Google+ PPQ: Krudes Comeback dank Sarrazin

Montag, 4. Oktober 2010

Krudes Comeback dank Sarrazin

Der umstrittene Ex-Senator Thilo Sarrazin hat sich offenbar große Verdienste um die Erhaltung und Wiederbelebung uralter und längst vergessener deutscher Vokabeln erworben. Das belegt eine vom voluntären Sprachschatzboard PPQ angestellte Studie, bei der mit Hilfe des Internet-Riesen Google untersucht wurde, wie die unappetitliche Affäre um Sarrazins Buch "Deutschland schafft sich ab" den Gebrauch des schönen deutschen Wortes "krud" beeinflusst hat. Nach Ansicht des meinungsführenden "Spiegel", der anfangs noch Quote mit Vorabdrucken aus dem Machwerk des "bekennenden Rassisten" (Migrantenrat Berlin) drückte und später dann mehrmals auflagensteigernd die Kanonen herumdrehte, hatte Sarrazin in seiner Generalabrechnung mit der verfehlten Integrationspolitik im Lande "krude Thesen" geäußert. Eine Formulierung, deren Sinngehalt sich noch nicht jedem Leser sofort erschloss, obgleich sich das als dem Lateinischen stammende Adjektiv "krud" bereits seit längerer Zeit (siehe Timeline) für große Auftritte warmlief.

Das ist inzwischen anders. "Krude", lange Zeit ausschließlich im Gebrauch, um die "krude Mischung aus Populärpsychologie, Esoterik und Science Fiction" zu beschreiben, aus der L. Ron Hubbard die nach dem Islam jüngste Weltreligion Scientology destillierte, ist dank Sarrazins Thesen im Alltag aller Deutschen angekommen. Schade wäre es auch gewesen, hätte die Verwendungsflaute zwischen 1950 und 1980 schon das Ende des kantigen Begriffes besiegelt, der nach den Dornseiff-Bedeutungsgruppen in der Nähe von aufgeregt, chaotisch, erratisch, konfus, regelwidrig und sprunghaft zu verorten ist, eigentlich aber nur soviel wie roh oder ungekocht heißt. Abgeleitet vom Lateinischen "crudus", nennt das deutsche Wortschatzlexikon als "signifikante Verwendungsnachbarn" für "krude" Worte wie "NPD-Homepage", "Geschmacklosigkeiten", "Botschaft" und eben "Thesen" - der Co-Begriff, mit dem die seit Mitte der 2000er Jahre von einzelnen "Spiegel"-Mitarbeitern vorangetriebene Renaissance des Begriffes ihren Siegeszug auch in die süddeutschen Wohnzimmer feierte.

Zuvor hatte das im Friesischen über Jahrhunderte frisch und gebräuchlich gebliebene "krude" südlich von Hamburg und unterhalb von Zahnartzthaushalten nur als vom Druckfehlerteufel verhunzte Anspielung auf den Münchner OB Ude gegolten. Zu Unrecht, beschloss die "Spiegel"-Redaktion, der jeder Schriftschaffende im Lande traditionell nachpinselt, bereits Anfang des Jahrtausends. "Sein Stil war meist simpel, die Dialoge krude, die innere Logik der Erzählungen brüchig", führte das Meinungsmagazin am 20.01.2005 aus, dem Tag, an dem "krude" seinen Siegeszug in die Medienwelt hinaus begann.

Hatten es die sprachgewandten Qualitätsschreiber anno 2004 nur knappe 30 Mal in Artikeln unterbringen können, musste der krude Begriff 2009 schon 44 Mal ran. 2010 hat er nun dank Sarrazin die Chance, die Hitparade der beiläufig intellektuellen und fast unauffällig herabwürdigenden Adjektive erstmals anzuführen: Bis September brachten "Spiegel"-Wortspieler "krude" bereits 36 Mal in qualitativ hochwertigen handgemachten Beiträgen unter. Ähnlich sieht es bei der "Zeit" aus, die ihre qualitativ hochwertigen Erwägungen zu braunen Gefahren, schlimmen Hetzern und dem Internet als größtem Tatort der Welt regelmäßig mit großen Dosen "krude" nachwürzt.

