Freitag, 29. Januar 2021

Verbal-Versagen im Impfstoff-Krieg: Fragwürdige "Berechtigungsscheine" statt Bundesmaskenhilfe

Auf einmal sucht alle Welt wieder nach Berechtigungsscheinen.
Die Absicht der Wortwahl war erkennbar gut gemeint, die Umsetzung aber ist für manche Menschen leider missverständlich. Deswegen regt sich nun Kritik an der Verbalstrategie des Bundesgesundheitsministeriums im Kampf gegen die Corona-Pandemie: Das Bundesgesundheitsministerium hatte die Zugangsgenehmigungsvouchers für die überlebensnotwendigen FFP2-Masken, die an handverlesene ältere Bürgerinnen, Bürger und Risikopatienten verschickt werden, „Coupons“  genannt. Doch weil das Ministerium eine umfassende Bundessprachregelung verabsäumte, werden die lebensrettenden Zettel bei den Krankenkassen und in den Apotheken „Berechtigungsscheine“ genannt.  

Lebensrettende Zettel

Ein Begriff, der an unselige Zeiten erinnert, wie Rainald Schawidow im Gespräch mit PPQ.li entsetzt und ein bisschen auch enttäuscht anmerkt. Der Chef der Bundesworthülsenfabrik (BWHF) in Berlin gilt als Deutschlands führender Beschwichtigungssprachler, Schawidow, Sohn eines Sohn eines Bergmanns aus Ludwigslust und schon in jungen Jahren als Teilnehmer an FDJ-Poetenseminaren, wurde auch schon "Sprachlehrer der Nation". 

Umso schwerer wiegen die Bedenken, die der einst beim BWHF-Vorläufer VEB Kombinat Geschwätz ausgebildete Wortschmied gegen den erneuten Alleingang von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn äußert. "Das ist doch ein Begriff, den wir lange überwunden zu haben glaubten", sagt er. Dennoch werde "Berechtigungsschein" nun offiziell verwendet, so dass mancher sich an unselige Zeiten erinnert fühle.

Im symbolischen Titanenkampf

Schawidow, ausgebildeter Worthülsendreher und einst Vertrauter von Bundeskanzler Helmut Kohl,weiß genau, wovon er spricht. Mit "Rettungspaket", "Konjunkturspritze", "Abwrackprämie", "Schuldenbremse" und "Rettungsschirm"hat die BWHF der Spitzenpolitik mehr als einmal die Verbalwaffen in die Hand gegeben, um den symbolischen Titanenkampf des Staates gegen ominöse Bedrohungen zumindest in Talkshows und auf Wahlkampftribünen mit Nachdruck führen zu können. 

Sinnleere Substantivkompositionen wie "Energiewende",  "Mietpreisbremse", "Stromautobahn" oder "Wachstumspakt" gelten heute schon als Klassiker, die zum Teil monatelang frucht- und ergebnislose  Debatte prägten, damit aber immer Raum schufen, Tatsachen zu schaffen.

In der "Corona-Krise", einem ebenfalls recht erfolgreich eingeführten Synonym für die laufende Corona-Katastrophe, machte sich die Bundesworthülsenfabrik vor einem Jahr zum ersten Mal aus in Sachen Seuche verdient. Später - und nach einem Stilwechsel, der nun mehr auf englischsprachige Nebel-Nomen setzt - folgten „Lockdown“ und „Shutdown“ und "Wellenbrecher-Lockdown", aber auch traditionell geschmiedete Handarbeiten wie "Kontaktbeschränkung", "Corona-Leine", "Maskenpflicht" und AHA-Regel", die als Kernstück aller Überzeugungsarbeit auf die semantische Beschichtung der Wirklichkeit mit verbalem Schaum setzen.

