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| Vor anderthalb Jahren verkündete EZB-Chefin Christine Lagarde stolz, dass ihr Haus einen "stärkeren Euro als Antwort auf Trump" plane. |
Ihre Karriere war beendet, ihr Ruf zerstört. Christine Lagarde war vor Gericht des fahrlässigen Umgangs mit öffentlichen Geldern schuldig gesprochen worden. Nur aus Rücksicht auf ihre engen Verbindungen in höchste Kreise verzichteten die Richter darauf, ihr Verbrechen mit einer Strafe zu ahnden. Blamiert war die ehemalige französische Finanzministerin, in den turbulenten Tagen der Finanzkrise zur besten ihres Fachs gekürt, auch so genug.
Eine andere Gleichheit
Selbst für regierungssolidarische Medien zeigte ihre Verurteilung ohne Bestrafung, dass die Gleichheit vor dem Gesetz Ausnahmen kennt. Für das Volk auf der Straße war Lagarde das Gesicht eines Systems, in dem eine Krähe der anderen kein Auge aushackt. 400 Millionen hatte die beste Finanzministerin der Welt dem milliardenschweren Adidas-Miteigner, EU-Parlamentarier, Strippenzieher und Medienimperator Bernhard Tapie zugeschoben. Nur um Schaden vom französischen Volk abzuwenden freilich.
Christine Lagardes Ruf war ruiniert, seit "Le Monde" einen Brief von Lagarde an Nicolas Sarkozy veröffentlicht hatte, in dem sie den später wegen Bestechung, Vorteilsgewährung sowie illegaler Wahlkampffinanzierung zu Haftstrafen verurteilten Paten der Cinquième République um Unterstützung anbettelte. Lagarde, seinerzeit öffentlich mit dem Titel "mächtigste Frau der Welt" versehen, warf sich vor dem Parteivorsitzenden der Konservativen in den Staub.
"Benutze mich so lange, wie es dir passt und wie es deiner Aktion und deinem Casting entspricht", schrieb sie, "wenn du mich brauchst, benötige ich deine Führung und Unterstützung: ohne Führung wäre ich ineffizient, ohne Unterstützung wäre ich nicht sehr glaubwürdig".
Eine "immense Bewunderung"
Der Brief schloss "mit meiner immensen Bewunderung, Christine L" und ließ keinen Zweifel daran, wer hier wem die Anweisungen erteilt. Zu viel war zu viel. Lagarde war untragbar. Ähnlich der grüne Hoffnungsträger Cem Özdemir Jahre zuvor im Europaparlament geparkt wurde, nachdem seine lukrative Beziehung zum Public-Relations-Unternehmer Moritz Hunzinger aufgeflogen war, wurde auch Lagarde ins Exil geschickt. Beim Internationalen Währungsfonds, einer Sonderorganisation der Vereinten Nationen, fand sich mit dem Posten der geschäftsführenden Direktorin eine Stelle, die Frankreich ohnehin zustand.
Christine Lagarde lächelte das Glück im Unglück. Gerade war Dominique Strauss-Kahn, eben noch der amtierende IWF-Direktor, nach einer Verhaftung wegen einer Welle von Vorwürfen, er habe reihenweise sexuelle Straftaten begangen, abgetreten. Das geschah rein zufällig kurz nachdem er angekündigt hatte, dass er bei den Präsidentschaftswahlen 2012 gegen Nicolas Sarkozy antreten wolle.
Am 5. Juli 2011 ersetzte Lagarde Dominique Strauss-Kahn als Geschäftsführerin des IWF. Am 23. August entschied das New Yorker Gericht, die strafrechtliche Anklage gegen Strauss-Kahn fallen zu lassen, weil es die Zeugin für unglaubwürdig hielt.
Zufall und ein ganz klein bisschen Glück
Eine schöne Geschichte, geschrieben von etlichen Zufällen und dem unerwarteten Zusammenspiel sich wie von selbst fügender Schicksalswendungen. Im Abklingbecken des IWF in Washington D.C. war Christine Lagarde aus den Augen, aus dem Sinn aber war die treue Dienerin, die sich so gern "benutzen" lässt, keineswegs.
