Google+ PPQ: Lob des Lebens ohne Dienstwagen

Donnerstag, 24. Februar 2011

Lob des Lebens ohne Dienstwagen

"Ohne Dienstwagen fährt Käßmann in die Herzen", überschreibt die "Welt" einen Beitrag, der den PPQ-Text "Geblieben, um zu gehen" am Beispiel der ehemaligen EKD-Chefin nacherzählt. Käßmann gelte seit ihrem Rücktritt als "ein Popstar der Anständigkeit", schwelgt das Blatt in Phantasien darüber, was aus Guttenberg hätte werden können, wäre er manns genug gewesen, die Brocken im richtigen Moment hinzuwerfen. Auch Bild-Kolumnist Hugo Müller-Vogg plädiert für Tod und Wiederauferstehung nach dem Volbild Käßmann: "Er wäre gut beraten gewesen", glaubt der, "wenn er gesagt hätte, ich bin meinen eigenen Maßstäben nicht gerecht geworden, ich bitte die Kanzlerin, mich aus dem Amt zu entlassen."

Schicksale wie das von Cem Özdemir, der vom billig eingekauften Krawattenmodell zum geachteten Grünenchef und Elvis-Imitator wurde, oder das des ehemaligen Zentralratschef-Aspiranten Michel Friedman, der mit dem Geld, das er nach seiner "Drogenbeichte" (Bild) für die Verpflichtung ukrainischer Nymphen sparte, die Moral für alle Zeiten pachten konnte, könnten ebensogut für Guttenbergs strategischen Fehler sprechen.

Doch mit der "Fall Käßmann", zitiert die "Welt" einen älteren Beitrag des "Spiegel", begann "ein neues Kapitel in der langen Geschichte im Umgang mit Schuld“. Nicht Möllemann, der wegen eines Einkaufwagenchips ging, Köhler, der die Kanzlerinnenpolitik zu einer immer stärkeren Abgabe von Souveränitätsrechten aus Berlin nach Brüssel ablehnte, oder Seiters, der über die vom Star-Journalisten Hans Leyendecker ausgedachte Geschichte eines Mordes in Bad Kleinen stolperte, sind Vorbild. Sondern die krassen Comebacks gefallener Engel, denen die Offenbarung von Fehlbarkeit nicht Rufschaden, sondern den Ruf der Unverbiegbarkeit bescherten. Käßmann hätte kürzlich wahrscheinlich sogar den Preis angenommen, mit dem eine Stiftung ihren unumgänglichen Rücktritt im Nachhinein zur mutigen zivilcouragierten Tat aufblasen wollte. Das Unverständnis der Menschen aber war noch zu groß, Käßmann lehnte die Annahme pikiert ab. Guttenberg wird das nicht tun müssen. "Auf die Dialektik von Selbsterniedrigung von Selbsterhöhung verstehen sich nur wenige so meisterhaft wie Käßmann", urteilt die "Welt". Guttenberg eingeschlossen.

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Kommentare:

derherold hat gesagt…

Käßmann wird nicht wg. ihres Rücktritts gefeiert, sondern wg. "Afghanistan", wie ja auch die Beinahe-Ordenverleiher plapperten.

Und "Afghanistan" hat auch nichts mit "Afghanistan" zu tun, sondern ist 80iger-Wessi-Folklore: "(US-)Soldaten sind Mörder".

Daß das Milieu, das sich an solch starken Worten damals erregte, gegen Ende der 90iger "Serbien muß sterbien" verkündete und dann am Hindukusch verteidigen ließ, ist Verrat ...
... das können sie aber wiederum *so* nicht sagen, weil die eigenen Leute trigger happy waren.

Dieser Widerspruch wird dadurch aufgelöst, daß man Käßmann für die (Afghanistan-)"Erlösung" feiert und wahlweise ihre "Seelsorge", "Lebenswerk" oder "Zivilcourage" abfeiert.

Das ist so eine Art Übersprungshandlung und "moralisches Doppelsprech". Deshalb spielt auch "betrunken Autofahren" keine Rolle, obwohl man dies weiß Gott nicht zu den akzeptierten Verhaltensweisen zählt .. auch nicht bei der EKD.

ppq hat gesagt…

in wirklichkeit ist das so. aber jetzt rückt eben der andere aspekt ins zentrum: wie ein abschied aus eigenem antrieb dazu führt, dass man politisch wächst.

özdemir wäre das bessere beispiel gewesen, aber wie das so ist, wer erinnert sich noch an özis affäre? friedman dagegen geht trotz identischer frisur nicht, weil der wahrscheinlich 99 % der menschen unsympathisch ist. dann noch die nymphen, kokain...


also käßmann, unabhängig von deinen sicherlich richtigen bemerkungen.

lustig ist, dass bei ihr ja nicht mal einenfreiwilligen rücktritt gab. sie ging erst, als ihre kirchenfreunde öffentlich formuliert hatten "wir stehen hinter ihr, wenn sie sich entscließt, zu bleiben".

damit die katze aus dem sack

Oels hat gesagt…

"Die Dialektik von Selbsterniedrigung von Selbsterhöhung". Wie bitte ?

Bei Guttenberg habe ich immer das Gefühl das der ständig "gebrieft" werden muß. Der perfekte Kandidat für die Castingshow DSDS. Ich will Superstar werden !

ppq hat gesagt…

oels, du hast es mitgekriegt: der satz war kopiert im guttenbergschen sinne - falsch kopiert also. die "welt" benutzt diese formulierung, meint aber sicherlich "selbsterhöhung durch selbsterniedrigung". ich dachte: lässt es mal so falsch, mal sehen...

gratulation, du war der erste, der diesen erneuten fall von diebstahl qualitativ hochwertiger ware aufgedeckt hat!