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| Angela Merkel galt als Frau auf dem Eisernen Thron, an der jede antidemokratische Versuchung abtropfte, der sie nicht selbst nachgab. |
Es ist ein Posten ohne Einfluss, ein Job, der unter beständiger Kritik steht, aber bisher immer den ganzen Mann erforderte. Zwölf Männer haben sich bisher als Bundespräsident versuchen dürfen, darunter waren große Figuren wie Theodor Heuss, Walter Scheel, Richard von Weizsäcker und Roman Herzog. Aber auch Leichtmatrosen wie der Häuslebauer Christian Wulff und der gescheiterte SPD-Kanzlerkandidat Walter Steinmeier, der die Aufgabe als Abfindung für langjährige treue Dienste erhalten hatte.
Der Präsident der Herzen
Acht Jahre füllte Steinmeier das Schloss Bellevue mit seiner Fähigkeit, Bedenken positiv zu äußern, ohne direkte Adressaten zu warnen und Gemeinsamkeit gegen alle zu fordern, die anderer Ansicht sind. Der Amtsinhaber schaffte es, der erste amtlich anerkannte Verfassungsbrecher im höchsten Staatsamt, damit zwei Wahlperioden lang nicht zu stören. Obgleich als Niedersachse ehemals Gefolgsmann des knorrigen SPD-Kanzlers Gerhard Schröder, gelang es Steinmeier, mit der Zeit zu gehen und sich zum Sprachrohr des jeweils aktuellen Zeitgeistes zu machen.
Der "Mutmacher gegen die Angstmacher" (Spiegel) als er gleich zu Beginn gefeiert wurde, hat vor Weltmeeren aus europäischen Plastikdeckeln gewarnt und sich unerschrocken ein eigenes Bild von Krisengebieten gemacht. Er hat ein Buch mit dem knackigen Titel "Wir" geschrieben, in dem er seinem Volk die magische Steinmeier-Formel schenkte: Aus der "Anstrengung gemeinschaftlichen Handelns erwächst politische Kraft".
Seine großen Ruckreden
In der Pandemie hielt er eine große Ruckrede nach der anderen und die "Tagesschau" zeigte einmal sogar, wie er sich selbst andächtig lauschte. Steinmeier war es auch, der den Rechtsruck als einer der ersten spürte und reagierte. Die im Lande ungeliebte Ampel-Koalition zählte er vor aller Augen an: Sie müsse "ihre Arbeit verbessern", hieß es im Sound eines Thüringer Wutbürgers und klipp wie klar: "Anpacken statt Spekulieren und zurück an die Werkbank".
Gern würden ihn alle behalten, den Mann, der zumindest nicht schaden kann. Aber Steinmeiers Zeit läuft an, Ersatz wird dringend benötigt und das ausgerechnet in einer Zeit großer Unsicherheit und für einen Posten, dessen Besetzung traditionell im Hinterzimmer ausgewürfelt wird. Der Bundespräsident ist mehr noch als die Größe von Bundestagsfraktionen die Verkörperung der politischen Kräfteverhältnisse im Land.
Er kann, wie Walter Steinmeier, der letzte Wagen eines längst abgefahrenen Zuges sein. Aber auch das Licht am Ende eines Tunnels, das schon verkündet, was anders werden wird.
Gefecht um die Deutungshoheit
Damit wird jede Wahl eines neuen Staatsoberhauptes zum symbolischen Gefecht um die Deutungshoheit über die Gegenwart. Zwar gehen noch fast fünf Monate ins Land, bis Steinmeier einem neuen Schlossherren Platz machen muss, der seine erste und auch eine mögliche zweite Amtszeit dann allerdings wegen dringender Bauarbeiten in einem Ersatzobjekt verbringen wird. Jetzt aber steigen die Testballons, arbeiten die Lobbygruppen an Personaltableaus und bringen die Parteien ihre Wunschkandidaten in Stellung.
Niemand darf zu früh genannt werden, zu spät aber ist immer zu spät. Angesichts des grassierenden Fachkräftemangels in den ehemaligen Volksparteien, der sich zuletzt beim gescheiterten Versuch des Kanzlers zeigte, sein Kabinett aufzuhübschen, werden anfangs stets Namen ins Gespräch gebracht, die niemand wirklich will. Früher war der Fußballkaiser Franz Beckenbauer unter ihnen, der grundsympathische Uwe Seeler, der Armutskämpfer Christoph Butterwegge, die Feministin Gesine Schwan und der Tatort-Kommissar Peter Sodann.
Nur wenige geschichtliche Zufälle
Auch die Theologin Uta Ranke-Heinemann und der DDR-Bürgerrechtler Jens Reich kamen schon in den Genuss, gehandelt zu werden. Abgesehen von den geschichtlichen Zufällen Horst Köhler, zuvor Präsident des Deutschen Sparkassen- und Giroverbandes und Chef des Internationalen Währungsfonds (IWF), und Joachim Gauck, Pfarrer und Chef der Stasi-Behörde, wurden es dann aber doch immer Politiker.
