Google+ PPQ: Bin-Laden-Autobiografie: Mein Bart des Propheten

Montag, 7. November 2011

Bin-Laden-Autobiografie: Mein Bart des Propheten

Als er im Mai während einer Nacht- und Nebelaktion eines US-Killerkommandos aus seinem selbstgewählten Exil in einer pakistanischen Mittelstandsiedlung gerissen wurde, glaubte die Welt, Osama Bin Laden habe seine letzte Schlagzeile gemacht. Binnen weniger Wochen wurde der bekannte Terrorfürst damals zur Unperson, über die kaum noch gesprochen wurde. Nun aber taucht der Mann, der vor allem Deutschland über zehn Jahre in seinem Schreckensgriff hielt, unverhofft wieder auf: Mit einer Autobiografie, die Bin Laden "für seine Kinder" geschrieben hat, wie es in einer letzten Tonbandbotschaft heißt, die eine islamistische Webseite nach Berichten eines arabischen Fernsehsenders veröffentlicht haben soll.

Es war ein Wettlauf mit der Zeit, in dem das fulminante 1000-Seiten-Werk "Ich Bin" entstand. Das Buch erscheint in Deutschland am 31. November pünktlich zum Beginn des Weihnachtsgeschäftes bei M. A. Kulatur. PPQ veröffentlicht in den kommenden Wochen exklusiv mehrere Kapitel in Auszügen, darunter auch das gereimte „Vermächtnis“ des Terrorfürsten. Im Teil 2 des weltexklusiven Vorabdruckes berichtet Osama Bin Laden heute, wie er in seiner größten Krise zum Glauben fand.

Mein Leben war Mitte der 80er ein Trümmerhaufen. Vater tot, Mutter entfremdet, Geschwister, die nur Sorgen machten. Meine Ehefrau Najwa Ibrahim Ghanem, die ich geheiratet hatte, als sie 14 war, weil sie eine Cousine mütterlicherseits war, verstand mich nicht. Und ich hatte nicht nur kein Geld in der Tasche, sondern auch keine Perspektive vor Augen. Mein Plan, Politiker zu werden, funktionierte nicht. Wir bekamen nach und nach elf Kinder. Doch ich hatte nichts, worauf ich etwas hätte aufbauen können. Ich heiratete dann noch die sieben Jahre ältere Umm Hamsa, die einen Universitätsabschluss für Kinderpsychologie hatte, Umm Chalid, die Sprachwissenschaften studierte, und Umm Ali aus der Familie Gilaini in Mekka, die mir optisch gefiel.

Bis Yusuf Azzam sagte: »Bin, komm mit nach Afghanistan! Vergiss den ganzen Scheiß hier. Wir machen zusammen Geschichte, du redest mit den Leuten, ich plane. Und dann wirst du schon sehen, dann kommt auch die Knete wie von selbst.«
Kandahar in Pakistan, wo wir landeten, war ein Drecksnest, man muss es so hart sagen. Wir lebten in zwei Zimmern, Küche, Bad, aßen trocken Brot, tranken Tee und wussten nicht, wo anfangen. Ein Stammeshäuptling, den wir über Cafehausbekannte kennenlernten, erbarmte sich unser und nahm mich als Planer für Entführungen unter Vertrag. Der Mann war selbst erfolgreich mit Anschlägen aller Art, er arbeitete auf Kommission, manchmal für die Amerikaner, manchmal für die Russen, auch für die Franzosen. Seinem Bruder Mohammed leitete sehr erfolgreich eine große Terrororganisation in Afghanistan.

Dort traf traf sich alles, was Rang und Namen hatte: Abdallah Yusuf Azzam, Mullah Omar, Sayyid Qutbs und Abdallah Azzams und all die Brüder, die in meinem weiteren Leben eine große Rolle spielen sollten. Auch Chalid Scheich Muhammed war da. Ich betrieb zuerst ein Gästehaus, in dem sich Brüder vor der große Reise in den Heiligen Krieg ausruhen konnten. Der "Helmand Palace" bot afghanische Cuisine vom Feinsten, bei uns konnte man wirklich gut essen. Das sprach sich herum, so dass wir guten Umsätze machten und bald begannen, Filialen überall zu eröffnen.

