Freitag, 30. Januar 2026

Im Kern ein Wissenschaftler: Doktor der Demokratie

Mario Voigt hat Thüringen vor dem Abfall von der Demokratie bewahrt. Jetzt haben seine Feinde ihm seinen wissenschaftlichen Titel weggenommen. Doch den Doktor in Demokratie kann ihm niemand nehmen.

Er erschien als Retter in der höchsten Not, ein Mann, wie sich die Welt einen echten Thüringer vorstellt. Mario Voigt, klein, knuffig, aber hochgebildet, beendete das Interregnum des ohne Mehrheit regierenden linken Ministerpräsidenten Bodo Ramelow. 

Bei einer Landtagswahl, die erst mit Verspätung stattfinden konnte, gelang es ihm, das kleine, eigensinnige Völkchen im Süden des Ostens zurückzuführen in die Familie der demokratischen Bundesvölker. Die dunkle Zeit, die angebrochen war, als sich ein liberaler Usurpator mit den Stimmen der Falschen zum Ministerpräsidenten in Erfurt hatte wählen lassen, sie war vorüber, vorbei, überstanden.

Merkels Mann in Thüringen 

Die Menschen in Thüringen hatten diese zweite Chance nicht zuletzt der damaligen Kanzlerin zu verdanken. Angela Merkel selbst hatte sich nach der "unverzeihlichen" (Merkel) Wahl von des FDP-Mannes Thomas Kemmerich zum Thüringer Ministerpräsidenten aus Südafrika eingeschaltet.

Die CDU-Vorsitzende, sichtlich zornig, machte das Parlamentsvotum vom 5. Februar 2020, an dem Mutmaßungen zufolge nicht nur CDU und FDP, sondern auch die AfD beteiligt gewesen war, kurzentschlossen rückgängig. So, das war die klare Botschaft aus der Hauptstadt, dürfe eine Wahl in Deutschland nicht ausgehen.

Ein Stück deutscher Politikgeschichte, das bei Älteren Erinnerungen an den Einmarsch der Reichswehr im Herbst 1923 weckte. Damals hatte Berlin die Reichsexekution ausgerufen, um die von einer linken Koalitionsregierung aus SPD und KPD ausgehobenen proletarischen Hundertschaften zu entwaffnen und das Kabinett abzusetzen. Bundestruppen besetzten auf Befehl der Reichsregierung die Hauptstadt Weimar. Die Regierung Frölich II trat zurück. Demokratische Verhältnisse waren wiederhergestellt.

Ramelow musste weichen

Im Gegensatz zu den handfest ausgetragenen politischen Kämpfen des Krisenjahres 1923 ging hundert Jahre später alles zivilisiert über die Bühne. Weil die Parlamentarier im Thüringer Landtag sich mit Blick auf ihre Lebensplanung und Einkommenssituation weigerten, das Volk noch einmal an die Urnen zu rufen, verwaltete der linke Bodo Ramelow die Legislaturperiode in aller Stille zu Ende. 

Die schließlich vier Jahre nach dem Kemmerich-Debakel doch noch absolvierte Landtagswahl endete mit einem deutlichen Sieg der Demokraten:  490.000 Menschen stimmten für CDU und SPD. Nur ganze 408.000 für die bereits damals als gesichert rechtsextremistisch eingestufte AfD.

Das zweite Kabinett Voigt  - das erste hatte auf Geheiß des Großherzogs Carl August von 1815 bis 1819 unter Christian Gottlob von Voigt das Großherzogtum Sachsen-Weimar-Eisenach regiert - bündelte die Kräfte von CDU, BSW und SPD und bekam den Ehrennamen "Brombeer-Koalition" verliehen. Eine Mehrheit haben die drei Parteien nicht, doch die Linke steht von Fall zu Fall bereit, gegen entsprechende Zugeständnisse für stabile Verhältnisse zu sorgen. Sie lieben sich nicht in der Erfurter Regierungsstraße. Doch sie überleben gemeinsam, weil sie wissen, dass sie allein streben würden.

Kein Eingewanderter wie seine Vorgänger 

Mario Voigt ist der Mann der Stunde, die geschlagen hat. Der 48-Jährige ist kein Glänzer, kein Blender, kein Eingewanderter wie Ramelow oder der gefürchtete hessische AfD-Lehrer Björn Höcke. Voigt beschloss erst mit 17, der CDU beizutreten. 

Erst mit Mitte 20 wurde er Mitglied im Kreisvorstand seiner Partei. Und erst nach Lehrjahren als Lobbyist von Siemens in Brüssel, Fußsoldat in der politischen Planungsabteilung der CDU in Berlin und Wahlbeobachter der Konrad-Adenauer-Stiftung in Washington schnupperte er als Strategieberater der Bundestagswahlkampagne von Angela Merkel im Jahr 2005 in die große Politik hinein. 