Denen vertrauen Politiker am meisten, im Unterschied zur Bevölkerung. Aus deren Reihen rekrutieren die jeweiligen Kanzler das Personal, das anschließend die von ihnen gemachten Gesetze unterschrieben soll. Horst Köhler zeigte, warum das wichtig ist. Der von Angela Merkel handverlesene Ökonom, im vorübergehend "Heidenstein" genannten polnischen Dorf Skierbieszów geboren, hatte sich in einer Stunde höchster Not geweigert, das Gesetz zur Installation des "Rettungsschirmes" zu unterschreiben.
Schachern und Schangeln
Auf solche Typen kann jeder Regierungschef verzichten. Deshalb wird vorab im Hinterstübchen geschangelt und geschachert, den oder die zu finden, die von der Bundesversammlung gewählt werden muss. Die besteht aus Vertretern von Bund und Ländern, wegen der Volksnähe ergänzt durch - wiederum - handverlesen Vertreter aus Kunst, Kultur und Sport, die der Zusammenkunft des professionellen Stimmviehs einen Hauch normalem Stallgeruch verleihen.
Diesmal gibt es die Forderung, das Amt solle endlich auch mal von einer Frau bekleidet werden müssen. Zwar ist den Menschen im Lande das Geschlecht ihres Präsidenten laut einer Umfrage etwa so egal wie dessen Haarfarbe. Doch über irgendetwas muss ja gestritten werden, so lange noch nicht entschieden ist, ob Dieter Hallervorden es nicht wird oder Harald Schmidt oder Frauke Brosius-Gersdorf oder irgendein anderer Exot.
Lieber ein fähiger Mann
Nach einer Forsa-Umfrage sagen 74 Prozent, ihnen wäre ein fähiger Mann lieber als eine Frau, eine fähige Frau aber lieber als ein Mann. Mit dem Ende der tollen Ampeljahre und ihrer feministischen Außenpolitik und dem intersektionalistischen Kanzler mit der Aktentasche, ist die Egal-Fraktion enorm gewachsen. Wollten noch 24 Prozent unbedingt eine Frau - heute sind es 15 Prozent. Und 15 Prozent auf jeden Fall wieder einen Mann - heute sind es noch fünf. Nur 61 Prozent war das Geschlecht damals gleichgültig.
Umso bemerkenswerter sind die Werte, die die derzeitige Überraschungsfavoritin bei der Volksabstimmung erzielt. Während Friedrich Merz die in der Union konsensfähige ehemalige Verbraucherschutzministerin Ilse Aigner, bekannt geworden durch ihre erfolgreiche Angstkampagne gegen Google Street View, mit dem Bekenntnis aus dem Rennen schlug, sich die CSU-Frau aus Feldkirchen-Westerham als Bundespräsidentin "vorstellen" zu können, schob sich von hinten eine alte Bekannte vor.
Es ist alles sonst getan
Angela Merkel, seit fünf Jahren Bundeskanzlerin a.D., hat ihr großes Buch geschrieben und damit auch ihr Ziel erreicht, ihr Schaffen selbst historisch einzuordnen. Weitere Termine liegen nicht an, das "Buero Bundeskanzlerin ad", bestückt mit neun Mitarbeitern, läuft leer. Merkel, gerade 72 geworden, ist noch rüstig und klar und sie entspricht überdies dem, was sich immerhin 46 Prozent der Wählerinnen und Wähler unter einem Bundespräsidenten vorstellen: Eine Person mit Erfahrungen in der aktiven Politik.
Bei den Anhängern der großen Koalition ist es sogar eine Mehrheit. 70 Prozent der SPD-Wähler und 54 Prozent der Wähler der Union sind dafür, dass auch der neue Mann oder die neue Frau wieder aus dem laufenden Betrieb kommt wie Vorgänger Steinmeier. Und über alle Parteien liegt Angela Merkel mit 47 Prozent Zustimmung ganz vorn.
Jauch und Kerkeling sind abgeschlagen
Die Ostdeutsche aus Hamburg trifft zwar auch auf eine gewisse Skepsis. So halten 48 Prozent der Befragten sie für ungeeignet. Der Wert aber ist bei allen anderen Kandidatinnen und Kandidaten weit höher. Ilse Aigner von der CSU kommt nur auf traurige 26 Prozent Zustimmung, der ehemals so beliebte Fernsehansager Günther Jauch liegt mit 25 Prozent noch dahinter. Und auch der engagierte Bundesspaßvogel Hape Kerkeling (24 Prozent) und die derzeitige Bundestagspräsidentin Julia Klöckner (20) sind weit weg von mehrheitsfähig.
