Montag, 23. Oktober 2023

Berlin, Hauptbahnhof: An der gefährlichsten Grenze der Welt

An der Grenze zwischen Berliner Europaplatz und Humboldthafen könnte sich entscheiden, ob der Krieg gegen die Hamas zum Flächenbrand eskaliert. Verhindern soll das die deutsche Polizei. Ihre Mission: Jegliches Missverständnis vermeiden, durchgreifen, Härte zeigen. Doch die Truppe ist wie alles andere in Deutschland unterfinanziert, ausgezehrt und überfordert. Niemand steht hinter ihr, weil die Beamten unter Verdacht stehen, Verdächtige vor allem nach Augenschein auszusuchen. In den eigenen Reihen herrscht Misstrauen, denn jeder könnte ein Fahnder der Inneren Sicherheitsabteilung sein, der nach falschen Zungenschlägen, Gewaltgeneigtheit und rechtem Gedankengut sucht.

Können die jungen Frauen und Männer, die oft nur zur Polizei gegangen sind, weil der jungen Generation der 2000er Jahre der Beamtenjob beim Staat als einzige Chance gilt, sich den Nachstellungen des Kapitalismus zu entgehen, verhindern, dass Nochnichtlängerhierlebende ihr Vorhaben umsetzen und "Neukölln zu Gaza machen"? Kann der Rechtsstaat dieses Mal Wehrhaftigkeit glaubhaft simulieren? Und werden die harten Bandagen, erprobt in den Schlachten mit der womöglich terroristischen Letzten Generation, dann ausreichen?

Szenen aus dem Weltbürgerkrieg

Berlin erlebt Szenen wie aus einem Bürgerkrieg. Schläge, Tritte, bedrängte Bewaffnete. Handykameras filmen wacklige Bilder von brutalen Übergriffen. Im Hintergrund ist der Schriftzug "Hauptbahnhof" zu sehen, vor Jahren noch das Aushängeschild einer deutschen Hauptstadt, die sich mit großem Aufwand neu erfand: Lange, sehr lange wurde am größten und modernsten Kreuzungsbahnhof Europas gezimmert, für rund einer Milliarde Euro für den Bahnhof und den Tunnelbereich bis zur Spree kamen noch die Aufwendungen für die beiden Büro-Bügelbauten, die das Glasdach überspannen, von dem anfangs regelmäßig Scheiben abgingen. 

Ein Problem, das das Land der Techniker und Ingenieure schließlich in den Griff bekam. Nun aber bildet der Hauptbahnhof, dieses Juwel deutscher Baukunst mit 70.000 Quadratmetern Fläche, die Kulisse für Straßenschlachten zwischen Staatsmacht und Völkerrechtlern. Berlins Mitte ist schwer umkämpft, ein Epizentrum des nahen Ostens des Kanzlergartens am Magnus-Hirschfeld-Ufer, benannt nach dem berühmten Sexualforscher, dessen postum veröffentlichtes Werk "Racism" als Geburtsurkunde des Begriffes Rassismus gilt.

Sicherheitsgefühl für Selbstachtung

Hirschfeld urteilte damals noch, dass Rassismus wie ein Sicherheitsventil gegen ein nationales Katastrophengefühl funktioniere. Das Konzept verschiedener Rassen sorge für die Wiederherstellung der Selbstachtung unterschiedlicher Gruppen, indem jede gegen einen leicht erreichbaren und wenig gefährlichen Gegner im eigenen Land ausgerichtet werde, statt gegen mächtige Feinde jenseits der Grenze.

Die jüngsten Berliner Bahnhofszenen aber legen den Verdacht nahe, dass die Flammen von Wut, Hass und Trauer in Nahost schneller erstickt werden könnten als in der Boomstadt an der Spree. All die Vernachlässigten, Verachteten und Unterdrückten kommen hier zusammen, um die Bundesregierung an ihre Verpflichtung zu mahnen, die israelische Regierung daran zu erinnern, dass Grenzen und Abschottung keine Lösung sein können. Die Besatzung von Gaza, einem Landstrich, in dem sich im seit mehr als einem Jahrzehnt kein Jude mehr befindet, müsse enden. Deutschland als moralische Supermacht habe Sorge dafür zu tragen.

Alleingelassen zum Geburtstag

Die Aufnahmen internationaler Kamerateams, gedreht inmitten  des Geschehens, lassen keinen Zweifel daran, dass das palästinensische Volk, das im kommenden Jahr das 60. Jubiläum seiner Erfindung feiern wird, nur insofern allein ist, dass keines der arabischen Bruderländer des Volks ohne Raum bereit ist, auch nur einen einzigen bedrängten Unschuldigen aus dem Gaza-Streifen aufzunehmen. Bei pro-palästinensischen Protesten mitzurandalieren und Spaß daran zu haben, den deutschen Reststaat in heillose Verwirrung darüber zu stürzen, ob dieser Judenhass nun wie der Rechtsextremer verboten ist. Oder als Teil des antikolonialen Befreiungskampfes der von Deutschland jahrhundertelang unterdrückten Völker vorbehaltlos unterstützenswert.

Berlin unter Feuer, eine Bewährungsprobe für die junge deutsche Demokratie, die zeigen muss, ob sie der Herausforderung gewachsen ist. Kommt der "Bürgerkrieg" (Elon Musk)? Oder kann Olaf Scholz schnell in ausreichend großem Stil abschieben, um die Lage zu beruhigen und den Bürgern das Gefühl zu geben, sie könnten wie früher einfach so jederzeit auf die Straße gehen?

Können sie. Direkt dort, wo früher Weltbilder mit den Rändern aneinanderstießen, fallen heute Männer zum Beten auf die Knie. Gott ist groß, nur die Großzügigkeit der Deutschen ist noch größer. Sie erlauben nicht nur, dass man sie verhöhnt, sie klopfen den Höhnern auch noch freundlich auf die Schulter und bedanken sich, dass diesmal keine Gebäude mit Farbe besprüht, keine Polizisten vermöbelt und die Protestler nicht einmal den Verkehr blockiert haben. 


 


1 Kommentar:

Anonym hat gesagt…

Bei den Coronademonstrationen war das draufhauen noch leichter.