Großzügige Maskengeschenke

Rainald Schawidow ist stolz auf diese Erfolge seines Teams. Aber er ist gerade deswegen auch erschüttert davon, "dass ein Gesundheitsminister meint, er könne Bundessprachregelungen nach eigenem Dafürhalten erlassen". Das Ergebnis sei in diesen Tagen ringsum zu betrachten: Die großzügige Geste der Bundesregierung, die für den Fall des Ausbruchs einer Pandemie auf dem Preispeak im Frühjahr vergangenen Jahres für Milliarden Euro eingekauften FFP2-Masken nun im Zuge eines hochkomplizierten Vergabeverfahrens an bedürfte Steuerzahler abzugeben, gerate ins Zwielicht der ontisch-ontologischen Differenz zwischen ermunternder Absicht und erschreckender Wirkung.

Spahns Masken-Manöver haben aus syntaktischer Sicht das Gegenteil des gerade mit Blick auf das anstehende Superwahljahr erwünschten Effektes erzielt, ist sich Deutschlands höchster Politiksprachberater sicher. Zwar geht der angesehene "Spiegel", seit dem ersten Tag der Pandemie ein verlässliches Sprachrohr der besten Seuchenpolitik der Welt, vorerst nur gegen die "Flucht aus der Verantwortung" vor, der sich Spahn beim Impfstoff schuldig mache. Doch Schawidow ist sicher, dass die verbalen Verfehlungen spätestens nach dem Ende der aktuellen Impfstoff-Kriege noch Thema werden werden.

Unselige Erinnerungen

"Berechtigungsscheine" hätten in der Geschichte vor allem diktatorische deutsche Regierungen ausgegeben, deren Handeln in Notzeiten von fragwürdiger Art gewesen sei. "Wir als BWHF hätten sicherlich geraten, positiv besetzte Begriffe zu verwenden." Von "Bundesmaskenhilfe" über "Bundespandemiestopppaket" bis "Solidaritätsschnutenschutz" sei in seinem Hause schon einiges in Vorbereitung gewesen. "Dann kam Herr Spahn mit seinen ,Coupons'", klagt Rainer Schawidow, "und nun sehen wir, wie bei Google Trends die Nachfrage nach „Berechtigungsschein“ nach oben springt".

Ein Rückfall in unselige Zeiten, in denen der Staat mit gnädig ausgereichten "Berechtigungsscheinen" wie Lebensmittelkarten und Bezugsrechten für Medikamente oder Kleidung rationierte, woran Mangel herrschte. "Es mag sein, dass auch heute wieder nur der Staat uns alle retten kann", sagt Schawidow, "aber er sollte das aus Sicht der Bundesworthülsenfabrik mit dem richtigen, verbal verantwortbaren Zungenschlag tun."

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Das ist doch bloß der Probelauf für die Einführung des Euro 2.0. Die Schwachstellen wurden erkannt und wenn wir dann in der Übergangsphase wirklich Berechtigungsscheine brauchen, wird man dafür sofort einen griffigen Namen an die Redaktionen geben, die es den Bürger_innen verlautbaren.

Die Anmerkung hat gesagt…

Bei der AOK ist man nach drei oder vier Klicks beim Maskenversandhandel. Da steht:

Versand von Coupons für FFP2-Masken

Zurzeit gibt es Verzögerungen beim Versand der Coupons für die FFP2-Masken. Deshalb besteht die Möglichkeit, dass manche Menschen ihre Coupons nicht zum angekündigten Zeitpunkt erhalten.
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Was haben TK oder Barmer anders gemacht, da deren Versandhäuser für die Maskenmarken funktionieren?

Die Anmerkung hat gesagt…

Ich hatte das ja schon mehrfach drauf, diesmal aber eine Wochenzusammenfassung gemacht.

Erfolgsmodell: Merkels Todesspritzen on Tour

Anonym hat gesagt…

OT
>> Ewald Harms 29. Januar 2021 at 21:30
Ja,der vorrauseilende Kadaver Gehorsam ist schon erschreckend,und erklärt auch sehr gut den damaligen Automatismus in die Hölle. <<

So sinnse. Vorrauseilend+Deppenlücke.
Und die Nazis haben die Frauenkirche zuschanden gebombt, weiß doch jeder.