Google+ PPQ: Das Ende im Ostrock

Samstag, 28. Mai 2011

Das Ende im Ostrock

Es gab sie schon immer, die brutalen Schläger, marodierenden Messerstecher, die Autodiebe und Komatrinker. Doch erst der von PPQ-Lesern nach Monaten wirklich sträflicher DDR-Musikstille hier im Zentralboard für fortgesetzte Nischenkultur lautstark geäußerte Wunsch nach mehr oder überhaupt wieder Beschäftigung mit dem Ostrock als Wurzel und Quell östlicher Identität hat das Thema der Prognosesicherheit von DDR-Lyrikdichtern in den Mittelpunkt der gesellschaftlichen Aufmerksamkeit zurückgerückt.

Das Ergebnis einer Ad-hoc-Analyse ist erstaunlich: Die schlimme Kindheit hatten alle, eingesperrt zwischen Stacheldraht und Mauerbeton, den Sonett-Kassettenrekorder ebenso, dazu das Rema-Andante und die Rockhaus-Platte mit dem nach einer verbotenen liberalen Partei klingenden Titel "I.L.D.". Darauf die mürbe Miniatur aus dem Leben der oberen Zehntausend, der Sohn ein gefallener Engel, die Eltern verzweifelte Besserverdienende. Guido Westerwelle in einer neuen Rolle als Vater eines Immigrantenkindes, mechanistisch Vaterliebe heuchelnd durch teure iPhone-Geschenke. Der Sohn ein mißratenes Früchtchen ohne Ambition als die, sich den Spaß zu gönnen, Spaß zu haben.

Zwei Welten, die sich bis heute erhalten haben, eine Generationskonflikt, der nur oberflächlich betrachtet einer kultureller Natur ist. Mike Kilian, der Mann rechts im Video (oben), der auch den Text des entsprechenden Ostrockkapitels namens "Mich zu lieben" geschrieben hat, verzichtete in weiser Voraussicht schon vor 23 Jahren auf eine zeitliche Zuschreibung der Geschehnisse. Wir wissen nur: Der namenlose Junge, der heute mit hoher Wahrscheinlichkeit Kevin oder Ali heißen würde, fängt mit zwölf an, ins Milieu abzurutschen. Vielleicht wird er Hooligan, bestimmt aber verachtet er seine ihn inniglich liebenden Eltern. Guido ratlos.

Nimmt der Junge Drogen? Hört er laute Musik? Bewirbt er sich bei Big Brother? Was ist denn nur nicht in Ordnung mit ihm? Die Gesellschaft versucht zu helfen, es gibt viele neue Gesetze, rauchverbote, Zwangsjugendklubs. Doch der Abstieg ist programmiert, das Ende absehbar. Ein Jahr Knast, offenbar ohne Bewährung, das ist hart, aber verständlich, denn zurückgerechnet aus der Strafmündigkeit muss es sich hier um eine Art Mehmet handeln. Wenigstens sind die Eltern bei ihm, so will es die Dramaturgie des Textes, noch zum Prozess gekommen. Das wäre heute nicht in allen Familien so.

Soweit man hört, hat es geholfen. Der Junge aus dem Lied ist inzwischen 41, er hatte nie wieder mit der Polizei zu tun, hat aber auch keine Frau gefunden. Abgesehen von einer Ehe, die er 1996 in Hildesheim schloß, die aber vier Jahre später wieder geschieden wurde. Er ist jetzt jeden Abend im Stadtpark, immer mit dem Hund. Der heißt übrigens Maik, aber mit ai.

Mit 12 hab ich im Stadtpark
Bänke angesägt,
ich hab Autos aufgebrochen
und mich mit Bullen angelegt.
Meine Alten buckelten für die Kohle
damit ich's mal besser hab.
Sie gaben mir alles,
nur eins haben sie verpasst.

