Montag, 26. Oktober 2026

Der Schlüsseltechnologe: Zukunft auf DDR-Weltniveau

Deutsche Regierungschefs, die auf High-Tech-Chips starren: Friedrich Merz (l.) im Herbst 2026, Vorbild Erich Honecker im Herbst 1988.

Wieder war es ein deutscher Regierungschef, der in den Osten eilte, um die Zukunft zu besichtigen. Wieder kam er, um seinen zusehends mutlos werdenden Wählerinnen und Wählern Volk Zuversicht zu vermitteln. Wieder bestaunte er vor Kameras mit großen Augen große Leistungen. "Wir sind in Europa in der Lage, wissenschaftlich souverän zu werden", verkündete  Bundeskanzler Friedrich Merz nach ausgiebiger und eingehender Prüfung der Erfolge der Wissenschaftler des Leibniz-Institutes für innovative Mikroelektronik (IHP) in Frankfurt an der Oder.

Mit "Laser und Licht" 

Die Frauen und Männer des Forscherteams hatten dem bislang so glücklos agierenden CDU-Vorsitzenden die Produktion innovativer Mikrochips aus Silizium gezeigt, die eines Tages in der Industrie Anwendung finden sollen. In einem Hochfrequenz-Labor ging es darum, die Funktionalität der Mikrochips zu untersuchen. Ohne Reinstraumanzug, aber mit fest verschränkten Armen beobachtete Merz in einem Hochfrequenz-Labor, wie "Funktionalität der Mikrochips" (DPA) untersucht wurde. Der Kanzler durfte selbst einen kleinen Chip mit einer Testlösung in ein Gerät legen, das Berichten zufolge "mit Laser und Licht funktioniert".  

"Wann ist das Produkt marktfähig?", fragte Friedrich Merz, der dringend auf gute Nachrichten angewiesen ist. Zwar hatte der beim alljährlichen Investitionsgipfel der Bundesregierung auch in diesem Oktober wieder ein "starkes Willkommenssignal an Investoren" aussenden können. Im vergangenen Jahr schon hatte ihm die alte Deutschland AG unter dem neuen Motto "Made for Germany" satte 850 Milliarden Euro an Investitionen versprochen. In diesem Jahr legten internationale Großkonzerne noch einmal 228,6 Milliarden Euro obendrauf.

Inmitten der Investitionslücke 

Doch bisher kommt der Geldfluss nicht in die Gänge. 2019 noch lagen die Investitionen privater Unternehmen in neue Ausrüstungen, Fabriken, Maschinen, Fahrzeuge und Geräte noch bei 615 Milliarden Euro. Im vergangenen Jahr waren es nur noch 487 Milliarden. Die Investitionslücke für die zurückliegenden fünf Jahre beziffern Wirtschaftsforscher auf insgesamt 420 Milliarden. Tendenz steigend, denn für zuletzt zumindest nominell höhere Zahlen sorgte allein der Staat, der viel Geld, das er nicht hat, überall dort investiert, wo sich sonst kein anderer Investor findet.

Die, oft Teil der "Made-for-Germany"-Initiative von 2025, haben andere Ziele. Bezeichnend, dass Audi-Chef Gernot Döllner einen Auftritt mit US-Präsident Donald Trump nutzte, um den Neubau einer Vier-Milliarden-Fabrik im US-Bundesstaat Georgia anzukündigen - nach der Neuorientierung des zu einem Fünftel staatseigenen Volkswagen-Konzerns Richtung Ungarn und der Verlagerung von Produktionskapazitäten von BMW und Mercedes ins Ausland ein neuer Nackenschlag für den deutschen Stammstandort. 

Sehnsucht nach guten Nachrichten 

Merz sehnt sich nach guten Nachrichten. Doch seine Frage, wann mit einer kommerziellen Vermarktung der Leibnitz-Entwicklung zu rechnen sei, konnte in Frankfurt niemand beantworten. Zumindest ein Prototyp-Einsatz sei "im Laufe des kommenden Jahres geplant" erfuhr Merz. Langfristiges Ziel sei es dann, die neuen Hightech-Chips der Früherkennung von Fällen von Blutvergiftung einzusetzen. 

Das Verfahren gilt schon sehr lange als äußerst vielversprechend. Einen ähnlichen sogenannten Biochip hatten Wissenschaftler am Fraunhofer-Institut für Physikalische Messtechnik IPM in Freiburg bereits vor 15 Jahren entwickelt. Ärzte müssen seitdem lediglich noch eine Blutprobe in einem vom IPM konstruiertes Gerät geben, ganz ähnlich wie das Friedrich Merz in Frankfurt praktizierte. Alle Untersuchungsschritte werden dann vollautomatisch durchführt und schließlich ein eindeutiges Ergebnis ausgegeben.

