Donnerstag, 21. Januar 2021

Plunderhafte Inszenierung: Fähnchen statt Fans für den Erlöser

Viel prächtiger als noch zuletzt bei Trump setzte Bidens Inaugurationsfeier ein Hoffnungszeichen für die ganze Welt.
 
Es geht bergab mit Amerika, das ist unverkennbar. Die einstige Weltmacht, unter dem eben aus dem Amt geschiedenen Präsidenten Donald Trump auf eine Art ruiniert, dass es dem früheren Weltpolizisten erstmals nicht gelang, wenigstens einen neuen Krieg oder bewaffneten Konflikt innerhalb einer Amtszeit loszubrechen, bringt inzwischen nicht einmal mehr die Kraft für die früher üblichen pathetischen Inszenierungen ihres neuen Führers auf.  
 
Was bei Barack Obama, in Deutschland damals noch stolz mit der Umbenennung eines Affen im Dresdner Zoo in "Obama" geehrt, als gewaltiges Spektakel aus Zukunftsgewissheit, positivem Patriotismus und viel Licht und Musik abgehandelt worden war, wurde schon mit dem Start der Ära Trump zu einer "plunderhaften Inszenierung". In einem "monströsen Bühnenbild" traten der  "Volkstribun und die kaltblaue Eiskönigin" auf, um aus der "größten Polit-Oper der Welt ein billiges Schmierentheater" (Zitate Die Welt) zu machen. 
 

Menschenschlag Kinderfresser

 
Wenigstens ein paar tausend seiner Fans, Typen vom Menschenschlag Kinderfresser, konnte Trump damals auf dem Paradeplatz in Washington begrüßen. Sein Nachfolger Joe Biden muss nun auch darauf verzichten, konnte dafür aber die Hitparade der amerikanischen Pop-Stars aufbieten. Zwar wurden zur Absicherung der Inauguration des 46. Präsidenten der Vereinigten Staaten  ganze Heerscharen an Nationalgardisten in DC stationiert. Volk aber ist nicht zugelassen diesmal, Corona sei dank. Niemand hätte wollen dürfen, dass bei Biden, dem Triumphator aus dem Pandemiekeller, der kaum Wahlkampf machte und doch nachweislich ebenso knapp wie souverän zum Sieg marschierte, ohne das  Betrug eine ausschlaggebende Rolle dabei spielte, noch weniger Jubler erscheinen als vor vier Jahren bei Trump.

Der entlarvte sich selbst damals gleich mit dem ersten öffentlichen Auftritt als Präsident durch "fadenscheinige Floskeln als Diktatorendarsteller und ganz schlechter Schmierenspieler" (Die Welt). Sein Einzug ins Weiße Haus war eine "Inbesitznahme", die Feierleichkeiten eine "Kostümparade". Ernüchternd auch: Schon in den ersten 24 Stunden seiner Amtszeit konnte Trump keines seiner vollmundigen und populistischen Wahlversprechen einlösen.
 
Amerika wurde nicht größer und schon gar nicht großartiger, Guantanamo war immer noch eine Schade, die Kriege in Afghanistan und im Irak tobten weiter, der Nahe Osten stand ohne Friedenslösung da und der islamistische Terror zeigte sich unbeeindruckt von Trumps Ankündigung, ihn vom Antlitz der Erde verbannen zu wollen.
 

Ein neuer Liebling


Vier Jahre später kämen außerirdische Besucher womöglich zum Schluss, dass einige Punkte von der Liste durchaus abgearbeitet worden seien. Trump musste sich vom ersten Tag an jeweils bis zum frühen Vormittag eines jeden Tages so vielen kritischen Fragen stellen wie Angela Merkel in ihren 20 Jahren an der Macht insgesamt gesammelt hat. Was er tat, war falsch, was er sagte, war gelogen, Kriege, die er beendete, waren sowieso keine gewesen. Und über die, die er nicht begann, musste ohnehin nicht geredet werden.
 