Für Angela Merkel, die wie jeder gute Kandidat mehrfach betont hatte, nicht Bundespräsidentin werden zu wollen, liegt in Woge der unerwarteten Zustimmung eine Chance. Die Naturwissenschaftlerin hat den Kohl-Rekord für die längste Amtszeit als "Bundeskanzler", wie das Grundgesetz das Amt nennt, nur um Haaresbreite verpasst.
Ohne tröstlichen Klang
Seitdem sie aus der Kanzlerwaschmaschine ausgezogen ist, hat sich der gesellschaftliche Wind gedreht: Muntere Merkel-Sprüche wie "Wir schaffen das", "Jetzt sind sie halt da" oder "Bleiben Sie zu Hause" haben in vielen Ohren ihren tröstlichen Klang verloren. Selbst die Aktiven ihrer eigenen Partei machen immer wieder Stimmung gegen das von der Physikerin seinerzeit frei erfundene "beste Deutschland, in dem wir gerne leben".
Alles sei abgewirtschaftet worden, schimpfen sie. Investitionsstau, verpasste Weichenstellungen, nichts digitalisiert, aber alles bürokratisiert. Die Wirtschaft kurz davor, gegen die Wand zu fahren. Angela Merkel läuft Gefahr, das überaus traurige Schicksal ihres Ziehvaters Helmut Kohl zu teilen. Der war zeitlebens als "Kanzler der Einheit" gerühmt worden, verfiel aber später einer umfassenden Feme.
Helmut Kohl als mahnendes Beispiel
Merkel steht das schlimme Beispiel mahnend vor Augen. Du kannst ein großer Kanzler sein, die mächtigste Frau der Welt, Mutter der Nation oder die Frau, die alles vom Ende denkt, aber nichts bis zu Ende. Und es kann doch der Tag kommen, an dem Liebe in Hass umschlägt und deine Verdienste nicht mehr gewürdigt werden. Den Platz im Geschichtsbuch, der alles war, was du immer wolltest, verlierst du nicht. Aber schreiben ganz anders über dich: All deine Versäumnisse, all deine Fehlentscheidungen, sogar das, was du nie getan hast, wofür sie dich aber begeistert gefeiert haben, es kommt wieder auf den Tisch wie gallig Erbrochenes.
Ins Schloss Bellevue oder besser den für die nächsten Amtszeiten der Präsidenten angemieteten Modul-Ersatzbau für rund 300 Millionen Euro zu ziehen, erscheint aus Merkels Sicht wie eine Gelegenheit, die Erinnerung an sich selbst von eigener Hand zu pflegen. Das ist der früheren Kanzlerin mit ihrem ironisch "Freiheit" genannten Buch bereits gelungen, auch das Kanzlerportät, das Merkel vom jungen Maler Kümram eilig pinseln ließ, zeigte eine Frau, die selbstbewusst über Verurteilungen durch das Bundesverfassungsgericht, die späte Empörung ihrer früheren Generale und Stimmen hinwegsieht, die ihr vorwerfen, Deutschland ins Koma regiert zu haben.
Weiterhin lenken und leiten
Von der Spitze des Staates her wäre es ihr möglich, die Prozesse weiter zu lenken und mögliche Prozesse wegen ihrer Russlandpolitik, des von ihr eingeleiteten Energieausstieges oder der Maßnahmen während der Pandemie vorbeugend zu verhindern. Orden genug hat sie zuletzt gesammelt, um ihre anhaltende Eignung nachzuweisen. Auch ihre antifaschistische Gesinnung ist in diesen Tagen zweifelsfrei als tadellos zu werten.
Die Chancen von Angela Merkel auf eine Rückkehr in die inaktive Politik stehen gut, denn das übrige Bewerberfeld lässt ihre Wahl alternativlos erscheinen. Neben Jux-Kandidaten wie den vor allem bei den Anhängern der Linken beliebten Komikern Hape Kerkeling, Diddi Hallervorden und Günther Jauch finden sich im ernsthaften Bewerberfeld nur noch Namen wie der der gescheiterten Merkel-Nachfolgerin Annegret Kramp-Karrenbauer, des bayerischen Ministerpräsidenten Markus Söder, dessen weitgehend unbekannten hessischen Amtskollegen Boris Rhein und der aktuellen Familienministerin Karin Prien.
Ein Wort von Angela Merkel, und der Platz an der Spitze des Staates ist ihr sicher. Sie muss es nun nur geben.


2 Kommentare:
Als Buprä kann sie nicht noch mehr kaputtmachen als ohnehin. Im Unterschied zu Schröders Flitzpiepe hat sie alles erreicht. Sie macht es nicht.
Ich wette nicht gegen die Eitelkeit von IHR, denn die ist ungebrochen und obsiegt im Zweifelsfall.
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