Google+ PPQ: HFC: Todeskuss von der Tormaschine

Samstag, 30. November 2019

HFC: Todeskuss von der Tormaschine

"Spitzenreiter, Spitzenreiten", singen die MSV-Fans nach 93 Minuten und es soll wohl ein Trost sein an eine Duisburger Mannschaft, die beim Auswärtsspiel gegen den Halleschen FC nicht viel falschgemacht hat. Als Tabellenführer angereist, fahren die Blauweißen auch als Tabellenführer zurück in den Ruhrpott.

Allerdings geschlagen von einer Gastgeberelf, die im Spielverlauf zweimal Glück und einmal einen Terrence Boyd hatte, der ein schon auf 0:0 zulaufendes Spiel mit einem Geniestreich herumreißt, der, wäre die Welt gerecht, zweifellos als "Tor des Monats" und "Tor des Jahres" in die Geschichtsbücher eingehen müsste. 1:0 steht jedenfalls auf der Anzeigetafel, als Schiedsrichter David Siebert mitten in ein letzten Strafraumgewühl vor HFC-Keeper Kai Eisele die Pfeife in den Mund nimmt. Über den quergestreiften Trikots gehen die Köpfe nach unten. Die Spieler in Rot aber fliegen einander in die Arme, grinsen, schreien und jubeln.

Ein hartes Stück Arbeit liegt in diesen Momenten hinter der Mannschaft von HFC-Trainer Torsten Ziegner, der seine Startelf einmal mehr radikal umgebaut hat. Statt der Starelf mit Boyd, Washausen, Guttau, Göbel und Lindenhahn läuft ein Hoffnungstrupp auf: Florian Hansch auf rechts, Dennis Mast auf links, Papadopulous neben Jopek in der Mitte und Nietfeld neben Sohm im Sturm. Die durchwachsenen Ergebnisse und meist traurig weggeschenkten Punkte der vergangenen Wochen, vor allem daheim, lassen Ziegner ins Risiko gehen - ausgerechnet gegen den Gegner, der in den letzten Wochen alle seine Spiele gewonnen hat und die Formtabelle der 3. Liga souverän anführt.

Die beiden Mannschaften auf dem Platz des früheren Kurt-Wabbel-Stadions haben gehörigen Respekt voreinander, das ist vom Start weg zu sehen. Man tastet, statt zu drücken, kein Sturmlauf hier,kein Anrennen da. Es dauert eine halbe Stunde, bis sich Duisburg ein wenig weiter nach vorn wagt, sieben Minuten später hat der HFC seine erste Drangphase, die Bentley Baxter Bahn, schön freigespielt von Björn Jopek, mit der besten HFC-Chance bis dahin krönt. Statt rechts oder links an MSV-Keeper Weinkauf vorbei, schießt er dem die Kugel allerdings direkt in die Arme.

Duisburg ist trotzig früh zurück aus der Halbzeitpause und dominiert die ersten paar Minuten nach Wiederanpfiff. Eine Flanke auf Eiseles Tor wird zum bis dahin gefährlichsten Torschuss der Gäste, doch der Pfosten rettet für Kai Eisele, der dem Ball nur staunend hinterherschaut, als er vom Holz ins Spielfeld zurückspringt. Moritz Stoppelkamp, Duisburgs gefährlichster Angreifer, legt nach und trifft nochmal den Pfosten, ehe nach einem Stolperer von Sebastian Mai sogar drei MSV-Spieler auf Eisele zustürmen, der den Abschluss von Engin aber bravourös abwehrt und seine Elf im Zusammenspiel mit Landgraf im Spiel hält, der den Nachschuss von der Linie köpft.

Aufgeschreckt durch die plötzliche Überlegenheit der Duisburger und beflügelt durch die Einwechslung von Guttau für den verletzten Jopek, Boyd für Nietfeld und Drinkuth für Hansch, der auf seiner rechten Seite bedeutend auffälliger spielte als Mast auf der linken, zerrt der HFC nun aber auch noch mal an den Ketten. Nie kommt der aus den besten Tagen bekannte Sturmwirbel zustande, aber vor allem Boyd macht vorn viele Bälle fest und verteilt sie so klug, dass die gesamte Partie doch immer mehr Richtung MSV-Tor rutscht.

Dass es noch zu einem Tor für die eine oder andere Mannschaft reichen wird, denken sicherlich dennoch nur ganz wenige der erstaunlicherweise nur 7.500 Zuschauer. Eine Zahl, die wohl einerseits dem äußerst kühlen Spätherbsttag, andererseits aber sicher auch den seit Monaten durchwachsenen Heimleistungen des HFC zu schulden ist: Euphorieverdacht muss niemand hegen, der hierher kommt, darüber kann die formidable Tabellensituation der Hallenser nicht hinwegtäuschen.

Als es dann doch passiert, gleicht die Situation ein wenig der beim längst legendären 4:3 gegen Hansa Rostock im April vor fünf Jahren, in der Toni Lindenhahn in der 93. Minute einen Ball volley zum 4:3 ins Netz knallte und den HFC-Anhang in einen Freudentaumel versetzte - bis heute ist ein Filmausschnitt dieses Treffers vor jedem Spiel auf der Stadionanzeigetafel zu sehen. So ähnlich macht es Terrence Boyd, der seit einem Trainingsstreit mit Jopek aus der Startelf rotierte erfolgreichste HFC-Stürmer seit dem Finnen Timo Furuholm.

In der letzten Spielminute, als alles auf dem Feld nur noch auf die Nachricht von der Seitenlinie wartet, wie viel Zeit noch zu überstehen ist bis zum stillschweigend vereinbarten 0:0, flattert der Ball irgendwie doch nochmal zum Amerikaner, der ihn volley kontrolliert, einen Schritt macht und abzieht. Aus 45 Metern fliegt das Ding wie an einer Schnur gezogen über den weit vor dem Kasten stehenden Weinkauf  in die Maschen. Ein Todeskuss von der halleschen Tormaschine, der eine Begegnung auf ein Weise entscheidet, die weit über den Tag, das Spiel und die Liga hinausweist.

Das ist es, weshalb Menschen sich Fußballspiele ansehen. Das ist es, was dieses Spiel vor fast allen anderen auszeichnet. Solche Momente entschädigen für alles, pure Glückseligkeit, die aus dem Unverhofften kommt. Du weißt nie und wirst nie wissen, was passiert, ehe es geschehen ist. Man kann immer gewinnen. Und als Verlierer Spitzenreiter bleiben. Vorerst.

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Nebenbei, Kurt Wabbel, die Schmach der deutschen Bolschewiken. Man kann es diesen Brüdern gar nicht oft genug aufs Brot schmieren.

ppq hat gesagt…

man kann es nur immer wieder schreiben. wobei "erdgas" absehbarerweise derselbe moralische verschleiß bevorsteht. oder wie lauterbach sagen würde: ein name, für den man sich in einigen jahren wird schämen müssen

derherold hat gesagt…

Ich habe die letzten Minuten beim mdr gesehen.
So ein Tor wie das Boyd sind genau die Dinge, die kein Trainer beeinflussen, trainieren kann.
Im Anschlußinterview sagte Boyd der Schuß sei schon "so" beabsichtigt gewesen ... aber er glaube nicht, daß er, wenn er den Schuß hundertmal wiederholen würde, wieder treffen würde. :-)

P.S. Man hätte das Stadion auch nach einer Persönlichkeit benennen können, die in Halle geboren wurde. Reinhard Heydrich und Margot Honecker stehen zur Auswahl.