Eines jener "Zeichen" 

Die Praxis aber ist es nicht, die entscheidet. Merz wollte vielmehr eines jener Zeichen setzen, die über die Gemütslage der Nation entscheiden. Während Berlin nach links rutscht, Sachsen-Anhalt nach rechts kippt und von russischen Bots provozierte Unruhen etliche EU-Partnerländer erschüttern, sucht der Kanzler auf offener Bühne nach dem "Schlüssel für die Zukunft Deutschlands" (Bundespresseamt). "Aus innovativer Forschung entstehen genau die Lebensverbesserungen, die wir brauchen, die innovativen Geschäftsideen, die unser Land als Ganzes voranbringen", wird Friedrich Merz zitiert.

Ein Muster, das aus der deutschen Geschichte bekannt ist: Fast auf den Tag genau 38 Jahre vor dem Besuch des Regierungschefs an der Ostgrenze war es der damalige DDR-Staatsratsvorsitzende Erich Honecker gewesen, der im Berliner Staatsratsgebäude stolz das erste Exemplar des von Thüringer Forschern selbstgebauten Ein-Megabit-Speicherchip entgegennahm. 

Illegaler Nachbau 

Der U61000, ein Nachbau illegal importierter Westchip, war das Produkt einer Jahre zuvor ausgerufenen High-Tech-Agenda der DDR-Führung. Bereits Mitte der 70er Jahre hatte das Politbüro nach einer Analyse der sich absehbar verschärfenden wirtschaftlichen Lage durch den wachsenden Abstand der eigenen Industrie zur westlichen Konkurrenz nach einem Zauberstab gesucht, mit dem die zentralistischen Kommandowirtschaft aufholen könnte.

Die Wahl fiel auf die schon seinerzeit prophetisch nach Merz' "Schlüssel zur Zukunft" meist "Schlüsseltechnologien" genannten modernen mikroelektronischen Systeme, auf digitale Rechentechnik und automatische Fertigungssysteme. Dinge, die die DDR nicht hatte. Technologien, bei denen sie den Weltmarktführern weit über ein Jahrzehnt hinterherhinkte. 

Der letzte Anlauf der Planwirtschaft 

Selbst den führendsten Genossen war damals klar, dass sie Va banque spielten: Dies würde, das wussten sie, der letzte Anlauf der Planwirtschaft sein, zum sogenannten "Weltniveau" aufzuschließen. zwischen 1977 und 1988 steckte sie 14 Milliarden DDR-Mark in Wirtschaftsspionage, aufwendige Eigenentwicklungen und aufwendiges Reverse Engineering zum Nachgebau alter Chips aus Japan.

Das waren mehr Prozent aller Mittel, die im letzten Jahrzehnt des Arbeiter- und Bauernstaates überhaupt in Forschung und Entwicklung investiert wurden. Der Erfolg blieb sehr überschaubar: Ein im VEB Kombinat Mikroelektronik Erfurt hergestellter 256-Kilobit-Speicherchip kostete in der Produktion 536 DDR-Mark. Auf dem Weltmarkt war das westliche Äquivalent zeitgleich für nicht einmal sieben Mark zu haben.

Aufholen ohne überholen 

Der Weltmarkt aber war zu für die Bruderstaaten unter der Knute des großen Bruders Sowjetunion. Der Westen  hatte ein umfassendes Embargo für High-Tech-Bauteile verhängt. Diese Sanktionen waren zwar nicht lückenlos. 

Sie reichten aber, um die Mitgliedsländer des Rates für gegenseitige Wirtschaftshilfe (RGW) wirksam von allen technologischen Entwicklungen abzukoppeln. Der Ostblock lebte in den 80er Jahren noch weitgehend auf dem Stand der 60er. Computer standen zwar hier und da in volkseigenen Betrieben. Pro 1.000 Einwohner aber lag die Quote bei nur 0,2 Prozent - weniger als ein Zehntel der Vergleichszahl im Westen Deutschlands.

Honecker sah eine Chance im grassierenden Mangel an Elektronik im RGW. DDR-Chips müssten nicht die besten der Welt sein, auch die billigsten nicht. Es würde reichen, überhaupt welche selbst herzustellen, denn selbst die große Sowjetunion würde sie mangels anderer Bezugsquellen kaufen müssen. Unabhängigkeit vom Klassenfeind war das Stichwort, Unabhängigkeit wird auch heute wieder großgeschrieben. Ziel der "High-Tech-Agenda" sei es, "durch Investitionen in Schlüsseltechnologien die Wirtschaftskraft zu stärken, neue Arbeitsplätze zu schaffen und dafür zu sorgen, dass Deutschland unabhängiger wird", haben Union und SPD schon vor einem Jahr festgelegt.

