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Donnerstag, 27. Dezember 2018

Claas Relotius: Das schwarze Schaf

Manchmal erscheint eine neue Ausgabe, manchmal Henri Nannen im Traum.


In eigener Sache: Die Berichterstattung über Claas Relotius steht nach PPQ-Recherchen unter dem Verdacht weitgehender Fälschungen und Manipulationen. (mehr dazu hier: spiegel.de über PPQ) PPQ geht allen Hinweisen nach und lässt die Artikel bis zu einer weitgehenden Klärung der Vorwürfe unverändert im Archiv, auch um transparente Nachforschungen zu ermöglichen. Wir bitten um Hinweise an politplatschquatsch@spiegel.com.

Bis zur endgültigen Klärung hier der Versuch einer intimen Annäherung an einen Mann, der Deutschlands Medien in die Krise stürzte - und seitdem untergetaucht ist.



An einem frühen Morgen in diesem Sommer 1991 steht Claas Relotius, ein magerer Junge mit langen Schlenkerarmen und Beinen, die aussehen wie von einem Rehkitz ausgeborgt, allein am Fenster einer feinen Villa in Hamburg Tötensen und schaut hinaus auf die noch dunklen Fluten der Unterelbe. Das Wasser wälzt sich vorüber wie ein unendlicher Strom aus feucht wabernder Finsternis. Am Himmel steht kein Stern und im Kopf von Claas Relotius, gerade sechs Jahre alt, klingt ein Lied: "hiwieanau enderdenas", singt der kleine Claas. Seine Lippen bewegen sich kaum.

Draußen steht die Stadt, die prunkvollen Anwesen, die verfallenden besetzten Gebäuden, die lausigen Hunde der Punks, die noch schlafen, die Laternen ohne Licht. Das Lied, das Relotius singt, handelt vom Bedürfnis, nicht unbeschäftigt zu bleiben, immer etwas zu schauen zu schauen zu haben, unterhalten zu werden und in seinen Erwartungen bestätigt. Der kleine Mensch am Fenster weiß das noch nicht und er weiß ebensowenig, das ihm ein Leben offenstehen wird, in dem er all das für andere verwirklichen kann. Bis ihn schlimmstes Leid treffen wird, von dem er später, längst ein großer, hagerer Mann mit Dreitage-Bart brennenden Augen, wochenlang nicht wissen wird, ob er oder irgendein Mensch auf der Welt oder gar das renommierte frühere Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" es wird überleben können.

Das Leben, ein Traum


Dabei ist das Leben des Hamburger Reedersohns bis dahin ein Traum. Geboren als jüngster Sohn einer alteingesessenen Reeder-Familie, hat Claas, der früh durch seine quicke Auffassungsgabe und sein enormes Sprachtalent auffällt, aber zum Erstaunen seiner Onkel, Tanten und Neffen nie schwimmen lernen will, seinen Eltern Alma-Charlotte und Hans-Hennig niemals Ärger bereitet. Als Kind spielt Claas gern für sich allein, am liebsten mit kleinen Plasikfiguren, die er in selbstausgedachten Geschichtenhandlungen auf dem Boden seines Kinderzimmers herumschiebt. Er liest aber auch viel, Karl May, Jules Verne, später Tom Kummer. Relotius` sind stolz. Die Familie führt ihre Wurzeln auf den römischen Galeerenkapitän Flavius Arminus Relotius zurück, der während des Germanien-Feldzuges von Kaiser Germanicus im Sommer 16 n. Chr.nach der Flottenlandung der Römer von rechtsrheinischen Ems-Sachsen gefangengenommen worden war, dann aber hatte entkommen können und im späten Frühmittelalter zum Begründer der Großreederei TLS wurde.

Claas Relotius könnte sich selbst in einer Verfilmung spielen.
Alle Angehörigen der männlichen Blutlinie der Relotius` sind seitdem stets Kapitäne oder Reeder gewesen, ausgenommen die zweiten Söhne, die in der Regel als Lotsen dienten, während die jeweils dritten zur Kriegsmarine gingen. Claas Relotius schlug früh aus der Art. Er kam aus einer alten Stadt, und als der kalte Krieg gewonnen war, kam er in die Schule. Wenn seine Mutter, die die karge Freizeit, die ihr die Führung einer homöopatischen Arztpraxis ließ, häufig für gemeinwohlorientierte Aktivitäten opferte, zum Unterricht fuhr, sah der fantasiebegabte Junge aus dem Beifahrerfesnter des Mercedes-Cabrios, auf das der Regen prasselte, die schneejeansblauen Scharen der grausam entwurzelten Ostflüchtlinge. Um ihren Beschützern in der kalten norddeutschen Fremde zu dienen, arbeiteten sie so hart, dass ihre Rücken krumm wurden und ihre Hände blutig, fast wären sie gestorben.

