Google+ PPQ: Diesmal kauf` ich: Wie die EU sich einen Internet-Hit organisierte

Dienstag, 7. Mai 2019

Diesmal kauf` ich: Wie die EU sich einen Internet-Hit organisierte



Was ist wahr, was ist falsch, wer streut gegebenenfalls absichtlich Falschinformationen und zu welchem Zweck? Dazu ist auch vor der EU-Wahl wieder ein PPQ-Team im Einsatz, das möglichen Strategien der Desinformation mit intensivierter journalistischer Qualitätssicherung entgegenwirkt. Das KI-Faktencheckteam PPQEU19 überprüft Aussagen von Medien und Politikern auf ihre Richtigkeit,, ordnet ein und stellt klar. In der dritten Folge: Wie das EU-Parlament sich einen Social-Media-Erfolg kaufte.

60 Millionen! 60 Millionen Zuschauer hatte der Werbefilm des europäischen Parlaments zur EU-Wahl binnen einer Woche! Toll! Sage noch jemand, Europa interessiere niemanden! Und die Jugend erst recht nicht!

Stimmt ja gar nicht, sagt die EU und verweist auf ein dreiminütiges Video mit dem Titel "Wählen Sie Ihre Zukunft". Das Werk des französischen Regisseurs Frederic Planchon ist auf Youtube und Facebook zu sehen und hat dort, so wenigstens behauptet das EU-Parlament, binnen einer Woche eben jene sagenhafte Zuschauerzahl von 60 Millionen erreicht.

Eine Zahl, die frappierend klingt, bedeutet sei doch nichts anderes, als dass jeder siebte Europäer im wahlfähigen Alter den Film gesehen hat - in nur sieben Tagen. Nicht nur wegen des für die meisten Bürgerinnen und Bürger völlig uninteressanten Themas EU-Wahl ("Europawahl", nennt es die EU selbst) scheint das kaum denkbar zu sein, selbst wenn man einberechnet, dass Regisseur Planchton mehrfacher Gewinner der Goldenen Palme ist und auch schon Werbespots für Ikea gedreht hat.

Auch inhaltlich hat der 2,5 Millionen Euro teure Film nichts, das im Internet viral funktionieren könnte, weil es extrem  grenzwertig, geschmacklich fragwürdig, lustig oder besonders originell ist. Es gibt die übliche rohe Wahlkampfspotkost: Nils Frahms patentiertes Klavier beschwört mildes Pathos, Kindergesichter leuchten, es geht um die Zukunft, um Verantwortung, um das Klima, werdende Mütter, um Schmerz und Freude, Tränen, liebevolle Blicke zum Nachwuchs und eine sanfte Kinderstimme erzählt dazu, wie schlimm es wäre, "zerbrechlich und allein zu sein". Und wie viel besser es ist, zusammen mit anderen "die Welt zu verändern und eine Zukunft zu schaffen".

Inhalt gibt es weiter keinen, das könnte auch ein Werbespot für Eis oder Bier oder einen Baumarkt sein. Trotzdem fliegen die Menschen drauf? Sie gucken dieses Ding, als gäbe es nichts Schöneres auf der Welt?

Normalerweise werden EU-Filme nur ein paar hundert Mal angeschaut.
Womöglich nicht. Denn schon ein Blick auf den Youtube-Kanal des EU-Parlaments verrät, wie die Statistik hier aufgebessert wurde, um den "beispiellosen Erfolg für eine institutionelle Kampagne" melden zu können, von dem die EU-Werber jetzt spricht. Knapp 50.000 Abonnenten hat der Kanal, die - und andere Zuschauer, die zufällig vorbeikommen - schauen ein normales Video des europäischen Parlaments in der Regel ein paar hundert Mal an, gelegentlich auch ein paar tausend Mal. Kommt ein Star wie Greta Thunberg, steigt die Zahl der Abrufe auch mal auf über 20.000, liegt das Video lange genug, kommen in vier, fünf Jahren auch mal eine Million Zuschauer zusammen.

Doch 22 Millionen? In einer einzigen Woche? Nicht ein Video des EU-Parlaments kam bisher auch nur in die entfernteste Nähe einer solchen Marke. Und 60 - inzwischen 72 - Millionen Abrufe insgesamt, wie sie die EU-Wahlkampagne diesmalwaehlich.eu reklamiert? Kann es wirklich sein, dass ein belangloses Filmchen zu einer Wahl, die nur jeden zweiten Deutschen interessiert, binnen von nur acht Tagen jeden siebten Europäer erreicht??


Wahrscheinlich ist das nicht. Aber wie also haben sie das gemacht? Wie gelang es dem EU-Parlament, ausgerechnet am 1. Mai, einem Feiertag, schlagartig zehn Millionen Zuschauer auf sein Video zu ziehen. Und damit kurzerhand eine Verhundertfachung der normalen Zuschauerzahlen des Parlamentskanals zu erreichen?

