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Donnerstag, 8. August 2019

Andrea Nahles: Mein geheimes Tagebuch

Das in Berlin gefundene Tagebuch, das Andrea Nahles ("A.N.") zugeschrieben wird.

Eben noch war sie die mächtigste Frau der deutschen Sozialdemokratie, eine Visionärin und Stimmungskanone, die selbst im atemberaubend schneller Niedergang der SPD noch eine "Erneuerung" zu sehen vermochte, die "erfolgreich" (Nahles) gewesen war. Vor acht Wochen dann der harte Schnitt. Aus. Ende einer Dienstfahrt. Schlussstrich.

Kurz vor der Rebellion der Partei versuchte die allein erziehende Mutter mit dem Arbeitspensum einer Schlosserbrigade noch eine Rochade, die ihre Gegner jeder Chance beraubte, aus dem Gebüsch zu brechen und das Erbe der glücklosen Erfinderin der "Guten Gesellschaft" (Nahles) für sich zu reklamieren. Alles tot in Rot seitdem, ein Notvorstand aus Zurückgetretenen und Provinzprinzessinen besetzt seitdem nur noch Ernstfallposten, aus der Gruft unter dem Willy-Brandt-Haus tauchen gelegentlich muffige Rettergestalten auf, die schon in besseren Tagen niemand kannte.

Nahles aber ist abgetaucht, versteckt auf ihrem Bauernhof tief im Westen leckt sie ihre Wunden. Die Gescheiterte spricht mit niemandem sie meldet sich auch zu Grundfragen der künftigen Entwicklung nicht zu Wort. Bei Aufräumarbeiten im ehemaligen Büro der Langzeitfunktionärin, die Berlin überhastet verließ, wurden jetzt allerdings von einer Baubrigade teile eines Tagebuches gefunden, das der SPD-Vorsitzenden Andrea Nahles zugeschrieben werden muss. Auf den erhaltengebliebenen 213 Seiten vermerkt die in der Endphase ihrer Amtszeit zusehends alleingelassene ehemalige Juso-Chefin einschneidende Erlebnisse, sie kommentiert Äußerungen und Verhalten von Genossen und lässt keinen Zweifel daran, was sie von bestimmten Entwicklungen im Land hält.



Donnerstag, 2. März 2019

Ich bin nun fast ein Jahr Parteivorsitzende. Ich müsste glücklich sein. Doch fühle mich elend und erschöpft, schlafe zuwenig und arbeite zuviel, mein Privatleben tendiert mehr und mehr gegen Null. Zudem klappt die interne Organisation nur höchst unzureichend, zu vieles bleibt unmittelbar an mir selbst hängen. Es fehlt der Organisator, die bürokratische Hand, die der Administration die politisch gewünschte Richtung gibt, steuernd eingreift, wo erforderlich, auch einer, der mir den Rücken freihält, der zugleich, über den Tag hinaus, strategisch denkt. Ich ertappe mich dabei, wie ich Sehnsucht nach mir selbst bekomme. Sensiblere Menschen verfallen in ähnlicher Situation wohl in Depressionen, ich werde zunehmend finsterer und aggressiver. Ich nicht, ich bin eine Kämpferin. Mancher wartet nur, dass ich scheitere, aber den Gefallen tue ich ihnen nicht.



Mittwoch, 8. März 2019

Schulz, der alte Mann, bohrt gegen mich. Und heute Abend gönnt sich der Minister Maßanzug wieder einmal ein echtes Klassenkampferlebnis. Auf Twitter schimpft er über das, was in der Partei läuft oder nicht läuft. Habe Stegi angerufen, ob was weiß. Sägt das Heikomännchen jetzt auch meinem Stuhl? Stegi sagt, er weiß nicht, aber ob auf den noch Verlass ist? Beim Neujahrsempfang der Industrie- und Handelskammer kurze Rede gehalten, kämpferisch, aber optimistisch. Wir schaffen das. Die Kanzlerin war angekündigt, löst aber Ankunft kaum noch Bewegung in der dichtgedrängten noblen Menge aus. Manche drängen sich um Merz, aber der ist gar nicht da. Wer ist der Mann? Ich spreche mit den Meinen, Kanzlerin im Wartestand, ich lege Zufriedenheit in die Stimme und fühle mich wie eine Schauspielerin, die erklären soll, wie erfolgreich doch unsere Politik für alle gewesen ist und bleibt. Tosender Beifall, aber der gilt Merkel, die das Büfett eröffnet hat.



