diesen Schritt alternativlos gemacht. Der SPD-Parteitag wird Franz Müntefering daraufhin zwar noch zu Kaiser Franz I. küren wollen, Die Basis aber wird, das ist in sozialdemokratischer DNA eingefräst, Ruhe für die erste Bürgerpflicht halten.

Kommentare:

nwr hat gesagt…

"nichts anderes ist als eine ganz normale zyklische Überproduktionskrise des Kapitalismus, wie sie noch vor 30 Jahren jeder Staatsbürgerkundelehrer zwischen halb acht und Frühstückspause treffsicher diagnostiziert hätte"

Das ist keine Überproduktionskrise, sondern eine Spekulationsblasenkrise - die imaginären Finanzwerte sind in den letzten 20 Jahren gegenüber den Realwerten um das Dreifache gestiegen. Von mir aus auch zyklisch: bisher alle 80 Jahre, wenn ein Weltkrieg dazwischen liegt. Nun werden Fantastrilliarden Steuer-Euro hin- und hergepumpt, die sowieso niemand bezahlen kann, außer durch die Verscherbelung des Volksvermögens und der Sklaverei heutiger und zukünftiger Generationen.

Gut, Inflation wär auch möglich - Entwertung der Volkssparguthaben. Oder ein fetter Weltkrieg.

Vielleicht geht's aber noch ein paar Jahre gut, wenn die Spekulanten die staatlichen Rettungspakete aus Hypotheken bekommen, die nichts anderes sind als Anweisungen auf zukünftige Realwerte und Arbeitsleistungen.

Wer der Sache noch traut, ist selbst schuld! Das ist nicht mehr der Kapitalismus, den Onkel Otto aus Wiesbaden praktisch und Stabü-Lehrer Müller theoretisch kannten.

ppq hat gesagt…

neenee, glaub mal: überproduktionskrise. die finanzkrise, die sog., ist nur der obere ausdruck dessen. nimm mal halbleiter, nimm autos, nimm häuse, nimm flugkapazitäten, nimm wasweißich. du wirst immer finden, dass die eigentliche, die grundsätzliche spekulation die ist, mehr produktionskapazitäten zu errichten, um die im kleinen erzielte rendite im größeren zu mehr gewinn auf das (mehr eingesetzte) kapital zu machen. die sog. finanzblase, von der u spricht, ist nur ausdruck der spekulation auf die spekulation - geplatzt wäre die blase auch so, denn um aktienkurse jenseits der angemessenheit hochzutreiben braucht niemand zwingend optionen, futures und cfds. dazu reichen ganz normale käufer, die immer höhere preise zu zahlen bereit sind.

nwr hat gesagt…

Natürlich gibt es einen Wachstumshype, seit Jahrzehnten, und nach dem Platzen der Banken - was haben die produziert, außer Spekulationsgewinne? - bekommen alle einen Schreck und konsumieren nichts mehr, womit man plötzlich eine Überproduktion (Depression) hat (darauf könnte die Inflation folgen, vielleicht ab 2010). Jahrzehntelang aber funktionierte die Überproduktion, und eine Überproduktion allein kann nicht solch einen Knall hervorrufen, den wir nur noch nicht gehört haben, weil imaginäre Werte abstürzen, die aber mit realen verknüpft sind.

Nein, es waren doch Millionen Menschen, die zuletzt an Aktien Geld verdient haben, mit imaginären Werten, die andere zumindest ansatzweise als Realwerte erarbeiten mußten oder noch müssen (Schulden). Im Vergleich zur Finanzblase ist die Realwerteblase zurückgeblieben. Also eigentlich Unterproduktion.

Das ist eine Spekulationskrise, keine Überproduktionskrise!

nwr hat gesagt…

"dazu reichen ganz normale käufer, die immer höhere preise zu zahlen bereit sind."

Oder der Humankapitalimport und später die Standortwahl in China, um billiger für die One-World-Massen produzieren zu können.

Der Absturz der US-Banken war doch der Auslöser. Was haben die überproduziert? Hypotheken?

ppq hat gesagt…

auslöser war das billige geld, das nach anlagegelegenheit suchte. bestes beispiel sind die deutschen landesbanken, die bekamen das geld durch die noch bestehenden staatsgarantien noch billiger, der gewinn aber liegt auch hier im einkauf: hast du billiges geld, kannst du bei der renditeerwartung abstriche machen, weil dein gewinn dann immer noch größer ist als der anderer.

genau deshalb stecken die deutschen landesbanken tiefer als alle anderen im sumpf.

was die us-baken produziert haben? nein, keine hypotheken, sondern viel zuviele häuser! häuser, die die, dies sie nach dem willen von clinton und bush bezahlen sollten, gar nicht bezahlen konnten. das wussten alle, deshalb hieß das ganze ja "subprime".

den geldkreislauf kannst du dann weiterverfolgen: der geht aus den banken zu den hypothekennehmern, von dort meinetwegen zu den baufirmen, von deren angestellen, um mal ganz einfach zu bleiben, zu den autoherstellern, von denen zu den billigfluglinien, ins internet, an die börse, usw.

am ende haben alle eine ganze zeit gut gelebt davon, dass keiner gerufen hat "der kaiser ist nackt".

wenn wir uns einigen wollten, würde ich vorschlagen, es eine durch billiggeld initiierte spekulationsblaseinduzierte überproduktionskrise zu nennen.

nwr hat gesagt…

Gut, nenn es so.

Aber hier hüpft man von der Bockwurst zum Bratapfel: War das Geld billig? Die Häuslebauer haben doch nur Schulden gemacht? Bei der ersten Zahlungsunfähigkeit der Bank will die ihre Kredite zurück und ruiniert die genannte Geldkreislaufkette.

Das System funktioniert solange, wie alle daran glauben. Bricht eine Bank zusammen, bricht Panik aus, alle laufen zur Bank, wollen ihr Geld abheben - das die Banken garnicht mehr besitzen - und eine Bank nach der anderen bricht zusammen, Aktien werden verscherbelt, Geld zurückgehalten, Absatzkrise beginnt, Unternehmen werden zahlungsunfähig. Mit der Produktion selbst hat das erstmal nichts zu tun - das ist ja das Absurde! Die Realwertekrise kam erst nach der Spekulationskrise!

Deshalb war die Rettung der Spekulationsblase durch nicht vorhandene Fantastrilliarden Steuergelder die einzig richtige Entscheidung, das Vertrauen der Anleger zu erhalten - und die Krise zu verzögern und zu verlagern, z.B. in eine Inflation.

ppq hat gesagt…

zu 1.) billig heißt, im grunde wie bei "billige nutte", leicht zu haben. bei 2 % kann jemand bauen, der bei 12 % nicht könnte.

der rest ist richtig, aber nicht vollständig. die banken haben ja in die realwirtschaft reinspekuliert, dadurch wurden ja erst zigzigste billigfluglinien, autofabriken mit dem doppelten ausstoß des jahresbedarfes der welt und halbleiterhersteller in dresden!!!! möglich.