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Freitag, 6. März 2020

Gewalthetze: Ein neuer Popanz bittet zum Tanz

Im Sommer 1969 erfand ein DDR-Propagandaexperte den Begriff "Gewalthetze". Der schaffte es nie in den Duden, jetzt aber ist er offizielle Politik.


Das öffentliche Leben erlahmt unterm Ansturm fremdländischer Viren, Europa verliert an Kraft, der Brexit wird schon gar nicht mehr diskutiert, geschweige denn beklagt, und an den Südgrenzen der Gemeinschaft schickt sich die erfolgreichste Flüchtlingspolitik, die jemals eine deutsche Kanzlerin vertrat, an, in Schutt und Asche zu fallen. Zwar spielt die Bundesliga noch, denn sie spielt um Ruhe und Ordnung im Land. Doch wenn erst die Fußball-EM im Sommer abgesagt werden muss, braucht es viel Feuer und Rauch anderswo, damit die "Bevölkerung" (Hans Haake) nicht auf dumme Gedanken kommt.

In der Bundesworthülsenfabrik (BWHF) in Berlin, gegraben tief in den märkischen Sand unter dem Bundeskanzlerinnenamt,  saßen sie in den zurückliegenden Tagen und Wochen beinahe rund um die Uhr zusammen. Klar war, dass "Hetze, Hass und Zweifel", der Dreiklang des Grauens, mit dem Claus Kleber vor Jahren  verdeutlicht hatte, wo der Feind steht, nicht mehr lange ausreichen wird, die Abwehrkräfte gegen Rechts zu mobilisieren. Etwas Schärferes musste her, ein Begriff, der die Gefährlichkeit der fortgesetzten Bemühungen von Höcke, Hitler, Gauland und Goebbels  zur Errichtung eines Vierten Reiches ausreichend widerzuspiegeln vermag.

Ratlos schauten die Geschwätzingenieure sich an, Worthülsendreher hoben die Hände und selbst Rainald Schawidow, der in zwei Systemen erfahrene Chef der Bundesworthülsenfabrik, wusste nicht mehr ein noch aus, weil seinen Mitarbeitern einfach kein zündender Begriff wie "Rettungsschirm", "Energiewende", "Schulden-" und "Mietpreisbremse", "Stromautobahnen" oder "Wachstumspakt"
einfallen wollte.

Am Ende half der Gang ins Archiv, ganz nach unten, wie die Giftschränke stehen, in denen tonnenweise alte DDR-Zeitungen vor den jüngeren und noch ungefestigten Propagandapoeten und Schlagwortbohrmaschinenbedienern verborgen werden. Hier, in einer von Säure schon fest zerfressenen Ausgabe des SED-Blattes "Berliner Zeitung" vom 30. August 1969, fanden Schawidows Wortschmiede und Wortschmiedinnen schließlich, wonach die Bundesregierung so dringend verlangt:  Einen neuen, in sich schlüssigen Kampfbegriff, den es noch nicht  gibt, der aber so klingt, als wüsste jeder gleich genau, was gemeint ist.

1969 diente er der SED-Zeitung im kalten Krieg, um gegen Strauß und die anderen Nazis in Bonn Front zu machen. Jetzt erlebt er seinen zweiten Frühling im Dienst der sozialdemokratischen Bundesjustizministerin, die das zusammengesetzte Substantiv "Gewalthetze" im Bundestag als neues Zielwort für  das gesetzliche Verbot der "schleichenden gesellschaftliche Verrohung" (Lambrecht) durch die Bestrafung von Gewalthetzern ausgab.

Neue Gesetze bekämpfen jetzt einen Begriff, den es nicht gibt.
Nun kennen weder der Duden noch irgendein deutsches Gesetzbuch den Begriff "Gewalthetze", selbst der "Spiegel" hat die Fantasievokabel in den vergangenen 70 Jahren  nur zweimal verwendet: In einem Text über die terroristischen Anarchogruppe "Revolutionäre Zellen" von 1976 wird mit einem enttäuschten Unterton beklagt, dass nun wohl "Literaturbewerter Gewalthetze von Kunst unterscheiden" müssten. Als Erfinder des Begriffes wird  dabei Lambrechts Amtsvorgänger Hans-Joachim Vogel präsentiert, der seine SED-Zeitungen offenbar aufmerksam gelesen hat. Der zweite Fall datiert aus dem Hetzjagd-Jahr, als der frühere Bundesrichter Thomas Fischer den unbestimmten Rechtsbegriff in einer Kolumne verwendete, ohne sich darum zu scheren, was er bedeuten könnte, was er bedeuten soll oder mag.

Das geht auch aus den Ankündigungen von Christine Lambrecht nicht hervor, kann  auch nicht, denn ein Wort, das es nicht gibt, vermag keine geltende Definition vorzuweisen, was es bedeutet. Aber gerade in jener Unbestimmtheit, die schon frühere BWHF-Produkte wie "Rettungsschirm", "Energiewende", "Schuldenbremse", "Wachstumspakt", "Stromautobahn" und „Respektente” prägte, liegt das Erfolgsgeheimnis der Kommunikationsstrategie der Bundesregierung. Was unbestimmt ist, lässt sich nicht nur gut bekämpfen, sondern auch jederzeit besiegen, es kann jedoch ebenso gut immer wieder neu zu einem beständig weiter erstarkenden Feind erklärt werden, gegen den es noch entschlossener vorzugehen gelte.

