Google+ PPQ: Theo, wir fahrn nach futsch

Samstag, 6. März 2010

Theo, wir fahrn nach futsch

Es läuft wie ein Länderspiel gegen Argentinien beim Deutschen Fußballbund. Seit dessen Vorsitzender Theo Zwanziger entschieden hat, dass mögliche intime Beziehungen zwischen erwachsenen Männern im Sold des DFB Chefsache sind und an die Öffentlichkeit gehören, hat der größte Sportverband der Welt nicht mehr nur mit einem Wettskandal, der Leistungsdruckdiskussion nach dem Enke-Selbntmord und einem Vertragsstreit um die Zukunft des Bundestrainers zu kämpfen. Sondern auch noch mit unappetitlichen Details aus der Gefühlswelt des Schiedsrichterwesens. In dem geht es offenbar seit Jahren zu wie in einem erzkatholischen Kinderinternat: Zwischen sexueller Nötigung, intimen Übergriffen und glitschigen Liebesmails blieb kaum noch Zeit, zur Pfeife zu greifen.

Zuerst war alles klar. Manfred Amerell, "Schiedsrichter-Obmann" beim DFB, sollte seinen Starschiedsrichter Michael Kempter gezwungen haben, sexuelle Handlungen zu dulden. Anderenfalls, so die Drohung, werde er seine Leistungen auf dem Fußballplatz schlecht bewerten. Kempter ist 27 Jahre alt, 1,80 groß, Bankkaufmann bei der Sparkasse Pfullendorf-Meßkirch und "ein Vorbild für junge Schiedsrichter", wie das "Amtliches Mitteilungsblatt des Südbadischen Fußballverbandes" schon vor sechs Jahren feststellte. Das Vorbild handelte also pragmatisch: Obwohl er später erklären wird, nie gewillt gewesen zu sein, eine sexuelle Beziehung zu seinem 36 Jahre älteren Mentor Amerell einzugehen, schlägt er diesem nicht etwa die Faust ins Gesicht, als der ihm bei einer Autofahrt in die Hose greift. Er habe ja, sagt Kempter später, nicht anhalten können.

Wahrscheinlich waren die Bremsen kaputt. Die Karriere musste schließlich in Fahrt bleiben. Kempter denkt pragmatisch und schreibt dem rothaarigen Belästiger: „Hi mein Freund, Drücke Dich Morgen ganz fest. Ziehe für Dich extra die „weiße Hose“ an, damit mein schwarzer Tanga vorleuchtet... grins“.

Ein Akt des Widerstandes, der weit über alles hinausgeht, was an Mitwirkungspflicht des Bürgers von der Staatssicherheit in der DDR gefordert wurde. Für Theo Zwanziger, dessen Moral und Logik sich traditionell nach der jeweiligen Situation richten, ist Kempter folglich ein Opfer, als er dem DFB beichtet, dass er das Ziel schrecklicher Übergriffe des Schiedsrichtersprechers sei.

Amerell gibt alle Ämter auf, droht aber mit Prozessen. Zum Glück gelingt es dem DFB, drei weitere Schiedsrichter zu finden, die dem Hotelier aus Bayern ebenfalls vorwerfen, sie sexuell belästigt zu haben. Drei entsprechende eidesstattliche Versicherungen müssten reichen, Amerell zum Schweigen zu bringen - doch sie reichen nicht.

Entgegen aller Planungen nämlich taucht der Täter nicht etwa ab, beschämt ob seines zerstörten Rufes. Nein, Amerell hält es für seine Privatsache, wann er mit wem versucht hat anzubändeln.

Theo Zwanziger ist von Beruf Anwalt, ihm musste klar sein, dass sexuelle Beziehungen zwischen Schiedsrichtern und Fußballfunktionären sowenig verboten sind wie die zwischen Chef und Sekretärin, Mittelstürmer und Trainer, Architekt und Polier. Ohne den Nachweis beruflichen Drucks ist eine "Affäre" zwischen dem Obmann aller Unparteiischen und dem Star aller Schiedsrichter öffentlich von genausoviel Belang wie ein Kabinentechtelmechtel von Putzfrau und Platzwart.