Freitag, 16. März 2019

Nicht gerade mein erster Schultag, aber mein erster Auftritt im Bundesrat. Eine Institution, die kaum jemand kennt, in der aber viele Hinterzimmerverabredungen getroffen werden. Gibst du mir, gebe ich dir. Ergo kippt die Tagesordnung auf Initiative von NRW und der unionsregierten Länder auch heute. Ein Antrag der Genossen aus Hessen landet am Ende der Tagesordnung. Aus die Maus. Muss ich nicht weiter warten, sondern kann ins Wochenende starten. Klimabegeisternde 800 Kilometer bis nach Hause. Doch der Wettergott wird es verzeihen. Erst im Schwarzwald atme ich wieder freie Luft.



Dienstag, 21. März 2019

300 Tage also sind vorbei, und ich frage mich selbst, ob ich diesen Job noch einmal machen würde. Nach dem heutigen Kenntnis- und Erfahrungsstand antworte ich mit einem klaren Nein! Schön habe ich mir das Führen der größten deutschen Partei vorgestellt, schön, aber anstrengend. Es ist aber nur das eine: Nervig. Als müsste man 480.000 Flöhe hüten. Von außen betrachtet hält sich die Partei recht achtbar, aber um welchen Preis! Es knirscht an allen Ecken und Enden, es mangelt überall an Verwaltungserfahrung, an juristischem Sachverstand, an Personal, die Nervenenden liegen bloß, alle sind überreizt, und Krach und Missverständnisse sind allgegenwärtig. Die Erneuerung, die ich anfangs ausgerufen hatte, können wir vergessen. Da fehlt die Kraft. Zum Glück denken die Medienleute auch nicht daran, sonst wüsste ich nicht, was ich sagen soll.



Freitag, 28. März 2019

Was mir immer öfter auffällt, ist die mangelnde Modernität unserer Visionen. Wenn ich mal Zeit habe, darüber nachzudenken, bin ich sofort der Ansicht, wir müssten vieles anders machen. Mehr moderner, mit größerer Schlagkraft und Frische. Ob das bei der Merkel auch so ist, dass sie gern würde, aber nicht kann, weil sie nicht weiß was? Die SPD als solche befindet sich noch in der guten alten Zeit der Arbeiterbewegung! Und dies in einem Land wie Deutschland, das sich vorgenommen hat, signalhaft zu zeigen, dass Chemiestandorte, stinkende Fabriken, Autohersteller, Atommüllschleudern, dass das alles nicht mehr in die Zeit passt. Aber bald wird man harte Fakten von uns verlangen, wird man uns für strukturelle Versäumnisse des letzten Jahrzehnts verantwortlich machen - Stichwort Klimasause am Wochenende nach Hause -, und man wird von uns schnelle Lösungen erwarten. Ausgerechnet von uns! Wenn alles gutgeht, kann das trotzdem ein erfolgreicher Kampf ums politische Überleben werden, denn es ist kein anderer da, der es machen kann.



Dienstag, 2. April 2019

Nachts, zwölf Minuten nach eins. Ich bin schon beim Einschlafen, leicht hinüber, da fällt mir ein, dass ich heute Abend gar keine Nachrichten gehört habe. was für ein Desinteresse! Die Erkenntnis lässt mich senkrecht im Bett sitzen.



Mittwoch, 13. April 2019

Noch beim Frühstück kommt eine Nachricht rein, dass Schulz wieder geschossen hat. Sofort telefoniere ich mit Stegner, ein treuer Freund. Wir klären die Zuständigkeiten und stellen fest, wer bei Twitter am besten eine möglichst gelassene Entgegnung rausballert. Ich sage, Ralf, aber schick mir den Wortlauf vorher nochmal. Stegner ist manchmal zu impulsiv, einer unserer besten Klassenkämpfer.

Freitag, 15. April 2019

Das Schlimme ist: Wiesbaden ist politisch verwaist. Seit Schäfer-Gümbel seinen Rückzug verkündet hat, kenne ich in Hessen fast niemanden mehr. Und das geht hier allen so! Wer ist da eigentlich  Ministerpräsident? Der Habeck? Ich erreiche den Sozialminister, dessen Namen ich vergessen habe, später telefonisch in Nordhessen. Wir müssen über soziale Gerechtigkeit reden, sage ich. Ich denke, es kommt mit Blick auf die Landtagswahlen im Herbst mehr denn je darauf an, dass die Wähler sehen, wir tun was für sie. Aber ein Anruf bei Fraktion und Bundesvorstand zeigt tiefe Ruhe.

