Google+ PPQ: Terrorfürst an der Himmelstür

Montag, 16. Mai 2011

Terrorfürst an der Himmelstür

Es war ein weiter Weg bis hierher in diesen Tunnel aus weißem Licht. Der Mann mit dem schütteren Bart aus grauschwarzen Locken staunt mit großen Augen nach vorn ins strahlende Weiß des langen Ganges. Dort, die Tür, das muss der Eingang sein zum Paradies, von dem er selbst so oft geschwärmt hat. Der Hüne, der das lange, fließende Schlafgewand trägt, in das er im Moment seines Tod gehüllt war, schreitet wacker aus, die Linke, der Mann ist Linkshänder, greift nach der goldenen Klinke, ohne ein Geräusch schwingt die Pforte auf und ja, wirklich, es öffnet sich der Blick in ein weites Land aus grünen Hügeln und blauen Seen, aus kleinen Wäldchen und blauem Himmel, wie er es zum letzten Mal gesehen hat, als er in seinem Haus saß, wie immer auf dem Fußboden vor dem kleinen Fernsehgerät, gehüllt in eine alte Decke und gegen die empfindliche Kälte aus den kargen Betonmauern geschützt mit einem Käppchen aus Filz. Und "Herr der Ringe" gesehen hat, den ersten Teil, leider nur auf Englisch und seines war schon ein wenig eingerostet. aber seis drum.

Niemand kann ihm nun mehr etwas tun, alles war richtig, was er getan hat, das weiß Osama Bin Laden in diesem Augenblick genau, als er durch die Himmelstür schreitet, hochaufgerichtet, und sich umschaut. Links von ihm ist eine Art Empfangstresen, zwei junge Frauen und ein junger Mann warten, eine der Frauen winkt ihm. Eine Frau winkt ihm. Osama Bin Laden ist irritiert. Die beiden Frauen, die eher Mädchen von vielleicht 20, 22 sind, lassen jede Scham vermissen und tragen ihr Haar offen. "Hallo, hierher", ruft jetzt eine von ihnen. Osama Bin Laden zwinkert nervös, eine Angewohnheit, die er der langen Gefangenschaft in der Luxusvilla in Abbodabad zu verdanken. "Nervöser Tick" hat es Sawahiri genannt, sein Stellvertreter und Leibarzt, der jetzt wohl die gesamte Organisation übernehmen wird. Aber was heißt schon Organisation, denkt Osama Bin Laden, wenn man ehrlich ist, haben wir seit 2003 nicht mehr viel auf die Beine bekommen.

Das könnte jetzt helfen, darüber hat er schon unterwegs spekuliert, die ganzen langen zwei Wochen, seit die Amerikaner kamen und ihm zwei Löcher in Kopf und Bauch schossen, noch ehe er die korrekten Vokabeln für "ich ergebe mich" zusammengesucht hatte. Zur Kalaschnikow, die neben dem Bett lehnte, hätte er es schaffen können. Natürlich, er ist 54 und ein bisschen eingerostet gewesen, aber doch kein alter Mann. Die paar Sekunden aber, in denen er überlegt hat, ob es sich lohnt oder ob er nicht besser führe, wenn er sich mitnehmen ließe - weg von den ewig nervenden, quengelden Kindern, von den Frauen, die immer nur Ansprüche stellen, von den angeblichen Gefolgsleuten, die von ihm wissen wollten, wie es weitergehen soll im heiligen Krieg, die aber hinter seinem Rücken hetzten, er sei auch nicht mehr der Alte...

Bin Laden hatte gezögert und sich dann für das Gerichtsverfahren entschieden. Die große Bühne, das wäre noch einmal was gewesen. Nicht wie Hitler feige verschwinden, sondern vor vollem Haus eine letzte Vorstellung geben.

Die Kreuzfahrer aber wollten nicht mitspielen. Noch ehe er rufen konnte, war er schon tot gewesen. Und erst der Ärger danach! Trotz seiner unbestreitbaren Verdienste um die Sache hatte diese Geschichte mit der Beerdigung im Arabischen Meer sich als großes Problem herausgestellt. Nicht schariagerecht sei das gewesen, hatte es unten an Hauptpforte geheißen, nein, man könne da keine Ausnahme machen, keinesfalls, ja, Beschwerde sei möglich, die Bearbeitungsfrist aber ungewiss. Inshallah.