Im Wettlauf mit der zeit 

Ein Satz, durch den der Geist Honeckers spukt. "Eure Leistungen sind ein hervorragender Beitrag im Wettlauf mit der Zeit", würdigte der bei der feierlichen Übergabe des ersten selbstgemachten Chips die Arbeit seiner volkseigenen Nacherfinder. Der Ein-Megabit-Chip Made in GDR versammelte auf sieben Millimetern zwei Millionen Bauelemente in 17 Ebenen. Er entsprach dem Entwicklungsstand des Jahres 1982 und war nach Angaben der DDR-Nachrichtensendung "Aktuelle Kamera" damit "Weltspitze". Honecker nannte das einen "überzeugenden Beweis dafür, dass die DDR ihre Position als entwickeltes Industrieland behauptet."

Die SED-Führung liefert mit ihrer am Ende vergeblichen Investitionsoffensive das Vorbild für die Bundesregierungen Scholz und Merz. Aus Mangel an ausländischen Investoren finanzierte sie den "technologischen Befreiungsschlag mit Hilfe der Mikrochips", wie es Wirtschaftslenker Günter Mittag nannte, notgedrungen selbst. Schon die Ampel-Koalition imitierte das: Der grüne Umweltwirtschaftsminister Robert Habeck versuchte, Großkonzerne aus aller Welt mit Milliardenzuschüssen als Investoren einzukaufen. 

KI-Kontinent in der Ausschreibungsphase 

Viel Erfolg hatte das nicht. Ähnlich wie die von der EU-Kommissionspräsidentin ausgerufene Aufholjagd bei der Künstlichen Intelligenz, die im Bau von sieben "KI-Gigafrabiken"  gipfeln soll, will der Startschuss einfach nicht fallen. Faktisch steckt der "KI-Kontinent Europa" (Ursula von der Leyen), der für insgesamt 30 Milliarden errichtet werden soll, nach zweieinhalb Jahren in der Ausschreibungsphase fest. Faktisch hat der "Invest in Germany-Summit" der Bundesregierung in Berlin
das "1-Milliarde-Euro-Projekt Industrial AI Cloud in München" festgezurrt. 

Gemeinsam mit der Deutschen Telekom baut Nvidia in München "eine der größten KI-Fabriken Europas",wie die Nachrichtenagentur DPA zitiert. "Ein bestehendes Rechenzentrum wird saniert und mit bis zu 10.000 hochmodernen Nvidia Blackwell-GPUs ausgestattet", hat die Bundesregierung erfreut wissen lassen. 

Ein Drittel der Kosten dabei übernimmt der deutsche Steuerzahler. Die Dimension ist erschreckend: SpaceX hat in der vergangenen Soche mitgeteilt, dass man dabei sei, in den eigenen Rechenzentren bis zum Ende des Jahres jeden Monat etwa 200.000 Nvidia Blackwell Ultra-Chips GB300 in Betrieb zu nehmen. Alphabet, Meta und Microsoft betreiben heute bereits KI-Favriken mit Millionen Nvidia-Chips.

Kleinvieh ist auch Mist 

Zur Herstellung eines Zeichens aber reichen kleine Dinge. "Hier wird europäische Zukunft gemacht und hier wird Zukunft für unser Land gestaltet", rief Friedrich Merz in Frankfurt an der Oder und er bezog sich ausdrücklich nicht auf andere aufsehenerregende, aber eher unschöne Ereignisse. Die neue deutsche Republik, die sich wie ihre Vorgängerin im Osten als Speerspitze des Fortschritts begreift, lebt von der Illusion. "Wir können mithalten", hat Friedrich Merz in Frankfurt gesagt, ehe ihm kein Ein-Megabit-Chip, aber ein hübscher "Wafer hinter Glas und in einem Rahmen" als Geschenk überreicht wurde.

Draußen vor der Tür, so berichten es die großen deutschen Medienhäuser, "protestierte die AfD gegen den CDU-Regierungschef". 40 Menschen hätten sich versammelt gehabt, "einige hatten Deutschlandfahnen dabei". Eine Parole der AfD, die der Verfassungsschutz in Brandenburg als rechtsextremistisch einstufe, erschien den Reportern besonders erwähnenswert: "Merz muss weg".


1 Kommentar:

Anonym hat gesagt…

Taiwan hat auch bloß etwas über 20Mio Einwohner und hat es an die Spitze der Chipfertigung geschafft. Allerdings können die, anders als Honecker, ohne Beschränkung die neuesten Belichtungsanlagen kaufen.

Die Ingenieure arbeiten zwölf Stunden täglich und manchmal auch an den Wochenenden. Taiwanische Kommentatoren scherzen, dass das Unternehmen von Ingenieuren mit »Sklavenmentalität« lebt, die »ihre Leber verkaufen« (Wiki /TSMC)