"Eines Tages", fragte Claas seine Mutter eines Tages, "werden sie doch für ihre Schmerzen reich belohnt, oder, Mutter?". Die sorgfältig manikürte und blondierte Reedersfrau nickte, ein wenig unaufmerksam, denn der Verkehr in Hamburg wurde damals schon, lange vor den ersten Fahrverboten, immer verrückter. Claas Relotius schmunzelte zufrieden und fast unhörbar begann er das Lied mitsingen, das gerade bei Radio Rock Hamburg lief: "You better watch what you say, you better watch what you do to me, don't get carried away, girl, if you can do better than me, go, yeah go, but remember."

Mit 14 weg von Mädchen


Als Claas Relotius zwölf Jahre alt wurde, hatte er noch immer keine richtigen Freunde, aber er wollte auch keine haben. Mit 14 beschloss er, dass das auch für Mädchen gelten sollte. Als sein Vater, ein Patriarch alter Schule, ihn zu sich in die große Bibliothek lud, um über seine weitere Lebensplanung zu sprechen, war Claas Relotius 16 Jahre alt, ein großer Fan der Pop-Band Atomic Kitten und ein leidenschaftlicher Sänger von deren Hit "Whole Again". Die Zeile "Time is laying heavy on my heart, seems I've got too much of it since we've been apart", spielte in Dauerrotation in Claas` Kopf, als sein Vater auf ihn einredete. Gorch Fock, Bundesmarine, Reederschule, Studium der Seefahrtstechnik, Heirat mit der ältesten Tochter des Reedereiimperium von Ernst August von Allwörden, der drüben in Drochtersen auf Feederschiffe spezialisiert ist.

In Claas Relotius ist an jenem Nachmittag etwas zerbrochen. Der Geruch von Schweiß lag in der Luft und der von Angst, Angst davor, dem Vater sagen zu müssen, dass all das nicht geschen wird. Das warme Licht der nahezu 754 Jahre alten Kerzenleuchter strahlt von der Decke, fällt grell auf den schlacksigen Jungen in seiner Schuluniform, die maßgeschneidert ist, aber wirkt, als sei sie schon wieder zu klein geworden. Ein zartes Gesicht schaut aus dem Kragen des marineroten Blazers, kaum Bartflaum, aber Lippen, die sachte zittern. "I can hear your soul crying, listen to your spirit sighing" hört Claas Relotius Martin Core singen, "I can feel your desperation, emotional deprivation". Doch sein Vater fühlt nichts. Er weist ihm die Tür. "Komm besser erst wieder, wenn du zur Vernunft gekommen bist", sagt der Patriarch. Ohne die Stimme zu haben.

Eine Einladung. Claas Relotius fühlt sich wie befreit von der Last einer fast zweitausendjährigen Geschichte, die in dem Augusteischen Germanenkriege begonnen hat. Er studiert nun Politik- und Kulturwissenschaften in Bremen und Valencia, geht dann zum Masterstudium an die Hamburg Media School, an der die seriösen Medien des Landes ihren Nachwuchs heranziehen. Manchmal erscheint ihm Henri Nannen im Traum, manchmal ist es Egon Erwin Kisch, der ihm zuzuwinken scheint.

Manchmal winkt ihm Nannen im Traum


Das  "hiwieanau enderdenas" aus dem Kinderzimmer hat der große Claas längst entschlüsselt: "Here we are now / entertain us!, ruft ihm das Publikum zu. Das will, das kann er. In seiner Klasse ist Claas einer der besten, willig, klar im Erkennen von Prioritäten und zentralen Wissensinhalten, fantasiebegabt und ein begnadeter Finder von passenden Fakten.

Das von seinen Lehrern hochgeschätzte Talent absolviert in dieser Zeit Praktika beim ZDF heute-Journal in Mainz, bei der Deutschen Welle in Berlin sowie der taz in Hamburg. Überall lernt Claas Relotius dazu: Er hat Haltung bei Anja Reschke, nimmt bei Georg Restle Vorlesungen in Verschwörungstheorie und schaut sich bei Dunja Hayali ab, wie ein neuer Haymatbegriff global und definiert werden könnte.

Abends, allein in seiner großzügig geschnittenen Studentenbude, sitzt Claas Relotius in den seltenen Schreibpausen an seinem Bösendorfer-Flügel und er summt eine Melodie von U": "I see an expression so clear and so true, that it changes the atmosphere, when I walk (in)to the room".