Donnerstag, 21. April 2019

Die Högl meldet sich, will nochmal wissen, ob ich sie zum Justizminister mache, wenn die Barley nach Brüssel geht. Ich bin aber gar nicht sicher, ob die sich noch dahin abschieben lassen will. Die sägen doch alle an meinem Stuhl und wenn ich falle, wollen sie alle ran an den Speck. Widdewiddewitt! Ich agitiere die Eva, die ich eigentlich so unsympathisch finde, dass sie noch Geduld haben muss. Die glaubt mir natürlich kein Wort. Zwei Stunden später ruft mich Barley persönlich an, zum ersten Mal überhaupt, und wir stimmen das politische Vorgehen ab. Sie möchte, dass eine Christine soundso ihre Nachfolgerin wird. Sitz wohl bei uns in der Fraktion. Ist mir aber noch nie aufgefallen. Aber das kann auch gut sein.

Dienstag, 30. April 2019

Kabinettssitzung mit Merkel, die ihren Aufstand schon überstanden hat. Ich brauche da nicht hin, aber auch so einen Plan. Wenn der Schulz die Truppen ins Feld führt, muss ich ihn auskontern,. wie das die Merkeln gemacht hat. Aber worauf wertet der noch? Merkel ruft an und fragt genau das.Ist in Sorge um die Koalition. Ich sage, Frau Merkel, wir stehen. Ich habe den Eindruck ich höre sie nicken am anderen Ende.

Mittwoch, 8. Mai 2019

Tag des Sieges. Wenn ich das nur sagen könnte. Von Schulz noch immer nichts. Seine Leute sagen meinen Leuten, da sei auch nichts zu erwarten. Ich bin beunruhigt. Informationen gibt es aber so gut wie keine und wer sie hat, der teilt sie nicht. Mit mir. ich spüre, dass da was ist. Ich plane, bei nächster Gelegenheit in die Offensive zu gehen. Vielleicht über den "Spiegel", großes Interview? Oder ARD? Ich könnte mich bei der Will einladen. Mit dem richtigen Spin bekomme ich die ganze Sendung solo. Fahre diesmal mit dem Zug nach Hause, sitze neben zwei Beamten aus dem Bauminiserium, die sich über den Flughafen und die Maut unterhalten. Unerhörte Tatsachen. Gut für die Koalition, dass nur ich zuhöre, die das einzuordnen weiß.

Sonntag, 18. Mai 2019,

Was an Umfragen zur EU-Wahl reinkommt, ist schlimm. Richtig schlimm. Ich starre blicklos auf die Zahlen und mir wird blass und ich ringe um Fassung. Ich habe der Truppe der Berater gesagt, sie sollen sich eine Erklärungsstrategie ausdenken. Wetter, Klima, Wirtschaft, was weiß ich. Bisher aber nichts. Auch die engeren Mitarbeiter machen einen nur noch ratlosen Eindruck. Und die Schulzfreunde in der Fraktion reiben sich die Hände.

Montag, 27. Mai 2019

Schlimmer hätte es nicht kommen können. Die ersten Stellungnahmen, die ich abgebe, sind wie immer schonungslos ehrlich. Wir haben eine Niederlage einstecken müssen, die sich gewaschen hat. Aber wir stehen noch, wir kommen wieder! Und ich gehe gar nicht erst, da kann der Schulz sich auf die Hinterbeine stellen. Nicht mehr im Bundestag ab 2021 wie damals die Grünen? Keine Gefahr für uns, sage ich, bei uns kann so etwas nicht passieren! Merkel ist auch bewusst, dass sie nur uns hat. der Habeck ist schon zu beliebt. Entsprechend verrucht lügen jetzt alle ihr Volk im Fernsehen an!


Mittwoch, 29. Mai 2019

Es bleibt die einsame politische Spitzenleistung des Kollegen - Genosse zu sagen, sträubt sich mir - Schulz, in dieser schlimmen Situation noch weit rechts von FAZ und Welt aufzutauchen. Ich sei an allem Schuld, behauptet er und lässt streuen, dass er zum Comeback bereit wäre. Nur ich müsste weg. ich hatte erst überlegt, ob ich ihn ins Leere laufen lasse, aber bei dem sind die Kinder aus dem Haus und der hat den ganzen Sommer Zeit, weiter zu minimieren. Ich habe ihn anrufen lassen. Wir ziehen die Neuwahl zum Parteivorsitzenden durch. das hat ihn auf dem falschen Fuß erwischt, wie gewünscht. Wenn alles so gut klappen würde!

Sonnabend, 1. Juni 2019

Ein herrlicher Tag, viel Sonne, strahlend blauer Himmel und eine Ostwetterlage, die Luftströmung kommt von Osten, früher hätte man gesagt, von Tschernobyl her. Unsere Umfragewerte aber weisen kontinuierlich nach oben, die der Grünen gehen hoch. Ein vertrauter aus dem Schulz-Kreis unterrichtet mich zu Hause per Telefon von der absurden Situation in der Fraktion. Keiner weiß, wie weiter. Ich habe sie alle an die Wand gespielt. Abends ruft Schulz an. Schulz selbst. Er schleimt wie immer, aber ich verstehe den Kern: Entweder, ich gehe freiwillig. Oder stellt sich hinter Kühnert, selbst wenn es das endgültige Ende bedeutet. ich verspreche, darüber zu schlafen.

