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Donnerstag, 1. Oktober 2009

Abriss-Exkursionen: Im Kulturhaus der Bunawerker

Als Stalin noch regierte, sollte das Geburtsklinik für den neuen Menschen werden: Das "Klubhaus der Werktätigen" vor den Toren der Kohlechemiefabrik Buna, wurde im IG-Farben-Code X50 genannt, entstammt aber einer Zeit, als der Sozialismus sich aufmachte, den Kapitalismus zu überholen, ohne ihn zuvor eingeholt zu haben. Arbeit und Kultur, so stellte sich das die Sozialistische Einheitspartei vor, sollten am Arbeitsplatz stattfinden, der Mensch sich definieren als Wesen, das nicht Arbeitszeit und Freizeit unterscheidet, sondern 24 Stunden am Tag an der Zukunft baut.

Ein Konzept, das dem Mauerfall nicht überstand. Plötzlich befand sich das gewaltige Haus, dessen Silhouette an mehrere übereinandergestapelte Großgaragen erinnert, am völlig falschen Ort. Wer mit dem Auto zur Schicht kommt, statt mit dem "Schichterzug", der zischt auch keine zehn Bier mehr nach Arbeitsschluss.

Über anderthalb Jahrzehnte verfiel der Riesenbau, ehe sich ein irrwitziger Investor mit dem Plan meldete, ein "multikulturelles Veranstaltungszentrum" in die Ruine im Niemandsland zwischen Halle und Leipzig zu bauen. Mehr als 20 Millionen Euro sollten investiert werden - eine Idee, die der Landesregierung in Magdeburg imponierte. Aus dem Töpfchen für die touristische Infrastruktur kamen 9,5 Millionen Euro Fördermittel, schließlich, so hatte der ostdeutsche Disko-König versprochen, würde der neue Kulturtempel Konzertgänger und Diskobesucher noch aus Chemnitz, Erfurt und Berlin anlocken. Und allzu genau wollte es niemand nehmen, denn nachdem die Magdeburger Landesregierung zwischen 1994 und 1999 fröhlich 400 Millionen Euro Fördermittel mangels Anlagemöglichkeit unverbraucht an den Bund zurückgegeben hatte, kam es nur darauf an, irgendetwas zu finden, wo sich Steuergelder verbauen ließen.

Allerdings war der Bauablaufplan dann doch erst etwa bis zur Hälfte abgearbeitet, als sich eine neue Regierung alles anders überlegte. Der genehmigte Fördermittelbescheid wurde zurückgezogen, der Investor wegen Fördermittelmißbrauch angeklagt. Niemand wollte mehr gewusst haben, dass sich im "multifunktionellen Veranstaltungszentrum X50" von Anfang an auch eine Disko befinden sollte.

Es wurde ein langer kurzer Prozess. Nach sieben Monaten in Untersuchungshaft wurde der inzwischen insolvente Investor zu zwei Jahren und neun Monaten Haft verurteilt, weil das Gericht es als erwiesen ansah, dass er 421.000 Euro Fördermittel zweckentfremdet verwendet habe. Das Land stellte auch für den Rest der bereits ausgezahlten Fördersumme von 4,8 Millionen Rückforderungen. Wenigstens muss man ja so tun als ob. Handwerker zogen los und bauten das Material aus dem Gebäude aus, für das sie nicht bezahlt worden waren. Andere deckten das Dach ab und entfernten Rohrleitungen. Geblieben von den großen Plänen ist vier Jahre später nur die architektonische Ahnung eines großen Wurfes, die vor allem im großen Saal zu spüren ist. Weit schwingende Traversen ziehen sich bis über die beim Umbau auf die andere Seite verlegte Bühne hin. Ja, diese Halle hätte reichen können, 2000 bis 3000 Menschen zu empfangen.

Dazu wird es nicht kommen. Sechs Jahre nach dem Start des ehrgeizigen Umbauprojektes ist X50 nun endlich ein würdiger Kandidat fürdie PPQ-Reihe Abriss-Exkursionen: Das Land hat seine 4,8 Millionen natürlich bis heute nicht wiedergesehen, dafür aber immerhin eine Ruine errichtet, die sich nicht vorwerfen lassen muss, die touristische oxdr sonst irgendeine Infrastruktur zu stärken. Multikulturell sind im feuchten Inneren des Baudenkmals nur die Kritzeleien bildungsferner Wandmaler: Kürzlich wurde hier das "Königreich Hohenweiden" ausgerufen. In dem wohnen sie wohl jetzt, die neuen Menschen.

