Zehn Deutsche sind natürlich dümmer als fünf.
Freitag, 23. September 2022
Fußbodenpumpe und Wärmeheizung: Auf dem nächsten Holzweg (Teil 3)
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| Eine Feuerschale im Wohnzimmer schadet nie. |
Es
war ein Todesurteil, doch die Grünen-Chefin Ricarda Lang hatte es im
Frühjahr ganz gelassen ausgesprochen. Die Einführung einer Wärmepumpenpflicht ab
2024 bedeute nichts anderes als den "Abschied hier in Deutschland von
der fossilen Gasheizung", fasste die
28-Jährige grammatikalisch aufgeregt zusammen, was erst der Krieg an
der Nato-Ostflanke in diesem Tempo möglich gemacht hatte. Ein
zusätzlicher und selbst von den Grünen noch im letzten
Bundestagswahlkampf gänzlich unverhoffter neuer Baustein für den
Energieausstieg.
Leiterstufen zur Klimaneutralität
Jede Wärmepumpe ein Schlag ins Gesicht des Kreml-Herrschers, eine Leiterstufe hin zur Klimaneutralität und die Basis des Auf- und Ausbaus einer Öko-Branche, die zehntausende Arbeitsplätze zu schaffen verspricht. Kein leeres Versprechen, denn wer weg will von Heizungen, die mit Kohle, Öl und Gas betrieben werden, der steht vor einer gewaltigen Aufgabe.
Nicht nur, dass etwa 33 Millionen Behausungen zuzüglich zu zirka 15 Millionen Büros in den kommenden Jahren mit rundgerechnet 50 Millionen Wärmepumpen fit gemacht werden müssen für eine Zukunft mit Wärme aus Strom. Parallel dazu sind die Voraussetzungen zu schaffen, dass die vielbeschworenen Wärmepumpen überhaupt eingesetzt werden können. Deutschland braucht wenigstens 50 Millionen Tonnen Dämmstoffe, die inländische Produktion von etwa 50 Jahren. Und es braucht zugleich 45 Millionen Tonnen Verbund-Heizrohr aus Kunststoff und Aluminium, um das Land flächendeckend auf Fußbodenheizung umzustellen.
Eine Materialschlacht
Dämmen und Fußbodenheizungen sind Voraussetzung für das Pumpen von Wärme und den von Ricarda Lang ausgerufenen "Abschied hier in Deutschland von der fossilen Gasheizung". Daraus allerdings ergeben sich neue, hübsche Probleme, die sich jedes Milchmädchen ausrechnen kann. Von deren Vorhandensein sich die Bundespolitik aber erst überzeugen will, wenn sie denn eines nicht allzu fernen Tages vor der Tür stehen, unangekündigt wie früher die Abhängigkeit von chinesischen Chips, russischem Gas und amerikanischen Waffen.
Doch der große Plan vom großen Austausch, ausgedacht binnen weniger Tage nach dem Angriff Russlands auf die Ukraine anstelle des bis daher verfolgten Planes einer Energieversorgung, deren Rückgrat Erdgaskraftwerke sein sollten, er droht an der Mathematik zu scheitern, an ein paar Zahlen, Fakten und physikalischen Schwierigkeiten. Es fehlt nicht nur an ausreichend Dämmmaterial und dem Material für den Bau von Fußbodenheizungen, nicht nur an Fachkräften und finanzkräftigen Hauseigentümern, denen Banken für die "energetische Ertüchtigung" jede angefragte Summe hinterherwerfen. Sondern auch am Strom, der die Millionen und Abermillionen neuer Erd- und Luftwärmepumpen antreiben könnte.
Heizen mit Wind
Denn zu ersetzen ist eine Heizleistung von etwa 300.000 GWh, die für etwa 20 Millionen Wohnungen derzeit noch aus Erdgas gewonnen wird. Das Gas ist mit Anteilen von 49,3 Prozent der am häufigsten genutzte Energieträger bei der Beheizung. Ein Standard, dessen Ablösung erst richtig Aufwand erfordert, wenn er entgegen allen rechnerischen Wahrscheinlichkeiten doch erreicht werden sollte.
Selbst unter Berücksichtigung des Wirkungsgrades einer optimal eingestellten Wärmepumpe, die aus einer Kilowattstunde Elektroenergie drei bis vier Kilowattstunden Heizleistung generiert, entsteht ein zusätzlicher Bedarf an Elektroenergie von 100.000 GWh. 7.000 zusätzlich zu den vorhandenen 30.000 Windkraftanlagen neu errichtete Windräder könnten diesen Bedarf gerade so decken, wenn der Wind weht. Weht er nicht, wird es nicht warm.
Frieren für den Klimaschutz
Eine Wärmepumpe lohnt sich dann, denn wer friert, tut wirklich etwas für den Klimaschutz: Jedes Zittern, jede Gänsehaut ist Beweis der eigenen Nachhaltigkeit. Das wird öfter vorkommen müssen als die blanken Zahlen sagen, denn parallel zur Elektrifizierung der deutschen Heizungen erfolgt ja auch noch die Elektrifizierung des gesamten Verkehrs und der industriellen Produktion, angefangen von Logistik und Beleuchtung bis hin zum Stahlschmelzen, zur Herstellung von chemischen Grundstoffen bis hin zur Produktion von Verbund-Heizrohren aus Kunststoff und Aluminium, die für die Millionen neuen Fußbodenheizungen unerlässlich sind. Selbst eine Senkung des Fahrzeugbestandes um ein Drittel schafft nach der Umstellung einen zusätzlichen Strombedarf von 72.000 GWh nur im Bereich der Mobilität. Das sind umgerechnet 72 Terrawattstunden, ein Klacks nur, verglichen mit den 400 Terrawattstunden, die die deutsche Industrie derzeit noch aus Erdgas saugt. Übersichtliche 100.000 neue Windräder müssten gebaut werden, diesen Bedarf zu decken.
Nur noch 77.000 mal mehr Speicher
Um den deutschen Strombedarf an einem durchschnittlichen Wintertag auch nur für einen halben Tag zu bevorraten, braucht es derzeit Speicherkapazitäten in der Größenordnung von 180 GW Leistung und 720 GWh Kapazität. Nach dem großen Gasausstieg wären dann allerdings Batterien mit Kapazitäten von 1,9 bis 2,7 Terrawatt nötig. Soll der Strom auch mal zwei oder drei Tage reichen, müsste bis auf fünf oder sieben Terrawatt aufgebohrt werden.
Im Juli 2018 waren in Deutschland 42 Batteriespeicherkraftwerke mit einer Gesamtleistung von 90 MW in Betrieb.
Nur noch 77.000 Mal mehr und es reicht.
Donnerstag, 22. September 2022
Energieausstieg: Im Glauben zu schwach
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| Jahrelange Bemühungen und das Ziel ist noch lange nicht in Sicht: Der Energieausstieg muss in Kürze Fahrt aufnehmen. |
Peter Altmaier war ganz neu im Amt, ein großer, prächtiger Mann mit offenem Blick und großen, prächtigen Zielen. Angela Merkel hatte ihren langjährigen treuen Adlatus zu ihrem Umweltminister gemacht, damals, vor zehn Jahren, als der Kanzlerin der Herzen und ihrem treuen Volk noch eine ganze Ära bevorstand, in der die Ostdeutsche aus Hamburg Deutschland für eine Zukunft wetterfest machte, die sie selbst vom Ende her dachte. Altmaier, erfahren, aber nicht unbedingt in seinem neuen Metier, kündigte umgehend einen "Neustart" für die "Energiewende" an, die schon mehrere Vorgängerregierungen mit großem Tamtam betrieben hatten. Stichwort Kugel Eis. Stichwort Solarenergie. Stichwort Umlage der Mehrkosten auf die Verbraucher. Stichwort Weltstrompreisrekord.
Fortschritt auf Millimeterpapier
Passiert war aber eigentlich nichts, und das recht langsam. Alles war viel teurer geworden, nichts besser. Fortschritte konnten nur auf Millimeterpapier dargestellt werden. Aber "wenn man neu in ein Amt kommt, kann man auch neu ansetzen", versprach Peter Altmaier, dem es als gelerntem Juristen vielleicht an der Sachkenntnis in seinem neuen Fachgebiet fehlte, nicht aber an Selbstbewusstsein. In der Umweltpolitik könne man sich "keinen Stillstand leisten", trompetete er und er sprach von seinen Plänen, "Blockaden zu überwinden".
Altmaier war erst 53 Jahre alt, bekennend beziehungslos, er kochte gern und hatte außer seiner politischen Karriere keine Leidenschaften, nur einen Garten im Saarland, den zu pflegen er aus dem politischen Berlin weit pendeln musste. Aber Umweltpolitik war ihm eine Herzensangelegenheit. Wie alles, womit ihn die Kanzlerin betraute und noch betrauen würde.
