Google+ PPQ: Nach der Wahlkatastrophe*: Der böse Bäcker von Vidaloca

Dienstag, 3. September 2019

Nach der Wahlkatastrophe*: Der böse Bäcker von Vidaloca


Der chilenische Nationaldichter José Muñoz-Muller hat Zeit seines Lebens nicht nur großartige Romane wie "Sieben Messer aus Seide" und drastische Abrechnungen mit dem Pinochet- und dem Kennedy-Regime wie "5. Mai vormittags" und "Himmel hinterm Berg" geschrieben, sondern sich stets auch eine Liebe zur kleinen Form bewahrt. In seinem Aufsatzband "Steinwärts" etwa versammelte der begnadete Satzsetzer und Wortschmied gleich mehrere kurze Sagen aus seiner alten Heimat Österreich, die seine Eltern verlassen hatten, als die Lage dort unerträglich zu werden drohte.

In Form von Kurzgeschichten, von denen er selbst nicht müde wurde zu betonen, dass nicht er, sondern das wahre Leben sie geschrieben habe, verfasste Muñoz-Muller aus die Geschichte "Der böse Bäcker von Vidaloca", die in Südamerika jedes Kind kennt. In Europa hingegen ist die faszinierende und in Teilen auch brutal an die Schwächen und Folgen menschlicher Freiheit gemahnende Story kaum bekannt. Der einfach Grund dafür ist, dass Diktator Pinochet in Chile besonders harte Urheberrechtsgesetze erlassen lassen hatte, um den freien Fluß von Informationen aus seinem Land möglichst zu unterbinden. Da das Gesamtwerk von José Muñoz-Muller trotz dessen doppelter Staatsbürgerschaft zumindest teilweise unter diese sogenannten Artikel-13-Regelungen fällt, darf auch die frappierende Geschichte eines knappen halben Dutzends von Bäckern nicht zitiert, sondern nur nacherzählt werden.

Ein Wagnis, das PPQ aber aufgrund der aktuellen Brisanz der Geschichte eingehen muss.


Wie Muñoz-Muller berichtet, trugen sich die von ihm nachfolgend geschilderten Ereignisse im Jahr 1923 in der Steiermark zu, der Wahlchilene aber entschloss sich, sie als chilenisches Märchen zu erzählen. Wohl, wie sein deutscher Biograf, der Unternehmer Ronny Kustenberg, vermutet, auch naheliegenden Marketinggründen.

Wie auch immer: Gegenstand des nur schmale 17 Seiten umfassenden Melodrams sind vier - später fünf beziehungsweise sechs - überwiegend alteingesessene Bäckerhandwerker, denen eine plötzlich einbrechende Wirtschaftskrise das Geschäft verhagelt. Jahrzehntelang hatten Guillermo Deistler, Juan Pérez González, Luis Alberto, Francisca Pérez Duarte und der erst später nach Villaloca gezogene Orlando Lübbert Bolocco gut von Brot und Brötchen und einigen schlichten Kuchen leben können. Auf einmal aber fehlte allen immer wieder Geld in der Kasse, weil Kundinnen und Kunden beschlossen hatten, gesünder zu leben, weniger zu essen und ihnen das Geld auch nicht mehr so locker saß.

Guillermo Deistler, ein glücklich verheirateter Feingeist mit stark ausgeprägtem Geschäftssinn, soll Muñoz-Mullers Angaben zufolge der erste der Bäcker des hauptstadtnahen 6000-Einwohner-Städtchens gewesen sein, der die Nerven verlor. Deistler, klein und ein wenig feist, aber mit geschickten Händen ausgestattet, veränderte sein Angebot, denn er hatte bemerkt, dass der wie er im örtlichen Bäckerchor singende Orlando Lübbert Bolocco wenig bis gar nicht vom Brotboykott der Bürger betroffen war. Bolocco, ausgewachsen im großstädtischen Santiago, begriff sich als Feinbäcker und er buck auch so: Kleine Teilchen, kleine Brötchen, viele Plätzchen.

Der Tortenaufschwung


Deistler setzte noch einen drauf und nun auf prächtige Torten, Obstkuchen und gefüllten Plunder. Mit Erfolg, wie Muñoz-Muller erzählt, der ein leider nachschiebt. Denn anegsichts der Schlangen vor dem Nachbargeschäft steuerten auch Luis Alberto und Francisca Pérez Duarte um. Brot flog aus dem Angebot, weiße weiche Frühstücksbrötchen ebenso. Stattdessen schoben beide nun jeden Tag vegane Muffins in den Ofen, Krapfen voller gerecht gezüchteter Blaubeeren, klimaneutrale Weckchen und Kipferl und liebvoll gestaltete Keksvariationen. Die Menschen in Vilaloca schienen glücklich, so glücklich, dass auch der bekennende Traditionalist Juan Pérez González schließlich umschwenkte. Statt siebenerlei Brot, Weckchen, Laugen, Brezeln und Brötchen bot auch der alteingesessene Meister, der älteste aller Bäcker von Vilaloca, nun Konditorware für den Nachmittags-Kaffee an.