Die Stunde ihres Comebacks schlug, als die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel mit ihrer Verteidigungsministerin ein ähnliches Problem bekam: Ursula von der Leyen war eigentlich auserkoren gewesen, der Ostdeutschen aus Hamburg im Amt nachzufolgen. Doch die Frau aus Niedersachsen, die in ihren Lehrjahren als künftige Kanzlerin mehr Ministerämter innehatte als jemals ein Mensch zuvor, stolperte über ihren Hang, externe Beraterfirmen freihändig mit Millionenaufträgen zu versorgen und geltende Vergaberichtlinien zugunsten einer lockeren Vetternwirtschaft zu ignorieren.
Tauschgeschäft zwischen Berlin und Paris
Als Ursula von der Leyen dann auch noch einen einberufenen Untersuchungsausschuss des Bundestages brüskierte, indem sie ihr dienstliches Handy löschen und damit als Beweismittel untauglich machen ließ, musste sie weg. Der Machtfrau Merkel aber war klar, dass sie sich selbst beschädigen würde, ließe sie ihre engste Vertraute nur wegen einer Datenlöschung fallen, die Teil der nur widerwilligen Zusammenarbeit des Verteidigungsministeriums mit dem Untersuchungsausschuss des Bundestages war. Aber bestimmt nicht von der Ministerin initiiert.
Merkel brauchte für von der Leyen ein Exil, am besten weit weg in Europa und am liebsten so hoch oben, dass die Abschiebung wie eine Beförderung aussieht. Bei der als "Europawahl" gefeierten EU-weiten teildemokratischen Abstimmung über die neuen Abgeordneten in Straßburg hatten sich die 440 Millionen Bürgerinnen und Bürger zwar gerade mit ihren Kreuzen dafür ausgesprochen, dass der als "konservativ" angetretene erste europäische Spitzenkandidat" Manfred Weber Kommissionschef in Brüssel werden solle. Doch keiner wusste die gelenkte Demokratie der Mutti-Jahre besser zu steuern als Angela Merkel: Flugs hatte sie ein Leitung nach Paris bestellt. Zack, war Emmanuel Macron überredet.
Eine hat das Geld, der andere gibt es aus
Deutschland bekam den EU-Chefposten für Ursula von der Leyen. Der französische Präsident durfte dafür Christine Lagarde zurückholen und sie als seine Interessenvertreterin an die Spitze der Europäischen Zentralbank setzen. Eine elegante, weil ganz nach europäischem Musterbogen geschnittene Lösung, die nicht Kuhhandel genannt werden durfte, weil keine Kühe beteiligt waren.
Nur Manfred Weber lamentierte. Der Christsoziale, angetreten mit dem Schlachtruf "The Power of We", hatte nur 7,5 Prozent verloren und der Union mit heute unvorstellbaren 22,6 Prozent der Stimmen zum Wahlsieger gemacht. Dass ihm sein Siegespreis verwehrt wurde, wollte erst nicht einsehen. Man belüge doch die Wähler, wenn man ihnen etwas von einem Spitzenkandidaten erzähle, dann aber jemanden küre, der nicht einmal kandidiert habe.
Ein Mann fällt um - im Liegen
Weber konnte eingefangen werden. Der oft als "mächtiger" Chef der Konservativen in Brüssel bezeichnete Franke fiel um. Im Liegen. Kurze Zeit später begrüßte der Vorsitzende der EVP-Fraktion die Nominierung der Verteidigungsministerin auf der Flucht vor der Verantwortung. Seine Fraktion habe von den Wählern ein "klares Mandat" für eine Führungsrolle in der EU erhalten. Daher stehe die EVP-Fraktion hinter der Nominierung von von der Leyen.
Es war eine gute Wahl, wie die Jahre seitdem gezeigt haben. Mit der Tochter aus altem niedersächsischen Politadel, siebenfachen Mutter und studierten Ärztin bekam Europa zahllose neue Ziele, hunderte große Pläne und tausende Verordnungen. Die Pandemie besiegte Ursula von der Leyen wie gehabt durch persönliche Kontakte, die es ihr erlaubten, Aufträge ohne transparente Kontrolle durch enge "Kennverhältnisse" zu vergeben. Die europäischen Verträge, vielfach gebrochen, erklärte die neue Frau im Berlaymont-Palast zu einer Art Absichtserklärung. Wer schwor, eines Tages bereit zu sein, die gemeinsamen Schuldenregeln wieder einzuhalten, der hielt sie damit auch schon ein.