Kommentare:

Hase, Du bleibst hier... hat gesagt…

In der Kommunikation setzt man schrittweise immer noch was drauf. Beispiel ? Brötchen, frische Brötchen, ofenfrische Brötchen, ofenfrische Brötchen vom Landbäcker, ofenfrische Brötchen vom Öko-Landbäcker usw. Wir werden also irgendwann mal bei brutaler rechtsradikaler Gewalthetze landen.

P.S. Ich hatte in der Bundesworthülsenfabrik mal ein Praktikum.

Gernot hat gesagt…

Nun verfügt die deutsche Sprache über die Möglichkeit, stets neue Worte zu schaffen, Mittelstreifengrünanlagenbegrenzungsmauerstein z.B.
Manche andere Sprachen verfügen darüber nicht oder in geringerem Umfang. So las ich in einem offenbar schlecht ins Deutsche übertragenen SF-Roman "Raumschiff Computer Kontrollzentrum". Vielleicht wollte man nur Druckerschwärze für Bindestriche sparen.
Da in zusammengefügten Hauptwörtern mit substantiviertem Verb der zweite Wortbestandteil i.d.R. aussagt, was der erste tut - eine Spielanleitung leitet das Spiel, eine Klobürste bürstet das Klo und ein Wasserkocher kocht Wasser - wäre Hassrede bedenklich, redet sie doch Hass, was noch poetisch übertragenem Ausdruck entsprechen mag. Eine Gewalthetze allerdings hetzt nach diesem Modell Gewalt, und das ist schwerlich vorstellbar.

Gernot hat gesagt…

An Hase ...: "Entmenscht" fehlt mir, sollen doch Rechte keine Träger von Menschenrechten mehr sein, und wer rechts ist, bestimmen die Demokratoren je nach politischer und gesamtgesellschaftlicher Verantwortung und Notwendigkeit gerecht.

Die Anmerkung hat gesagt…

Bodo Ramelow: Ich habe für den AfD-Vizepräsidenten im Thüringer Landtag gestimmt.

https://thueringer-allgemeine.de/politik/ramelow-habe-fuer-afd-vizepraesidenten-im-thueringer-landtag-gestimmt-id228629213.html

Hab ich doch gesagt, vor langer Zeit, hier in den Kommentaren. Finde es nur nicht. Ramelow ist pfaffig durch und durch, nichts anderes. Der wählt eben auch Schwefler, wenn es seinem pfaffigen Ich gut tut.

Die König kotzt die Lagerbeständer dreier Jenaer Schnapsläden ins Internet. Auch das ist eine sehr schöne Entwicklung.

ppq hat gesagt…

wäre ich dieses gefühls fähig,würde ich sagen, ich bin stolz auf euch und eure tiefenscharfen analysen. da ist mehr schmalz verbacken als die gesamte bundestagskantine in der woche verfüttert. fast wäre ich geneigt, euch um ausformulierte längere texte zum thema zu bitten, denn das sollte welt wissen, auch wenn es nur die klitzekleine von ppq und den sich hierher verirrenden verzweifelten ist. okay, emailadresse habt ihr. danke

Volker hat gesagt…

Ist doch wahr.
Die AfD ruft dazu auf, den Muslimen das Nasenbein zu brechen.
Wenn das keine Gewalthetze ist, was dann?

Nur komisch, diesmal gibts keine Mahnwachen, kein mahnender Bundesprädident mahnt zur Wachsamkeit, keine Lichterketten, keine Anti-Rechts Demos.
Woran das wohl liegt?

Anonym hat gesagt…

„Bricht ab und an ein Nasenbein,
dann traf es wohl ein Nazischwein.
Wird nächstens ne Hauswand grell beschmiert,
war sein Besitzer braun vertiert.
Wird mit dem Messer der Ölstand dann gemessen,
war der AFDler drauf versessen.
Alle diese guten Sachen
dürfen Linke bei uns machen.

Der AFD-Redner geht nur noch so lange zum Rednerpult,
bis sein Schädel bricht oder ihn ein Gutmensch ersticht.

Anonym hat gesagt…

@ Hase, Du bleibst hier ...
Das ist so fürtrefflich, daß es glatt von mir sein könnte.


@ Anonym auf Platz 8: Ich will Dir wohl, aber mit Wunschdenken ist es nicht getan. So tust Du ja seit Jahren, es ist nicht nicht unergötzlich zu lesen - aber in der grauen Realität findet es ofenkundig nicht statt.
In grober Erinnerung ist mir, daß Anfang der Neunziger säggsche Sginhädds zu Dräsdn rumänische Hütchenspieler mit Handschellen fixiert hodden und von dor Bollezei belobigt wurden, donoch wor nüscht mär in dör Onchelechenheet.