Google+ PPQ: Abriss-Exkursionen: Das Volk geht baden

Freitag, 9. April 2010

Abriss-Exkursionen: Das Volk geht baden

Der Pool eines pleitegegangenen russischen Ölmilliardärs sähe wohl so aus. Oder das städtische Schwimmbecken einer Bürgerkriegskommune im Tschad. Das hallesche Gesundbrunnenbad allerdings versteckt sich mitten in der Stadt, ein bläulich leuchtender Fleck Trockenbecken hinter einer Hecke aus wildem Gesträuch, die dornröschenmäßig aufgewachsen ist, seit das frühere Lieblingsfreibad der südlichen Stadtteile Ende der 90er Jahre auf dem Altar der Verwaltungssparsamkeit geopfert wurde.

Den Ort der Kindheit ganzer Generationen von Hallensern hatte der Architekt Wilhelm Jost im Jahre 1928 errichtet. Verglichen mit den zahllosen anderen Werken des damaligen Baustadtrates, der in seiner Wirkungszeit Sparkassen, Friedhöfe, Schulen und Arbeitsämter am Fließband entwarf und bauen ließ, ein hingehuschtes Becken mit Funktionsgebäuden und Umkleidekabinen, gelegen neben der damaligen "Mitteldeutschen Kampfbahn", die Jost gleich mitentworfen hatte. Das Wasser im Becken aber entsprang einer Solequelle - Grund für die stete Warnung aller Eltern an ihre Kinder, die salzig schmeckende Flüssigkeit nur ja nicht in den Mund zu nehmen (Foto oben: nachtstromer.de). Es bestehe, so der Volksglaube, schließlich zu einem großen Teil aus dem Urin der anderen Badegäste.

Zwei Millionen Euro wären anno 1999 gebraucht worden, das undichte Becken zu flicken und das Bad weiterzubetreiben. Die zwei Millionen waren nicht da, aber es gab ja auch kaum noch Kinder in den engen Siedlungshäuschen der "Gartenstadt Gesundbrunnen" ringsum. Und Wilhelm Jost war schon 1944 gestorben, nachdem er seiner Stadt noch schnell einen Ratshof, ein Stadtbad, das kürzlich beinahe von Wahnsinnigen besetzte Wittekind-Bad, ein halbes Dutzend wuchtiger Trafo-Stationen, einen Wasserturm und eine nicht ganz beendete trutzige nationalsozialistische Thingstätte in den Brandbergen gebaut hatte. Das Bad wurde zum Parkplatz für Vip-Gäste bei Heimspielen des Halleschen FC , das Badgelände zur Austragungsstätte von Paintball-Schlachten und Sprayer-Battles. Städtische Beamte gaben immer mal unterhaltsame Visionen von einer Bad-Sanierung zum Besten, gelegentlich aber sollte aus dem Areal auch ein großartiger Bauaustellungpark werden.

Erst als sich die Anzeichen dafür verdichten, dass der Neubau des bröckligen Kurt-Wabbel-Stadion seine Parkplätze genau über dem ehemaligen Schwimmbecken finden könnte, regt sich Protest. Nun ist der notorisch empörte Arbeitskreis Auenwälder bereit, im Planschbecken ein unersetzliches Biotop zu entdecken. Nun finden sich Bürgerinnen und Bürger zum Protestmarsch, nun steht ein Stadtteil auf, mitten in die ersten Fällarbeiten neue Bäume zu pflanzen.

Nachholender Widerstand, der im luftleeren Raum verpufft. Noch ehe die 17 Millionen teure Sanierung des Kurt-Wabbel-Stadions beschlossen und Geld für den Abriss des Gesundbrunnenbades bereitgestellt war, begannen städtische Bautrupps damit, das Gelände besenrein zu machen. In ein paar Wochen soll es losgehen mit dem Umbau des gesamten Areals, von dem am Ende nur dreierlei bleiben wird wie es war: Ein altes Brunnenhäuschen im Badgebüsch, die Stadionmauer und Wilhelm Josts nach dem Krieg von der NS-Thingstätte an den Ort zahlloser Rasenschlachten geschleppte Monumentalfiguren von guten Volksgenossen, die nun allerdings kernige Proletarier darstellen durften.

Mehr Abriss-Exkursionen hier.

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Es fiel keinen Spaßbadträumen zum Opfer? Erstaunlich. Unser Freibad konnte nicht renoviert werden, weil die Mittel im Kampf um konkurrierende Spaßbadausschreibungen verbraucht wurden. Architekten müssen ja auch leben. Das Spaßbad gab es dann nicht, wie auch in den teilnehmenden Konkurrenzstädten nicht und das Bad wurde zugeschüttet. Aus die Maus.

derherold hat gesagt…

*spalter* Das ist wieder typisch !

Alles von Bedeutung in der dedeör mußte ER gebaut haben. Habt ihr Ostdeutschen außer Jutta Müller, Kumpeltot und der ChinesischenMaueralsWohnungsbau überhaupt irgendeine kulturelle Leistung hinterlassen ? *spalter*

ppq hat gesagt…

das hiesige spaßbad heißt "maya mare", wisst ihr das nicht? es ist von überregionaler bedeutung, weil seit einer beinahe-pleite teil der städtischen stadtwerke, die die zum unterhalt notwenigen mittel seit der von rot-grün eingeleiteten marktöffnung zum glück auch aus dem brieftaschen von anwohnern auswärtiger gemeinden zapfen können.

derherold hat gesagt…

MayaM. Ist das nicht in AmmenDORF ?

... in Ammendorf hatten wir mal ´was Schönes gebaut ... mit freiem Blick auf den Friedhof.

Anonym hat gesagt…

Das Gesundbrunnenbad ist ebenso wenig vom Stadtbaurat Wilhelm Jost (1874-1944) entworfen worden, wie die Mitteldeutsche Kampfbahn. Die Informationen bei Wikipedia sind hierzu nicht zuverlässig. Auch starb er nicht in Halle, sondern wurde "nur"

Anonym hat gesagt…

nach Halle umgebettet.

ppq hat gesagt…

schon vom stil her sieht es aber danach aus. findet marodes auch, und der kennt sich wirklich aus

Anonym hat gesagt…

Stilvergleiche müssen erstens gekonnt sein und zweitens gab es auch zu dieser Zeit nicht nur einen Architekten - auch nicht in Halle. Recherche - ist das Zauberwort. Stil ist eben nicht immer das Ende vom Besen ;-)

ppq hat gesagt…

von wem ist es denn dann?

sonst schreiben wir noch in 100 jahren alle das falsche voneinander ab

Anonym hat gesagt…

Die Entwürfe für das Stadion sind von Jost abgenommen worden, aber entworfen und konzipiert hat er es nicht. Das Einizige was am Stadion von ihm ist, sind die Gestaltungsvorlagen für die äußern Umbauungsmauern, die nun vom Landesamt für Denkmalpflege auch nicht zum Abriss freigegeben wurden - eben aus dem Grund, da diese von Jost sind.

ppq hat gesagt…

gut, jost hatte also im sinne von brecht mindestens eine köchin dabei.

aber weiß man den namen? wer war der architekt?