Google+ PPQ: Doku Deutschland: Hausbuchführer im Widerstand

Sonntag, 15. August 2010

Doku Deutschland: Hausbuchführer im Widerstand

Der Kampf ist ein ungeheurer, der aufrechte Menschenrechtler wie Ilse Aigner, Guide Westerwelle und Wolfgang Bosbach gegen die Datenkrake Google und ihre demokratiefeindlichen Bestrebungen zur totalen Entblößung Deutschlands im Internet führen. Hinter sich wissen die Volksvertreter im Streit mit Street View breite Volksmassen - so haben nach Aussagen eines Google-Sprechers bislang in nur 14 Monaten bereits mehr als zehntausend Bürgerinnen und Bürger, darunter mindestens zwei Dutzend mutige Politiker, gegen eine Abbildung ihrer Fassaden im Netz Widerspruch eingelegt. Damit ist jeder 8200. Deutsche Teil der größten Volksbewegung seit der Forderung, Esperanto in ganz Europa zur Amtssprache zu machen und das DDR-Brötchen zu retten.

Unterstützung für das Bürgerrechtsprojekt kommt jetzt auch aus einer unerwarteten Richtung, wie der Berlinpankowblogger in einem Beitrag zur PPQ-Reihe "Doku Deutschland" schildert. Beim traditionellen Stasi-Stammtisch „Operativer Einsatz“ in der Berliner Eckkneipe "Frohe Aussicht" zeigt sich, dass die von Google anvisierte Transparenz aller Straßen und öffentlichen Plätze selbst denen ein Stück zu weit geht, die ihr Leben früher selbst der Aufgabe gewidmet hatten, möglichst umfassende Informatioen über alle, alles und überall zu sammeln.

„Haste dit jehört? Die wolln Uffnahmen von uns machen und die denne in Amerika den Leuten zeijen.“ Günter P. (73), Major a.D. des Ministeriums für Staatssicherheit, ist entsetzt. Er schaut fragend in die Runde seiner Stammtischbrüder. Wie jeden Freitag seit 1982 sitzen die Genossen und Kampfgefährten vom Stammtisch „Operativer Einsatz“ bei Berliner Bulette und Pils in der „Frohen Aussicht“, einer der wenigen noch existierenden Wohngebietsgaststätten am östlichen Stadtrand von Berlin. Während die Wirtsleute schon dreimal seit 89 wechselten, blieb der Stammtisch erhalten. Oder anders gesagt: der Stammtisch hat die Kneipe erhalten.

„Wat wolln die machen? Uffnahmen? Wat für Uffnahmen denn nur?“, fragt nun Eberhard W. (76), NVA- Oberstleutnant a.D., der wegen seiner Nachwende-Klassenfeind-Naherfahrung als Offizier bei der Bundeswehr fast vom Stammtisch ausgeschlossen worden wär. „Na die wolln mit Kameras durch unsre Straßen fahrn, dit allet filmen, wat se da so sehn, und denn die Filme in Amerika vorführn“, antwortet Günter, nachdem er ordnungsgemäß einen weiteren Strich für ein weiteres Pils auf seinem Bierdeckel gemacht hat. Natürlich mit seinem goldenen Kugelschreiber. Den er damals zusammen mit dem bronzenen MfS-Verdienstorden bekommen hatte und der seitdem für nichts anderes verwendet worden ist, als für Pils-Striche auf dem Bierdeckel. Freitags. Beim Stammtisch.

„So´n Quatsch. Dit is allet janz anders“, meldet sich nun Herbert K. (68) zu Wort. Herbert, von allen nur „Strateje“ genannt, ist der Jüngste in der Runde. Aber trotzdem hoch geschätzt, hatte er doch als Führungs-Offizier „in den guten alten Agentenzeiten“ ganze Heerscharen von IMs hüben und drüben geleitet, geführt und gefördert. Und natürlich gefeuert. Besonders aber sein Tick für versteckte Kameras in Cabinet-Schachteln und sein von ihm erfundenes Bockwurst-Imitat mit eingebauten RFT-Mikrofon (Typ DM 2112) machten ihn schon damals zum geschätzten Experten für Aufnahmen. „Die haben die Uffnahm schon lengst jemacht. Jetze jehts darum, obse die Uffnahmen ins Internetz stellen dürfen oda nich.“