Es sieht nicht danach aus als hätte der DFB Belege dafür, dass Manfred Amerell Schiris danach protegiert hat, wie sie ihm zu Willen waren. Anderenfalls hätte es der Verband auf ein Gerichtsverfahren ankommen lasssen, statt dem tödlich beleidigten Ex-Obmann die Namen der drei weiteren Unparteiischen auszuhändigen, die ihm intime Annäherungsversuche vorwerfen. Amerell wird die Namen nun zur Staatsanwaltschaft tragen, über kurz oder lang werden sie öffentlich werden. Die beim Wettskandal erfolgreiche DFB-Strategie, nur zuzugeben, was gar nicht mehr geleugnet werden kann, und ansonsten darauf zu hoffen, dass die Zeit alle Wunden heilt, wird diesmal nicht aufgehen. Schon bläst die sonst so duldsame Meute der Hofberichterstatter zur Jagd, schon probt der auf Jubel dressierte Chor erstmals einen Protestgesang nach der Melodie "Theo, wir fahrn nach futsch". Wenn nicht alles täuscht, wird Theo Zwanziger dann zur WM in Südafrika schon als Privatmann reisen.

Kommentare:

derherold hat gesagt…

Ich glaube, da ist *ppq* auf dem völlig falschen Dampfer.
Daß Amerell - wenn dem so sein wird - glimpflich aus der Sache herauskommt, ist nur einem Umstand geschuldet: daß er homosexuell ist.

Beziehungen "Chef/Sekretärin" oder "am Arbeitsplatz" sind mitnichten Privatsache und braucht auch keinen erwiesenen Vor-/Nachteil für den Belästigten. Die "Belästigung" reicht völlig aus. Wäre Amerell stock-hetero und Kempter hieße Angelika, wäre die Sache klar und Amerell medial zum Abschuß freigegeben.

Man sieht es auch an der "jüngsten Diskussion" um die katholische Kirche. Daß es sich bei den Vergehenden in 90%(?) aller Fälle um Homosexuelle handelt und eigentlich diskutiert werden müßte, ob die gay community ein Problem mit Mißbrauch und Pädophilie hat, wird "überraschenderweise" weggemannichelt.

Zwanziger ist eine im klassischen Sinn tragische Figur, weil es für ihn "kein Entrinnen" gab: Er war stest bedacht, sich politisch-korrekt zu äußern. Daß Amerell nach Einigung "sexuelle Belästigung" vorgeworfen werden darf, hätte völlig ausgereicht, Zwanziger als energischen Sachwalter dastehen lassen ... wäre Amerell heterosexuell.

ppq hat gesagt…

Hey, Herold,

ich glaube du übersiehst, dass es sich hier dem Briefverkehr zufolge über Jahre hinweg um EINVERSTÄNDIGE Kontakte handelt. Die sind zwischen Chef und Sekretärin keineswegs justitiabel.

Bei allem anderen stimme ich Dir zu. unterhaltsam dabei ist aj die Debatte, die nicht stattfindet: da wurden nun homo- und heterosexuelle Kontakte rechtlich gleichgestellt, ein als Fortschritt betrachteter Umstand, hinter den niemand mehr zurück kann, ohne sich als Schulenfeind zu outen. Und siehe da: Anstatt die Strafbarkeit zu zurückzufordern, fordert man mal wieder die verlängerung von verjährungsfriusten. Das ist jetzt das dritte Mal in zwei Jahren, dass diese Forderung anstelle der nach Strafverschärfung als Lindenblättchen herhalten muss. Wasch mich, aber mach mich bloß nicht nass!!!

VolkerStramm hat gesagt…

Mag ja sein, dass Zwanziger hier von Ereignissen überrollt wurde, die außerhalb seines Blickfelds lagen. Aber das rumeiern und beleidigtsein geht einem einfach nur noch auf die Nerven.
Bei seinem Vorgänger MV glaubte man ja, es ginge nicht schlimmer. Wie man sich eben so irrt.

derherold hat gesagt…

"...über Jahre hinweg um EINVERSTÄNDIGE Kontakte handelt. Die sind (...) keineswegs justitiabel."

Das ist falsch.
Ist der "einverständige Kontakt" beendet und XY "belästigt" weiter, ist XY dran. Daß der DFB nach Einigung(!) mit Amerell sagen darf, er habe mehrfach(!) "sexuell belästigt", wäre normalerweise das "Todesurteil" - völlig eindeutig. Da muß man gar nicht diskutieren

Wäre das die "außergerichtliche Einigung" mit dem heterosexuellen CSU-Provinzpolitiker Hintermüller, würde kein Sender, keine Zeitungsredaktion ihm auch nur den Hauch einer Rechtfertigung bieten.
... absolut undenkbar.

Irgendwelche SMS würden gar nicht thematsiert; bestenfalls würde dies als Machtgefälle zwischen dem nun 63-jährigen Belästiger und einem 27-jährigen Opfer interpretiert. Die Bayern-Email(?) ist doch Kinderkram.

P.S. Was ist eigentlich aus der (TV-)Karriere von Andreas Türck geworden ?