Genau sein Ding
Die Energiewende war genau sein Ding. Ohne Kinder und ohne Erben hatte Peter Altmaier alle Menschen in sein Herz geschlossen. Er zeigte sich nun häufiger auf einem Fahrrad und schuf damit ebenso beeindruckende wie beängstigende Bilder. Doch im Unterschied zu seinem Vorgänger Sigmar Gabriel, der den anvisierten Energieausstieg mit Hilfe seines "Acht-Punkte-Planes für ein gutes Klima" als natürlichen Teil seiner Öffentlichkeitsarbeit begriffen hatte, ließ sich Altmaier nicht auf ein schamloses Geschacher um bedeutungslose Details ein. Er legte fest, dass der Anteil der erneuerbaren Energien an der deutschen Stromversorgung bis zur Abschaltung der letzten deutschen Kernkraftwerke auf 40 Prozent zu steigen habe. Von politischer Seite waren die Planungsarbeiten für den "größten Eingriff in die Wertschöpfungskette der deutschen Industrie, den es je gegeben hat", wie es ein Eon-Manager nannte, damit abgeschlossen.
Zwischendurch würde man halt irgendwas mit Gas und Kohle machen. Rainer Brüderle von der FDP, ein Mann, der später über ein Dirndl stürzen würde, sprach von "einen ganzen Reihe von Gas- und Kohlekraftwerken, möglicherweise mehr, als wir zunächst dachten." Die Kanzlerin blieb optimistisch, dass die großen Übertragungsnetze für Wind und Sonne eines Tages tatsächlich fertiggestellt würden. Im Moment, räumte sie ein, sei man mit "vielen Projekten im Rückstand". Aber nur wer von hinten kommt, kann aufholen.
Wind und Sonne als Ziel
Langfristig seien Wind und Sonne das Ziel, beteuerte ihre Forschungsministerin Annette Schavan, deren Schicksal sich erst Jahre später wenden würde, als ihre gefälschte Doktorarbeit Schlagzeilen machte. Auf dem Weg dorthin aber herrschte noch Optimismus. Je weiter die Zukunft weg war, desto ehrgeiziger wurden die Ziele: Nach dem Atomausstieg folgte der große Kohleausstiegsbeschluss, nach dem russischen Angriff auf die Ukraine wurden Öl und Gas nacheinander obsolet. Deutschland gab ein Zeichen für die Welt: Wer nicht duscht, muss auch nicht heizen, wer nicht heizt, braucht keine Dämmung und wer das Ladegerät seines Handys immer aus der Steckdose zieht, spart genug Strom, um das Gasspeicher zu füllen.
Eine wahre Öko-Wende, wie Peter Altmaier sie sich stets erträumt hatte. 27 Jahre hatte der voluminöse Christdemokrat zum politischen Betrieb gehört, ein Hans Dampf in allen Gassen, dienstbereit und beflissen und gerade noch rechtzeitig aus dem Amt gescheitert, um nicht nur für den nahenden Untergang verantwortlich gemacht zu werden, sondern als weiser alter Mann mit guten Ratschlägen parat zu stehen. Dass das Ziel der Energiewende, bis 2050 den Anteil der erneuerbaren Energien am Stromverbrauch auf 80 Prozent zu steigern, den Primärenergieverbrauch im selben Zeitraum verglichen mit dem Jahr 2008 um 50 Prozent zu senken und den Treibhausgasausstoß sogar um 80 bis 95 Prozent zu reduzieren, schon seit Jahren nicht mehr näherrückt, vermag den gärtnernden Ruheständler nicht zu irritieren. Peter Altmaier besteht zu hundert Prozent aus Sekundärtugenden, der Rest ist Vergesslichkeit.
Baustelle ohne Bauplan
Mag die Mathematik auch anderes sagen, der Glaube, das erneuerbare Energien alles ersetzen können, was die Stromversorgung Deutschlands über Jahrzehnte sicher und bezahlbar gemacht hat, ist nur nicht stark genug, wo es noch Zweifel gibt, dass das große Werk gelingen wird. Zehn Jahre nach der Verkündigung der Energiewende ist das große Zukunftsprojekt der Realisierung einer nachhaltigen Energieversorgung in den drei Sektoren Strom, Wärme und Mobilität eine Baustelle ohne Bauplan auf einem Trümmerfeld aus traurig gescheiterten Träumen.
Peter Altmaier beobachtet den Gang der Dinge mittlerweile hauptamtlich aus seinem geliebten Garten, wo er schon vor Jahren eine Möglichkeit gefunden hat, "beim Rasenmähen ein paar Kilos zu verlieren". Der von Greenpeace als "Energiewende-Abwürger" verächtlich gemachte und delegitimierte Ex-Minister ist mit sich selbst im Reinen. Er war nie so schwach im Glauben an die Energiewende wie die, die nach ihm kamen und die Kohlekraftwerke wieder anwarfen. Er sei es gewesen, der 2019 "die Voraussetzungen für den Bau von LNG-Terminals geschaffen" habe. Dass die dann niemand bauen wollte, weil die Bundesregierung klar erklärt hatte, dass es das günstige russische Erdgas sein werde, auf dass Deutschland weiterhin vertraue, dafür könne er nichts.
Fußbodenpumpe und Wärmeheizung: Auf dem nächsten Holzweg (Teil 2)
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| Der Weg zur Wärmepumpe führt über einen unheimlich hohen Materialaufwand. |
Es war ein Todesurteil, doch Grünen-Chefin Ricarda Lang sprach es im
Frühjahr ganz gelassen aus. Die Einführung einer Wärmepumpenpflicht ab
2024 bedeute nichts anderes als den "Abschied hier in Deutschland von
der fossilen Gasheizung", fasste die
28-Jährige grammatikalisch aufgeregt zusammen, was erst der Krieg an
der Nato-Ostflanke in diesem Tempo möglich gemacht hatte. Ein
zusätzlicher und selbst von den Grünen noch im letzten
Bundestagswahlkampf gänzlich unverhoffter neuer Baustein für den
Energieausstieg. Jede Wärmepumpe ein Schlag ins Gesicht des
Kreml-Herrscher, eine Leiterstufe hin zur Klimaneutralität und Basis des
Auf- und Ausbaus einer Öko-Branche, die zehntausende Arbeitsplätze zu
schaffen verspricht.
Schlag ins Gesicht des Kreml
Jede Wärmepumpe ein Schlag ins Gesicht des Kreml-Herrscher, eine Leiterstufe hin zur Klimaneutralität und Basis des Auf- und Ausbaus einer Öko-Branche, die zehntausende Arbeitsplätze zu schaffen verspricht. Kein leeres versprechen, denn wer weg will von Heizungen, die mit Kohle, Öl und Gas betrieben werden, der steht vor einer gewaltigen Aufgabe. Nicht nur, dass etwa 33 Millionen Behausungen zuzüglich von zirka 15 Millionen Büros in den kommenden Jahren mit rundgerechnet 50 Millionen Wärmepumpen fit gemacht werden für eine Zukunft mit Wärme aus Strom gemacht werden müssen. Parallel dazu sind die Voraussetzungen zu schaffen, dass überhaupt die vielbeschworenen Wärmepumpen überhaupt eingesetzt werden können.
Fußbodenheizungen und Dämmung sind die zwei Pfeiler, auf denen die neuen, nachhaltige Heizstrategie der Bundesregierung ruht. Zu den etwa 15 Millionen Tonnen Stahl, die allein gebraucht werden, um die benötigten 50 Millionen neuen Wärmepumpen herzustellen, sind zwischen 40 und 50 Millionen Tonnen Dämmmaterial nötig, die bisher nicht gedämmten Häuser und Wohnungen in Deutschland fit für den Einsatz der neuen Stromheizungen zu machen.
Erzfeind Mathematik
Eine Menge, die ungefähr zwei Dritteln der jährlichen deutschen Stahlproduktion entspricht, die bisher noch keineswegs auf Wasserstoffbetrieb umgestellt ist. Bis zum Zielzeitraum 2020 müssten die deutschen Stahlhütten dennoch etwa zehn Prozent jeder Jahresproduktion für die Wärmepumpenindustrie bereitstellen, um das Aufrüstungsziel wenigstens theoretisch erreichbar erscheinen lassen. Nicht mitgerechnet ist hierbei jedoch der Materialbedarf für die unerlässlichen Fußbodenheizungen: Bei geschätzt 25 Millionen Deutschen, die noch keine besitzen, ergibt sich ein Bedarf an Rohren mit einer Gesamtlänge von etwa drei bis vier Milliarden Verbund-Heizrohr aus Kunststoff und Aluminium.
