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Dienstag, 6. Oktober 2015

Trend zum Zweitthema: Wie die Flüchtlingskrise verschwand


Der Tunnel von Calais verschwand zuerst. Gerade noch hatte sich ein enthemmter Medienmob begeistert auf ein Elendscamp am Rande Frankreichs gestürzt, in dem tausende Kriegsflüchtlinge darauf warteten, den unsicheren Boden des Staates von Hollande und Le Pen Richtung England verlassen zu können. Und auf einmal nur noch Stille, unterbrochen von gelegentlichen Aufschreien, wenn ein Flüchtling von einem Zug überfahren oder ein Zug von Flüchtlingen gestürmt worden war.

Ein Geräuschmuster, das in allen Details der großen Flüchtlingskrisenberichterstattung wiederzufinden ist. Schneller noch als in den staatlichen Vorschriften zum allgemeinen Themensterben in der deutschen Medienlandschaft festgelegt, wurde das Thema von einer Entropie aus Nachrichtenüberlagerung, Nachrichtenverdünnung und redundanter Verstärkung ergriffen, wie sie der Medienwissenschaftler Hans Achtelbuscher vom An-Institut für Angewandte Entropie der Bundeskulturstiftung in Halle an der Saale in seiner Emp-Theorie beschreibt. Tröglitz? Was war das? Ermittelt da noch wer? Heidenau? Wo liegt das? Und weswegen?

Aus einer hysterischen Flüchtlingskrisenberichterstattungsflut mit allabendlichen Brennpunkten, Zahlenspielen und frei erfundenen Umfrageergebnissen wurde ein schalltoter Raum aus der Sorte Schweigen, die jedem regelmäßigen Mediennutzer aus kleineren Geschichten in der Vergangenheit ans Herz gewachsen ist.

Nur konsequent: Gefallen einem die Nachrichten nicht oder befürchtet man, eine Widerspiegelung der Realität könne unschöne Folgen zeitigen, verlegt man sich auf die Erfindung einer Wunschrealität, in der die Sonne scheint, während alle Menschen Brüder werden.

Seit Angela Merkel am 15. September bekräftigte, dass "wir das schaffen", ist der Begriff "Flüchtlingskrise" in Mediendeutschland auf dem Rückzug. Gelegentliche Zacken nach oben (Grafik oben) beschreiben nur noch akute Berichterstattungsanlässe. Der allgemeine Trend aber geht zum Zweitthema: Bundesliga, Kundus, VW, von der Leyen, Russlands Diktator. Bald fängt auch Karneval wieder an und dann ist auch scho' Weihnachten.

Sicher ist, sie schaffen das, dass Angst und Besorgnis keinen Anlass zu weiterer Erregung finden. Wie zuvor die Griechenlandkrise mit der Ausreichung eines vierten oder sechsten 80-Milliardenpaketes schlagartig völlig aus der Berichterstattung verschwand und der Krieg in der Ukraine zu einem nurmehr zwischen Putin und Poroschenko tobenden Konferenzstreit schrumpfte, verwandelte sich die "größte Herausforderung seit dem 2. Weltkrieg" (Gauck) zu einem von vielen Unterhaltungsangeboten.

Kann, aber muss nicht. Angela Merkel hat ihre frühere Grundüberzeugung, dass all ihr Handeln immer alternativlos ist, gegen das tiefe Wissen getauscht, dass ihr der Herrgott die Flüchtlinge geschickt habe und sie nun berufen sei, dies als Aufgabe anzunehmen, "innerlich annehmen und dann auch so zu gestalten, dass es für uns alle sich zum Guten entwickelt".

 Ihr Vizekanzler Sigmar Gabriel, bekanntermaßen ebenfalls ein Politiker mit äußerst wandelbaren Grundüberzeugungen, will da nicht nachstehen: Sah er eben noch die Möglichkeit, ab sofort 500.000 Menschen jährlich wie im Vorübergehen zu integrieren, zweifelt er angesichts neuer Umfragen inzwischen daran, ob nicht die, die schon da sind, zu viele Köpfe zählen, als dass die SPD bei den nächsten Wahlen wie erhofft von ihnen profitieren könne.

Und  Anton Hofreiter schließlich, der Hauswalter zunehmender grüner Bedeutungslosigkeit, macht die Merkel: "Es gibt keine Alternative zur Aufnahme der Flüchtlinge", glaubt er. Und kämen alle 60 Millionen Flüchtlinge, die nach Uno-Angaben derzeit unterwegs sind, und kämen sie alle nach Deutschland, "eine Begrenzung der Zahlen der Asylbewerber geht mit unserem Grundverständnis von europäischen Werten überhaupt nicht zusammen", sagt Hofreiter. Hofreiter gilt als "Realo".



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