Google+ PPQ: Merkel auf Youtube: Regieren mit der Einwegspritze

Dienstag, 27. Oktober 2020

Merkel auf Youtube: Regieren mit der Einwegspritze

 

Nur knapp 41.000 Follower, kaum eine eigene Reichweite und organisch auch nach einer Woche zuweilen nicht einmal 20.000 Abrufe: Bundeskanzlerin Angela Merkel regiert und mahnt in der Pandemiekrise inzwischen komplett über ihren Youtube-Kanal. Während sie sich von nachfragenden Journalisten fernhält und es bislang auch vermieden hat, sich wie in früheren Stunden der Bewährung in Talkshows befreundeter Stichwortgeber einzuladen, ist die gebürtige Hamburgerin in ihrem letzten Dienstjahr beim US-Videoportal emsig wie nie. 

Hier mahnt sie, hier redet sie dem Volk ins Gewissen, hier machte sie sich zuletzt sogar die Mühe, selbst ihren eigenen Auftritt aus der Vorwoche noch einmal zu zeigen. Eine Strategie, die Beobachtern lange Zeit Rätsel aufgegeben hat. Mit ihren erfolgreichsten Auftritten erreicht Merkel, die bei Youtube als "Bundesregierung" auftritt, kaum 180.000 Zuschauer - das sind nicht einmal 0,5 Prozent der Bevölkerung. 

Daten, die der Medienforscherf Hans Achtelbuscher exklusiv für PPQ.li erhoben und ausgewertet hat, zeigen nun aber, wie wichtig dieses Sprachrohr für die 66-Jährige ist. 

Von Harald Findig, PPQ-Faktenfinderteam 

Angela Merkel ist im Internet die Bundeskanzlerin, auf Youtube aber tritt sie als das real existierende Verfassungsorgan "Bundesregierung" auf. Mit bescheidenem Erfolg: Seit Gründung im Jahr 2007 erreichte die Bundesregierung über Youtube 6,6 Millionen Menschen. Dafür investierte das Bundespresseamt rund eine Million Euro. Zum Vergleich: Das kurze Zeit später gegründete private Konto von PPQ.li kam seitdem auf 2,3 Millionen. Dafür wurden 32,19 Euro investiert. Trotz dieser ernüchternden Bilanz hält die Kanzlerin aber gerade im aktuellen Krisenmodus hartnäckig an ihrer Strategie fest, aus dem Off über die Google-Tochter zu regieren. 

Regelmäßig und in Blazern wechselnder Farbe setzt sich die Kanzlerin vor die Kamera, um zu loben, zu mahnen, zu appellieren und aktuelle Hinweise zur Lage zu geben. Dass die sogenannten "Podcasts" - in Wirklichkeit handelt es sich um einen Videocast - weniger Informationsquelle als Sprachrohr sind, liegt in der Natur der Sache. Angela Merkel meidet unkontrollierbare Auftritte seit ihrer wegweisenden Begegnung mit dem Flüchtlingsmädchen Reem Sahwil nach Kräften. Selbst journalistische Anfragen beantwortet sie nur im Kreise von Vertrauten und öffentliche Auftritte gibt es nur nach sorgfältiger Inszenierung durch das Kanzleramt. 

Die Nachrichtenfabrik des Kanzleramts

Beachtlich ist hingegen die Zahl der Erwähnungen, die das teure Spartenprogramm aus dem Kanzleramt medial erzielt: Seit 2007 entsprangen dem aus sich selbst heraus vollkommen unsichtbaren Videoangebot mehr als 8,8 Millionen Nachrichten in seriösen Medien. 

Dabei erweisen sich die kurzen Filmschnipsel in der Corona-Krise als besonders verbreitungsfreudig: Weil aus dem Kanzleramt ansonsten nicht viel kommt, stürzen sich Zeitungen, Zeitschriften und Internetportale auf jede neue Folge, selbst wenn Angela Merkel darin nur sich selbst zitiert. "Die Reichweite der knappen Ansprachen der Kanzlerin explodiert dadurch geradezu", hat der Medienforscher Hans Achtelbuscher errechnet. 