Dabei handelt es sich um besonders leichtes, der Aufgabe angepasstes Spezialrohr, das in der benötigten Menge aber dann doch ein Gesamtgewicht von 45 Millionen Tonnen auf die Waage bringt. Die inländischen Prouktionskapazitäten geben das durchaus her - aber gestreckt nicht über den von der Berliner Ampelkoalition geplanten Zeitraum von acht Jahren bis 2030. Sondern in einem bis Mitte des Jahrhunderts.
Geschützte Niedrigwärmehitze
So wird das nichts. Und das nicht einmal, wenn das Ausland einspringt, um den großen deutschen Traum vom naturnahen Heizen mit Gebläse miterfüllen hilft. Denn stehen die Wärmelüfter und sind die Heizschlangen im Boden endlich alle verlegt, braucht es Schutz vor der kalten Außenwelt, um mit Niedrigtemperaturen zu heizen. Dämmung muss her, überall und dick, Dämmung, die die Niedrigwärmehitze auf den Großflächenheizungen im Haus hält.
1,8 Tonnen Stein- oder Mineralwolle braucht ein durchschnittliches Einfamilienhaus, bei einem vermieteten Mehrfamilienhaus ist schon allein deshalb von weniger auszugehen, weil der Durchschnitt durch die Freistellung denkmalgeschützter Bauten von einer Dämmungspflicht gesenkt wird, obgleich das quasi gleichbedeutend mit deren Ausschluss aus der Zukunft der Wohnungsbeheizung ist. Trotzdem stoßen Wunsch und Wirklichkeit auch hier schon rein rechnerisch donnernd zusammen: Wenigstens 50 Millionen Tonnen Dämmstoffe braucht der "Abschied von der Gasheizung". Die deutsche Produktionsmenge der gefragten Materialien liegt bei gerade mal 734.000 Tonnen.
Into the black
Fast 70 Jahre lang werden die einheimischen Mineral-, Glas- und Steinwollespinner und Dämmmatten-Hersteller ackern müssen, um die Grundversorgung zu gewährleisten - Ersatzinvestitionen in bereits gedämmt und nun allmählich wegschimmelnde Gebäude großzügig außen vor gelassen. Selbst bei einer spontanen Verdopplung der Produktionskapazitäten wäre frühestens um das Jahr 2050 mit einer Vollendung der Verdämmung aller Gebäude zu rechen. Wobei die ältesten Häusern dann bereits nur noch von 70 Jahre alten Polystyrolplatten geschützt wären, deren Austausch schon mindestens zweimal überfällig wäre.
Der große Plan vom großen Austausch, er droht an der Mathematik zu scheitern, an ein paar Zahlen, Fakten und physikalischen Schwierigkeiten. Wie in einem Becher nicht mehr passt als bis er voll ist, kommt aus einer Flasche nie mehr heraus als hineingefüllt werden kann. Theoretisch sind andere Lösungen zwar denkbar, Menschen haben von jeher an noch viel verrücktere Dinge geglaubt und tun es im Grunde bis heute.
Doch realistischerweise ist nicht zu erwarten, dass das von Ricarda Lang begeistert gefeierte Ampel-Ziel erreicht werden kann.
Teil 3 erklärt, warum das ein kleiner Hoffnungsschimmer ist
Mittwoch, 21. September 2022
Bundesbehördenansiedlungsoffensive: Können gestiegene Baukosten die Lausitz retten?
| Auch in dieser früheren Hafermilch-Käserei bei Guben soll bald eine neue Behörde einziehen. |
Der Plan war klar, die Strategie festgezurrt. Mit der Bundesbehördenansiedlungsoffensive (BBAO) hatte die frühere Bundesregierung ein Instrument geschaffen, dass die Ost-West-Spaltung im Bereich Beamtentum und Verwaltungsjobs beenden sollte: Der Bund schafft Stellen in den ausgebluteten und vom brain drain geplagten Kohle-, Chemie- und Autobauregionen auf dem Gebiet der früheren DDR, dafür verspricht die Restbevölkerung dort, nicht mehr bei Querdenker- und Pegida-Demontsrationen mitzumarschieren.
Neue Zentralen für die Peripherie
Angefangen mit neuen, prächtige Institutionen wie der Bundesdiskussionzentrale in Suhl, dem Bundesblogampelamt (BBAA) im mecklenburgischen Warin oder dem Kompetenzzentrum Wärmewende, der Bundesglücksspielverfolgungsbehörde und der Bundeserinnerungszentrale sollte der neue Fahrplan endlich schaffen, was privater Initiative in den zurückliegenden drei Jahrzehnten nicht gelungen war: Blühende Landschaften aufbauen, die als Gegengewicht zu traditionsreichen Jobgaranten im Bundesbesitz wie der Bundesmonopolverwaltung für Branntwein (BfB), der Amero Reisen GmbH oder der GMG Generalmietgesellschaft in Offenbach am Main und Bonn dienen.
Man war auf Kurs, Pegida weg von der Straße, die Querdenker verschwunden. Nun aber bedrohen ausgerechnet die gestiegenen Baupreise das Ziel, den abgehängten Osten endlich in Deutschlands moderne Demokratie einzubinden. Bereits im Frühsommer hatte Bundesbauministerin Klara Geywitz (SPD) bei der Einweihung einer neuen Zweigstelle des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) vor einem Tempoverlust bei der Schaffung der 5.000 Stellen in Behörden und Einrichtungen gewarnt, die ehemaligen Braunkohlekumpeln zugute kommen sollen. Zwar gelang es noch, das Kompetenzzentrum Regionalentwicklung (KZR) des BBSR - eines von geplanten zwölfzig KZRs mit unterschiedlichsten thematischen Widmungen - fertigzustellen. Hier werden bis Ende 2023 immerhin 55 Forschende und Forschenderinnen arbeiten, die herausfinden sollen, wie viele neue Stellen es insgesamt braucht, um den Energieausstieg gesellschaftlich verträglich zu gestalten.
Palastbaukosten explodieren
Neue Posten für den Osten! Doch durch die explodierenden Baukosten bedrohen nun die Schaffung weiterer hoch attraktiver Arbeitsplätze mit wenig Handarbeit, kurzen Arbeitszeiten und hohem Sozialprestige, die ausgebildete Baggerfahrer, Hauer und Förderbrückenfahrer anlocken könnten. Um etwa beinahe 30 Prozent stiegen die Kosten für den Palastbau, für die energetische Ertüchtigung und Bürolandschaften zuletzt - gerade in den oft seit Jahrzehnten ausgebluteten Städten tief im Osten muss aber viel an den meist mehr als 20 Jahren leerstehenden Bundesimmobilien gemacht werden.
Nun heißt es, Abstriche beim Komfort, bei der Klimafestigkeit oder aber bei der Zahl der neuen lukrativen Stellen zu machen. Weil der Bund die seit Jahren ausgesetzte Schuldenbremse trotz der Belastungen durch Krieg, Energiekrise und Pandemiefolgen im kommenden Jahr zumindest symbolisch wieder einhalten will, ist allerdings schon seit einiger Zeit Sparsamkeit angesagt. Statt in die Fläche zu investieren, um ehemalige Kumpel dort abzuholen, wo sie sind, sehen die Planungen vor, die meisten neuen Einrichtungen - im Vokabular der Bundesbehördenansiedlungsoffensive "Jobcenter" genannt - zentralisiert in Cottbus, Leipzig und Halle aufzubauen.
Befriedung der Reviere
875 Vollzeitstellen sollen die Lausitz befrieden, etwa 100 weniger das Mitteldeutschen Revier ruhig halten. Dass die neuen Beamt:/&Innen und Behördenangestellten zumeist in die neuen Einrichtungen werden pendeln müssen, ist eingerechnet: Dank auskömmlicher Gehälter könnten die neuen Expertinnen und Experten für urbane Gentrifizierung, gerechtes Verkehrsraumsharing und hitzebeständiges Bürger:innengardening wohnortnah pendeln, später sogar elektrisch, heißt es im politischen Berlin.
Um ein Drittel gestiegene Baukosten gefährden nun nicht nur die Pendel-Kalkulation, sondern auch die Gesamtrechnung der BBAO zum Behördenaufschwung Ost. Während das Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle in Weißwasser in der Oberlausitz mit 304 Stellen, das Fernstraßen-Bundesamt in Leipzig mit 210 Vollzeitjobs und die Deutsche Rentenversicherung Knappschaft-Bahn-See in Cottbus mit 161 zusätzlichen Kohlekumpel-Stellen wegen ihres Status als anderenfalls kaum überlebensfähig geltende frühere Kohleabbaugebiete als sicher durchfinanziert gelten, sichert das BBAO-Gesetz für gute Investitionen anderen Landstrichen nur Kleckerbeträge zu.