Voigt ist mit einer Promotion zum Dr. phil im Fach Politikwissenschaft,  an der TU Chemnitz und beruflichen Stationen als Leiter die Unternehmenskommunikation beim Jenaer Konzerns Analytik Jena und bei der Werbeagentur McCann-Erickson ein echter Exot im politischen Geschäft. 

Ein Spätstarter in der Staatskanzlei 

Erst mit 25 Jahren wurde er stellvertretendes Mitglied im Vorstand der Europäischen Volkspartei (EVP). Erst mit 27 gar kandidierte er für die Europawahlen, wenn auch erfolglos. Immerhin gelang ihm 2009 schließlich der Sprung in den Thüringer Landtag, er wurde Generalsekretär seiner Partei in Thüringen und wer genau hinschaute, konnte den Marschallstab im Tornister des Familienvaters aus Jena bereits erkennen.

2019 berief ihn EVP-Spitzenkandidat Manfred "We" Weber dann als Digital Campaign Manager in sein europaweites Kampagnenteam. Voigt, unterdessen auch Professor für Digitale Transformation und Politik an der Quadriga Hochschule Berlin, übernahm die Leitung des europaweiten Digitalwahlkampfes der EVP und ihres Spitzenkandidaten in allen 27 Staaten der EU. 

Architekt von Webers vergeblichem Wahlsieg 

Mit Webers Wahlsieg, auch wenn er wegen innereuropäischer Friktionen letztlich nicht zur Übernahme des Kommissionsvorsitzes durch den "Unverstandenen" (Cicero) aus Niederhatzkofen reichte, zeigte Mario Voigt, was die Arbeit an einer Professional School für kommunikationsbasiertes Management, der das NDR-Medienmagazin Zapp vergeblich eine fragwürdige Nähe zwischen Public Relations und Journalismus vorgeworfen hatte, im politischen Nahkampf ausmacht.

Voigt ist ein Spätberufener, verglichen mit den Nomenklaturkadern anderer Parteien. Und er ist einer mit Abschluss. 2008 schon promovierte er im Fach Politikwissenschaft bei Eckhard Jesse an der TU Chemnitz. Voigt Thema war der US-Präsidentschaftswahlkampf 2004, den er dank eines Stipendiums der CDU-eigenen Konrad-Adenauer-Stiftung über Monate hatte vor Ort beobachten dürfen. 

Kenner der Grassroots 

Das Augenmerk seiner Forschungen konzentrierte sich dabei auf Innovationszyklen, wie Voigt sie durch seine fundierten Studien der Politik, des Öffentlichen Rechts und der Neueren Geschichte in Jena, Bonn und an der University of Virginia unschwer erkennen konnte. Im digitalen Campaigning entdeckte er die Verbindung von Grassrootskampagnen mit digitalen Anwendungen und Big Data. In vier Büchern , darunter das Standardwerk "In der Mitte der Kampagne: Grassroots und Mobilisierung im Bundestagswahlkampf 2005" legte Voigt seine Erkenntnisse dar. In "über 40 Ländern", so genau wusste er es bald selbst nicht mehr zu sagen, sprach er zu digitalem Campaigning, Mobilisierung und Public Affairs.

Damals ein klarer Kompass dafür, das hier einer nicht alles auf die Politik setzt, sondern sich die Entscheidung vorbehält, den Ruf der Macht zu hören oder wie so viele andere ein ganz normales Leben mit einem bürgerlichen Beruf zu fristen. Ein Ostdeutscher im westdeutsch dominierten Politikbetrieb muss sich immer eine Hintertür offenhalten. Das tragische Schicksal des früheren Ostbeauftragten Christian Hirte, ein Thüringer, der nach unbedachten Glückwünschen an Thomas Kemmerich seinen Posten verlor, ist für jeden jungen Nachwuchspolitiker eine unvergessliche Mahnung. 

Ausländer jagen den beliebten Thüringer  

Auch für Mario Voigt. Der gebürtige Jenaer ist einer wie so viele seiner Landsleute: Außen konservativ, innen grün. Eine Handwerkerstatur kombiniert mit dem wachen Geist eines Philosophen. Von seinen Anfängen als Sprecher für Wissenschaft, Wirtschaft und Digitale Gesellschaft und als Vorsitzender des Bildungsausschusses im Thüringer Landtag hat der knuffig wirkende siebte Ministerpräsident des Freistaates sich emanzipiert. 

Voigt spielt die Rolle des Landesvaters mittlerweile souverän. Ihm kommt dabei zugute, dass in den Ländern im Zuge der fortschreitenden Zentralisierung der Bundesrepublik immer weniger zu entscheiden ist. Der Mangel verwaltet sich von allein, es bleibt Zeit für Ehrenämter im Bundesvorstand Ring Christlich-Demokratischer Akademiker, als Vorsitzender des Fördervereins des Instituts für Politikwissenschaft der Friedrich-Schiller-Universität Jena und Landesvorsitzender der CDU in Thüringen. 

