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Montag, 14. März 2011

Der lange Abschied vom Atom

Das Leben, ein einziger großer Abschied, singt der bärtige Barde Rudi Feuerbach in seiner beklemmenden Ballade. Ein großer Abschied, der sich für manchen bei guter Gesundheit 90, 95 oder sogar mehr als hundert Jahre hinziehen kann. Ein Alter, das die deutsche Atomindustrie nicht erreichen wird. 48 Stunden nach ihrer Anweisung, alle deutschen Kernkraftwerke daraufhin zu "überprüfen", ob in ihnen schon eine Kernschmelze läuft, ob eine Kernschmelze droht oder ob eine drohende Kernschmelze noch mit Hilfe von Meerwasser abgewendet werden kann, hat die ehemalige Klima- und Eurorettungskanzlerin Angela Merkel eine Verlängerungspause für die von ihr selbst unlängst beschlossene Verlängerung der Reaktorlaufzeiten beschlossen.

"Heute handeln wir für die Menschen in Deutschland", sagte Merkel mit Blick auf die anstehenden Landtagswahlen. Sie wolle die Energiediskussion "ehrlich" führen und den deutschen Energiebedarf keinesfalls mit Atomstrom aus dem Ausland decken. Das Zeitalter der erneuerbaren Energien müsse schneller erreicht werden, und wer das wolle, müsse auch die notwendigen Belastungen akzeptieren. Derzeit kassiere der Staat beim Strompreis erst einen Anteil von 46 Prozent. Das sind fünf Prozent mehr als im vergangenen Jahr, jedoch immer noch rund 54 Prozent weniger, als im Idealfall möglich wäre. Der Anstieg zuletzt sei überwiegend auf die staatliche Förderung der erneuerbaren Energien durch die gesetzliche Umlage verursacht worden, habe aber noch Luft. Gelinge es, den Staatsanteil, den jeder Verbraucher über seine Stromrechnung zahle, weiter zu erhöhen, ständen ausreichend Mittel zur Verfügung, schnell komplett auf erneuerbare Energien umzusteigen.

"Die Kernenergie ist eine, die wir noch brauchen", sagte Merkel. Sicherheit aber stehe über allem. "Sieben deutsche Meiler sind verzichtbar", rechnet der "Spiegel" vor, auch dann könnte das Heft nächste Woche noch gedruckt werden. Die Lieferungen der restlichen zehn KKW sollen wie immer durch Stromsparen und bessere Dämmung ersetzt werden.

"Ein Tsunami des Irrationalismus überschwemmt Mitteleuropa", konstatiert Le Penseur, mittlerweile herrsche "tatsächlich totale Panik in den vom Erdbeben am Härtesten getroffenen Gebieten: Österreich und Deutschland", schreibt CanisLumpus2.0 im Forum der »Presse«. "Unterdessen verschwimmen im Informations-Tsunami die Grenzen zwischen Reportage und Kolportage immer mehr, subjektiv und auch objektiv", sieht die NZZ einen "Informations-Tsunami" am Werk. Der tobt auch in Deutschland: Die "Trending Topics" bei Twitter zeigen das Bild einer Welt, in der Deutschland einsam seiner romantischen Sehnsucht nach Verderbnis und Bestrafung frönt: Nirgendwo sonst ist Katastrophe, sind Apokalypse und Atomtod so trendig wie hier.

Merkels entschlossener Abschied vom Atom, um die Landtagswahlen nicht zu verlieren, ist so nur konsequent. Weil in Japan immer gerade zur besten Sendezeit in Deutschland Nacht ist, haben viele Nachrichtenkonsumenten inzwischen den Überblick über die Zahl der Explosionen und den aktuellen Stand der Kernschmelze verloren. Fernsehsender und Zeitungsseiten im Internet halten ihr Publikum mangels frischer Bilder tagsüber mit Nachrichten in Atem, von denen sie selbst nicht wissen, ob sie welche sind. Korrekturen übernimmt die Realität selbst, kommentiert werden sie nicht: Zwei Tage nach Berichten über den Super-Gau in Fukushima, meldet n-tv, dass nun "einige Brennstäbe bereits beschädigt" seien. Brennstäbe, die nach derselben Quelle noch vor 48 Stunden komplett geschmolzen waren.

Sachliche Informationen gau-japan

Kommentare:

Gustaf Fröhlich hat gesagt…

Ich gedächte vorhin im Autoradio vernommen zu haben: "sieben deutsche Minister sind verzichtbar"..

nun gut, nach all dem Gerede um heißen Dampf usw. hat sich meine bildliche Vorstellung eines Siedewasserreaktors wohl etwas verschoben..wobei allein schon der Gedanke hoffnungsvoll stimmt..

Gustaf Fröhlich hat gesagt…

Nachtrag: auch heute irgendwo vernommen: "Die japanische Ostküste sieht nach dem verherrenden Beben und der Tsunami aus wie nach einem Atomangriff"

apollinaris hat gesagt…

Ich hatte im Autoradio vernommen, ARD und ZDF seien verzichtbar. Dann hab ich das Mißverständnis bemerkt, bin gleich rechts ran gefahren und auf ÖPNV umgestiegen. So kann man leicht seine Fahrtüchtigkeit verlieten.

Anonym hat gesagt…

Wenn jeder Bürger verpflicht wird, Sonnenkollektoren auf der Kopfbedeckung zu tragen oder ein Windrad, die den Strom in Akkus speisen, der dann bei zentralen Sammelstellen abgegeben wird, ist Unabhängigkeit machbar. Gerade die Burka sollte nun befördert werden, dieses weite Gewand, das sich so schön zur Anbringung von Solarzellen eignet. Ich bin stolz, diese Idee zu haben.

derherold hat gesagt…

"Ich hatte im Autoradio vernommen, ARD und ZDF seien verzichtbar."

Na ja, dummerweise gibt es aber keine anderen Massenmedien, die anderes berichten (könnten). Wir leben in so einer Art "freiwilligem 1984".

Der ostdeutsche Lyriker Uwe Kolbe hat mal gesagt: "In der DDR hatten wir jede Menge Dissidenten aber keine Opposition".

Wir haben noch nicht einmal mehr Dissidenten.

Teja hat gesagt…

Ja, das ist das Problem beim System: man weiss eigentlich gar nicht, was man angreifen soll/kann.