Google+ PPQ: Kein Deutscher unter den Opfern: Warum der neue EU-Parlamentspräsident völlig unsichtbar ist

Mittwoch, 27. Februar 2019

Kein Deutscher unter den Opfern: Warum der neue EU-Parlamentspräsident völlig unsichtbar ist

Als der Deutsche Martin Schulz noch EU-Parlamentspräsident war, handelte es sich bei dem Amt um ein äußerst wichtiges. Seitdem es ein Italiener bekleidet, gibt es für deutsche Medien keinen EU-Parlamentspräsidenten mehr.


Nicht einmal jeder hunderttausendste Deutsche kennt ihn, mehr als 80 Millionen* können sich nicht einmal daran erinnern, seinen Namen gehört zu haben. Dabei ist Antonio Tajani das Gesicht der Demokratie des Kontinents: Der Italiener aus der von Silvio Berlusconi geführten populistischen Partei Forza Italia ist mehr als zwei Jahren Präsident des Europäischen Parlaments und damit Nachfolger des früheren SPD-Politikers Martin Schulz.

Nach der gescheiterten Wahl Schulzens zum Vorsitzenden der Kommission kam es zu einem Hinterzimmer-Tauschgeschäft von Sozialdemokratie und Konservativen: Dafür, dass Schulz seinen Widerstand gegen eine Amtsübernahme von Jean-Claude Juncker aufgab, durfte der Sozialdemokrat noch einmal eine halbe Legislaturperiode als Vorsteher des großen, aber weitgehend machtlosen Parlaments in Straßburg amtieren. Schulz` Plan, am Ende der Laufzeit genug Truppen gesammelt zu haben, um aus der halben doch noch eine volle Amtszeit machen zu dürfen, scheiterte. Wie zuvor ausgeklüngelt, musste Schulz sich Halbzeit der Legislaturperiode einen neuen Job suchen. Die Folgen sind bekannt: Die SPD bekam einen bizarren neuen Hoffnungsträger, die Bundeskanzlerin einen exzellenten Wahlhelfer, die Bundestagswahl einen störrischen Verlierer und die SPD am Ende eine neue Vorsitzende.

Der Unsichtbare


Die EU aber blieb zurück mit einem Unsichtbaren. So lautstark sich Schulz als Frühstücksdirektor des Brüsseler Empfehlungsparlaments aufgeführt hatte wie eine menschlichen Sirene, die nimmermüd im höchsten Diskant schrillte, als zähle ihre Meinung im Zirkus der Mächtigen mehr als die der Hausmaus, so still ist es um den EU-Parlamentspräsidenten geworden, seit der nicht mehr deutsch spricht. War sich Schulz einst nicht zu schaden, Interviews, die niemand mit ihm führen wollte, zur Not auch mal selbst mit zu abzuhalten, ist Tajani in deutschen Medien im Grunde genommen nicht existent, wenn der italienische Populist nicht gerade historische Fettnäpfen betritt.

Erstaunlich: Obwohl Tajani wie Schuld seit 1994 Mitglied im EU-Parlament ist und von 2008 bis 2014 auch schon mal Kommissar in der EU-Kommission war, scheint die Bedeutung dessen, was er zu Brexit, Flüchtlingsstreit, Außengrenzen, Digitalsteuer oder EU-Arbeitslosenversicherung zu sagen hat, verglichen mit Schulzens Äußerungen nicht von Belang zu sein. Wo Schulz sogar zitiert wurde, wenn er eine Pressemitteilung zu Michel Houellebecqs Roman „Die Unterwerfung“ herausgab und den Schriftsteller zieh, der greife "eine tief Angst und Verunsicherung auf, ohne dem eine positive Botschaft entgegen zu setzen" (Rechtschreibung im Original), kommt Tajani in deutschen Medien selbst mit dem auf Medienwirksamkeit angelegten Vorschlag eines "EU.Marshallplans für Afrika" allenfalls beim kostenlosen presseportal.de zum Zuge.

Kein Deutscher, kein Medieninteresse


Der Rest ist Schweigen. Der "Spiegel" kommt monatelang ohne jede Erwähnung des Chefs des EU-Parlamentes aus.bei der Zeit durfte er vor acht Monaten zum letzten Mal vor etwas warnen. Die Taz führt ihn sowieso unter ferner liefen.  Und der SZ, rein geografisch am nächsten dran, dient er ausschließlich als eine Art Trauerredner für ernste und akute Krisenfälle.


Merke: ein Parlamentspräsident, der kein Deutscher ist, für den interessiert sich auch kein Deutscher. Das wissen die Medien, die anstelle des Platzes, den sie an Tajani verschwenden, lieber noch einen Text über den ewiggestrigen Charakter der Nation unterbringen. Nation, um das Jahr 1400 ins Deutsche übernommen, kommt vom lateinischen natio, das sich ableitet vom Verb nasci für „geboren werden“ oder besser "geboren worden sein". Eine Nation bezeichnet danach größere Gruppen von Menschen, denen gemeinsame Merkmale wie Abstammung, Sprache, Tradition, Sitten und Bräuche zugeschrieben werden.

Medien, so sehr sie auch betonen, diese frühkindliche, egoistische Phase hinter sich gelassen zu haben, schätzen das Ausmaß des möglichen Interesses ihrer Leserinnen und Leser nach nationalen Gesichtpunkten ab: "Auch Deutsche unter den Opfern" ist immer gut. "Der italienische EU-Parlamentspräsident sagt" ein sicherer Klickkiller.


*PPQ-Hochrechnung nach Feldforschung unter 17 Testpersonen

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