Google+ PPQ: Als die Unterschicht hochkam

Donnerstag, 11. August 2011

Als die Unterschicht hochkam

"England krankt an Wertelosigkeit der Unterschicht", schreibt die "Welt" in einer ersten Schnelluntersuchung zum Teilzusammenbruch der Zivilgesellschaft in England. Premier Cameron habe von einer "kranken Gesellschaft" gesprochen, besonders in "Ghettos", so die "Welt", lebe eine "Unterschicht, deren komplette Enthemmung nun zutage tritt".

Bemerkenswerte Erkenntnisse, zumal vor dem Hintergrund, dass so etwas wie eine "Unterschicht" ausweislich der Google Timeline (Grafik oben) in Europa vor dem Jahr 2005 nicht existierte. Erst Anfang des Jahrzehnts etablierte der Politologe Paul Nolte den Begriff in Deutschland, der seinerzeit für einen neuen Aufbruch der SPD stehende Kurt "Mecki" Beck war es dann, der den Medien als erster Hinweise darauf gab, dass es künftig gestattet sein könnte, den von „lebensfremden Soziologen" (Franz Müntefering) erdachten Terminus öffentlich zu verwenden.

Ein Dammbruch. Wo es vorher "keine Schichten in Deutschland" (Müntefering) gab, sondern allenfalls "Menschen, die es schwerer haben, die schwächer sind", entstand binnen weniger Jahre durch vermehrte Beobachtung eine Boombranche. "Aufstiegsgesellschaft. Mit diesem Wort beschrieben Sozialforscher jahrzehntelang die Bundesrepublik", läutete die "Zeit" anno 2005 in einem einfacherweise "Die neue Unterschicht" genannten Beitrag die lange Reise in ein Land ein, das medial äußerst vielversprechend schien. Schicksale, wie weder Mittelalter noch Kaiserzeit sie kannten, Lebenswege zwischen unentwegter Benachteiligung und fortgesetzter Betreuung. "Die einen sind tief gefallen, die anderen nie aufgestiegen: Die Armut in Deutschland breitet sich aus", schlug das Hamburger Qualitätsblatt Alarm.

Das wurde gehört. "Das wahre Elend" entdeckte der "Stern", dem jetzt auch auffiel, dass sich in Deutschland "eine neue Unterschicht gebildet" habe, "die ohne Zukunft ist". Jahrzehntelang sei versucht worden, "Armut mit Geld zu bekämpfen", doch "was die Benachteiligten wirklich brauchen, wird ihnen verwehrt". Die Kollegen waren alarmiert. Es hagelte Reportagen, Dokumentationen, Kommentare und Appelle, es gab einen Streit um das Wort "Prekariat" und die Erfindung des Synonyms "bildungsferne Schichten". Die "Süddeutsche Zeitung" fasste das Unglaubliche zusammen: "Ein niedriges Einkommen, kaum finanzielle Rücklagen und keine Hoffnung mehr auf einen sozialen Aufstieg - eine neue Studie zeigt, dass Armut ein massives Problem der Gesellschaft geworden ist." Niemals in der Vergangenheit hatte es das gegeben: Niedrige einkommen. Keine Rücklagen. Keine Hoffnung. Und "besonders erschreckend: Jeder fünfte Ostdeutsche soll betroffen sein."

Damit war die Schlacht gewonnen. Die "neue Unterschicht" sickerte ins Abendprogramm wie bei "Peter und Nadine - Ein deutscher Liebesfilm", aus Tätowierungen, schillernder Dummheit und absurden Auswanderungsplänen wurde Berufe, Stars wie Daniela Katzenberger entstanden, Messies verdrängten Krimis, die Unterschicht etablierte sich als fester Bestandteil der Unterhaltungsindustrie.

Deutschland bewies der Welt, wie integrativ es wirkt. Zwar diagnostizierte auch die "Welt" anno 2009 noch einmal "in Deutschland wächst eine neue Unterschicht", die aber war da schon längst erwachsen genug, die eigene Rolle als "abgehängtes Prekariat" als Lebensaufgabe zu begreifen. Ausschreitungen wie in Großbritannien, wo die Unterschicht rebelliert, sind nach Auffassung von Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich deshalb auch unvorstellbar. Sie resultierten aus einer "Desintegration der Gesellschaft und einer Lust an Gewalt", analysierte der Hobbyexperte für die staatliche Nachrichtenagentur dpa. Dinge, die es in Deutschland nicht gebe: Hier sei es gelungen, "junge Leute an die Gesellschaft heranzuführen, etwa durch ehrenamtliche Tätigkeiten" eben als Prekariatsdarsteller, Messie, Betreuungsgegenstand von Sozialarbeitern, Jung-Nazi oder Naziopfer.

Aufregung return: Maskenball im Rinderoffenstall

1 Kommentar:

Anonym hat gesagt…

was ich ja so besonders an dir und deinem blog hasse, ist die grandiose grossartigkeit mit der einer deiner beiträge mich immer wieder zum inneren applaus nötigt (und zwar aus reichsparteitagniveau)

aber solange die ideologischen fronten noch nicht auf strassenschlachtlevel verhärtet sind, geht das wohl in ordnung.. denk ich