Einstellungsoffensive stockt
Wildau, eine Stadt im Speckgürtel direkt an der südöstlichen Berliner Stadtgrenze, erhält so etwa nur 370 Millionen Euro für Aufbau und Unterhalt eines neuen RKI-Zentrums. Das Geld muss bis 2038 reichen - wie genau das gehen soll, wenn es erst an allem fehlt, ist bisher unklar. Zuletzt hatte der Bundesrechnungshof allerdings einen Ausweg gewiesen: Danach wächst der Anteil unbesetzter Stellen in der Bundesverwaltung insgesamt seit Monaten und auch die Einstellungsoffensive in neuen Behörden wie dem Fernstraßen-Bundesamt (FSB) stockt. Das FSB etwa war im Oktober 2018 gegründet worden, auch durch den überhasteten Beschluss der Bundesregierung vom Frühjahr, die alten, klimaschädlichen Kohlemeiler weiterlaufen zu lassen, ist aber bisher immer noch fast die Hälfte der Stellen nicht besetzt.
Fußbodenpumpe und Wärmeheizung: Auf dem nächsten Holzweg (1)
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| Die elektrische Wärmepumpe ist das Öko-Gimmick der Saison: Ab 2024 wird der Einbau Pflicht. |
Es war ein Todesurteil, doch Grünen-Chefin Ricarda Lang sprach es im Frühjahr ganz gelassen aus. Die Einführung einer Wärmepumpenpflicht ab 2024 bedeute nichts anderes als den "Abschied hier in Deutschland von der fossilen Gasheizung", fasste die 28-Jährige grammatikalisch aufgeregt zusammen, was erst der Krieg an der Nato-Ostflanke in diesem Tempo möglich gemacht hatte. Ein zusätzlicher und selbst von den Grünen noch im letzten Bundestagswahlkampf gänzlich unverhoffter neuer Baustein für den Energieausstieg. Jede Wärmepumpe ein Schlag ins Gesicht des Kreml-Herrscher, eine Leiterstufe hin zur Klimaneutralität und Basis des Auf- und Ausbaus einer Öko-Branche, die zehntausende Arbeitsplätze zu schaffen verspricht.
Aufbruch ins Ungewisse
Denn da kommt etwas Großes auf Deutschland zu. 75 Prozent der rund 43 Millionen deutschen Wohnungen werden derzeit noch mit Öl und Gas beheizt. Etwa 33 Millionen Behausungen zuzüglich von zirka 15 Millionen Büros müssen in den kommenden Jahren mit rundgerechnet 50 Millionen Wärmepumpen fit gemacht werden für eine Welt, unabhängig von Kohle, Gas und Diktatoren. Bei einem Durchschnittsgewicht von 300 Kilogramm sind das 15 Millionen Tonnen Stahl, die geschmolzen, gewalzt, geformt, zusammengeschraubt und zum Aufstellort abzutransportieren sind.
Für die Herstellung einer Tonne Rohstahl werden allerdings knapp 6.000 Kilowattstunden Strom benötigt, ebenso viel Energie wie ein Vier-Personen-Haushalt pro Jahr verbraucht. Allein die Herstellung des Stahls für die Wärmepumpen, frisch und regional und in etwa einer Größenordnung von einem Viertel der Kapazität der einheimischen Stahlwerke, erfordert den Einsatz von 75.000 GWh, etwa 15 Prozent der jährlichen deutschen Stromerzeugungskapazität. Dazu addiert sich freilich noch die Produktion der Wärmepumpen, deren Transport und die Montage vor Ort.
Ein Gewinn für den Zwang
Volkswirtschaftlich gesehen ein Gewinn wie jede Zwangsumstellung, die private Investitionen unumgänglich macht. Wenn in Wohngebäuden nur noch Heizungen eingebaut werden, die zu 65 Prozent aus erneuerbaren Energien gespeist werden, bleibt Hausbesitzern nichts anderes übrig, als sich statt für eine relativ günstige Erdgas-Heizung für die zwei- bis dreimal teurere Wärmepumpe zu entscheiden. Die Ausgabe darf zum Glück auf die Mieter umgelegt werden, die keine Wahl haben als zu zahlen oder sich eine andere Wohnung zu suchen.
Wenigstens aber sparen sie ja dann beim Heizen, zumindest theoretisch. Wärmepumpen heizen nach dem Prinzip, nach dem auch Kühlschränke arbeiten, heute allgemein bekannt die größten und - zumindest in der kalten Jahreszeit - unsinnigsten Stromverbraucher in deutschen Haushalten. Die Anlagen, randvoll mit fluorierten Treibhausgasen, die in der EU bereits seit 2015 verboten sind, übersetzen das Kühlprinzip rückwärts: Während der Kühlschrank die seinem eigenen Inneren entzogene Wärme über Kühlrippen als unerwünschte Abwärme nach außen gibt, gelten bei der Wärmepumpe die Kühlrippen als Quelle des ersehnten Erwärmungseffekts.
Vibrationen und Geräusche
Dass Wärmepumpe im Betrieb eine beständige Geräuschkulisse erzeugen, Vibrationen und einen recht hohen Serviceaufwand, bleibt bei der volkswirtschaftlichen Berechnung der Umstiegskosten grundsätzlich außen vor, weil dergleichen Nebengeräusche den Traum vom Umstieg ins Nachhaltige nachhaltig zu überschatten drohen. Ebenso vernachlässigt und verschwiegen wird die Problematik der Mehrfamilienhäuser in Innenstädten, in denen es naturgemäß an Platz mangelt, die nötigen größeren Pumpenmodelle unterzubringen.
Außenvor muss auch die Tücke der Technologie gelten. Eine über eine Wärmepumpe beschickte Heizung wird zwar nie richtig warm. Über ausreichend Fläche verteilt und mit ausreichend Geduld betrieben, reichen aber die 40 Grad Höchsttemperatur, eine ausreichend gedämmte Behausung zu wärmen. Alte Häuser aber sind im Sinne des Gesetzgebers meist nicht gedämmt. Und im Sinne der vor der Einführung stehenden Beheizungstechnik fehlt es ihnen auch an den notwendigen Flächenheizungen im Fußboden.
Die doppelte Pflicht
Wer aber das eine will, muss das andere ebenso tun: Dämmen und Fußbodenheizungen sind Voraussetzung für das Pumpen von Wärme und den von Ricarda Lang ausgerufenen "Abschied hier in Deutschland von der fossilen Gasheizung". Daraus allerdings ergeben sich neue, hübsche Probleme, die die sich jedes Milchmädchen ausrechnen kann. Von deren Vorhandensein sich die Bundespolitik aber erst überzeugen will, wenn sie denn eines nicht allzu fernen Tages vor der Tür stehen, unangekündigt wie früher die Abhängigkeit von chinesischen Chips, russischem Gas und amerikanischen Waffen.
Unverhofft kommt oft.
Teil 2 morgen.
Dienstag, 20. September 2022
Zitate zur Zeit: Beständige moralische Werte
Notvorrat für den Tag danach: Einkaufslisten für den Weltuntergang
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| Immer unter den ersten Warnern: Der SPD-Politiker Karl Lauterbach plädiert für einen klaren gesetzlichen Rahmen. |
Nein, ein paar Marsriegel reichen nicht. Nein, auch Tiefkühlnahrung ist nicht zu empfehlen. Und ja, es darf inzwischen nicht nur gepreppert werden, es soll und muss sogar! Vorsorge ist die Mutter des Überlebens, im Frühjahr schon riet Bundesinnenministerin Nancy Faeser zum Anlegen Notvorräten, die ausreichen sollen, die Familie nach dem Zusammenbruch des normalen Alltagslebens durchzubekommen, bis die EU die Lage wieder im Griff hat.
Not kennt ein Gebot
Das Bundesamt für Katastrophenschutz (BfK), eine bis vor wenigen Monaten weitgehend unbekannte Bundesvorsorgebehörde, veröffentlichte eigens für den Tag X spezielle Einkaufslisten für den Weltuntergang. Mahnend äußerten sich verschiedene Medien. Wer nicht für sich vorsorge, vergehe sich an der Gemeinschaft aller, weil er im Ernstfall die dann bis zum äußersten überdehnten Kräfte der Reste der noch bestehenden staatlichen Ordnung zu seiner Rettung bemühen werde. Zuspruch und eine spezielle Idee kam vom Bundesgesundheitsminister, einem der aktivsten deutschen Warner: "Wir müssen vorbereitet sein auf die kalte Jahreszeit", ließ sich Karl Lauterbach zitieren, "ein klarer gesetzlicher Rahmen gehört dazu".
