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Samstag, 8. August 2020

Neue Kultur: Nicht nur sauber, sondern rein


Halbnackt, kreischend blond, klapperdünn und einschüchternd selbstbewusst, so sitzt die österreichische Kabarettistin Lisa Eckhart normalerweise auf der Bühne und konfrontiert ihr Publikum mit unerhörten Erkenntnissen. Die Welt, sie ist gar nicht so wie es die "Tagesschau" erzählt! Der Mensch, er verhält sich eigentlich ganz anders als die Süddeutsche es verkündet! Und schal, nicht erfrischend schmeckt Doppelmoral, denn wer von ihr trinkt, der verdirbt sich in der Regel den Magen, merkt es aber nicht.

In Deutschlands ausgedörrter Kabarettlandschaft ist die blonde Wienerin ein bisschen, was die schweizerische NZZ in der allmählich wegschmelzenden Gletschergegend ist, die ehemals von riesigen, imposant objektiv berichtenden Leitmedien wie dem "Spiegel", der FAZ, der Welt oder eben jener SZ gebildet wurde. Westpresse, nur mit Wiener Schmäh gesprochen und genau dorthin gezielt, wo die Doppelmoral der Ich-Bezogenheit eines selbsternannten Bionadeadels mit der Wirklichkeit kollidiert. "Heute heißen sie Oma und Opa. Gestern aber hießen sie noch Umweltsau und alter weißer Mann. Wie sehr wünschten sie denen den Tod. Und siehe da, jetzt sterben sie wirklich. Nur fehlt den Gutunmenschen die Schneid, das moribunde Röcheln der Alten konsequent mit 'OK, Boomer!' zu quittieren." Hohohoho, dachten die Zuhörer häufig, wenn Eckhart ausholte. Ob man das so sagen darf? Außerhalb der eigenen Wohnräume gar? Auf einer Bühne? Wo doch die Meinungsfreiheitsschützer immer zuhören?

Man durfte, zumindest bis jetzt. Doch im Zuge des allgemeinen Kulturabbaus und der beschleunigten Errichtung einer "neuen Normalität" (Olaf Scholz) hat sich der neue Brauch der cancel culture (deutsch etwa so viel wie Kontrakultur), der bisher nur unter rechtspopulistischem Hetzverdacht stehende Kantonisten wie den früheren Innenminister Thomas de Maiziere und den immer noch amtierenden FDP-Chef Christian Lindner traf, ausgeweitet werden auf unbelehrbare Widersprecher, die sich als "Kulturschaffende" tarnen und meinen, weil Satire theoretisch alles dürfen können soll müsse sie praktisch alles thematisieren können.

Lisa Eckhart, naheliegenderweise über Jahre vom Fernsehkabarettisten Dieter Nuhr gefördert, liefert nun das Gegenbeispiel. Eine geplante Lesung der Österreicherin in Hamburg wurde vom Veranstalter abgesagt, nachdem Antifaschisten gedroht hatten, den Auftritt Eckharts anderenfalls zu sprengen. Die Künstlerin selbst hatte sich zuvor geweigert, der Bitte nachzukommen, wegen der Drohungen selbst abzusagen. Und damit nur wenige Tage nach der letzten Schlacht um Dieter Nuhr eine gänzlich unkabarettistische Vorstellung geliefert, wie frei Meinungsfreiheit in Deutschland anno 2020 tatsächlich ist.

Absolut, jedenfalls, so lange sie nicht nur sauber, sondern porentief rein daherkommt. Wenn aber Humor missverstanden werden kann, dann kommt zuerst das Adjektiv "umstritten" zur Anwendung. Und anschließend lädt das Hamburger "Harbour Front Literaturfestival" die Künstlerin eben aus - allerdings "nicht, um ihr den Mund zu verbieten", wie Festivalleiter Nikolaus Hansen bestätigt hat. Sondern mehr um zu zeigen, dass die Entscheidungshoheit darüber, wer hierzulande wann wo noch was sagen kann, nicht mehr bei Künstlern, Veranstaltern oder gar dem Staat liegt. Sondern bei namenlosen "Kritikern" (Deutschlandfunk), die ihre Daumen heben oder senken wie der Plebs im Hollywood-Monumentalfilm, um über die Zulässigkeit eines Scherzes, einer Pointe oder eines ganzen Künstlers zu entscheiden.


Kommentare:

suedwestfunk hat gesagt…

So sieht's nicht nur aus - so dürfte es jeder erleben, der nicht bereit ist, im Chor sozialistischer Politbürokraten mitzusingen.

Jodel hat gesagt…

Hansen betonte, es gehe nicht darum, „Frau Eckhart den öffentlichen Raum zu verweigern“ oder ihr gar „den Mund zu verbieten“.

Solche Sätze rauszuhauen und sich selbst noch im Spiegel ansehen zu können, nachdem man der Kabarettistin selbstverständlich exakt das zuvor verleugnete verweigert hat, das zeugt von großer Klasse. Das muss man erst einmal fertig bringen, ohne vor Scham im Boden zu versinken. Mit solchen Helden im Gefolge hätten wir damals sicher die Nazis nicht an die Macht kommen lassen. Soviel ist mal sicher.