Christian hat gesagt…

Der Vergleich Schiedsrichter/Schiedsrichter-Obmann und Sekretärin/Chef hinkt.

Die Sekretärin muss mit ihrem Chef gut auskommen, weil sie ohne diesen arbeitslos ist.
Für den Schiedsrichter ist das Pfeifen nur ein Hobby/Nebenerwerb. Er hat ja auch noch einen Hauptberuf - und das ist normalerweise ein gut bezahlter.

Wenn einen der Schiedsrichter-Obmann blöd anmacht, kann man auch einfach Aufhören. Oder man pfeift halt statt der Bundesliga nur Bezirksliga. Da verdient man eben weniger, aber das Hobby kann man immer noch ausüben.

Inwiefern bei den Schiedsrichtern also überhaupt Nötigung stattfinden kann, ist mir ehrlich gesagt ein Rätsel. Wie mir die ganze Affäre sehr seltsam vorkommt.
Aber in der Außendarstellung ist der DFB-Vorstand offenbar noch schlechter als die DFB-Elf im offensiven Spielaufbau.

ppq hat gesagt…

@herold: Wo ist der Beleg, dass das Einverständnis nicht mehr gegeben war? Nicht einmal Kempter hat einen akuten erneuten Übergriff als Auslöser seiner Meldung im Dezember bei DFB genannt. Und ein 27-Jähriger, ich bitte Dich: Der ist doch manns genug, sowas zu klären? Und wenn es auf eine Art ist, wie sie Christian beschreibt. Existenziell abhängig ist er - im Unterschied zur Sekretärin - nicht.

Nein, irgendwas stinkt da, und zwar ganz gewaltig.

Ich stimme Dir Dir aber zu, die Bayern-mail ist pillepalle.

derherold hat gesagt…

*grrrr* Dann ist *sie* eben eine Sekretärin, die überall einen neuen Job findet.

Oder, dercampus-style:
Zu einem Fakultätsdekan der Uni HAL kommt OberAss Dr. Ppqin und erklärt, Prof. Panzerbummi hätte sie sexuell belästigt - und danach tauchen drei Ass. oder Promovierende auf und behaupten Gleiches an Eides statt.
Den Dekan/Rektor möchte ich sehen, der da nicht sofort das "Anti-Gender-Diskriminierungs-Überfallkommando" aktiviert. :-)

Prof. Panzerbummi könnte kaum wie A. erklären: "Die 27-jährigen Frauen lügen. Sie waren alle scharf auf meinen 63-jährigen Körper und jetzt sind sie eifersüchtig !" ... und das unter Beifall vom *spiegel*.

Von dem würden wir dann eine Titelgeschichte bekommen `a la *Belästiger Mann - Eine Gefahr für die Bildung ?*

Wo ist der Beleg, daß das Einverständnis nicht mehr gegeben war?
1. hat K. behauptet, belästigt worden zu sein,
2. haben drei weitere S. an Eides statt Gleiches behauptet,
3. hat A. sich geeinigt, daß der DFB von "mehrfacher sexueller Belästigung" sprechen darf.

Ich glaube, bei A. schlägt die hybris zu.

Anonym hat gesagt…

Nette Schreibe. Danke für 5 Minuten Kurzweil.

ppq hat gesagt…

das kann sein. und wenn belästigt wurde, ist klar, das amerell nicht haltbar ist.

aber dass kempter nicht aus akuter seelenpein gehandelt hat, ist auch klar. nach seinen angaben ist der letzte belästigungsfall schon einige zeit her.

im übrigen haben wir es hier mit einem männerbund zu tun. siehe katholische kirche.

Gustav Fröhlich hat gesagt…

also ich denke, daß A. eine andere..ähhh einen anderen hatte!! da war der K. ganz einfach eifersüchtig!! da fällt mir ein: hat der K. micht auch einen Bruder..

aber alles in allem: mal wieder ein fall für Dr. Freud..

Anonym hat gesagt…

Kempter begründete das lange Schweigen im «Fall Amerell» mit der eigenen ausweglosen Situation und Angst. «Ich habe die Annäherung lange verdrängt. Amerell war ja gleichzeitig auf jemand, der viel für mich getan hat. Wir waren Freunde», erklärte der 27-Jährige, der Amerell auch Erpressung vorwirft. «Er sagte, ich nehme dir die Spiele weg.» Deshalb habe er in seinen nun öffentlich gewordenen Mails an Amerell auch Begriffe wie «Schatz» benutzt. Erst nach Jahren hatte sich Kempter mit einem Hilferuf an den DFB gewandt. «Der lügt, wenn er den Mund aufmacht», erwiderte Amerell in der «Bild am Sonntag».