Es machte mich neugierig, in diese Kreise hineinschnuppern zu dürfen. Durch die Arbeit als Entführungsplaner und die Einnahmen aus dem Hotelbetrieb hatte ich bald auch keine finanziellen Sorgen mehr. Die Amerikaner zahlen, was wir verlangten, so lange wir für sie gegen die Sowjets kämpften. Doch mich sorgte immer noch, dass ich etwas Bleibendes schaffen wollte und mich nachts in meinen Kissen immer wieder fragte, wie ich das wohl schaffen sollte. Es lohnte sich bei vielen Häusern in der Region nicht einmal, sie zu sprengen, sie waren auch so völlig kaputt. Zum Trost las ich viel im Koran und holte mir dort die Kraft, die ich nicht hatte.

Jedenfalls wurde ich mit Yusuf Azzam ein erfolgreiches Terror-Team und es entstanden Auftragsarbeiten, von denen ich nie gedacht hätte, dass sie je aus meinem Hirn kommen könnten. Wir gründeten eine Filiale in Hedschas, dann aber bemerkte ich, dass mein Bruder Yusuf Azzam mit meiner Frau Najwa engere Beziehungen pflegte, als es nötig gewesen wäre. Ich war stinksauer und stellte beide zur Rede, reiste aber sofort danach nach Islamabad und Lahore in Pakistan, um den Widerstand zu unterstützen. Die beiden sollten das allein klären, fand ich.

Bei einem Besuch in einem Mudschaheddinlager in Ostafghanistan versuchte man, mich zu töten. Sowjetische Truppen griffen uns an. Ich fühlte, dass mir mein jahrelanges Fernbleiben von diesem Krieg nicht vergeben werden konnte, wenn ich nicht selbst zum Märtyrer würde. Ich hatte meine Mission gefunden: Zuerst ließ ich die Höhlen von Tora-Bora an der afghanisch-pakistanischen Grenze zu Munitionslagern ausbauen, dann bildete ich ein eine Einheit arabischer Freiwilliger, um die Ungläubigen zu schlagen.

Wir versagten, doch stärkte meine Entschlossen nur noch mehr. Ich beschloss, dauerhaft ein eigenes Widerstandslager in Afghanistan aufzubauen. Mit schwerem Baugerät der Firma unserer Familie ließ ich künstliche Höhlen graben, in denen wir uns verstecken konnten. Als wir fertig waren, eroberten die Feinde unsere Festung, doch nachdem sie abgezogen waren, gelang es uns, sie wieder in Besitz zu nehmen. Nun waren wir bereit, der Kampf konnte beginnen.

Doch dann saß ich eines Tages an seinem Schreibtisch und Bruder Mullah Omar kam herein und sagte mir: "Es ist soweit, die Ungläubigen ziehen ab." Das war im Jahr 88, ich spürte einmal mehr, dass die Welt sich wandeln würde. Verzweiflung überkam mich. Ich war zu spät zu meinem eigenen Krieg erschienen. Mein Kopf sank auf den Schreibtisch. Doch Mullah Omar ging zu meinem Wandschrank, öffnete die Tür und rief mich zu sich. "Schau hinein", sagte er. Auf der Innenseite der Tür war ein großer Spiegel, der nun einen Mann in seinen besten Jahren zeigte, mit einem wallenden Bart und großen, klugen Augen. "Guck da rein. Was meinst du, ob dieser Mann schon alles gegeben hat?", fragte er mich. Dann hielt er mir das Cover von Adolf Hitlers "Mein Kampf" vor die Nase. Und dann das von Gaddafis "Grünem Buch". Und dann die Mao-Bibel.

Mir schossen die Tränen in die Augen und ich schlug die Schranktür zu. Ich hasste ihn dafür. Er erinnerte mich ein wenig an meinen Vater. So ein Mistkerl. Aber vielleicht hatte er recht. Und während Hitler bis heute gehasst wird und Mao für seine millionenfachen Morde Verehrung erfährt, hing ich in diesem Berg fest. Und kriegte keine Spur in die Weltgeschichte gedrückt. "Du kannst weiterheulen und in unser Taliban-Regierung Staatssekretär im Bauministerium werden", sagte Omar. Der Mullah mit dem einen Auge war unbarmherzig. Er bot mir eine Perspektive in der Politik. Eijne Perspektive, über die ich ernsthaft nachdenken musste.

Teil 1: Mein Kampf als Kind

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