Die ersten Preise für seine bewegenden, tiefgründigen Texte lasse nicht lange auf sich warten. Der Schwerpunkt Auslands- und Reportagejournalismus ist genau sein Ding, hier kann Claas Relotius alles hineinlegen, was er kann. Nachdem Artikel von ihm in deutschsprachigen wie in englischsprachigen Publikationen erschienen sind, u.a. in der Weltwoche, der Neuen Zürcher Zeitung, der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, Cicero sowie im britischen Guardian und in der Los Angeles Times, beginnt ein Aufstieg in die lichten Tannenhöhen des weltbedeutsamsten Journalismus überhaupt: 2013 bekommt er den ersten Deutschen Reporterpreis, 2015, 2016 und 2018 weitere drei. Nur 2014 und 2017 verhindern eine langwierige und chronische Rückengeschichte, dass im der Coup gelingt, als erster deutscher Reporter genauso viele Meisterschaften am Stück zu feiern als der FC Bayern.

So viele Meisterschaften wie der FC Bayern


Dafür aber ist der Name Relotius jetzt bei allen Preiskommissionen auf dem Zettel. 2014 zeichnete ihn CNN als Journalist of the Year aus. 2017 wird er für seine Spiegel-Reportagen über einen Jemeniten im US-amerikanischen Guantanamo-Gefängnis und zwei syrische Flüchtlingskinder mit dem Liberty Award und dem European Press Prize geehrte.Für die Spiegel-Reportage "Königskinder" erhält er im selben Jahr auch den Katholischen Medienpreis, es folgen der Peter-Scholl-Latour-Preis der Ulrich-Wickert-Stiftung und der Preis der Konrad-Duden-Stiftung für die Spiegel-Reportage "Nummer 440", mit der er es, so die Jury, geschafft habe, "Buchstaben und Zahlen beispielhaft so zu kombinieren, dass eine Ergriffenheit sich bei Leserinnen und Lesern einstellt, die herzergreifend authentisch wirkt."

Claas Relotius ist am Ziel seiner Wünsche, Träume und Befürchungen. Nur den Egon-Erwin-Kisch-Preis wird er, dass ist ihm klar, nicht mehr gewinnen können, weil der dem jüdischen Publizisten Kisch gewidmete Preis kurz vor dem Beginn seiner Karriere als Großschriftsteller in "Henri-Nannen-Preis umgetauft worden war, um die Erinnerung an den ehemaligen Kriegsberichtserstatter der Propagandakompanie der SS-Standarte Kurt Eggers wachzuhalten. Doch der Vater hat im nun verziehen, die Mutter gar gefragt, ob er nicht auch einmal eine packende Reportage über homöopathische Wege zur Friedensbewältigung schreiben können.

Make you wanna cry


Mitten in eine glückliche Lebensphase, in der Claas Relotius in der Tat genau darüber nachdenkt, gründlich, wie es seine Art ist, und dabei immer wieder die Zeilen "Hotel, motel make you wanna cry, ladies do the hard sell know the reason why, gettin' old, gettin' grey, gettin' ripped off, underpaid, gettin' sold, second hand, that's how it goes" aus AC/DCs "It's a Long Way to the Top" summend, ereilt ihn der Anruf aus dem "Spiegel"-Hochhaus, mit dem ihm eine Sekretärin über den Verrat seines Kollegen Juan Moreno informierte.

Claas Relotius stellte sich dem Termin mit der Chefredaktion, die gleich ihre Justiziare mitgebracht hatte. Sein Vater, den er anzurufen versuchte, als er nach viereinhalb Stunden wieder auf der Straße stand, in einem kalten Hamburger Wind, durchsetzt mit feinen Regentropfen, nahm nicht ab. Am Morgen danach ging Claas Relotius zu dem Arzt, der ihn schon als Kind betreut hatte, und ließ sich ein Attest ausstellen. Offiziell ist der 33-Jährige jetzt psychisch krank. Das Münchhausen-Syndrom, Krankenkassen-Code 4725P. Nur eine Zahl. Und doch ein Urteil.

Das Schaf von Winterhude


Der Starreporter, von dem niemals wieder jemand eine seiner wundervollen, eleganten Starreportagen drucken wird, sitzt schweigend auf seinem liebsten Platz in der großen Loftwohnung in Winterhude, die er von all den Preisgeldern angezahlt hat. Ein schwarzes Schaf, auf einmal. Ein Ausgestoßener. Allein. Er trinkt viel, schiebt sich später am Abend oft ein Kissen hinter seinen Rücken, stellt den linken Fuß auf das Pedal des Bösendorfer und legt die rechte Hand auf die Klaviartasten. Claas Relotius möchte spielen, ein Lied, irgendeins.