Staatliche Kontrollen der gehamsterten Vorräte, Auflagen für die jeweilige Umschlagszeit, Prüfungen der Lagerbedingungen in den Wohnungen, Garagen und Kellern - all das ist in Deutschland bisher überhaupt nicht reguliert. Auch die EU hat dazu keinerlei Richtlinien erlassen, die zuständigen Behörden appellieren und setzen auf reine Anarchie: Wer hamstert, der hat, wer es unterlässt, hat Pech.
Angst vor der Anarchie
Der Unternehmer Reinhold Herger schüttelt über dieses anarchische Vorgehen seit Jahren den Kopf. Der Gründer der Imbisskette Hot Bird, ist nicht nur Sohn eines ehemaligen NVA-Offiziers, den sein Vater früh mit grundlegenden Überlebenstechniken vertraut machte, sondern auch Chef des Bundesverbandes der Prepperer (BdP), einer Vereinigung, die in der alten Bundesrepublik noch als Deutscher Notvorsorgeverein (DNVV) firmierte, sich aber unter der Ägide des weitgereisten Ostdeutschen zunehmend diversifizierte und der Globalisierung öffnete.
PPQ sprach mit dem Kenner vieler Krisenszenarien über Strategien der individuellen Gegenwehr, über Plünderer, Bockwurst in Büchsen und Plastiktüten gegen unverhofft eindringenden Atomstaub. Dabei geht es nicht nur um Krieg, sondern um Katastrophen aller Art, also Ereignisse, die Leben oder Gesundheit einer Vielzahl von Menschen gefährden.
PPQ: Herr Herger, Deutschland gilt als sehr sicher, es ist meist warm, die Supermärkte sind meist voll und zur Not gibt es noch die Spätis. Wozu also ein Verband wie der Ihre?
Reinhold Herger: Unsere Wurzeln liegen natürlich im Kalten Krieg und nachdem der beendet war, haben uns viele verlacht. Ganz so, als würde es die vielen verschiedenen denkbaren Krisen und Katastrophen von der Überschwemmung über Stürme oder Dürren bis hin zur Pandemie oder zum Blackout nie mehr geben können. Selbstverständlich, die größtmögliche Katastrophe ist der Krieg, und nach dem sah es wirklich lange nicht aus. Aber ich habe immer gesagt, besser man hat als man hätte! Und wenn sich niemand mehr für den Zivilschutz interessiert oder um Vorsorge kümmert, ist jeder für sich selber zuständig.
PPQ: Aber wenn man nicht weiß, was kommt, wie soll man sich darauf vorbereiten?
Herger: Ein Kinderspiel. Die Vorsorge ist in den meisten Fällen ähnlich! Da verrate ich kein Geheimnis. Bricht unsere gewohnte Ordnung zusammen und sei es nur für ein paar Tage, braucht trotzdem jeder weiter Essen, Wasser, Kleidung, Unterkunft, auch Hygieneartikel, etwas zu lesen, eine Beschäftigung. Und Informationen darüber, was passiert ist, wie es weitergeht, was man am besten tun soll und wie lange es voraussichtlich dauert, bis Rettung kommt. Wir als BdP haben langjährige Erfahrung ein einer Vorbereitung auf solche Fälle. was hält sich, was eignet sich? Was gehört zu einem guten lebenden Vorrat, also zu einer Notfallkammer, deren Inhalt ganz natürlich in den normalen Haushaltsverbrauch eingebaut wird, die aber immer einen Puffer bietet, der ein Überleben wahrscheinlicher macht.
PPQ: Um sich solche Vorräte zuzulegen, braucht es starke Nerven. Gerade als beim Pandemiestart manche begannen, sich einzudecken, gab es viel Kritik an solchen Hamsterern, die als Feinde der Gemeinschaft und als unsolidarisch beschrieben wurde. Wie wappnen Sie sich gegen solche Vorwürfe?
Herger: Unsere Mitglieder schert das nicht. Wir wissen alle, wer zuletzt noch lachen kann, der lacht am besten. Und lachen kann nur, wen noch etwas zu essen hat. Wir vom BdP kaufen deshalb auch mäßig, aber eben regelmäßig. Wir nehmen niemandem etwas weg! Wir kaufen Dinge, die allen in der Familie auch im normalen Alltag schmecken, lassen sie aber ein wenig liegen, so dass immer ein Puffer da ist.
PPQ: Was empfehlen Sie denn genau?
Herger: Unsere Einkaufslisten für den Weltuntergang empfehlen als Faustregel einen Vorrat für Minimum sechs Wochen. Die zehn Tage, die offiziell genannt werden, sind Aberglaube. Anderthalb Woche? Da hat die Bundeswehr nicht einmal ihre Notstromaggregate repariert. Für den Ernstfall brauchen Sie also einen Erwachsenen sind das etwa zwölf Kilo Brot, Kartoffeln oder Reis, Nudeln, einen Campingkocher mit ausreichend Gaskartuschen, denn der Strom dürfte dann weg sein. Batterien gehören dazu, schwarze Decken, um nachts Licht anschalten zu können. Ein Solarpanel, möglichst groß, zum Aufladen von Akkus. Weiterhin sollten pro Person etwa 8 bis 10 Kilo eingemachtes Gemüse und Obst im Haus sein, Fleischkonserven, Bockwurst in Büchsen, Trockenfleisch, Pork Jerky, Suppen, Öl und - falls es noch länger dauert - Gemüsesamen. Besonders wichtig ist Trinkwasser, weil eine Katastrophe ja auch diese Versorgung lahmlegen kann. Pro Tag und Person sollten es zwei Liter sein, man kann das aber strecken mit Wasseraufbereitungstabletten oder Filterflaschen.
PPQ: Das klingt nach viel. Wer soll sich das alles merken?
Herger: Das ist noch nicht alles. Zum ordentlichen Notvorrat gehört auch ein Notfallplan, den Sie vorher mit Freunden und Vertrauten absprechen müssen. Wann treffen wir uns wo? Wohin ziehen wir uns zurück? Wo ist es sicher? Wo findet uns niemand? Wie kommen wir dorthin? Wer bringt welche Lebensmittel mit? Und so weiter. Bis dahin, dass man sich natürlich überlegen muss, wie man die Kostbarkeiten, die man ja dann als einer von ganz wenigen Menschen noch hat, möglichst gut schützt.
PPQ: Davon wird amtlicherseits aber nichts erwähnt?
Herger: Ja, die offiziellen Listen sind ein Witz, so gesehen.
Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz veröffentlicht da irgendwelche Hilfestellungen, die zu kurz sind und viel zu wenig. Ein Notvorrat für zehn Tage! 20 Liter Wasser!
Drei Kilo Getreide. Getreide!!! Das mahlen Sie dann womit? Aber wenn es nach den Experten dort geht, haben Sie ja Nüsse,
Milch und Süßigkeiten. Als BdP-Vorstand schüttle ich nur den Kopf. Was ist denn mit Schnaps? Mit Zigaretten? Mit Tabak? Das sollte man zu Hause haben, denn damit wird man eintauschen können, was einem fehlt. Ebenso wichtig sind Gold- und Silbermünzen, mal so als Tipp von mir.
PPQ: Und Hygieneartikel?
Herger: Das ist wie Milch. Wenn es ums Überleben geht, das nackte Überleben, werden Sie kein Klopapier vermissen. Also sagen wir mal so: So lange Ihre Sorgen um Hygieneartikel kreisen, Rasierapparate, ein Kamm oder saubere Socken, ist die Lage nicht ernst. Das ist ein wichtiges Thema, sich das zu vergegenwärtigen, um eventuell aufkommender Panik vorzubeugen.
PPQ: Der BdP behauptet in seinen Lehrbroschüren, es könne alles ganz schlimm kommen und dazu reiche schon ein Netzzusammenbruch, weil dann ein Kaskadeneffekt einsetze. Kein Wasser mehr, keine Klospülung, Seuchen, Durst, Krankheiten. was machen wir denn dann?
Herger: Ganz ruhig blieben. So lange Sie es schaffen, ruhig zu bleiben, ist nichts verloren. Rationieren Sie, was Sie haben. Nutzen Sie für menschliche Bedürfnisse einen Eimer oder Einmalbeutel, die Sie außerhalb entsorgen. Zur Not, wenn Sie nicht raus können, einfach weit wegwerfen. Seife, Zahnpasta und Desinfektionsmittel, das wird dann alles nebensächlich. Aber eine Hausapotheke ist wichtig. Schmerzmittel, Verbandsmaterial, an Insektenstiche dagegen gewöhnt man sich. Jodtabletten dagegen sind eine Glaubensfrage. Im Falle eines Atomunfalls oder -angriffs kann mit hoch dosiertem Jod die Anreicherung radioaktiver Teilchen im Körper blockiert werden. Sie können aber auch in der Wohnung bleiben, die Fenster noch mal mit Folie verhängen, von außen. Da kommt nichts rein, weil die Strahlung am Staub hängt und dort auch bleibt, so lange der nicht reinrieselt.