Es dauerte eine Zeit, und es waren schöne Jahre, schreibt José Muñoz-Muller in süßer Erinnerung an all die leckeren Backwaren, die Kuchen und Torten, Krapfen, Plunder und Teilchen, die Tag für Tag über die fünf Ladentische gingen. Wäre nicht dieser eine Tag gewesen, als das, was als Bäckerkonsens von Vilaloca in die Geschichtsbücher einzugehen schien, in einem Drama zersplitterte, das in der Geschichte der Fein- und Grobbäckerei seinesgleichen sucht: Matías Martin Alonso tauchte ein nicht mehr ganz junger, nicht allzu hübscher, aber zu allen entschlossener Mann im Ort auf, der binnen von nur zwei Wochen und mit Hilfe auswärtiger Handwerker eine sechste Bäckerei mitten in einer belebten Innenstadtstraße eröffnete.

Plötzlich wieder braunes Brot


"Braunes Brot" und "Brötchen, wie man sie kennt" habe der Newcomer in sein Schaufenster geschrieben, schildert Muñoz-Muller. Und mehr habe es in seiner kleinen, aber köstlich duftenden Backstube auch nicht zu kaufen gegeben. Die Platzhirsche Deistler, González, Alberto und Bolocco kamen selbst vorbeigeschlendert, um den Neuen zu beschnuppern. Francisca Pérez Duarte, eine Frau, die weit mehr als Mehlstaub um sich verbreitete, schickte ihren Erstgeborenen und ließ sich jedes Detail berichten. Vergebens. Obwohl alle fünf alteingeführten Bäcker von Vidaloca - sie alle nannten sich inzwischen "Konditor" - überzeugt waren, dass das Angebot des Neuen dumm, primitiv und keineswegs bekömmlich sei, schienen die einfachen Kundern das anders zu sehen. Sie kauften Brot, sie kauften Brötchen, sie schlugen sich, schreibt Muñoz-Muller, den Magen oft so voll, dass kein Platz mehr darin blieb für Teilchen und Süßes vom veganen Feinbackofen.

Ansprache nicht perfekt


Luis Alberto, wenig begnadeter Lieblingsbäcker des Mittelstandes und deshalb immer etwas teurer, gab als erster auf. Juan Pérez González, der lange Hauptlieferant derer gewesen war, die mit Stullenbüchsen zum Arbeiten in die Fabrik gingen, folgte. Orlando Lübbert Bolocco, der vor allem den Osten der Stadt abgefüttert hatte, musste die Segel streichen, weil seine Backstube nur gemietet war. Bei Martin Alonso wurden mehrfach die Schaufensterscheiben eingeworfen, es kursierten auch Flugblätter, auf denen Unbekannte forderten, man möge nicht mehr beim "Braunbäcker" kaufen.

Aber alles vergeblich. Guillermo Deistler und Francisca Pérez Duarte hielten noch eine ganze Zeit durch, nachdem sie geheiratet und ihre Bäckereien zusammengelegt hatten. Es gelingt gerade nicht, "einen Teil der Menschen an uns zu binden, die Ansprache ist offenkundig nicht perfekt", klagte Deistler. Pérez Duarte dagegen kündigte eine baldigst bevorstehende Erneuerung der gesamten Backstube, des Sortiments und der Keks- und Plätzchenrezepturen an. Süßes könne noch süßer werden, wenn genug Torten da seien, benötige niemand Brötchen oder Brot.

Der "böse Bäcker von Vidaloca", wie die Berufskollegen aus dem Bäckerchor den stets lächelnden und lecker nach frischem Brotteig riechenden Matías Martin Alonso längst nicht mehr nur unter sich nannten, werde jedenfalls nicht siegen. "Insofern ist es wichtig, dass wir deutlich machen, dass wir gerade die im Blick haben, die jeden Tag hart arbeiten, aber eben auch nur kleine Einkommen haben und trotzdem Kuchen essen wollen."

*"Der Spiegel"

Kommentare:

Hase, Du bleibst hier... hat gesagt…

"Wessen Brot ich eß, dessen Lied ich sing" Das Versorgungswerk SPD bröckelt gewaltig und die Genossen an der Basis wechseln die Farben. Und auch der Mehltau, welcher flächendeckend über Westdeutschland liegt, wird sich lüften. Die zukünftige Nennung der Identitäten von Straftätern in NRW sind erste, durch öffentlichen Druck, erzwungene Selbstverständlichkeiten.

Die Anmerkung hat gesagt…

>> Die zukünftige Nennung ...

ist keine Selbstverständlichkeit, sondern ein Projektion in die Zukunft, also Glasgugelhüpferei.

Volker hat gesagt…

Am besten hat mir gefallen:

》obwohl in den Wochen vor der Wahl offenbar wurde, was ihr wahrer Kern ist《

Die AfD war seit dem Tag ihrer Gruendung eine rechtsradikale, rechtsrextrmistische Nazipartei. Und darüber hinaus wurde in den Wochen vor der Wahl auch noch offenbar, was ihr wahrer Kern ist.
Da schnellste ab, was der Relotiusbote so alles recherchiert.

ppq hat gesagt…

@volker: diese seit sechs jahren anhaltenden radikalisierung der extremisten verzückt mich auch immer wieder.

vergleichbar wundersames lässt sich nur im messerspitzenkapitel von flann o'briens "der dritte polizist" nachlesen |