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Dienstag, 27. Dezember 2011

Doku Deutschland: In der Bundesbargeldmanufaktur

Es ist noch gar nicht so lange her, da ging die Angst hier unten um. „Das hatte mit dem Euro zu tun“, erinnert sich Vaclav Wenzel, einer der langgedientesten Mitarbeiter der Bundesbargeldmanufaktur (BBGM), die in einem von außen recht unansehnlichen Bürogebäude am Berliner Stadtrand residiert. Damals hätten viele der 7423 Mitarbeiter eine einfache Rechenaufgabe angestellt, wie der gebürtige Tscheche beschreibt, der nach dem Fall der Berliner Mauer nach Berlin kam, weil er gehört hatte, dass Münzer hier dringend gesucht wurden. Wenzel lächelt: „Wir glaubten damals, wenn alle Preise sich verdoppeln, wird auch nur noch halb so viel Geld benötigt.“

Das aber war ein Irrtum, wie der 56-Jährige heute weiß. Wenzel, der heute in der BBGM als Geldschöpfer an einem für Laien völlig unübersichtlichen Dispatcherpult arbeitet, war dabei, als aus dem langsam hereintröpfelnden Rinnsal der sogenannten Bargeldbegehren ein reißender Strom wurde, mit dem tausende BBGM-Mitarbeiter inzwischen im Vierschicht-System kämpfen. „Trotz modernster Technik“, sagt Wenzel, „wissen wir manchmal nicht, wie wir all die Summen so schnell bereitstellen sollen.“

Das Problem der Bundesbargeldmanufaktur, die entgegen dem Eindruck, den ihr Name erweckt, keineswegs Bargeld produziert, ist ein menschengemachtes. Wie in der seinerzeit von der Regierung Kohl geschaffenen Bundesworthülsenfabrik lässt sich auch im Produktionsprozess der BBGM nicht vollständig auf Handarbeit verzichten. Obwohl Millionen, Milliarden und an manchen Freitagen sogar Billionen den Hochsicherheitstrakt in der Nähe der Binzstraße verlassen, ist jedes einzelne sogenannte Geld-Bit letztlich von Expertenhand gefertigt.

Ein aufwendiger Prozess, wie Vaclav Wenzel an seinem Schaltpult demonstriert. Zuerst einmal müsse das Bargeldbegehren digitalisiert werden – noch ist die Bundesschuldenverwaltung nicht ans Bundeshochsicherheitsnetz angeschlossen, so dass alle Schöpfungsanträge noch ganz traditionell per Fax eingehen. Aus der dann vorliegenden aufwendig verschlüsselten Datei extrahiert ein codegesichertes Lesegerät die angeforderte Summe bis auf die letzte Kommastelle genau. Vaclav Wenzel lacht: „Dahinter stecken selbstverständlich zahlreiche Sicherungs- und Vergleichsarchitekturen, die dafür sorgen, dass kein Cent mehr entsteht als beantragt wurde.“

Wenzel drückt eine verwirrende Tastenkombination und schaltet damit die Bit-Geburt für rund 1,7 Millionen frei. Ein kleiner Fisch für den hochgewachsenen Tschechen, der nach eigener Aussage schon seit Jahren nicht mehr mitzählt, wie vielen Billiarden er schon zum Leben verholfen hat. Das meiste Geld bekomme er sowieso nicht zu Gesicht, sagt er, das bleibe im Großrechner und gehe von dort aus über superschnelle Glasfaserleitungen sofort auf die Reise zu den Orten, wo es verbraucht werde. Dabei habe es sich früher oft um einen geplatzten Suprime-Kredit gehandelt, in letzte Zeit aber kann der erfahrene Geldmann anhand der Auftragsnummer ersehen, dass viel frisches Kapital nach Griechenland, Portugal und Spanien strömt. Milliarden flössen auch zur EZB, von dort zu notleidendenden Banken, die sie sofort wieder zur EZB schickten, um dort ein Guthaben zu haben. „Das deckt sich ja auch mit dem, was man in der Zeitung liest“, sagt Wenzel.

Auch wenn es so aussieht – es ist keine leichte Arbeit, die der Chef von 75 Geldschöpfern und Bit-Profis zu leisten hat. "Manchmal", klagt Vaclav Wenzel, "kommen die Anforderungen an uns wirklich im Viertelstundenrhythmus herein." Dann gelte es, schnell zu reagieren, denn "wir wissen ja, dass um 20 Uhr die "Tagesschau" losgeht und die führenden Kabinettsmitglieder dann die Gewissheit brauchen, dass genug Geld da ist, damit er weitergeht." Sein schlimmster Alptraum seien ein paar durch einen Auftragüberhang in der BBGM vorübergehend leere Konten, deren Besitzer sofort in Panik ausbrechen. „Sobald das losgeht, ziehen alle ihr Geld ab und dann kommen wir mit der Bit-Produktion garantiert nicht mehr nach.“

Eine Gefahr, die unterdessen auch das Bundesfinanzministerium für sehr real hält. Um „mögliche Aufkommensspitzen in Zukunft abzufangen“, habe man bereits Anfang Oktober ein Rahmenabkommen zur gegenseitige Hilfe mit der volkseigenen Geldschneiderei der Volksrepublik China abgeschlossen.


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