PPQ: Woher aber wollen wir dann wissen, was mit dem Staub gerade los ist, ohne Strom?
Herger: Dafür haben Sie das Batterieradio. Das ist elementar, um während einer Katastrophe Informationen zu erhalten, so lange irgendwer von irgendwo noch irgendetwas senden kann. Sinnvoll sind mehrere aufgeladene Powerbanks für das Smartphone oder ein batteriebetriebenes Radio und eben das Solarpanel. Das gibt Ihnen die Ruhe, auch mal ein Hörbuch hören zu können oder eine DVD aus der guten alten Zeit anzuschauen. Das hilft manchmal schon, sich zu entspannen.
PPQ: Und was ist, wenn man doch flüchten muss, weil sich die Situation verschärft?
Herger: Dafür liegt ein Fluchtrucksack mit dem Nötigsten bereit, feste Schuhe, eine Regenjacke, eine feste Hose, wasserabweisend. Je nachdem, was Sie sich zutrauen, tragen zu können, kommen in den Rucksack Vorräte rein, die einen schnellen Ortswechsel möglich machen. Aber bitte nicht überladen! Was man nicht vergessen darf: Nicht alle Katastrophen sind planbar und nicht jede geplante Ausweichadresse wird immer erreichbar sein. Die Lage ist dann oft dynamisch. Deshalb ist es sinnvoll, Treffpunkte und Ausweichtreffs zu vereinbaren und einen Fahrplan, in welchem Fall welche Fluchtburg angelaufen wird.
Montag, 19. September 2022
Kirschkernkissen: Verfügbar, klimaneutral, kaum genutzt
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| Kirschkernkissen (r.) könnten im kommenden Deutschland als klimaneutrale Heizquelle sowohl in Privathaushalten als auch in der Industrie dienen. |
Mit Kirschkernkissen könnte Deutschland unabhängiger heizen, kühlen und sogar Strom erzeugen. Die Energiewende braucht die Wärme aus dem Fruchtsamen. Über Vorteile und Risiken einer Technologie, die immer noch weitgehend unterschätzt und kaum genutzt wird.
Kirschkernkissen: Das Prinzip eines Kirschkernkissens ist denkbar einfach und ohne Einschränkung nachhaltig. Kirschkernkissen können Wärme aufnehmen uns speichern und so zu einer wichtigen Energiequelle werden, sind es doch gerade die Speicherlösungen, an denen die Durchsetzung der Wärme-, Dämm- und Energiewende derzeit noch kranken. Kirschkernkissen sind klein, transportabel und miteinander kombinierbar, sie vermögen es in ausreichender Anzahl sogar, Haushalte mit bis zu 90 Prozent notwendigen Wärme zu versorgen.
In Japan, wo das Kirschkernkissen erfunden wurde, wird oft Kernkraft genutzt, um die kleinen, flexiblen Speicher aufzuladen. Doch auch in Deutschland wären sie fast überall verfügbar: Ein Großteil der Energie wird in Deutschland fürs Heizen gebraucht und zu fast 70 Prozent mit fossilen Brennstoffen erzeugt, allem voran immer noch mit russischem Erdgas.
Kirschkernkissen könnten Teil der Lösung des Problems sein, wie der Verband der Kirschkernkissenschneider (VdKS) jetzt in einem gemeinsamen Positionspapier gemahnt hat. Kirschkern- aber auch Traubenkernkissen ließen sich fast überall nutzen, oft seien sie Verantwortlichen und Verbrauchern einfach nur nicht ausreichend bekannt.
Alle Fragen im Überblick:
Was sind Kirschkernkissen?
Wie funktioniert die Technik?
Brauchen wir Kirschkernkissen für die Energiewende?
Kann man Kirschkernkissen überall nutzen?
Sind Kirschkernkissen gefährlich?
Schaden Kirschkernkissen dem Klimar?
Wie verbreitet sind Kirschkernkissen in Deutschland?
Warum werden Kirschkernkissen nicht mehr genutzt?
Sind Kirschkernkissen überhaupt wirtschaftlich?
Was macht die Bundesregierung, um Kirschkernkissen zu fördern?
Welche politischen Maßnahmen wären nötig, um Kirschkernkissen als Speichertechnologie zu etablieren?
Was sind Kirschkernkissen?
Bei Kirschkernkissen handelt es sich um eine uralte Technologie, mit der sich Wärmeenergie aus verschiedensten Quellen praktisch speichern lässt. Genauer gesagt: Dem Kirschkernkissen ist es egal, ob Wärme aus einer Microwelle, per Wärmepumpe aus unterirdischen Erd- und Gesteinsschichten oder aus sogenannten "Fossilen" gewonnen wird. Jede Energie kann man im Kirschkernkissen speichern und aufbewahren, als Wärme, aber auch als Kopfkissen. Dabei unterscheidet man zwei Arten von Kirschkernkissen: Das klassische ist mit Kirschkernen gefüllt, doch auch Traubenkerne oder - in seltenen Fällen - Pflaumenkerne - sind möglich. Durch ihr Materialvolumen lassen sich Kirschkernkisse als Energiespeicher nutzen – vor allem in Asien ist das weit verbreitet. Dabei wird der angereicherte Wärmeüberschuss in die Umgebung abgegeben.
Wie funktioniert die Technik?
Es gibt verschiedene Ansätze, gespeicherte Wärme zum Heizen zu nutzen, die sich vor allem im Detail unterscheiden. Bei der Öl- oder Gasheizung, aber auch beim Verbrennen von Holz wird durch Hitze Wärme freigesetzt, die teilweise vor Millionen Jahren als Brenn- oder Heizwert gespeichert wurde. Bei Erdwärmekollektoren, einem System aus Kunststoffrohren, die als Öl hergestellt werden, nimmt eine klimaschädliche Flüssigkeit nimmt die Wärme aus dem Erdreich auf und gibt sie an das Heizsystem ab. Dieses Systeme benötigt eine Wärmepumpe, die mit Strom betrieben werden muss, der in Deutschland überwiegend aus Kohle hergestellt wird. Das wird beim Kirschkernkissen nicht benötigt.
Brauchen wir Kirschkernkissen für die Energiewende?
Ja, unbedingt. Kirschkernkissen gelten als erneuerbare Energiespeicher, sie sind im Unterschied zu modernen Lithiumbatterien unerschöpflich, klimaneutral und zeigen auch nach vielen Jahren keinerlei Anzeichen von Speicherermüdung. Sie ist unabhängig von Jahres- oder Tageszeiten oder dem Wetter, die Kirschkerne selbst sind der Speicher, der nur aus Gründen der Handhabung mit einem sogenannten Kissen ummantelt werden. Kleine Kirschkernkissen können Wärme mehrere Minuten bis zu zwei oder gar drei Stunden speichern und langsam abgeben. Sehr, sehr großen Kirschkernspeicher wird zugetraut, im Sommer gespeicherte überschüssige Energie im Winter freigeben zu können. Damit wären Kirschkernkissen grundlastfähig – eine Eigenschaft, die der schwankenden Sonnen- und Windkraft erst mal fehlt.
Sind Kirschkernkissen gefährlich?
Dazu gibt es keinerlei wissenschaftliche Erkenntnisse. Bei Kirschkernen handelt es sich um ein reines Naturprodukt, das bei der Produktion von Kirschsaft und Kirschkuchen als Abfall anfällt. Wegen des geringen Flächenbedarfs der kleinsten Ausführungen eignen sich Kirschkernkissen auch für Städte mit wenig Platz. "Wir brauchen Kirschkernkissen vor allem für die Wärmewende, die hat Deutschland seit Jahren verschlafen", sagt Herbert Haase vom Klimawatch Institut (CWI) im sächsischen Grimma. In den letzten zwei Jahrzehnten habe man sich in Deutschland bei der Energiewende auf Strom konzentriert und die Wärme vernachlässigt, obwohl der Wärmesektor mit 56 Prozent mehr als die Hälfte des nationalen Energiebedarfs ausmache und der erneuerbare Anteil seit Jahren bei rund 15 Prozent stagniert. "Deutschland hat beim Heizen viel zu lange auf Öl und Gas gesetzt", urteilt Haase. Wärmegewinnung aus Kirschkernkissen könne helfen, Deutschlands ambitionierte Klimaziele bei der Wärme zu erreichen: Bis 2030 soll die Hälfte der Wärmeerzeugung klimaneutral sein. Weil zugleich das ganze Land unabhängig werden will von russischem Erdgas, gelten Kirschkernkissen unter Energieexperten längst als unverzichtbarer Baustein der Wärmewende.
