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Dienstag, 21. Februar 2012

Die Retter aus dem Ruhestand

Zeichen, aber kein Wunder. Der 72-jährige Joachim Gauck wird neuer Bundespräsident. Der 73-jährige Otto Rehhagel zieht auch nach Berlin. Der eine soll die Hertha retten, der andere die Demokratie. Der eine spielte 1963 schon bei Hertha, als Heinrich Lübke in einer ersten Amtszeit seine Mitarbeit beim Aufbau der Heeresversuchsanstalt Peenemündezu im Präsidentenamt abbüßte. Der andere wurde Vater, als Walter Ulbricht gerade mit dem Mauerbau begann, und Missionar in Rostock, als Rehhagel seine Fußballschuhe auszog. Rehhagel, der Griechenland schon einmal gerettet hat, hat das Wembley-Tor dereinst nochlive gesehen, in Schwarz und Weiß auf auf 50 Zentimeter Röhre. Gauck, als Behördenchef nicht viel verbindlicher als "König Otto" auf dem Platz, erlebte die Einführung des "Trabant 601" als junger Kerl mit. Entschied sich aber aus moralischen Gründen, lieber einen VW-Bus aus dem Westen zu fahren.

Zwei Männer, eine Generation. Deutschlands Zukunft, die Kommentatoren sind sich einig, liegt in der Vergangenheitm, wie auch die tagesaktuell zur Amtseinführung platzierte Studie „Fortschrittsreport Altersgerechte Arbeitswelt“ beweist, die Sozialministerin Ursula von der Leyen in der "Bild"-Zeitung vorstellt hat. Danach steigt die "Produktivität eines Betriebes signifikant an, wenn der Anteil der älteren Beschäftigten wächst". Logisch denn, "Ältere haben mehr Erfahrung, machen deshalb weniger Fehler".

Gauck bedeute deshalb Neuanfang, sagt Cem Özdemir. Hertha brauche einen Neuanfang, schreibt die „Morgenpost“. Aus alt mach neu, empfiehlt die auf Recyclingbasteln spezialisierte Bastelfrau. Der 70-jährige Peter Ulrich Heuer aus Bad Salzuflungen lernt Keyboard, die 73-jährige Gesine Wessels gehört beim SV Strücklingen zu den eifrigsten Ablegern des Sportabzeichens, das schon DDR-Staatschef Ulbricht jung gehalten hatte. Die 87-jährige Brunhild Stuerckow arbeitet als Freelancerin im Internet. Und der 40-jährige Vitali Klitschko muss immer noch als Box-Weltmeister amtieren, weil kein Nachwuchs in Sicht ist.

Der demografische Wandel, vielbeschworen und nie verstanden, er ist an der Spitze der politischen Alterspyramide angekommen. War der Mauerfall noch Zeichen der Rebellion einer Jugend, der die nichtweichenwollenden Alten an der Staatsspitze die Karrieren verbauten, so orientiert sich Deutschland 22 Jahre später um: Aufbruch heißt Bewahren, Entwicklung heißt, auch mal einhalten können. Umkehr ist in, Alter erste Bürgerpflicht.

Es waren doch nicht alle schlecht! Ohne Greise geht es nicht. Wolfgang Schäuble wird demnächst 70, muss aber weitermachen. Wer sonst soll Griechenland retten? Den Euro? Europa? Peer Steinbrück könnte Kanzler - er würde mit 70 seine erste Amtszeeit beenden. Sollen die Ermittlungen gegen die Terrorbande NSU nicht scheitern, muss der Vertrag des im Sommer zur Verrentung anstehenden BKA-Chefs Jörg Ziercke natürlich bis zum Abschluss des Verfahrens verlängert werden. Ziercke wird mit 65 aus dem regulären Beamtenalter heraus sein, wenn Zschäpe vor Gericht steht. Aber 65 ist doch kein Alter! Konrad Adenauer war 73, als er zum ersten Mal Bundeskanzler wurde. Er war 87, als er aus dem Amt schied.

Das eröffnet der Republik, die stolz wie Bolle ist, wenn ihre höchsten Repräsentanten in kleinen Hinterzimmerklüngelrunden würdevoll ausgeschachert werden, weil das die Demokratie total stärkt, völlig neue Perspektiven. Hell aus dem dunklen Vergangnen, leuchtet die Zukunft hervor! Nach dem Platzen der schwarz-gelben Koalition übernimmt SPD-Urgestein Hans-Jochen Vogel eine geriatrische Rettungsregierung. Der Mann ist erst 86, ein Jahr älter als sein 85-jähriger Vizekanzler Hans-Dietrich Genscher.


In einem Satz bei Die Anmerkung: Die Putinisierung Deutschlands

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Der Genosse Honecker war im letzten Regierungsjahr ja auch am fittesten und was hätte er bei fortschreitender Vergreisung noch schaffen können, hätte ihn nicht Egon Krenz ablösen müssen, wegen erzwungener gesundheitlicher Probleme. Das ist wie mit gutem Wein.

ppq hat gesagt…

und schon wirkt sich gauck auch statistisch aus.

Ministerin von der Leyen: Zahl der älteren Erwerbstätigen steigt

In Deutschland sind immer mehr ältere Menschen erwerbstätig. Wie Bundesministerin von der Leyen bei der Vorstellung des Reports "Altersgerechte Arbeitswelt" in Berlin mitteilte, erhöhte sich die Quote der 60- bis 64-Jährigen mit Arbeit 2010 auf 40,8 Prozent. Im Jahr davor waren es 38,4 Prozent. Das sei die größte Steigerungsrate innerhalb der EU, erläuterte die Arbeitsministerin. Der Anteil sozialversicherungspflichtiger Beschäftigung liege allerdings deutlich unter der Quote, räumte die CDU-Politikerin ein. Dies wurde vom Deutschen Gewerkschaftsbund kritisiert. DGB-Chef Sommer wies darauf hin, dass es allein in der Altersgruppe zwischen 55 und 64 rund 800.000 Menschen gebe, die nur als sogenannte Minijobber beschäftigt seien.

Anonym hat gesagt…

Rehagel nicht zu vergessen!

Anonym hat gesagt…

http://www.der-postillon.com/2012/02/gauck-gauckt-gauckt-gaucks-gauck.html#more

Cangrande hat gesagt…

Einfach köstlich!
(Und auf der sachlichen Ebene: eine staunenswerte Informationsfülle an einschlägigen Belegen!)

eulenfurz hat gesagt…

Ganz, ganz früher waren die Dorfältesten auch die weisen Medizinmänner, auf die alle gehört haben. Von daher kann ein Bundespräservativ nicht alt genug sein!

ppq hat gesagt…

ich verrate mal noch nicht, dass hinter dem ganzen ein irre cooler plan der merkelin zur stärkung der mitmachdemokratie im lande steckt. eine expertengruppe hier im ppq-haus analysiert die zusammenhänge gerade an der mikrometerzentrifuge

mehr, sobald es spruchreif ist. es ist der hammer. alle haben sie falsch verstanden, wirklich alle. von wegen "schlappe"! der durchbruch ist das!

Teja hat gesagt…

Da bin ich ja mal auf die Analyse gespannt.

ppq hat gesagt…

ich sage nur: das wird dem sehenden die augen öffnen! die blinden gehen machen! die tauben werden wieder reden können!

eulenfurz hat gesagt…

Können Tauben reden? Bei uns pfeifen nur die Spatzen von den Dächern.