Das lässt Fans des kruden Buchstabenspaßes auf eine Gesamtquote von rund 48 Verwendungen im "Spiegel" zum Jahresende und eine Krude-Fahnenstange im Google-Timeline-Chart hoffen. Dabei dürfte es klare Verschiebungen bei den "signifikanten linken Nachbarn von krude" geben, als die das Wortschatzlexikon derzeit noch Worte wie "eine" (Anzahl der Häufigkeit: 78), "etwas" (28), "diese" (25) oder "noch so" (24) führt. Demnächst lautet der Spitzenreiter bei den linken Nachbarn zweifellos "Sarrazins", bei den signifikanten rechten Nachbarn hingegen, wo sich heute noch "Mischung" (150), "Militärfantasien" (58) und "Story" (44) behaupten, ist dann auf jeden Fall "Thesen" gesetzt.

Kommentare:

Geier hat gesagt…

Ich finde, das ist ein sehr schöner Erfolg und allein deshalb hat sich die ganze Aufregung um die Causa Sarrazin schon gelohnt. Ich habe übrigens schon weit vor dem Erscheinen seines Buches zielstrebig auf ein Comeback von »krude« hingearbeitet.

ppq hat gesagt…

leider warst du da im nachtrab. wir schlossen uns der bewegung zur rettung des wortes bereits im mai 2008 nachhaltig an, als wir müde "Fünf Sekunden für eine bessere Welt" forderten.

aber auch deine bemühungen sind natürlich beachtlich. der krug muss ja gefüllt werden, damit er nicht mehr zum brunnen muss, irgendwann. da hilft jedes tröpfchen, letztlich

Geier hat gesagt…

Daß das Sprachpflegeblog ppq hier vorreitet, ist unbenommen. Immerhin ist der erste meiner kruden Einträge aber wenigstens vom April 09 und nicht vom Juli 10, wie die Suchmaske uns vorlügt, die offensichtlich das Datum der letzten Revision vermeldet.
Ich kann aber sowieso nicht immer das Wort »krude« pushen, sintemal ich mich ja auch noch um
abgefeimt
Behuf
dingen
darben
darob
dräuen
drög(e)
emsig
feil
Fräulein
Fuder
fürder
gen
Glimpf
hadern
Harm
härmen
harsch
Hege
hehr
heischen
hiefen
hurtig
Hut, die
jäh
just
karg, kargen
Maid
meinethalb
Munt, die
schicklich
schier
schleunig
seihen
siech
sonder
stracks
töricht
tumb
tummeln
verbrämen
wacker
walten, obwalten
Wart
Werg
wirsch
Wust
Zähre
zeihen
zeitigen
u.v.a.m. kümmern muß.

ppq hat gesagt…

alleraußerordentlichsten respekt von hier! das ist eine fabelhafte liste, eine wortsammlung zum verlieben geradezu!

wenn es erlaubt ist, würden wir gern zum erhalt dieser schönen begriffe beitragen und gelegentlch den einen oder anderen einbauen!

ppq hat gesagt…

bei der gelegenheit: was ist eigentlich der unterschied zwischen "wirsch" und "unwirsch"? mir scheint es schier stets dieselben ergebnisse zu zeitigen, verwandet man das eine oder das andere

VolkerStramm hat gesagt…

Ich kann es zwar nicht erklären, aber meine Kinder sind manchmal wirsch und meistens unwirsch.

nwr hat gesagt…

Im eigenen Block bin ich dreimal fündig geworden: In zitierten Zeitungsbeiträgen, immer wenn um Rechtsextremisten ging. Denen werden krude Mythen, krudes Denken und krude Thesen vorgeworfen.

Das ist von den Rechtsextremisten löblich behufs dessen, daß damit in der Skribentenzunft der Begriff erhalten bleibt.

ppq hat gesagt…

ja, wie boxer, die die deckung sinken lassen und damit gelegenheit geben, geschlagen zu werden. "krude" ist eigentlich nur ein indiz dafür, wie wichtig e für ein gemeinwesen ist, feinde zu haben

Geier hat gesagt…

Die Wörter der Liste darfst Du natürlich gern sonder Schranken verwenden, solange ich nur nicht die Sache mit wirsch und unwirsch erklären muß.
Braucht eigentlich noch jemand den »Anorak« oder sollte man den still dem Vergessen anheimfallen lassen?

ppq hat gesagt…

anorak muss gerettet werden. aber dann auch "windjacke", ja, die noch mehr

Scriptor hat gesagt…

Was hieltet ihr davon, wenn ich an dieser Stelle mein Wams auftrüge? es würde so schön zu meiner Wampe passen!?

ppq hat gesagt…

wenn dir deine windjacke nicht mehr passt, solltest du das tun. bei dem klimawandelregen immerzu