Ein solches Schicksal wird Joe Biden erspart bleiben. Der mit fast 50 Jahren politischer Führungserfahrung ins Amt gekommene Mann aus dem auch bei deutschen Landesbanken lange Zeit äußerst gefragten Steuerparadies Delaware kann mit Blick auf das Medienecho von heute feststellen, dass er den ersten Kampf gewonnen hat: Die Federn der Welt, die Schreibmaschinengewehrstellungen in den Großraumbüros, die Danachrichtenagenturen und Heere von Kommentatoren sind ihm nicht nur gewogen, sie haben einen neuen Lieblingsstar für sich gefunden. Biden ist der erwartete Erlöser, er wird richten, was zu richten ist, heilen, versöhnen und retten.
 

Begeisterung begleitet ihn

 
Von den linken Blättern bis zu den linksliberalen Blättern, von den Gemeinsinnmedien bis zu ihren engagierten privaten Unterstützern ist das Urteil einhellig: Joe Biden wird eine gute, die verletzten seelen der Amerikaner heilende Politik machen. Schon seine versöhnende Rede zum Amtsantritt machte Lust auf mehr, mehr Klima, Gemeinsamkeit, Freihandel und Weltfrieden.

PPQ.li dokumentiert exklusiv die erste mitreißende Schlagzeilenwelle, die auf die "Feier der Demokratie" (Angela Merkel) in Washington folgte. So schwer es für Donald Trump war, sich in den Augen der deutschen Medien als US-Präsident zu qualifizieren, so sicher hat sein Nachfolger das Vertrauen der deutschen Journalisten vom Start weg in der Tasche.

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Und so klangen die Schlagzeilen vor vier Jahren:
 
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USA: Rabiate Streichungswelle staatlicher Förderungen

Die Anmerkung wirft einen Blick zurück auf den deutschen Medienjubel nach Obamas Inauguration

 


Kommentare:

Die Anmerkung hat gesagt…

Da ich hier im Post schlußendlich zitiert werde.

Bei mir reichte es heute zum Feind aufrechter Demokraten, ohne Namensnennung, gerade mal zum Zitat des aktuellen Foo Fighters.

Waiting on a war.

Anonym hat gesagt…

OT
PIPI-Strang "Maskenball ..."
>> Kapitaen 21. Januar 2021 at 11:50

Offensichtlich ist ein nicht unerheblicher Teil
der Menschheit nicht mehr ganz Herr ihrer Sinne.
Das trifft wohl auch auf die „Ami’s“ zu ... <<

Vor ein auslautendes S gehört nun einmal ein Apostroph. Das ist hip, das ist weltmännisch, das ist gebildet.

Anonym hat gesagt…

OT
>> ghazawat 21. Januar 2021 at 11:05
Möchte nicht missverstanden werden.

Ich halte Frau Doktor Merkel nicht für ungebildet ... ... ...
Wahrscheinlich war Stalin auch ihr großer Held in der Kindheit. Ich bin sicher, dass ihr Vater zwar nicht häufig mit ihr geredet hat, aber wenn, dann hat er von dem lieben Väterchen Stalin erzählt. <<

Hier irrt er sehr: Väterchen Sepp Wissarionowitsch war ab 1956 irgendwie pfuibäh, in recht komplizierter Art wiederum auch nicht. Am besten, don't ask, don't talk.
(Ich wußte bis eben nicht, daß Kattowitz von 1953 - 1956 Stalinogród hieß - man wird alt wie eine Kuh ...)
So in der Glastrojka und Peresnost Ende der 80er wurde er dann wieder ein wenig weniger bäh.

Anonym hat gesagt…

OT vom OT, also, fresst mich:
Die Unterteilung in ausschließlich gut oder böse gehört ins Kasperletheater.
Meiner Ansicht nach verdanken wir dem Dshugashwili Sepp, daß der Kaufmanplan, auf jeden Fall aber der Morgenthauplan NICHT durchgezogen wurde.
(Statt dessen wurde uns nur "der Seelenschatz abgerungen" - Andreas Gryphius)