Kommentare:

Marco hat gesagt…

Hätte man den Knilch mal seine Disko bauen lassen. Das Gebäude wäre nicht dem Verfall preisgegeben worden und die Merseburger, Hallenser und Umlandbewohner hätten einen Tanztempel mit kinderleicher Erreichbarkeit und massig Parkraum. Eine Aufwertung der Brache gegenüber dem DOW-Gelände wäre ein zuätzlicher Effekt gewesen. Steuern hätte der Besitzer auch zahlen müssen. Alles in allem wäre die Kohle trotz Zweckentfremdung nutzbringender angelegt.

Was heißt überhaupt Zweckentfremdung? Was ist Kultur? Kultur in Deutschland ist, wenn geistige Knochengerippe verstaubte Bilder in schallgedämmten Räumen angucken. Oder ZDF-Kameras schunkelnde Omas in grenzdebilen Volksmusik-Horrorsendungen ablichten. Tanzende und ausgelassen feiernde Jugend ist keine Kultur. Oder doch?

Friederich hat gesagt…

Mann, dagegen scheint der »Palast der Republik« ja eine Hundehütte gewesen zu sein. Schön, daß der Genosse ABV ppq so unbürokratisch eine Drehgenehmigung erteilt hat.

Ich suche schon länger eine kleine bezahlbare Werkhalle für richtig Arbeit, wenn ich so ein verfallendes Ding sehe, tränt mir immer ein Auge so ein bißchen.

derherold hat gesagt…

Ich kenne ja ein paar bildungsferne Menschen, Ingenieure genannt, die schöne Erinnerungen an den Standort haben.

Eine gebürtige Thüringerin erklärte fröhlich, in das Kulturzentrum sei man jeden Morgen zum zweiten Frühstück gegangen. Ein junger Kollege, 1988 aus Schwedt kommend, fühlte sich in Schkopau in die Originalkulisse von "Wie der Stahl gehärtet wurde" versetzt; ein ähnlicher Eindruck beschlich einen westdt. Kollegen (dafür wollen beide aber alkoholische Freuden im Kulturzentrum erlebt haben).

Discothek ? Aufgrund "demographischen Wandels" bereits seit Mitte der 90iger erledigt und die ostdeutschen Kommunen waren sich hier einig, nur wenige Baugenehmigungen zu erteilen.

P.S. Der "Kampf gegen Rechts" hat hier seine Schattenseite: Wären mehr Rechte in der Regierung von Sachsen-Anhalt, hätten sie einem Investor namens Martin Niemöller sowieso keine Fördermitttel ausgezahlt. ;-)

ppq hat gesagt…

zu unserer ehrenrettung muss ich sagen, dass die aufnahmen völlig illegal entstanden. wir waren aber nicht die ersten, die da ohne genehmigung rein sind ;-), die dorfjugend lebt scheinbar da drin.

das gesparte geld, marco zum troste, ist sicherlich inzwischen in programme gegen gewalt und rechts geflossen.

@herold: die genhmigungen hatte der ja alle. nur pech, dass vertrag in deutschland nicht vertrag ist, wenn die regierung wechselt.

was den namen betrifft: der ist nicht mal zufall, sondern verwandschaft

derherold hat gesagt…

Ich will angesichts mangelnder Detailkenntnis niemandem, erst Recht nicht diesem Niemöller, zu nahe treten aber dieses Neue-Regierung-bricht-Vertrag halte ich für wenig wahrscheinlich - auch wenn ich Ende der 90iger selbst lustige Sachen erlebt habe. :-)

Für mich liest(!) es sich so, als sei die Gesamt-Finanzierung auf Sand gebaut, das "Kulturzentrum-Konzept" wackelig gewesen und das Ministerium hatte nun Panik, die zweite Tranche über weitere rd. 4,5 Mios. (in eine Luftblase) nachschießen zu müssen. Der Vorwurf lautete ja nicht "Zweckentfremdung" von rd. 400.000, sondern fehlender EK-Anteil. Das ist eine andere Baustelle.

... zumal die Dorfsparkasse kaum seelenruhig dabei zugesehen hätte, wie eine Regierung aus ihrem Beleihungsobjekt eine Ruine macht.

Darüberhinaus: 9 Mio. Euro öffentliche(!) Mittel für eine privat betriebene Diskothek ?
Das hätte auch Heuer, den ich nur als honorigen Mann kennengelernt habe, wohl nicht deichseln könne.

VolkerStramm hat gesagt…

Ein eigenartig Land ist das, das Sachsen-Anhalt.
Denn im ohne Anhalt wäre so was nicht passiert. Nein, nicht das mit der Fördermittelumleitung. Das passiert hier alle Tage.
Aber dass der Täter bestraft wird, wäre hier vollkommen undenkbar.
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Die leipziger Olympiamafia hat (offizielle Angabe) 950.000€ veruntreut. Weiß jemand, ob Flachpfütze die Kohle wieder zurückgezahlt hat?

Anonym hat gesagt…

Klasse Video!
Danke!