Aber da ist keine Melodie mehr. In diesen Momenten laufen Tränen über seine Wangen. Claas Relotius schämt sich, er schlägt beide Hände vors Gesicht, obwohl ihn doch niemand sehen kann. Es ist nicht wegen seiner Eltern, wegen der Familie, des Erbes, des bürgerlichen Todes, der Kollegen, der Träume; nicht einmal wegen der Schmerzen, die er fast körperlich fühlen kann.

Es ist, so würde er sagen, wenn er mit jemandem reden könnte und wollte, weil die Erwachsenen nun mit ihm schimpfen. Mit dem kleinen Jungen, der er doch immer geblieben ist.

Solch ein tragisches Schicksal ist im Leben so selten. Bitte teilen Sie diesen Beitrag, wenn auch Sie dieser Meinung sind.

Kommentare:

Volker hat gesagt…

Man hat das ja in Geschichte gelernt, wie oft der Wind sich dreht. Aber man will nie so richtig glauben, dass sich nichts geändert hat, dass man selbst drinsteckt in diesen Wechselwinden.

Vor drei Jahren waren brennende Wohnheime ja so was von geil. Jeder wollte dabeisein, was abgekommen von der Couragesonne.
In einem aufrüttelnden Artikel des Intelligenzblatts ZEIT haben 15 Schmierlappen um Aufmerksamkeit gebettelt. Fünfzehn!
Mit Büld vom brennenden Woh ... na, ja, noch nicht ganz Wohnheim, mit interaktiver Grafik, Charts, Balken- und Tortendiagramm, und einer Extraportion Betroffenheitssoße.

Vorbei.
Heute sind brennende Wohnheime megaout. Aber warum?
Am Mangel an brennenden Wohnheimen liegts jedenfalls nicht, jedenfalls nicht im braunen Sachsen, wo die Rechten nach der Macht greifen.
Das gibt’s das kleine Wohnheimfeuerchen für zwischendurch.
Und manchmal gibt’s nen richtig geilen event. Flammen aus dem Dachstuhl, so was von telegen dass die Haltungsjournalisten doch allesamt vor Freude total aus dem Häuschen sein müssten. Noch dazu wo es als Sahnehäubchen, als Zugabe fürs treue Publikum noch einen toten Syrer gab.
Aber komisch, nicht nur die 15 Courageidioten der ZEIT tun so als hätten sie es nicht bemerkt, der ganze Haltungsmob hat´s übersehen. Die Lokalpresse berichtet lustlos, und das war es dann auch.
Man könnte glatt auf den Gedanken kommen, dass unsere Haltungsjournaille gar nicht mehr so genau wissen will, ob noch Wohnheime brennen und wie die Brandstifter heißen.
Die wissen schon warum.

Was für ein Gesindel!

ppq hat gesagt…

das ist die normale themendemenz. es gibt immer einen rhythmus, mit dem jeder mitmuss. setzt die musik aus, muss die karawane weitereilen, zum nächsten event. denk nur mal an den mai zurück. farid bpäng und sein kollegah, ein medientsunami sarrazinscher dimension.

inzwischen frage ich mich immer öfter, was dieser peng heute tut und ob es ihn überhaupt wirklich gegeben hat

Volker hat gesagt…

"ob es ihn überhaupt wirklich gegeben hat"

Die gleiche Frage stellt sich bei Franco A.

Peters hat gesagt…

Spektakuläre Imitation des üblichen Spiegel-Schleimstils !

ppq hat gesagt…

danke, das sollte es sein

Volker hat gesagt…

Der SPIEGEL hat den Fehler erkannt und zieht die Konsequenzen:
Weitermachen wie bisher.

7upMan hat gesagt…

Wäre aber schon gut, wenn Du die Schreibfehler noch ausmerzen könntest. "im" statt "ihm", sowas. Nicht schlimm, aber es stört doch ein bissl. Vieles kann auch die Rechtschreibprüfung erkennen.

Ansonsten sehr sehr guter Artikel. Ich hoffe und wünsche mir, dass dieser Stil, der prägend ist für Spiegel-Reportagen, für eine ganze Weile verbrannt ist.

Ronald M. Hahn hat gesagt…

Ich bin begeistert von dieser wirklich rührenden und beinharten Reportage.

Carl Gustaf hat gesagt…

@ ppq: Die Verfilmung der Relotius-Story läuft bereits unter dem Namen "Der Junge muss an die frische Luft" erfolgreich im KIno.