Mich zu lieben,
mir Wärme zu geben,
mich zu lieben,
einfach mal mit mir reden.
{Oh yeh, ouha...}

Jetzt sitz ich für ein Jahr
mit meinem Arsch im Knast.
wollte allein die Kurve kriegen
doch hab sie immer verpasst.
Meine Alten bangen um ihren hohen Job,
was für ein Skandal.
Wir gaben ihm alles, haben sie dem Richter erzählt.
Nur eins haben sie vergessen

Mich zu lieben,
mir Wärme zu geben,
mich zu lieben,
einfach mal mit mir reden.
Mich zu nehmen, wie ich bin.
Ohu yehe...

Kommentare:

Dick Turpin hat gesagt…

und das Ende des Ostrocks ist manchmal der Schlager:

anno 1985
http://www.youtube.com/watch?v=COF681WV-xg

anno 2009
http://www.youtube.com/watch?v=xkRLB0a3J3E

Der Barakowski war damals sowas wie mein heimliches Vorbild und nun das ...

ppq hat gesagt…

in der tat, der hans hartz des ostens als becksbierstimme

ich habe die links klickbar gemacht:
2009

1985

einfach vor den link: < a href = " setzen (aber ohne leerzeichen!

und dahinter dann > hier kommt der name rein < / a >

vakna hat gesagt…

Warum müssen Sänger immer so tun, als haben sie sich nicht verändert?
Bauch einziehn und Oldies blöken?
Was ist das für ein Sängerherbst?

(Abgeschrieben bei Max Goldt)

Oels hat gesagt…

Ein ganz schlimme Version die du hier reingestellt hast. Eine Vergewaltigung meiner Jugenderinnerungen. Zum Glück gibts das Original im Netz. Das Lied hatte seinerzeit bei mir wie ein Blitz eingeschlagen. Ich habs nur zweimal gehört gehabt, ohne zu wissen von wem es war und um was es ging. Muß im Sommer 89 gewesen. Die Wohnung fast aufgelöst. Die Eltern schon im Westen. Eine sehr emotionale Zeit.
Erst viele, viele Jahre später kam völlig unerwartet das Lied spätabends aus dem Autoradio. Ich mußte rechts ranfahren.

ppq hat gesagt…

wie sagt man? das leben ist kein ponyhof oder so? ich fand die version nicht beanstandenswert. sie ist anders. aber das sind wir seit damals ja alle geworden

Florida Ralf hat gesagt…

der gundermann unter den nicht-baggerfahrern. oh yeah, ouha.

Volker hat gesagt…

Dick, was ist schlecht an der 2009er Version?
Er hat sich doch ganz gut gehalten.
Andere haben die Kurve nicht gekriegt.
Die vormals hochgeschätzte Bettina Wegner ist zu einer Stoppt-Gewalt-gegen-Frauen Trulla verkommen.
Der geschätzte Kurt Demmler ...
Renft war doch mal richtig gut, heute besser gar nicht ansehen.
Im Vergleich dazu steht Barakowski ganz gut da, würde ich sagen.

Dick Turpin hat gesagt…

also die Rockhaus-Nummer find ich im Vergleich um Größenordnungen würdevoller ins Jetzt gerettet.

Ok, wer andererseits Schlagerkitsch mit bunten Luftballons mag ... ich nicht.

Ostrock ist's jedenfalls nicht mehr. Und mehr hab ich nicht gesagt.

ppq hat gesagt…

hallo dick, das sehe ich genauso. wobei "ostrock" sowieso ein fragwürdiges label ist. gibt ja auch keinen "westrock".

das wäre vergleichbar nur mit "südstaatenrock", der aber definiert sich ja eigentlich auch nicht geografisch, sondern eher spielweisentechnisch.

hier dagegen. alle in einen topf. deckel drauf. barakowski war, aus meiner sicht, immer schlager. rockhaus sicher nicht, sondern anfangs eher pop, später dann schon rock. jedenfalls mehr rock als grönemeyer oder bap, die den westrock jener zeit prägten, wenn ich mich richtig entsinne

Volker hat gesagt…

"barakowski war, aus meiner sicht, immer schlager"
Sehe ich auch so. War aber gut.
Man kann ja nicht sein ganzes Leben lang rebellieren.