Die Retterin Euro-Europas
Kollegin Lagarde war für diese Politik des billigen Geldes eine Schüsselfrau. Ihre Schatulle war immer offen. Sie ersparte den Eurostaaten das Sparen. Und als sie dann verkündete, das gemeinsame Geld werde jetzt auch noch "dem Dollar Konkurrenz machen", waren alle verzückt.
Was für eine unglaubliche Erfolgsgeschichte wurde da geschrieben! Zölle hin, die Spaltung, die Wirtschaftsflaute wegen der hohen Energiepreise und der schweren Bürokratielasten, der Rechtsruck und die drohende Machtübernahme der Extremen nach Amerika auch noch in Europa - hier stand eine Frau aufrecht und dagegen. Als die EZB-Präsidentin Christine Lagarde einen "stärkeren Euro als Antwort auf Trump" als Ziel ausgab, mussten Käufer 1,14 Dollar für eine n Euro bezahlen. 17 Monate später sind es nur noch 1,12.
Die angestrebte "Alternative zum Dollar"
Die geplante Stärkung der Gemeinschaftswährung zielte aber nicht nur auf den Kurs- und Kaufwert, von dem Euro seit seiner Einführung vor 25 Jahren etwa die Hälfte verloren hat. Lagarde wollte vor allem eine Alternative zum Dollar zu etablieren, die genutzt wird. Handel sollte nicht in Trump-Geld, sondern in Euro stattfinden. Der Anspruch, den die Französin formulierte, war klar: Die EZB würde gern über die Weltreserve- und Haupthandelswährung gebieten, um auf diese Weise weniger abhängig von den USA zu sein.
Bisher wird alles, was wichtig ist, weltweit in Dollar gehandelt, nicht nur Öl und Gas. Wer mehr exportieren will, der tut deshalb am besten daran, seine eigene Währung zu schwächen, um es Käufern leichter zu machen, sich für seine Produkte zu entscheiden. Lagarde hat Jura studiert, nicht Volkswirtschaft und nicht Ökonomie. Sie wusste das vielleicht gar nicht. Doch die Medien feierten sie, und das war der Sinn. Ein "starker Euro", das klang gut.
Lob von allen Medien
Die Schlagzeilen etwa bei der deutschen Nachrichtenagentur DPA, einer Wahrheitsfabrik von legendärem Ruf, gaben ihrer Parole recht: Die ersehnte "stärkere Rolle" der Gemeinschaftswährung war jetzt als das Versprechen auf einen "stärkeren Euro" aktenkundig.
Und in Europa gilt: Abgerechnet wird zum Schluss, also nie. 17 Monare nach Lagardes Kampfansage an den Dollar ist die Bilanz mehr als mau. Der Euro ist - im Vergleich zum Dollar - noch billiger geworden. Und sein Anteil am Welthandelt ist geschrumpft. Statt das Zwischenzeil 30 Prozent anzuvisieren, wie es geplant gewesen war, sank der Euro-Anteil an den globalen Geschäften von 21,5 auf nur noch 21,37 Prozent. Für ein paar Monate ein beträchtlicher Schlag ins Kontor.
Vergessene Vorhersage
Den allerdings niemand mehr euphorisch kommentiert. Es ist, als habe die Frau, die der Inflation den Kampf angesagt hat, niemals vom großen "global euro moment" gesprochen und nie in Aussicht gestellt, dass der Euro wiedereinmal Weltleitwährung sollte. Der versprochene "tiefere, liquidere Kapitalmarkt" mit einheitlichen Regeln von Lissabon bis Tallinn ist eine Ankündigung geblieben. Der Versuch, eine Eurostärke herbeizureden, endet als Blamage.
Länger schon widmet sich die - womöglich vorfristig scheidende - EZB-Chefin lieber wieder der Inflation, die sie "entscheiden bekämpfen" will. Die europäische Geminschaftsbank sei dafür "gut positioniert", zeigte sie sich überzeugt. Vier Wochen später meldeten die Statistiker von Eurostat den höchsten Stand der Geldentwertung seit drei Jahren: Im Jahresvergleich legten die Verbraucherpreise im September um 3,8 Prozent zu.


2 Kommentare:
Weber ist kein Franke, er ist Niederbayer aus Niederhatzkofen.
Bei Korruption und Unfähigkeit haben wir 100% Gleichheit zwischen den Geschlechtern erreicht.
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