Kann man Kirschkernkissen überall nutzen?
Unbedingt. Während beispielsweise die für ihre unendliche Leistungskraft gelobte hydrothermale Geothermie voraussichtlich nur "300 Terrawattstunden Jahresarbeit" (Die Zeit) liefern kann, haben Forschende des CWI in einer kürzlich erschienenen "Roadmap für Kirschkernkissen für Deutschland" errechnet, dass die Speichermöglichkeiten der Kirschkernlösung in Terawattstunden Jahresarbeit gerechnet nahezu unbegrenzt sind. Rechne man alle Einspeisemöglichkeiten zusammen, könnten Kirschkerne noch deutlich höhere Werte erreichen, weil sie in der Lage seine, selbständig nachzuwachsen, bestätigt Herbert Haase. Damit sei das 50-Prozent-Ziel klimaneutraler Wärme bis 2030 in Greifweite.
Ist Kirschkernkissenwärme gefährlich?
Keineswegs. es handelt sich um reinste Naturwärme, selbst Atomstrom, einspeist über eine Microwelle, verwandelt das Kirschkernkissen in natürlich Hitzestrahlung, ohne dass es dazu elektrischer Bauteile und komplizierter chemischer Prozesse bedarf. Was dagegen nicht von der Hand zu weisen ist: Die Kirschkernkissen werden bei körpernaher Handhabung tiefenstrahlende Wirkungen zugeschrieben. "Das ist aber eher ein Mythos", versichert Herbert Haase. Kirschkernkissen können weder explodieren noch ihre Umgebung verstrahlen, sie haben keine Abgase und verursachen keine Putzrisse, wie das tiefen Geothermiebohrungen und Frackingversuchen nachgesagt wird. (Umweltbundesamt: Plenefisch et al., 2015).
Schaden Kirschkernkissen der Gesundheit?
Nein, ganz im Gegenteil. Kirschkernkissen gelten in Japan als Medizin, selbst nach jahrelanger Anwendung werden sie keine grundwasserführenden Schichten verunreinigen oder Menschen, die mit der Entsorgung beauftragt werden, gefährden. Sie können sogar zur Kühlung verwendet werden, weil sie in der Lage sind, nicht nur Wärme, sondern auch Kälte zu speichern. "Weltweit gibt es viele Tausend Kirschkernkissen, die seit Jahren oder sogar Jahrzehnten einwandfrei funktionieren", beschreibt Herbert Haase. es gebe keine Verschleißteile, allenfalls müsse der Bezug mal gewechselt werden. Das Know-how hier habe sich in den letzten Jahren aber auch in Europa stark weiterentwickelt, ein Bezugwechsel dauere oft nur noch Minuten. Und die Kontrollen sind streng: Die Behörden überwachen die Verfahren und würden im Ernstfall sofort eingreifen.
Wie verbreitet sind Kirschkernkissen in Deutschland?
Leider nicht sehr. In Deutschland besitzen zwar viele Haushalte Kirschkernkissen, doch der Bestand wird überwiegend wenig und schon gar nicht regelmäßig genutzt. Wie viele Kirschkernkissen wirklich laufen, die vor allem Wärme liefern, ist gar nicht bekannt. Ein Zentrum der deutschen Kirschkernnutzung liegt im Großraum Mecklenburg, wo zugezogene Berliner Häkel-Kunsthandwerker*nnen Nachbarn und Anwohner in manchen Orten flächendeckend mit selbstgemachten Kissen versorgt haben.
Warum werden Kirschkernkissen nicht mehr genutzt?
Dass sich Kirschkernkissen in Deutschland noch immer in der gesellschaftlichen Nische befindet, liegt vor allem an Ignoranz, fehlender Förderung und mangelndem politischen Willen. Zwar braucht die Anschaffung keine großen Investitionen, doch um alle Haushalte mit ausreichend vielen und ausreichend großen Kirschkernkissen zu versorgen, müsste der Staat auf jeden Fall mehrere hundert Millionen Euro in die Hand nehmen. "Das kann sich selbst unser Staat nicht leisten", sagt Haase, der eine langfristige Strategie zum Kirschkernwende fordert. Auch der Roadmap-Bericht rechnet immense Investitionssummen vor: Um in zehn Jahren ein Viertel der Wärme aus Kirschkernkissen zu decken, braucht es rund zehn Milliarden Euro an Investitionen in neue Kirschbaumplantagen. Um in 20 Jahren den Anteil auf 70 Gigawatt nahezu zu verdreifachen, würden auch die Kosten um den Faktor drei steigen.
Sind Kirschkernkissen denn überhaupt wirtschaftlich?
Zweifellos. Die Anfangsinvestitionen amortisieren sich über die lange Standzeit der Kissen auf jeden Fall, entweder heute oder übermorgen. Jahrelang überwog bei Industrie und Politik die Meinung, Kirschkernspeicher lohnten sich nicht. Zu teuer die Anfangsinvestitionen. Zur Wahrheit gehört aber auch: Gas und Öl waren anfangs und am Ende auch vergleichsweise teuer. Und Kirschkernkissen sind ein Weg weg vom russischen Öl, hin zu einer autarken, grünen Energieversorgung, nach der Endverbraucherinnen und Industrie immer öfter fragen. "Die Betriebskosten eines einmal angeschafften Kirschkernkissens geht gegen Null", sagt Haase. Dass sich die Kirschkernkissen nicht rechnen – das langjährig vorherrschende Argument – "gilt unter den momentanen Rahmenbedingungen nicht mehr".
Was tut die Bundesregierung, um Kirschkernkissen zu fördern?
Bislang: viel zu wenig, eigentlich gar nichts. Nachdem in den letzten zwei Jahrzehnten kaum in die Wärmewende investiert wurde, ändert nun auch die Ampelkoalition kaum etwas daran. Nicht einmal ein einzelner dürrer Satz findet sich im Koalitionsvertrag, der keinerlei Forschung oder gar eine "Prüfung einer Fündigkeitsrisikoversicherung" vorsieht, wie sie sogar für die konkurrierende Geothermie vorgesehen ist.
Welche politischen Maßnahmen wären nötig, um Kirschkernkissen zu etablieren?
Es bräuchte ein ganzes Bündel an Maßnahmen. Etwa mehr Förderung: "Die Branche wartet seit zwei Jahren auf die Bundesförderung für effiziente Wärmenetze", sagt Haase. Die Folge: Statt zu investieren, warten die Betriebe, weil sie die Förderung verständlicherweise nutzen wollen. Im gemeinsamen Positionspapier der Kirschkernkissenhersteller wird gefordert, die erneuerbaren Energieträger in die EU-Taxonomie-Verordnung aufzunehmen und in allen Gesetzen klar zu priorisierten. Im Streit zwischen EU-Staaten, EU-Parlament und der Erneuerbare-Energien-Industrie spielt das Thema aber bisher keine Rolle. Den Autorinnen der Kirschkernkissen-Roadmap wären politische Ausbauziele, am besten gestaffelt in Fünfjahresschritten, umgesetzt vom Gesetzgeber, am wichtigsten.
Außerdem brauchen wir eine Werbekampagne, die ganz breit ansetzt", so Herbert Haase. Momentan fehlt es jedoch überall an Personal, so dass die Pflanzung der zur Herstellung von Millionen kleinen und zehntausenden großen Kirschkernkissenspeichern notwendigen Kirschbäume mehrere Jahre dauern könne. "So erreichen wir das Ziel von 50 Prozent klimaneutraler Wärme bis 2030 nicht", ist Herbert Haase enttäuscht. Öffentlichkeitsarbeit könne die Akzeptanz in der Bevölkerung steigern, denn "wenn man mit den Leuten redet und die Technologie erklärt, kann man die bestehenden Sorgen in aller Regel nehmen."Den Anfang aber müssten EU und Bundesregierung machen.