Sonntag, 2. Juni 2019

Er hat ja recht. Ich habe auch genug davon. Ich beschließe, ein ende zu Machen. Während ich auf die Kamerateams warte, setze ich mich an die Computer und formuliere die Struktur für eine Ausstiegsrede. Ich bin mir sicher, dass ich noch in Würde rauskomme aus der Nummer, wenn ich mehr weghaue als alle erwarten. Den Vorsitz, das Mandat, alle Posten. Weg. Ich kann ja meine Biografie schreiben, außerdem gibt es Übergangsgeld. Satt Wochen mit der Frage der Machbarkeit des Ausstiegs und der Alternativen zuzubringen, brauche ich nur ein paar Stunden. Ich kann es doch!


Am späten Nachmittag ist es geschafft. Die Nachricht ist rum. Ich rufe Stegner in dessen Wochenendhaus an, er twittert gerade. Druckst rum. Nach zehn Minuten erfahre ich, dass er es geahnt hat. Bei Schulz rufe ich selbst durch, der sagt: Respekt. Wir seien beide keine Gewinnertypen, hätten aber immer alles versucht. Er denke nicht dran, zurückzuziehen, habe aber Stimmer gehört, die ihn  meinen Brutus nennen. Er sei nicht bereit, hier Ehren einzuheimsen, die ihm nicht zustünden. Ich sage, dass ich mich von nun an raushalte. Kompetenzdebatten, während die Zeit davonläuft.

Sonnabend, 7. Juni 2019

Zweimal rufe ich noch an, um zu erfahren, wer es nun machen wir. Zweimal keine Entscheidung, kein Ergebnis. Täuschen wir uns in der Lagebeurteilung, so gibt es Prügel und Hohn und Spott; täuschen wir uns aber nicht und schlagen wir aus Unsicherheit und entgegen der Zuständigkeit keinen neuen Kurs ein, werden wir uns kaum noch selber ins Gesicht sehen können. Mit Kühnert habe ich noch nicht gesprochen, der hat sich aber auch völlig zurückgenommen. Saß jetzt bei Plaßberg oder war es Lanz? Und ich dachte erst, es wieder der Habeck. Gegen 19.30 gebe ich dem Fahrer grünes Licht, damit wir die Strecke nach Hause noch schaffen.

Sonntag, 8. Juni 2019

Die Öffentlichkeit scheint erst jetzt und ziemlich schockartig zu begreifen. Nahles ist weg! Für mich hat ein neues Leben begonnen. Familienleben, Mutter sein, kein Telefon, keine Medienanfragen. Spätabends, ich bin allein im Büro, ich füttere den Schredder, erreicht mich noch ein Anruf eines irritierten Hühnerhalters aus der Nachbarschaft, der bei uns Licht gesehen hat. Machte sich Sorgen, Einbrecher. Ich danke, sage, dass ich nun öfter da bin. Korrigiere mich auf immer. Ich merke, er weiß gar nicht, wen er an der Strippe hat.

Dienstag, 10. Juni 2019

Nachmittags wäre heute Koalitionsgespräch. Ist wohl auch. Ohne mich. Dass jetzt schon niemand mehr anruft, übertrifft meine schlimmsten Erwartungen um ein Vielfaches. Wie krank ist eigentlich unsere angeblich so zivilisierte Zivilisation, wenn wir Menschen, die so lange so wichtig waren und alles für unsere Gemeinschaft gegeben haben, so schnell vergessen? Ella Maria schluchzt beim Abendessen. Mir bleibt der letzte Bissen im Halse stecken, entgeistert schaue ich sie an. Ich kann es nicht glauben! Zwei Stunden reden wir sehr eindringlich miteinander, und die Stimmung wird dabei immer düsterer. Ich bin dann aber doch, bei einem guten Glas Rotwein, der Meinung, wir sind uns wieder näher gekommen.




Kommentare:

Jodel hat gesagt…

Der Artikel wäre glaubhafter wenn die Initialen F.N. lauten würden. Führerin Nahles hätte doch was. Im Original war es ja auch so. Kann jeder mit Stern-Abo bestätigen.

Anonym hat gesagt…

hey rudi, "was immer sie will..?" ist das so? warum glaubt sie dir nicht??

warum sollte sie?