Google+ PPQ: Abfuhr für den Aufwiegler

Montag, 18. Juli 2011

Abfuhr für den Aufwiegler

"Wo Recht zu Unrecht wird, wird Widerstand zur Pflicht", legte Bert Brecht dereinst in Auswertung der Vorgänge im III. Reich fest - und im Unterschied zu seiner Wahlheimat DDR handeln die Menschen inzwischen nach seiner Maxime. Das durfte jetzt auch Thilo Sarrazin, vor einem Jahr Erfinder "kruder Thesen" (Der Spiegel) zur Einwanderung, bei einem Besuch im hauptstädtischen In-Viertel Kreuzberg erfahren. Hier, wo immer noch zahlreiche Leser seines Buches "Deutschland schafft sich ab" leben, hatte der ehemalige Finanzsenator das einjährige Jubiläum seiner Karriere als Gründer und Galionsfigur der AG Hetzer in der SPD feiern wollen.

Doch bei den Einheimischen biss Sarrazin da auf Granit. Statt Applaus zu spenden, weil Sarrazin den Grundwertekatalog der deutschen Sozialdemokratie um einige spannende Aspekte erweitert hat, und seine Ansichten inzwischen Verteidiger auch im Bundeskabinett finden, schlugen dem Vordenker einer Integration, an der sich die zu Integrierenden auch selbst ein bisschen beteiligen, Wut, Zorn und Ablehnung entgegen. "Die einen zogen sich zurück und wollten gar nichts sagen", berichtet Sarrazin selbst in der "Morgenpost". Anderen hätten "aufgedreht", sie hätten "die Arbeitsleistung der Türken in Deutschland gepriesen" und sie "klagten mich an, Vorurteile zu wecken".

Am Ende stand ein klarer Sieg deutscher Diskussionskultur, wie sie die Sarrazin-Debatte von Anfang an bestimmte. "Versuche zum sachlichen Diskurs blieben weitgehend wirkungslos", konstatiert der vom Schriftsteller Thomas Lehr längst als "bösartiger Wahrheitsverdreher" enttarnte Autor, dessen Leserschaft sich in ihrer Altersstruktur nach Recherchen der SZ "deutlich von der Gesamtbevölkerung" unterscheidet.

Wie auch das Publikum, das Sarrazin in Kreuzberg empfängt. Szenen von bizarrer Authentizität schildert der Ex-Banker, Szenen, die haarscharf an denen von einem bürgerschaftlich-engagierten Lynchmob vorbeischrammen. Deutschland, 2011, international befreite Zonen, verteidigt von einem Heimatschutz, mit dem Sarrazin wohl nicht gerechnet hat, wie seine Erzählungen aus der Kampfzone belegen:

"Beim Aussteigen sah mich ein junges, gut gekleidetes Paar offenbar türkischer Abstammung. Der Mann trug eine Sonnenbrille. Die Frau war sehr schlank und auf etwas anämische Weise intellektuell wirkend. Es entspann sich folgender Dialog, vom Mann mit höchster Lautstärke gebrüllt:

Mann: Das ist ja der Sarrazin. Dieser Mann hat die Menschen beleidigt. Sarrazin raus aus Kreuzberg.

Frau: Sie sind ein Rassist.

Ich glaube, Sie beleidigen mich gerade.

Mann: Sie haben die Leute beleidigt und jetzt laufen Sie hier. Das ist unglaublich. Sarrazin raus aus Kreuzberg!

Frau: Sie haben hier nichts zu suchen.

Eine vernünftige Diskussion war nicht möglich. Wir gingen schließlich Richtung Restaurant. Das junge Paar verfolgte uns, der Mann dabei brüllend „Da kommt Sarrazin, der Rassist“. Als wir das Restaurant betraten, flippte er fast aus vor Empörung. Die Frau rief laut ins Lokal: „Ich als Kreuzbergerin möchte nicht mehr in diesem Laden essen gehen, da er so verpestet ist nach dem Besuch von Sarrazin mit seinen Thesen. Ich werde Freunde anrufen.“ Ein Kellner antwortete auf Türkisch, er habe vom Chef Anweisung, mich zu bedienen, und könne nichts dafür.

Der Mann brüllte ununterbrochen weiter, zog sein iPhone hervor und sprach in den Brüllpausen ins Telefon. Das Gebrüll, das er durch das offene Fenster in das Lokal hinein fortsetzte, zog allmählich einen Menschenauflauf zusammen."

Der Rest vom Integrationstest

Kommentare:

nwr hat gesagt…

Es ist schon putzig, was dem Statstiksammler Sarrazin so alles widerfährt. Daß die Realität noch viel schlimmer ist, als es seine Statistiken vermitteln, kam ihm wohl noch nie in den Sinn.

ppq hat gesagt…

herrlich, demokraten wehren sich! ich verstehe nur nicht, weshalb die presse solchen hetzern immer noch eine plattform bietet

Anonym hat gesagt…

Karl Eduard von Schnitzler hätte die Begebenheit nicht besser skripten können.
Alle Achtung!

Teja hat gesagt…

Der Restaurantbesitzer und der Sprecher für diesen komischen Verein zeigen prima, *wie* integriert sie doch alle sind. Es zählt die Meinung des Türkenpöbels und nicht das Vertrauen in die Statsgewalt.

Das ist auch der eigentliche Skandal: bei einer derart öffentlichen Aktion wird nirgendwo von der Polizei Recht und Ordnung durchgesetzt, sondern der Pöbel herrscht. Da versagt der Staat in seiner wichtigsten Aufgabe.

ppq hat gesagt…

nein, den wahren skandal hat dpa jetzt im Spiegel aufgedeckt: das ZDF hätte niemals mit dem sarrazin da hingehen dürfen!!!

deshalb gibt es jetzt von allen seiten kritik an dieser provotour