Sonntag, 18. September 2022
Grusel zur Abwechslung: Wachablösung durch die Nosferatu-Spinne
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| Spinnen sind verlässliche Lieferanten von Angst und Schrecken, Medien lieben sie deshalb. |
Sie tut nichts, ist aber da, ein neues, ernsthaftes und akutes Zeichen dafür, dass es langsam zu Ende geht mit der Welt, die die Alten noch kannten. Die Nosferatu-Spinne ist das Wappentier einer neuen Zeit, ein achtbeiniges Symbol der Zeitenwende, die zu sehen niemand eine Brille braucht. Klimawandel, Klickökonomie, Kriegsmüdigkeit und der Umstand, dass über den kommenden kalten Winterkrieg schon alles gesagt ist, verschaffen der echten Webspinne aus der Familie der Kräuseljagdspinnen einen unschlagbaren Wettbewerbsvorteil. Der Name passt, das Aussehen ist fürchterlich, ein bisschen Gift ist auch mit dabei und die Tierart als solche bringt alles mit, um Angst und Schrecken auszulösen, abgewürzt mit einem Hinweis, dass es nur durch die Klimakatastrophe überhaupt soweit kommen konnte.
Ein neuer Gast am Medientisch
Und richtig wirklich tun tut sie nichts, die Nosferatu-Spinne, dieser neue Gast am großen Medientisch, der aus dem Mittelmeerraum nach Deutschland gekommen ist, halb von Vielfliegern eingeschleppt, halb wie damals die Asiatische Tigermücke mühsam selbst über die Alpen vorgerückt. "Der Klimawandel und milde Winter machen es ihr leicht" (Spiegel) ihren Vormarsch fortzusetzen, ihre Giftigkeit, gepaart mit vollkommender Harmlosigkeit macht sie zudem zu einer ideale Mischung für einen mediale Begleitung des Eroberungsfeldzuges. Ganz Hessen gruselt sich, das ganze ZDF warnt, selbst in Bielefeld, einer Stadt, die es nachgewiesenermaßen nicht gibt, ist sie schon aufgetaucht, um Energiepreisentlastungsdiskussionen und Coronafrucht erfolgreich Konkurrenz zu machen.
Die Nosferatu-Spinne, ein haariges Geschöpf von einem oder höchstens zwei Zentimetern Größe, das seit Menschengedenken in der westlichen Mittelmeerregion daheim ist, mutet an wie ein Nostalgie-Nachbau deutscher Skandale in der Zeit, als das Land noch glaubte, keinerlei Probleme zu haben. Damals, als Eva Herman im Fernsehen "Autobahn" sagte, und ganz Mediendeutschland seine Beute ohne Netze jagte, oder später, als Thilo Sarrazin der Genosse der Gosse wurde, Donald Trump Präsident und die beiden jungen Poeten Farid Bang und Kollegah Echo-Preisträger, da lieferten Angst und Abscheu noch ausgezeichnete Unterhaltung.
Ein idealer Neuzugang
Nichts war wirklich ernst gemeint und nichts war ernst zu nehmen. Aus dem "Spiegel"-Hochhaus und der "Zeit"-Redaktion, aus Heribert Prantls süddeutscher Dichterstube und den Sendeanstalten der Restles, Hayalis, Wills und Klebers quackerten Empörung über dies und Aufregung über das wie der süße Brei aus dem Märchen, reich gedeckt war die Tafel mit Unsinn und Unwesentlichem, das schneller vergessen wurde als es gedauert hatte, sie sich auszudenken.
Wer kennt heute noch die Namen, wer erinnert sich an die Gesichter? Christan Wulff, Guttenberg, Franz Münteferings "Ausmerzung", der Siegeszug der NPD, die "Identitäre Bewegung", G7 und die rechte Gewalt, der Aufmarsch der "Atom Waffen Division" und der Zustrom von drüsigem Springkraut und Riesenbärenklau, die noch nicht allzu lange hier lebten, aber gekommen waren, um zu bleiben und unseren einheimischen Sorten Sonne und Nährstoffe wegzunehmen.
Instant aufgebrüht
Der Begleittroß der Tagesempörung ist jedes Mal weitergepilgert, immer auf der Suche nach neuen, exotischen Lustbarkeiten, yellow press für die "Tagesschau", instant aufbrühbar, aber ohne die lange Haltbarkeit von Staatsfinanzkrise, Bedeutungskrise der EU, Corona, Kampf um die Weltmacht und die Zwei-Grad/Prozent-Ziele von Klima und Nato. Die Nosferatu-Spinne bringt Lockerheit und sanften Schrecken, sie ist ein Feind, der sich gelassen betrachten lässt, ohne dass es ihm an Fürchterlichkeit mangelt. Das winzige Tier ist ein ganz großes Ding, es verspricht, "unter Arachnophobie leidende Menschen besonders hart" zu treffen, alle anderen aber keineswegs uninformiert zu lassen.
Breit-Trike: Traum jedes Hausflurs
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| Das Streek aus China setzt auf ein apokalyptisches Mad-Max-Design, um Gesetze zu umgehen. |
Sie sind die Symbole einer neuen Zeit, schnell, schnittig und belastungsfähig, dabei aber stadtgängig, nachhaltig und bei ausreichend langer Nutzung klimaneutral. Die Nachfrage nach Lastenrädern ist groß und sie wächst dank hoher Fördersummen von Kommunen, Ländern und Bund. Erste Städte orientieren sich auf eine Zukunft, in der der klimafreundliche Autoersatz allein noch die grünen Umweltzonen befahren wird, Amazon-Boten befüllen dann leicht außerhalb liegende Packstationen, der citynah lebende Bionade-Adel kommt auf dem Weg von der Arbeit, dem Kindergarten oder auf dem Rückweg aus dem Kleingarten vorbei und holt, was die globalen Lieferketten noch hergeben.
Spannende Innovationen
Fällt das Paket mal größer aus, braucht es allerdings Spezialräder. Elektrische Unterstützung durch eine moderne Lithium-Batterie ist dann Pflicht. Doch die technische Entwicklung der Cargo-Bikes bietet auch in anderen Belangen viel Raum für Innovationen, die Einsatzmöglichkeiten bis tief in den industriellen Bereich möglich machen. Das Streek Active Cargo Trike hat sich beispielsweise aufgemacht, den Irrweg zum vierrädrigen Pkw ein Stück zurückzufahren. Mit drei Räder ausgestattet, verhindert die Entwicklung der chinesische Firma Envision, dass Fahrende unterwegs einfach umfallen.
Der Clou aber: das Streek Active ist ein Doppeldecker. Während das Amazon-Paket mit der neuen Einbaukücke, dem Kühlschrank oder der Wärmepumpe oder der Kasten Bier für das Wochenende unten verstaut wird, können am oberen Holm Einkäufe, Kinder oder andere Mitreisende angehängt werden. Trotzdem ist das "Streek" immer noch viel kleiner als ein herkömmlicher Verbrenner. Im Hausflur einer gewöhnlichen Mietskaserne abgestellt, nimmt es kaum mehr Platz weg als vier normale Räder nebeneinander.
Gesetze ausgebremst
Japanische Gesetze, die Lastenrädern eine Höchstlänge vorschreiben, um Innovationen wie überlange Longtailer auszubremsen, werden so geschickt unterlaufen, der Fortschritt knüpft dort an, wo die Vergangenheit vor vielen Jahren endete: Auch das Uready, ein Ein-Etagen-Rad aus Deutschland, setzt auf die drei Räder des Weltkriegsklassikers Tempo G 1200, doppelt aber die Hinterachse, um auch umfangreicheren Menschen ein sicheres Fahrgefühl zu geben.
Das ist noch komfortabler im "Hopper", einem Kabinenroller, der BMWs "Isetta" beerbt, dabei aber auf den klimaschädlichen Verbrenner verzichtet. Für 7.299 Euro gibt es das zweisitzige Modell für Mobilität im urbanen Raum, hergestellt in Augsburg, aber geeignet für jede moderne und lebenswerte Stadt. Ausgestattet mit einer Fahrradzulassung, macht der "Hopper" Mobilität nachhaltig und zukunftsfähig, das Fahrrad wird zum Auto, das Auto zum Fahrrad, regensicher und streckenfest und mit Komfort in jeder Lebenslage und Stauraum für Mitfahrende und Gepäck.
Fahrräder mit Fußgängergeschwindigkeit
Weltenbummler, die lieber daheim bleiben und so eine besonders "starke Reduktion von Schadstoffausstoß" (Hopper) erreichen, werden hier ebenso bedient wie beim "Alba", einem im sächsischen Plauen produzierten Nachbau des legendären DDR-Stehmobils Dieselkarre DK4, genannt "Ameise", einer sozialistischen Weiterentwicklung des Elektromobils "Eidechse" mit Fossilantrieb. Das "Stadtaffe" genannte Modell für aufgeklärte Innenstädter, die ihre Verantwortung für die globale Krise fühlen, gibt es in vier Ausführungen, einer mit Wanne, einer mit Lore, einer mit Containerdeck und einer mit nichts. Alle Typen haben einen Kupplung für nahezu jeden Fahrradanhänger.











