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Freitag, 17. September 2010

Doku Deutschland: Gier ist ein Geschwür

Es sind die unerzählten Dramen und Tragödien, die im Foyer deutscher Gerichte darauf warten, von mitfühlenden Seelen entdeckt zu werden. Zwischen kurzangebundenen Vorschauen auf betrunkene Schlägereien, unterschlagene Mieten und gestohlene Kleinkrafträder stecken immer wieder auch Geschichten, aus denen das ZDF mit Hilfe von Veronica Ferres und Heino Ferch eine ganze Sommerabendserie machen würde.

Das Drehbuch hat das Leben im Rahmen der PPQ-Reihe "Doku Deutschland" bereits geschrieben, äußerst kostengünstig dazu. In der Hauptrolle der Verfilmung eines authentischen Falles aus Mitteldeutschland: Ein knapp 50-Jähriger mit offenem Blick und dünnem Haar, gespielt von Heiner Lauterbach, dem der Staatsanwalt, gespielt natürlich von wie immer überzeugenden Ulrich Noethen, Betrug in sechs Fällen vorwirft, davon einmal in einem besonders schweren Fall.

Die Kamera fährt erstmal auf die Akte zu, die auf einem gläsernen Schreibtisch liegt. Dann Blende auf Heino Ferch, ein Opfer, dem man seine persönliche und finanzielle Misere am Hemdkragen ansieht. Aus der Küche klappert Geschirr, Frau Ferch, gespielt von der Ferres in der Rolle ihres Lebens, brät kleine Bratwürstchen, denn die Lage ist ernst. Ferchs, die im Film Grabowskis heißen, sind betrogen worden. Von Heiner Lauterbach, dem jetzt Angeklagten, der in der absolut gelungenen filmischen Umsetzung des authentischen Falles, dem die Besten Mitteldeutschland zum Opfer fielen, Heinrich Asenberg genannt wird.

Asenberg begann vier Jahre zuvor im lauschigen Isernhagen, in Alicante und dem sachsen-anhaltinischen Armenhaus Tröglitz, gedreht wurde natürlich an den Originalschauplätzen der originalen Story, "dem Geschädigten Ferch, also Grabowski, vorgespiegelt zu haben, er, also Lauterbach als Asenberg, sei in der Lage, dem Ferch, also Grabowski, "für die Finanzierung eines Krankenhausneubaus in Alicante einen Kredit über 163 Mio Euro zu verschaffen", wenn Ferch alias Grabowski ihm" zuvor insgesamt 150000 Euro zur Verfügung stelle".

Genau schreibt es der Staatsanwalt in seiner Anklageschrift und genau so ist es passiert. Ältere Leute, die schon viel erlebt haben, aber auch jüngere, die keine 150000 Euro besitzen, hätten dem raffinierten Gauner mit dem leutseligen Gehabe daraufhin kurzerhand die Tür gewiesen. Wären deshalb aber nie ins ZDF gekommen. Die Original-Filmfigur Grabowski hingegen, als Heino Ferch immer auf neue Rollenangebote angewiesen, geht drehbuchdienlich auf das überaus verlockende Angebot ein. Ein Krankenhaus in Alicante zu bauen ist für den sportlichen Familienvater, der bisher nur ein Einfamilienhaus in Tröglitz und eine Zweimastbark in Isernhagen besitzt, ein Lebenstraum.

Grabowski geht zur Bank, er hebt das Geld ab. Ferres macht im eine Szene, die drehbuchreif wäre, stände sie nicht ohnehin drin. Ein Messerblock fliegt durch die Designerküche. Die Kinder laufen weinend in den großen Garten, Ferch aber lässt sich nicht umstimmen. Wutentbrannt stürmt er aus dem Haus, das Geld in einem Packpapierumschlag mit Krankenkassenlogo in der Hand.

Dann hat es Lauterbach. Man sieht ihn zufrieden zählen. "Woraufhin der Angeklagte", heißt es in der Klageschrift im wirklichen Leben, "seinem Plan entsprechend das Geld für sich verwendet haben soll". Fünf weiteren Geschädigten habe der gewiefte Heiner Lauterbach mit seiner ganzen Wandlungsfähigkeit ebenfalls vorgetäuscht, "er könne binnen weniger Monate einen als Darlehen gewährten Geldbetrag verzehnfachen". Woraufhin diese ihm ebenfalls, jetzt blendet die Kamera gekonnt auf einen diabolisch grinsenden Heiner Lauterbach, dem noch ein alter Geldschein aus der weißen Weste hängt, "Beträge zwischen 7.000 und 10.000 Euro - insgesamt 41.000 Euro zur Verfügung gestellt hätten". Auch dieses Geld legte der nunmehr in Halle in aller Stille Angeklagte "seinem Plan entsprechend" nicht an, sondern er gab es aus, bis es alle war.

Gier, das zeigt diese nie gedrehte Fernsehsensation des Jahres in aller gebotenen Unverbindlichkeit, ist keine Managerkrankheit, sondern ein Geschwür, das im ganzen Volkskörper wohnt. Die letzte Szene zeigt die wie immer grandios gebrochene Veronika Ferres an der Wohnungstür. Sie hat sich von Heino Ferch getrennt, weiß aber noch nicht, ob sie auf Heiner Lauterbach warten wird. Als es klingelt, öffnet sie sofrt, ein Glas Rotwein in der Hand. Draußen steht Sven Regener, ein stadtbekannter Musiker, der von Christian Ulmen gespielt werden wird. Er hat keine Gitarre dabei, aber ein Angebot in der Tasche. Wenn Veronika Ferres ihm eine Million schenkt, wird er beim Ausgeben immer an sie denken. Jetzt ist schnelles Handeln gefragt.

Kommentare:

Stahl hat gesagt…

Hach, wie gern würde diese ZDF Serie sehen.
Zusammen mit meiner Frau, abends vor dem Fernseher auf der Couch (4-Stitzer) halb sitzend, halb liegend, ihre Hand in meiner, zart gedrückt, wenn Veronika ihn verläßt und weiß, dass es für immer sein wird.

Dann würde ich meinen Kopf senken, bedächtig lächeln und wortlos sagen, dass usere Liebe niemals zur Debatte stehen wird.

Sie würde sanft die Augen schließen und tief seufzen.

Die Welt kann so derart brutal schön sein. Unglaublich

Die Anmerkung hat gesagt…

Das ist meilenweit neben der wirklichen Realität geschrieben.

Steinbrück hat gestern noch einmal die Gier der Reichen angeprangert.

Das gemeine Volk kann demzufolge höchstens anspruchsvoll sein.

Eine Meldung an das Blogampelamt wegen der im post unzulässigen Formulierung ist bereits erfolgt.

Anonym hat gesagt…

Klasse.

ppq hat gesagt…

der fall ist im übrigen authentisch, wirklich. wird gerade in halle verhandelt

Die Anmerkung hat gesagt…

Ich zweifel die Authentizität nicht an, sondern die Behauptung, die Werktätigen, Rentner und Kleinsparer seien gierig und befinde mich da auf einer Wellenlänge mit des Arbeiterfinanzführers sozialrevolutionärer Auffassung, daß die Reichen gierig seien.

Vielleicht hätte man das in dem Artikel so einarbeiten können...

das harten Ringen um bescheidenden Wohlstand

... um sich so besser von der unstillbaren Gier der Reichen abzugrenzen.