Experten kennen die Methoden, mit denen hier manipuliert worden ist, denn für gewöhnlich stehen die Zahl der Abonnenten eines Kanals und die Zahl der Abrufe eines Videos in einem bestimmten Verhältnis zueinander: Hat ein Youtube-Kanal schnell 1000 Videoabrufe beisammen, aber nur 900 Abonnenten, handelt es sich bei den "Zuschauern" vermutlich um gekaufte Klicks. In welcher Dimension wird deutlich, wenn man sich das Verhältnis von Abonnenten zu Klicks beim Youtube-Kanal des EU-Parlament vor Augen führt: Es liegt beim Wahlwerbespot bei 1:450.

Ein weiterer Indikator für gekaufte Zuschauer ist das Missverhältnis zwischen angeblichen Zuschauern und Likes sowie Dislikes: Das Rammstein-Video "Radio" erschien etwa zur selben Zeit wie "Choose your future" vom EU-Parlament, es hat mit 21 Millionen ähnlich viele Zuschauer. Aber: Wo den Film der EU nicht einmal 12.000 Zuschauer mit "gefällt" oder "gefällt nicht" markierten, sind es bei Rammstein über eine Million. Die Ursache lässt eine Faustregel erahnen, nach der weniger als ein Klick auf den Daumen pro 1000 Abrufe darauf hindeutet, dass zusätzliche Zuschauer gekauft wurden. Das Wahlvideo der EU liegt hier deutlich im roten Bereich - es kommt nicht einmal auf einen Daumenklick pro 2000 Zuschauer. Bei Rammstein dagegen drückt etwa jeder 20. Zuschauer auf "Like" oder "Dislike".

Alle diese Indizien sprechen dafür, dass die EU sich Views gekauft hat. Bei Ebay gibt es 10.000 Fake-Zuschauer für 50 Euro, die mutmaßlich von der Wahlkampagne diesmalwaehlich.eu gekauften 15 bis 20 Millionen Views dürften also zwischen 75.000 und 100.000 Euro gekostet haben. Angesichts von von 33 Millionen Euro, die das EU-Parlament für Werbung für die Teilnahme an der Europawahl insgesamt ausgibt, ein winziger Betrag.

Dass er ausgegeben wird, ist allerdings bezeichnend für eine Organisation, die mehr Wert darauf legt, erfolgreich zu scheinen, als darauf, erfolgreich zu sein.

Kommentare:

Carl Gustaf hat gesagt…

Im industruellen Zeitalter hat der Fabrikant sein Money z.B. mit dem Verkauf von Nägeln verdient. Im digitalen Zeitalter verdient der Fabrikant sein Money mit dem Verkauf von Klickraten. Gleichsam beides Massenware und frei erhältlich. Und die Gewinnspanne eines Klicks sollte ungefähr der eines Nagels entsprechen.

Der Unterschied zwischen Nagel und Klick bleibt aber. Der eine dient dazu, dass die Latten am Zaun bleiben. Der andere zeigt, dass jemand nicht mehr alle Latten am Zaun hat.

Manipulator hat gesagt…

Ich glaube nur noch jenen Statistiken, die ich selber gefälscht habe.

Für viele Normalodödel jedoch sind solche asozial-mediale Fake-Klicks das Nonplusultra ihrer Entscheidungshilfen zur Wahrheitsfindung.

Da siegt dann wieder der archaische Herdentrieb, denn man will ja um jeden Preis dazu gehören zur großen unisono blökenden Schafhorde. Und nicht nur sauber, sondern reinweiß sollen sie sein, die Streichelzoobewohner, denn dunkle Flecken gelten ihnen als Inkarnation alles Bösen.

Außer beim Asülimport - da ist es trotz hoher Nichtsnutz- und Verbrecherdichte genau anders herum. Da gilt black is beautiful.

Wenn das das Europa eurer und eurer Kinder und Enkel Zukunft sein soll, dann gute Nacht ihr helldeutsch dahin dämmernden Tranfunzeln. Aus klimarettendem Energiesparwahn glimmen nur noch Schwachstrombirnen in den schrumpfgermanischen Flachschädeln. Cryday for Future, aber zu blöd für die Abiklausur in Mathe. Dann müssen wir das Bildungsniveau eben noch etwas dummkopffreundlicher senken, damit jeder importierte Analphabet hier total problemlos Hochschulreife erlangt. Alles andere wäre nämlich diskriminierend und fremdenfeindlich bis naaahhtzieee!

Darum fordern wir für jeden Idioten mit Erreichen der Volljährigkeit einen automatischen Doktortitel, denn lernen könnte viele alte und neue Schildbürger verunsichern.

Anonym hat gesagt…

@Manipulator, worin unterscheidest du dich in deinem hochmut, deiner überheblichkeit, hartherzigkeit, arroganz und gehässigkeit..? und wem ist damit geholfen?

manche kommentare kotzen mich einfach nur an, egal wohin man schaut