Ostdeutsch, unbeugsam und sympathisch

Vorwürfe, dass Voigt sich im EU-Wahlkampf 2019 bestechen lassen habe, stellten sich als haltlos heraus.  Direkt hinter seinem Parteifreund Christian Tischner, dem Bildungsminister im Kabinett, der  BSW-Finanzministerin Katja Wolf und SPD-Innenminister Georg Maier und noch vor dem Fraktionsvorsitzende der Linken im Landtag, Christian Schaft, schaffte es Mario Voigt ganz nach oben auf der Beliebtheitsskala seiner Landeskinder.  

So einer, ostdeutsch, unbeugsam und sympathisch, zieht natürlich Neid auf sich. Schon im August 2024, Mario Voigt war noch nicht einmal zum Ministerpräsidenten gewählt worden, warf der bekannte Plagiatsjäger Stefan Weber dem talentierten Schachspieler beim SV Blau-Weiß Bürgel vor, in seiner Dissertation an 140 Stellen abgeschrieben zu haben. 

Weber verwies auf einkopierte Wikipedia-Passagen. Selbst das Dankeswort und Voigts Gedanken zum Ziel seiner Untersuchung seien zum Teil plagiiert worden. Aufgrund der Fülle an Plagiatsfragmenten gehe er "von einer Täuschungsabsicht von Mario Voigt über die Eigenleistung bei der Literaturrecherche und beim Schreiben" aus. 

Obwohl Voigts Doktorarbeit anschließend von einem anderen Plagiatsexperten untersucht und für unbedenklich erklärt worden war, sah sich die TU Chemnitz veranlasst, den Vorwürfen weiter nachzugehen - ungeachtet der Gefahren, die solche Prüfungen immer mit sich bringen. Deutschlandweit ist die Zahl der vielversprechenden Politiker*innen Legion, die kleinliches Buchstabenzählen um eine große Karriere brachten. Von Karl-Theodor von und zu Guttenberg über Silvana Koch-Mehrin und Annette Schavan führt eine Linie zu Franziska Giffey. Und nun auch zu Mario Voigt. 

Eine Waffe gegen den Wissenschaftler

Eine dem Landesvater von 1,8 Millionen Thüringern vermeintlich fehlende wissenschaftliche Lauterkeit wird als Waffe ins Feld geführt, um den volksnahen Politiker unter Druck zu setzen. Obwohl bestätigt und von Voig beeidet wurde, dass es sich bei seiner Doktorarbeit um eine eigenständige Leistung handelt, bohrte die Universität in Sachsen nach. Sie fegte das Urteil eines Experten, den sie selbst beauftragt hatte, vom Tisch und verschärfte mitten im laufenden Prüfungsverfahren die Vorgaben für wissenschaftliche Lauterkeit. 

Obwohl Voigt allenfalls das Übernehmen von Zitaten aus Sekundärquellen vorgeworfen werden kann, eine zeitsparende Möglichkeit, Wissenschaft zu beschleunigen, zerstört der Verfolgungseifer der TU Chemnitz die junge und empfindliche politische Kultur in Thüringen. 

Zwar wehrt sich Mario Voigt vor dem Verwaltungsgericht und trotz des entzogenen Titels scheint er entschlossen, sich zumindest selbst weiterhin als Doktor auszugeben. Doch das gewinnt nur Zeit und würde das Gericht en deren Ende feststellen, dass Voigt seinen Titel zurecht verloren hat, bliebe ihm nicht einmal mehr die elegante Giffey-Lösung des freiwilligen Verzichts auf die Führung des aberkannten Titels.

Der Dr. ist nur Zierde 

Das müsste nicht sein. Voigt hat betont, dass der "wissenschaftliche Kern meiner Arbeit ist von den Vorwürfen nicht betroffen" sei. Die meisten seiner Wählerinnen und Wähler haben ihn ohnehin nicht wegen seiner umfassenden Kenntnis der Abläufe amerikanischer Wahlkämpfe gewählt, sondern weil ihnen seine Partei als das kleinste aller Übel erschien.

Im Freistaat hat sich jenseits des Wutbürgermilieus, das immer nur meckert, längst ein pragmatischer Blick auf Doktor in der Staatskanzlei durchgesetzt. Wie ein Mann scharen sich Parteikollegen, politische Beobachter und Medien um den Doktor der Demokratie. "Ist Mario Voigts Dissertation schlecht?", heißt es etwa in einem Kommentar. 

Das könne durchaus sein, sei aber ziemlich egal, weil der  "Dr. vorm Namen allein der äußerlichen Zierde" diene.  Mario Voigt war mit Blick auf die Geschichte und sein Umfeld in Partei und Regierung davon ausgegangen, dass alle ihre Doktorarbeiten genau so schreiben. 

Warum denn dann nicht auch er?


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