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Dienstag, 6. September 2011

Mehr Storch wagen

Einen dürren, klapprigen Triumphator gab er ein paar Tage vor der Wahl. "Storch Heinar ärgert NPD", hatte sich die Süddeutsche Zeitung vom Rostocker SPD-Landtagsabgeordneten Matthias Brodkorb in den Block diktieren lassen. Auch die "Welt" stimmte ein: "Storch mit Hitlerbärtchen ärgert die NPD" überschrieb das Qualitätsblatt einen Agenturtext, der bei PR Online zu "Storch-Satire ärgert Rechtsextremisten" wurde und die Augsburger Allgemeine zur Zeile "Mit "Storch Heinar" gegen die NPD" inspirierte.

Fünf Tage später ist der Ärger seltsamerweise auf der anderen Seite. "NPD erreicht in Vorpommern bis zu 33 Prozent", schreibt die "Welt" jetzt. Der "Spiegel" sinniert "Brauner Spuk macht die Parteien ratlos", die Linke erneuert in der Süddeutschen ihre "Forderung nach NPD-Verbot" und der Kampfbund "MUT Gegen Rechte Gewalt" sieht "Die NPD im zweistelligen Bereich".

Ein Gespenst geht um in Vorpommern, das Gespenst einer Nazipartei als politischer Dauergegner. Zwar hat die NPD, die nur noch auf sechs statt wie zuletzt auf 7,3 Prozent der Wählerstimmen kam, bei der Landtagswahl fast ein Fünftel ihrer Wähler verloren. Doch niemand hat die Absicht, ihr daraufhin endlich einmal politische Bedeutungslosigkeit zu bescheinigen. "Für Entwarnung gibt es keinen Grund", findet der "Spiegel", schließlich hätten die Rechten den Wiedereinzug ins Parlament geschafft. Wäre der ihnen nicht gelungen, wäre das natürlich ein Grund für noch mehr Wachsamkeit und einen verstärkten "Kampf gegen rechts" (Angela Merkel) gewesen, wie das Beispiel Sachsen-Anhalt lehrt: Hier riss die NPD die Fünf-Prozent-Hürde. Was automatisch zur Warnung führte, es könne nun "keine Entwarnung" gegeben werden.

In Wirklichkeit geht es dabei nie um die wirkliche NPD, ein Sammelbecken von intellektuellen Dumpfbacken, zornigen Jungmännern und masochistischen Nationalisten. Sondern um einen virtuellen Widerpart, an dem sich die eigene demokratische Gesinnung wieder und wieder neu beweisen darf. In dunklen Zeiten, in denen Politik wenig zu regieren hat, weil sie selbst von ihren längst vergessen geglaubten Fehlentscheidungen regiert wird, ersetzt der kollektive Kampf "gegen rechts" Gladiatorenspiele und ein bisschen auch die kleinen Kriege, die Regierungen in früheren Zeiten traditionell vom Zaun brachen, wenn es geboten schien, das Volk hinter sich scharen.

"Das Wahlergebnis der Rechtsextremen ist in weiten Teilen alarmierend", lässt der "Spiegel" denn eine Glocke schrillen, die seit 20 Jahren nicht zur Ruhe gekommen ist. Immer ist die NPD gerade im "Vormarsch: "Die Neonazis sind jetzt in zwei Bundesländern erneut in ein Landesparlament eingezogen", heißt es da - nur fehlt der Verweis auf die alte Bundesrepublik, in der die NPD in den 60er- und 70er Jahren in bis zu sieben Landesparlamenten saß.

Ein Vormarsch? Seit es an der Urne nicht mehr klappt, lebt die NPD von ihren publizistischen Erfolgen, wie die unbestechliche Google Timeline (links) belegt. Völlig losgelöst von ihrer gesellschaftlichen Rolle bekommt die Mini-Partei Aufmerksamkeit nachgeworfen. Ein rechter Scheinriese, aufgeblasen von seinen Gegnern. 1969 hatte die NPD noch 29.000 Mitglieder, heute sind es noch 6.600.

Ein "Vormarsch", der längst ins Aus geführt hätte, päppelten nicht Gegendemonstranten jeden lächerlichen Marsch von drei Dutzend braunen Hanseln durch ihren "Widerstand" zum Nachrichtenereignis, kommentierten nicht Edelfedern jeden Auftritt der fleischermeisterhaften Parteiprominenz, als sei der Führer persönlich wieder in die Bütt gestiegen.

Wo schon die Gefahr nicht steigt, muss der Ton schriller werden. "Rechtes Spektrum wächst", überschreibt der fantasiereiche "Focus" eine Meldung, die vom "rechtsextremen Spektrum" handelt. Das bezifferten Experten für 2010 auf 26 000 Anhänger. Und das seien 2800 weniger als im Jahr zuvor.

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