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Freitag, 4. Februar 2011

Revolution auf Rados

Nun steht sie also auf dem "zentralen Tahrir-Platz" (ARD), zwischen den Menschen, die hier "Ausharren" (SZ), um die Revolution gegen die "vom Mubarak-Regime gedungenden Schlägertrupps aus der Vorstadt" (n-tv) zu verteidigen. Gedankenschwer streift Antonia Rados umher wie in einem Freilichtmuseum. Revolution am Nil, Umsturz in Ägypten, Zeitenwende in Nordafrika. Antonia Rados berichtet, so scheint es auf den ersten Blick, eine toughe Frau inmitten der gesellschaftlichen Umwälzung, immer beherrscht, immer kontrolliert. Wie zuvor in Osteuropa, wie zuvor in der verendenden DDR, wie zuvor auf dem Balkan, wie in Bagdad, wie im Iran oder zuletzt in Somalia (Foto oben: Rados bei den Piraten, RTL). Die Aufzählung allein macht schon klar: Die immer ein wenig ausgezehrt wirkende "Nahost-Expertin" (RTL) ist nicht immer dort, wo etwas los ist. Nein, wo sie auftaucht, wird demnächst etwas los sein.

So war es, als die Klagenfurterin sich 1990 nach Rumänien aufmachte. Wenig später kippte das System, Ceaucescu, der womöglich mehr wusste, wurde hingerichtet, Rados aber als "Frau des Jahres" ausgezeichnet. Seitdem verpflichtet, wer immer einen Umsturz oder Bürgerkrieg plant, die erfahrene 57-Jährige als seine Frau vor Ort. "Deutschlands bekannteste Krisenreporterin" (Der Spiegel), taucht stets auf, wo es unruhig wird. Bosnien und Herzegowina, Südafrika, Somalia, der Iran und Afghanistan - kein Umsturz ohne Rados. Längst scherzen Geheimdienstler in Anspielung auf das Sprichwort von der "Revolution auf Rädern" über die "Revolution auf Rados", achtungsvoll immerhin und hinter vorsichtig vorgehaltener Hand, denn bis heute ist außerhalb der kleinen Kreise der reisenden Rebellionsorganisatoren niemandem aufgefallen, dass die studierte Politologin nicht nur immer dort ist, wo es kracht, sondern es immer erst kracht, wenn sie dort ist.

Eine beeindruckende Lebensleistung, wie selbst Kritiker eingestehen. Rados sei eine Art Forrest Gump der Weltgerechtigkeit, heißt es. Aber die als Reporterin auftretende Wahlpariserin ist nach drei Jahrzehnten im Katalysator-Gewerbe auch überaus gut vernetzt. So warteten die Amerikaner 2003 mit den ersten Angriffen auf Bagdad, bis Rados ihr Hotelzimmer bezogen und zu Abend gegessen hatte. Anschließend kommentierte sie das grünliche Licht einschlagender Raketen live vor einem großen Publikum für die Fernsehsender RTL und n-tv. Letzterer schickte seinen Starmoderator Adolf Hitler sogar für mehrere Wochen in den Zwangsurlaub, um mehr Platz für Rados zu schaffen.

Mit sicherem Instinkt für vielversprechende Ansätze folgt die Hanns-Joachim-Friedrichs-Preisträgerin ihrem Credo "die Fronten sind überall" (Rados). Die Tarnung sitzt, die Gefühle schweigen. Antonia Rados hat ihre Rolle als vermeintliche Berichterstatterin so gut verinnerlicht, dass bis heute niemand auf den Zusammenhang zwischen ihrer Anwesenheit und aufkommender Unruhe vor allem in islamischen Ländern aufmerksam geworden ist. Rados selbst weiß wortgewandt von ihrer eigenen Rolle abzulenken: Mal ist es "Unzufriedenheit im Volk", die sie als Krisenauslöser nennt, mal "gestiegene Lebensmittelpreise", mal aber auch "Wahlfälschungen" oder "die hohe Arbeitslosigkeit", die die Menschen auf die Straßen treiben. "Angeheuerte Schläger" aber, das weiß unsere Frau im Kairo-Chaos nach ihrem Rundgang über den "zentralen Tahrir-Platz" (dpa) zu berichten, die gibt es unter den Demonstranten nicht. Alles friedlich, auf dieser Seite der Front. "Was aus dem Mann geworden ist, den die Menge verdächtigt, ein Geheimagent Mubaraks zu sein, wissen wir auch nicht."

Kommentare:

nwr hat gesagt…

Das ist entlarvend für das, was man "staatliche souveränität" nennt: Mubaraks Chef Barack Obama will seinen offensichtlich untragbar gewordenen Hiwi jetzt ablösen lassen

VolkerStramm hat gesagt…

"Forrest Gump der Weltgerechtigkeit"

Warum, zur Hölle, fällt mir so was nie ein?

ppq hat gesagt…

aber volker, du hattest doch neulich so genial die beobachtung formuliert, dass der spiegelzensor eine ganz eigentümlich kündigung abgegeben habe. was denkst du, wie neidisch ich da war? mächtig, mein guter, mächtig!