Weil quasi jede "Videobotschaft" (DPA) der Kanzlerin medial aufgegriffen und beispielsweise im Fernsehen gezeigt werde, erreichten die überwiegend banalen und meist redundanten Äußerungen jeweils Millionen. "Während früher spontane Antworten in TV-Interviews der Ausgangspunkt von Nachrichten waren, sind es nun vom Platt abgelesene Sprachregelungen, die dann im Fernsehen und Hörfunk zitiert und thematisiert werden", erläutert Achtelbuscher. 

Damit spielen die großen, alteingesessenen und mit staatlicher Hilfe finanzierten Medien für Merkels Beliebtheit eine große Rolle: Die Kanzlerin bestimmt ihr eigenes Bild komplett selbst. "Die aktuelle Berichterstattung reagiert auf sie, sie selbst muss auf die Berichterstattung nicht reagieren", erlätert Hans Achtelbuscher das Erfolgsrezept, das er eine "Einwegspritz" nennt. Am häufigsten beziehen sich die "heute"-Nachrichten des 2. Gemeinsinnsenders auf Merkels Podcast, hier wurde bisher allein mehr als 420.000 Mal darauf Bezug genommen. Die Hamburger "Zeit" kommt auf knapp unter 400.000, der "Spoiegel" auf über 220.000, die "Tagesschau" in der ARD auf 170.000 Bezüge. 

 Keine Kritik an der Einwegkommunikation

 Nach einer Analyse, die Hans Achtelbuscher an seinem An-Institut für Angewandte Entropie mit Studenten der Bundeskulturstiftung durchgeführt hat, gibt es dabei keinerlei kritische Anmerkungen zur etablierten Einwegkommunikation. "Wir haben nirgendwo einen negativen Kontext gefunden, etwa, indem nachgefragt wurde, wie eine Kanzlerin ein Land über eine US.-Plattform regieren kann, die seit dem Ende des "Privacy Shield"-Vertrages zwischen EU und USA ohne gültige Rechtsgrundlage agiert." Achtelbuscher verweist auf das "Fake News"-Potential, das die ungeprüfte Weiterleitung von vermeintlich amtlichen Aussagen der Kanzlerin hat, wenn die im Grunde genommen als social-media-Aktivität im Sinne der Influencer-Gesetzgebung gewertet werden müssten.


Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Es gibt auch Videos von PPQ, krass, das habe ich gar nicht gewußt.
Gibt es auch Videos von Swenja Prantl?

Anonym hat gesagt…

Ein paar Auszüge aus dem Produktionsprozess dieser Videos:

Bevor das Orakel spricht, bedarf es eines Omens: Ein Oberpriester besprengt eine junge Ziege mit eiskaltem Wasser. Bleibt sie ruhig, fiel das Orakel für diesen Tag aus, und die Ratsuchenden mussten einen Monat später wiederkommen.

https://de.wikipedia.org/wiki/Orakel_von_Delphi

Jodel hat gesagt…

Sie haben das genau richtig erkannt, lieber ppq. Die Ansprachen unserer weisen und geliebten Führerin richten sich überhaupt nicht an das gemeine Volk. Die Filmchen dienen unseren Journos als Leitschnur, was das Thema der Woche sein soll und wie darüber zu berichten ist.

Statt diese im Internet zu veröffentlichen, könnte sie diese auch direkt nur an ARD, ZDF, Spiegel und Süddeutsche schicken. Das wäre dann aber vielleicht ein bisschen zu offensichtlich. Ehrlicher wäre es allemal.

Anonym hat gesagt…

überhaupt nicht an das gemeine Volk ---

Je nun, wäre auch Bockwurscht: Vox populi, vox Rindvieh, wußte schon Bismarck sehr richtig - sage ich, als vom anhalt'schen Furchen- und Braunkohlenadel entstammend.

Halbgott in Weiß

P.S. ...es war alles eitel und Haschen nach dem Wind ... Pred. 1.14

Der lachende Mann hat gesagt…

Ich möchte auch Videos von Svenja Prantl sehen mit nicht zuviel Stoff.