Wer weiß, denkt Osama Bin Laden, wären da nicht der Prophet und Ali und ein paar andere mit Einfluss gewesen, darunter zugegebenermaßen auch der amerikanische Teufel McNamara, ob ich dann hier stände. Vor dem Mädchen, das ihn unverfroren anlächelt als habe sie gar keinen Anstand. Knittrig lächelt Osama Bin Laden zurück: "Ich bin", sagt er. "Ich weiß", antwortet die vorwitzige Schlampe, die aus ihrem Tod offenbar nichts gelernt hat, "wir warten schon auf Sie, Herr Laden".

Herr Laden. Osama Bin Laden, gewohnt, als Terrorfürst angesprochen zu werden, zuckt mit Muskeln, von denen er selbst nicht mehr weiß, wie man sie bewegt. Oder anhält. Das ruchlose Mädchen schiebt ihm Formulare über den Tisch. "Ausfüllen", sagt sie, "das ist wichtig für die Aufnahme." Er solle sich auf der anderen Seite an eines der Tischchen setzen, es gebe auch Tee oder Kaffee, gern auch Bierchen. Das Mädchen lächelt schamlos. "Wir sind hier zwar noch nicht im Paradies", scherzt sie, "aber ganz kurz davor!"

Bin Laden fühlt sich wie geohrfeigt. War denn alles umsonst. Der lange Kampf, die vielen Opfer? Ihm ist klar, dass sie unten auf der Erde nun versuchen werden, seinen guten Ruf als Chefterrorist und gläubiger Muslim zu zerstören. Sie werden die Anschlagspläne finden, die er mit seiner großen, kantigen Schrift in ein kleines Moleskine-Heftchen gemacht hat. "Eisenbahn sprengen" war das Letzte, das ihm eingefallen war. Nicht seine beste Idee, eher eine der schlechteren. Aber mit dem Personal, das in letzter Zeit noch Stange hielt, Bin Laden seufzt bei dem Gedanken, muss man nehmen, was man bekommt.

Natürlich werden sie auch seine Pornohefte und die Sasha-Grey-DVDs finden. Hätte er deshalb nicht ein paar Pornos haben dürfen? Bin Laden hat die Frage mit Sawahiri diskutiert und schließlich entschieden, dass es keine Rolle spiele, ob er Porno habe oder nicht. Hätte ich keine gehabt, denkt er, hätten sie mir sowieso welche untergeschoben, so, wie das vermutlich mit den Drogen machen werden. Er nickt abwesend und geht mit schweren Schritten auf die andere Saalseite. Ganz links sitzen zwei amerikanische Soldaten, weiter vorn ein Mann in Feuerwehruniform und eine Frau im Umstandskleid. Keine Fedajin. Osama Bin Laden nimmt einen Platz ganz an der Seite, er blättert die Formulare auf. Name, Alter, Todesart, Konfession, Versicherung, Familienverhältnisse, spielen Sie ein Instrument. Sein Englisch reicht, um schnell voran zu kommen. Er wartet auf die Spalte mit den Jungfrauen, 77 oder 72 stehen ihm zu, da ist er sicher. Und es ist klar, dass er da sehen muss, dass Anstand und Sitte herrschen.

Aber es kommt keine Spalte. Nur "waren sie Mitglied einer terroristischen Organisation", "waren Sie Mitglied einer kommunistischen Organisation" und "haben Sie ihre Konfession während Ihres Lebens gewechselt A: 1x, B: 2x, C: 3x, D: öfter als 3x.


Es schüttelt ihn. Die Hölle muss ein guter Platz sein, denkt Osama Bin Laden, während er durch die hereinfallenden Sonnenstrahlen hinübergeht zum Tresen, wo einer der US-Soldaten gerade seine Aufnahmeunterlagen abgibt. Der Mann schaut ihn nicht scheel an, sondern eher interessiert. Er lächelt und in Bin Ladens Gesicht zuckt derselbe Muskel wie vorhin. Er tut lieber so, als würde er im Gehen noch einmal Nachlesen, was er ausgefüllt hat. Aber dem Blick des GI entkommt er nicht. "Sagen Sie mal", spricht der ihn an, kaum dass er in der Wartezone ankommt, "sind Sie nicht der Typ, der damals in San Francisco an der Straßenbahnwendeschleife Judah Beach im Gebüsch gewohnt hat? Der im Java Café immer einen großen Becher Haselnusskaffee geschnorrt hat?"

Bin Laden auf Siegeszug
Wikileaks: Ist der Papst katholisch?
Versteck im Naturkostcafé

Keine Kommentare: