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Freitag, 15. Mai 2020

Corona-Krise: Kein Wort über Belgien

Nicht nur Europa Hauptstadt, sondern auch Coronas

Die USA, das ist in deutschen Leitmedien stehendes Wissen, sind das am schlimmstes betroffene Corona- Gebiet der ganzen Welt. Wegen Trump natürlich, wie auch Russland schwer getroffen ist, wegen Putin natürlich. Ein Drittel aller Menschen starb in den Vereinigten Staaten! Achtmal mehr als in Deutschland! Und sogar 80 Mal mehr als in Luxemburg! Dessen großen Corona-Kampf nimmt Deutschland eigentlich kaum wahr, obwohl das durch allerlei geschichtliche Würfelspiele staatgewordene Steuersparstädtchen eine höhere Infektionsrate aufweist als die Trump-USA. Von 626.000 Luxemburgern sind sagenhafte 0,61 Prozent infiziert - das ist ein Drittel mehr als die vereinigten Staaten vorzuweisen haben und dreimal so viel wie in Deutschland.

Dabei gilt Luxemburg als europäisches Mustermitglied, sauber, geordnet und reich, mit einem Gesundheitssystem, über das nie Klagen zu hören sind. Die Corona-Berichterstattung aus diesem Hotspot aber existiert faktisch nicht, ebensowenig wie die aus Belgien, dem Sitz der Capitale der Friedensnobelpreisgemeinschaft EU, das zugleich Europas Corona-Hauptschlachtfeld ist.

Gemessen an den Zahlen der Lieblingscoronaländer der Leitmedien ist Belgien ein Katastrophengebiet: Beinahe ein halbes Prozent aller Belgier ist inzwischen selbst nach den offiziellen Zahlen mit Corona infiziert, das ist jeder 207. Belgier. Die USA kommen nur auf jeden 242., in Deutschland nur jeder 470. Und kaum irgendwo sonst wird gestorben wie in Belgien - von elf Millionen Belgiern wurden bislang 8.700 Opfer von Covid-19, das sind 0,07 Prozent der Bevölkerung. Dieser Wert liegt in Spanien, dem am "tödlichsten" (Focus) von Corona getroffenen Mitgliedsland der EU, gerade mal bei 0,055, in den USA bei 0,024, in Deutschland sogar nur bei 0,009. Mit 751 Toten pro einer Million Einwohner ist Belgien klarer Europameister - Italien zählt hingegen traurige 505, Spanien 572, Norwegen und  Island (29), Finnland (49), Deutschland (91) und Dänemark (92) sind um eine Zehnerpotenz desklassiert.

Dennoch ist die Berichterstattung aus Belgien annähernd ein Totalausfall. Einmal hat die FAZ die Frage gestellt, warum in Belgien eigentlich so viel und schnell gestorben werde an Covid-19. Es gab keine Antwort, nicht von der gebürtigen Belgierin Ursula von der Leyen, nicht von der belgischen Regierung, die seit einem Jahr nicht existiert. Belgien hat auch keinen Chefpopulisten, den irgendwer in Deutschland kennt. und ohne einen Putin, Trump, Kurz, Johnson oder Bolsonaro macht die ganze Suche nach einem Schuldigen keinen Spaß.

Folglich bleibt Belgien überwiegend unerwähnt, wenn es um die Brennpunkte der Corona-Krise geht. Öffnen US-Bundesstaaten Kneipen und Restaurant, dann muss das falsch sein und aus deutschen Redaktionsstuben entsprechend streng kritisiert werden. Beschließt Putin, Russland wieder zu öffnen, gibt es zeitungsseitenweise deutsches Kopfschütteln. Belgiens Öffnung hingegen sind einfach "langsame Schritte zurück" aus "den strengen Schutzmaßnahmen aus, die das Land früh im Kampf gegen das Virus eingeleitet hatte" (Deutsche Welle). Wer würde sich da beklagen, nur weil in der gemeinsamen Metropole aller Europäer knapp achtmal so viel gestorben wird?

Europa insgesamt ist gut durch die  Menschheitskrise gekommen, auch, weil es gelang, das aus eigener Sicht staatswesenhafte multistaatliche Gebilde ohne eigene Seuchenstatistik zu steuern. Während es jeden Tag aktuelle  Zahlen aus den USA gab, rechnete die Johns-Hopkins-Universität alle EU-Staaten getrennt ab. Die EU-Statistikbehörde EUstat beschäftigte sich überhaupt nicht mit Corona und die EU-Infektionsbehörde konzentrierte sich auf Daten und Fakten zu allen europäischen Ländern, auf dass nur ja rechnen müsse, wer sich ausschließlich für die Lage in der Wertegemeinschaft interessiert.

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Es ist enttäuschend, dass die connection zu Trump, Wladimir und den anderen Rechtspopulisten noch nicht aufgedeckt wurde. Was ist denn mit unserer Presse los?

ppq hat gesagt…

wessen?

Anonym hat gesagt…

Der regierende Bürgermeister von Antwerpen Bart de Wewer von den flämischen Nationalisten gäbe doch von der Optik her eine prima Hassfigur ab. Der hat so etwas Roeland Wiesnekker-mäßiges, Typ korrupter Baulöwe, grobschlächtiger Triebtäter oder versoffener Kripochef.

Gernot hat gesagt…

"Mit 751 Toten pro 100.000 Einwohner ist Belgien klarer Europameister"
Mit Verlaub, das ist der Flächenstaat San Marino. Der hat über 1000 Tote je 100000, hochgerechnet möglicherweise - so viel auch dazu, arme und "wirtschaftlich zurückgebliebene" Länder oder Regionen wären am stärksten betroffen. Das Jahresdurchschnittseinkommen liegt in der Republik San Marino bei über 50000 $.
Allerdings hatten die sich mal eine faschistische Regierung gewählt. Vielleicht liegt's daran, obwohl sie 1943 wieder abgewählt wurde. Schon komisch mit dem Faschismus, ich kann mich jetzt nicht erinnern, dass eine kommunistische Regierung bzw. Parlamentsmehrheit mal abgewählt worden wäre.

ppq hat gesagt…

san marino ist kein eu-mitglied und muss sich fragen lassen, ob das eine gute entscheidung war. so lange sie nicht revidiert wird, kann die schreckliche bilanz leider nicht berücksichtigt werden

Gernot hat gesagt…

Die für Russland usw. dann ja auch nicht ...
Aber eine Korrektur ist angezeigt: Die Todeszahlen gelten nicht je 100000, sondern je Million.

ppq hat gesagt…

stimmt. blogger und mathematik