„Wat erzählst Du da? Die ham schon Uffnahmen von uns jemacht? Von unsre Straße? Ohne Jenehmigung?“ Walter Z. (72) schüttelt den Kopf. „Dit hätte ich doch mitkriejen müssen.“ Da hat er wohl recht, denken alle anderen am Tisch. Z. entgeht eigentlich nichts, das liegt ihm im Blut. Schließlich war er damals als Hausmeister in einem der 16-stöckigen Plattenbauten an der Allee der Kosmonauten in Marzahn gleichzeitig Schriftführer des Hausbuches, Vorsitzender der Hausgemeinschaftsleitung und natürlich Volkspolizeihelfer. Sowie SED-Genosse und Informeller Mitarbeiter. Als IM Gagarin hatte er alles aufgeschrieben, was in seiner Platte vor sich gegangen war. Und was nicht. Sein Bericht über das „asoziale Element K. und dessen Absichten nicht nur der Nationalen Volksarmee sondern auch der Deutschen Demokratischen Republik den Rücken zu kehren“ war letztlich der einzige Grund, warum er beim Stammtisch „Operativer Einsatz“ dabei sein durfte und darf. Hausmeister hätte man normalerweise nie zugelassen.

„Bring mal ne Runde Kurze, Karin“, ruft Iljuschin dazwischen. Der heimliche Chef des Stammtisches hatte bisher geschwiegen. So, wie es seine Art ist. Nicht viel erzählen, aber alles hören. Iljuschin saß eines Tages, Mitte der 90er, schon am Stammtisch, als die anderen kamen. Verdutzt sahen sie ihn an, wollten ihn von ihrem operativen Tisch verscheuchen. Bevor sich einer äußern konnte, sagte er jedoch: „Willkommen Genossen. Setzt Euch. Ich bin einer von den Guten.“ Den alten Stasi-Hasen war das nicht geheuer. Ist es immer noch nicht. Denn der Fremde wusste alles über sie: Ihre Namen, ihren Werdegang beim MfS, ihre Adressen und manch andere Geheimnisse, von denen sie hofften und hoffen, er würde und wird sie nie der Öffentlichkeit Preis geben. „Macht Euch keine Gedanken. Bei mir ist alles secret. Nennt mich Iljuschin, die Geschichte erzähle ich Euch später.“ Dazu legte er einen Ausweis auf den Tisch, der den Inhaber als Agenten des russischen Geheimdienstes KGB offenbarte. Der Name war allerdings ausradiert. Später am Abend, nach etlichen Runden Korn (mangels Wodka in der Wohngebietsgaststätte) erfuhren sie noch mehr.

Sie erfuhren, dass seine Missionen, sein Jobs, so geheim gewesen waren, dass nicht einmal die geheimen Geheim-Agenten wussten, was Iljuschin wirklich gemacht hatte. „Nur soviel“, sagte Iljuschin an diesem Abend, „ich habe mehr als einmal den Krieg zwischen Amerika und der Union der sozialistischen Sowjetrepubliken verhindert. Und einmal, da habe ich als normaler Flugpassagier eine Iljuschin sauber gelandet, nachdem der Pilot einen Herzanfall hatte und der Co-Pilot nicht landen konnte, weil er stock besoffen war. Seitdem nennen mich meine Freunde Iljuschin.“

Karin kommt mit der Runde Kurzen, stellt sie mit samt Tablett auf dem Tisch ab und sagt in die Runde: „Im Jrunde jenomm habt Ihr doch nüschd andres jemacht. Jefilmt, Jespräche uffjenomm, allet notiert. So macht dit och Guchel Stried Fjiu.“ Da wird es ruhig in der Runde vom Stammtisch „Operativer Einsatz“. Bis Günter das Wort ergreift: „Dit is wohl war. Aber nie, niemals, hätten wir dit ins Internet jestellt."

Mehr Deutschland-Doku hierSchwimmen mit Sirenen


Holla die Waldfee

Sorgen auf der Sonnenbank

Kommentare:

Pisaner hat gesagt…

Bin tief betroffen. Selbst im Kreis dieser charakterfesten Genossen gibt es also eine undichte Stelle. Oder wurde die Überprüfung von Karin schlampig durchgeführt?

Die Anmerkung hat gesagt…

Das ist wohl wahr, die hätten die Akt(en)bilder nie im Internet veröffentlicht.

Doch dafür gibt es ja das Bundesstasiaktenveröffentlichungsamt.

bpb hat gesagt…

Karin war Doppelagent...

Anonym hat gesagt…

IM Erika?

Nepalese aus Blankenese hat gesagt…

der autor hat sich einen strauss nelken mehr als verdient.

Anonym hat gesagt…

Schön, daß die Genossen von ihren Vortragsreisen vor den Veteranen der Partei,am Stammtisch auch mal eine Auszeit nehmen können.